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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 730 yir. 46 Dr. Mocb's MocbenscbrM. sein werde, in manchen Kreisen das Interesse sür das Judenthum zu erhöhen und in manchen neu zu erwecken : die Kenntniß der jüdischen Geschichte ist leider heutzutage sowohl bei der Jugend, als auch bei den Erwachsenen nur in geringen: Maße vorhanden und der Vorstand wolle einen Versuch machen, auf diesem Wege eine Besserung anzubahnen. An der sich hieran anknüpfenden Debatte betheiligen sich die Herren Salo Cohn, Eltbogen, kais. Rath Hirsch, Auspitz, Moriz Edl. v. Kuffner, Dr. Spitzer, Professor Ehrmann und Teltscher, worauf folgende Beschlüsse gefaßt werden: 1. Es soll im Laufe dieses Winters ein Cyclus von Vorträgen für die reifere Jugend abgehalten werden. Gegenstand dieser Vorträge sei die Geschichte der Juden in der Diaspora. 2. Außerdem ivird ein Cyclus von Vorträgen für Erwachsene aus jüdischer Geschichte, Literatur und Volkskunde in Aussicht genommen. Diese Vorträge sollen allwöchentlich in einem noch zu bestimmenden Locale stattfinden. Nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung um 1 Uhr Mittags geschlossen. Erklärung, Wieder einmal schäumten dieser Tage die Wogen der öffertlichen Discussion hoch auf — war doch in die ohnehin lodernde Flamme des Racenhaffes abermals heißes Oel gegossen worden durch das gar nie versagende Losungswort: „Jud, . . . Judenbub'." Fürwahr, wo immer, auf der Bierbank, an den Cafetischen, in den Aemtern, hörte man von nichts Anderem und bemerkte man überall aufgeregte Menschen, die sich eifrig mit der bangen Frage beschäftigten, ob sie wirklich — als Christen — den „jüdischen Schindern" ausgeliefert werden dürfen?! Offenbar mußte ein neues Reizmittel seitens der Agitatoren gefunden werden, um die für sie noch immer zu träge Masse von der Untersuchung über die Greuel iu Kischenew, Homel u. s. w. abzulenken. Da denn heute durch die ihnen mit Recht verhaßte Forschung dargethan wurde — was auch in die breiten Massen,eingedrungen iü — daß nicht die „Juden" durch Brunnenvergiftung an der Pest ^Schuld waren (1346), auch nicht die „Juden" die dreimonatliche Trockenheit in Portugal (1506) und auch nicht das Erdbeben in Llffabon (26. Jänner 153!) verschuldet hatten — da auch die „Hosticnblutungen" ihre Zug- und Tragkraft verloren haben, so mußte der beabsichtigte Feldzug gegen die freie Wissenschaft mit einem anderen Schlagwort eröffnet werden und nun konnte selbstverständlich nur der Schlachtruf: „Vivisection durch Judenbuben" Erfolg versprechen. Allein von dem grauenvollen Mittelalter weg auf die Neuzeit übergehend, hat auch hier die Forschung die Ursachen der wirthschaftlichen Noth erkannt und bloßgelegt, daß sie nicht in einigen kaufmännischen Gewinnen, sondern ganz anderwärts zu suchen sind. Darzulegen, welche riesenhafte Ergebniffe jener Art von Fragestellungen an die Natur, welche unter dem Titel Vivisection laufen, zu verdanken sind, ist nicht Sache der Unterzeichneten Vereinsleitu»g. Deren Aufgabe kann nur darin bestehen, in dieser Frage auf den, wenn auch anscheinend nicht mittelbaren, so doch absolut bestehenden Zusammenhang hinzuweisen, welcher zwischen den: ungeheuren Aufschwung der Neuzeit und der Vivesection besteht. War es doch, um nur ein Beispiel anzuführen, das bekannte Experiment Volta's — keines „Juden" — mit dem Froschschenkel, welches die Aera der Etektricität anbahnte, von der ursprünglichen Telegraphie bis zur Telephonie, sowie der elektrischen Straßennnd Eisenbahnen aufwärts. Gleichwie der Hetzcaplan trotz seiner empfangenen Weihe stets dessen vergessen bleibt, daß er einzig nur dem Judenthum seine Existenz zu verdanken hat, denn aus dem Judenthum entwickelte sich ja später das Ehristenthum, so sollten alle übrigen Hetzer schon aus Dankbarkeit für die so reichen Erfolge der wissenschaftlichen Experimente, die ihnen ihre eigene Entwicklung ermöglichte, sich in das Unvermeidliche ihrer Kleinheit fügen, mit dem Gedanken sich vertraut machen, daß sie ein Atom in dem unermeßlichen All' bilden, daß ihr ganzes Um und Auf in Nichts zerfließt vor einer einzigen wissenschaftlichen Errungenschaft! Dagegen sind wir gerne bereit, sie als vollwerthigen Menschen und lieben Bundesgenossen in der Bekämpfung jeglicher Rohheit zu nehmen — sei es der Thier-, wie der Menschen-Quälerei, die sich in entsetzlicher Weise und in allen möglichen Formen der Kinder-, Lehrlings- und sonstigen Mißhandlungen überhaupt, in der Vergewaltigung aller Schwachen oder Wehrlosen täglich neu vor uns abspielt — sei es in der Bekämpfung des übermäßigen Alkoholismus mit seinen degenerirenden Folgen u. s. w. Hier, wie auch in der Beschaffung neuer Mittel der Ernährung durch Urbarmachung des Bodens, Sckutz vor Wafferkatastrophcn u. dgl. läge ein weites, wundervolles Feld ihrer Thätigkeit. Hier blühte ihrem Wirken reicher Segen. Doch dazu gehört allerdings etwas mehr als — der bloße Math, inmitten des großen Hausens Gleichgesinnter über eine geknebelte Minderheit herzufallen! Wien, im November 1902. