Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 728 Dr. Mocb's Mocbenscvrikt. Rr. 46 wie die -Schergen der Inquisition, sie sägen uns Arme und Beine cl), reißen uns Därme aus dem Leib und foltern uns mit Eingießungen der widerlichsten Arzneien. Natürlich sind die jüdischen Aerzte die schlimmsten. Die müssen 'rausgejagt werden. (Zuruf: Totgetrcten werden! — Heiterkeit und Bravo.) A b g. M i ch e l: M. H., Sie verbeißen sich hier in die Ansicht, als ob die Medicin an sich schädlich sei, weil sie auch von Juden ausgeübt wird (Zurufe: Selber Jud'. — Bestochener Lump! — 'naus mit ihm!) Es gibt doch auch noch andere Aerzte- (Großer Tumult.) Abg. Pojaz: Alle Aerzte sind Juden! Ein anständiger Mensch schämt sich heute, Medicin zu studiren, weil er in der Universftät mit Juden zusammenkommen muß. A b g. Michel: Ich bitte, mich doch ruhig anzuhören. Ich bin ja auch gegen die Judenärzte. Aber es gibt wirklich auch christliche Aerzte, die es mit der Wiffenschaft ernst meinen, die zum Wohle der Menschheit- Abg. Pojaz: Lüge! Christlich-sociale Aerzte gibt es nicht! Abg. Michel: Vielleicht keine, die Ihrer Partei angeboren, aber doch-(Rufe: „'naus! 'naus mit dem Juden!" — „Schlagt ihn tot!" — „'nunter von der Tribüne." — Der Redner wird unterfurchtbarem Lärm windelweich geschlagen und zum Fenster hinansgeworfeu.) Präsident: (mit der Glocke läutend): Ich bitte den Redner nicht zu unterbrechen! Abg. Dr. Lueger: Herr Präsident, in diesem Falle war es der Redner, der die Abgeordneten in unziemlicher Weise unterbrach und sie nicht zum Schimpfen kommen ließ. Das widerspricht den Gepflogenheiten des Hauses. Ich würde beantragen, daß der Redner zur Ordnung gerufen werde, wenn nickt anzunehmen wäre, daß er den Ordnungsruf nicht mehr vernehmen kann, da ihm, wie ich höre, sämmtliche Rippen.gebrochen sind und er auf dem Punkt steht, seinen Geist aufzugeben. (Lebhafter Beifall.) Abg. Blasl (zur Geschäftsordnung): Die Würde des Hauses verlangt, daß wir für den Abgeordneten Michel einen A^t holen laffen-(Neuer Tumult. Auch Blasl wird mit Fäusten niedergepufft und zum Fenster hinausgeworfen.) Präsident: Wünscht noch jemand das Wort? Niemand! Dann schreiten wir zur Abstimmung. Wer dagegen ist- Dr. Lueger (zur Geschäftsordnung): Wer dagegen ist, (schreiend) der ist ein verkappter Jud' und wird kurz und klein geschlagen. (Unendlicher Jubel bei den Christlich-Socialen. Da einige aus der Minorität sich still verhalten, werden sie verhöhnt und n it Tinte überschüttet, mit Füßen gestoßen und blutig -gekratzt. Nachdeni sämmtliche Gegner kampfunfähig gemacht worden sind, wird der Antrag Lueger mit Stimmeneinheit angenommen.) S. Mg. Der russische Jude und der amerikanische Handel. Unter obigem Titel bringt die amerikanische Zeitschrift „Pearson's Magazine" folgenden Artikel: Jeder Amerikaner muß n it Jntercffe die Laufbahn des unüberwindlichen ruffischen Juden verfolgen, der, aus seiner Heimat getrieben, um der Knute seiner unmenschlichen Verfolger zu entgehen, ohne Pfennig und ohne Freund an unseren Ufern landet. Hier lernt er unsere Sprache, arbeitet in unseren Werkstätten, dringt in die Geschäftsmethoden ein, und - kehrt mit den, ersten ersparten Geld wieder in das Land zurück, das ihn vertrieben hat. Tann pflanzt er das Samenkorn des Amerikanismus