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Zum Schutze der Auswanderer. Wir erhalten folgende Zuschrift: Im Lause der vorigen Woche fuhr ich wiederholt nach Dresden, passirte abwechselnd die Grenze bei Bodenbach und bei Tetschen. An beiden Grenzstationen machte ich die traurige Beobachtung, daß die armen auswandernden Juden von den Gepäckträgern und Finanzwachorganen in unfteundlicher, oft roher Weise behandelt werden. Da ich für meine unglücklichen Glaubensbrüder tiefes Mitleid fühlte, nahm ich mich derselben, ich kann sagen mit Erfolg, an. Auch meine Frau beobachtete vergangene Woche in Bodenbach rücksichtsloses Vorgehen gegen die armen Auswanderer. Um solchen Uebelstand abzuhelfen, wollen Herr Doctor in Ihrer vielgelesenen Zeitung gutigst anregen, daß die Cultusgemeinden Bodenbach und Tetschen verständigt werden, rvenn Auswanderer diese Orte Passiren. Sicher werden sich jedesmal zwei dortige jüdische Kaufleute bereit finden, die kurze halbe Stunde während der Gepäcksrevision am Bahnhof anwesend zu sein, was allein schon jeglichen Unfug oder Uebermuth den unglücklichen Auswanderern gegenüber verhüten würde. Im Vorhinein bestens dankend C. S. Eckstein. Zur Hebung des Tempelbesuches. Die Weisheit der Frauen erbaut das Haus und das Gotteshaus. Gestatten Sie einer Frau, die sich nicht für weise hält, daß sie ein Steinchen zum Baue des jüdischen Hauses und vielleicht auch zum besseren Tempelbesuche beiträgt. Herr Straßberg . hat ein Verdienst, .diese^,aktuelle Mage, Heranbildung der Cantoren unki Religionslehrer/ angeregt zu haben, die dann durch Veredelung des Gottesdienstes vielleicht zur Hebung des Tempelbesuches auch beitragen werden. Herr A. Wilk hat den gordischen Knoten nicht gelöst, sondern ihn eher verwirrt, wenn er indirect die Rabbiner, welche zum besten Tempelbesuch gewiß ihre Gemeinde, Jung und Alt, durch Wort und That aneisern, sür den schlechten Tempelbesuch, namentlich auf dem Lande, verantwortlich macht. Die Hauptschuld tragen in erster Linie die religiös indifferenten Mütter und Väter, die selbst den Tempel ohne zwingenden Grund nicht besuchen! die für jüdische Lehre und Ehre, für richtige Religionserkenntniß und jüdisch-nationales Bewußtsein keinen Sinn und kein Her^ ' haben. Diese geben ihren Kindern ein schlechtes Vorbild und halten ihre Kinder nicht an zum Beten, zum Unterricht in der heiligen Schrift, geschweige zur Kenntniß der jüdischen Geschichte, Literatur und der erhabenen jüdischen Ethik. Sie vermeinen oder sprechen es gar vor ihren Kindern aus,^ daß die Zeit, die auf Gottesdienst, Bibel und Hcbräischunterricht oder gar auf religiösen Unterricht verwendet wird, dem Brotstudium e n tw endet wird. . Die viele Zeit, die ihre Kinder dem Tanzen, Fechten, Musiciren, gesellschaftlichen Verkehr, fremden, Sprachen dem Besuch von Concerten, Vorstellungen, Vergnügen jeder Art widmen, vermissen sie nicht, nur die wenige Zeit, die der Tempelbesuch und die religiöse Bildung erfordert, die gilt als Verschwendung. Und doch ist diese in erster Linie charakterbildend, gewährt ihren Kindern festen, sittlichen Hält für ihr Studium, daß sie es mit Ernst ergreifen, lehrt sie Gewissenhaftigkeit, Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen Eltern, Lehrer und Mitmenschen, und gute der Gesellschaft und ihres Volkes würdige, nützliche Menschen zu werden. Der religiöse Jndifferentismus und die Leichtlebigkeit bewirkt bei einem Theile der jüdischen Jugend vor Allem das Gegentheil und gewährt unseren Gegnern Angriffspunkte aller Art, die dann generalisirt Mrs alle Juden mit Unrechtangewendet werden. Es. wäre daher nützlich und dringend gerathen, daß außer den Rabbinern Cultusvorstände, Gemeindevertreter und intelligente Gemeindemitglieder (Advocaten, Mediciner, Ingenieure, Lehrer u. s. w.) mit gutem Beispiele

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