kn das nwderne Rußland, führt dort unsere arbeitsparenden Erfahrungen ein, begründet Fabriken mit modernen englischen Maschinen und ist den ruffischen Arbeitern insgeheim behilflich, sich in Arbeitcrvcrbänden zu organisiren. In der Gegend des Schwarzen Meeres ist der amerikanisch-russische Jude mit E.solg beinüht gewesen, die Landwirthschaft Südrußlands zu regencriren; er hat den Landwirthen die Verwendung und die Vorzüge der amerikanischen landwirthschastlichen Maschinen gewiesen, und bis heute ist Rußland das beste Absatzgebiet für unsere landwirthschastlichen Geräthe. In der fernen Mandschurei und in Sibirien verkauft der russisch-amerikanische I de für Millionen von Dollars Iankee-Maschinen und Eisenbahnbaumaterial an Privatunternehmer und an Regierungsbehörden für den Bedarf des Staates. Er hat sich thatsächlich als der Pionnier erwiesen, der dem amerikanischen Handel und den amerikanischen Ideen den Weg nach Rußland und Asien geebnet hat. Herr Pobiedonoszew hat demnach ganz gegen seine Intentionen durch seine Judenverfolgungen den Grundstein für die geistige Emancipation der ruffischen Massen gelegt. Da jeder in Amerika bleibende russische Jude in der Heimat Freunde und Angehörige zurückgelasscn hat, denen er eine dauernde Einnahmequelle verschafft, indem er sie zu Verkaufsagenten für amerikanische Producte in Rußland macht, und da jeder mit Ersparnissen nach Rußland zurückgekehrte Jude hier Fabriken zur Erzeugung von Maaren begründet, deren Herstellung er in Amerika gelernt hat, so daß Rußland fast durchgängig den Juden die Einführung neuer Industrien zu verdanken hat, kann der Einfluß der Juden auf Rußlands Entwicklung als Industrieland nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die vier Millionen jüdische Unterthanen des Czaren beschäftigen mehr Handwerker als die übrigen hundert Millionen Einwohner des europäischen Rußland; die Juden sind es, die ihr Geld in neuen industriellen Unternehmungen anlegen und in Verbindung damit Schulen einrichten, die ihre Beamten und deren Kinder unterrichten. Trotz der schrecklichen Beschränkungen, unter denen der Jude im russischen Ansiedelungsgebiet lebt, ist dieses Gebiet der einzige uit vorwärtskommende Theil Rußlands. In den Städten baut der Jude die Fabriken, und in den ländlichen Districten fährt er von Landgut zu Landgut und kauft unter offenem Wettbewerb mit seinen Eoncurrenten den Bauern den Weizen ab. Im Ansiedelungsgebiet behalten die Bauern ihr Getreide in den Scheunen, bis sie ein gutes Angebot bekommen, gehen dann den Winter über in die Stadt, arbeiten in den Fabriken, lernen kesen und schreiben und bringen neue Gedanken über Selbstverwaltung und Aehnliches mit zurück. Im übrigen Rußland aber verfault das Korn manchmal auf dem Feld, weil kein Käufer da ist; der Bauer liegt den ganzen lieben Winter auf der Ofenbank und sehnt sich manchmal nach den guten alten Zeiten, da im Winter der jüdische Hausierer in bestimmten Zwischenräumen ins Haus kam und ihm seiner« Vorrath an groben Holzwaaren abkaufte; selbst in Rußland bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß das Land noch jeden realen Fortschritt den Juden zu verdanken hat. Städte, denen man die jüdischen Kaufleute nahm, haben um deren Wiederkehr petitionirt. Der Broadway in New-Iork, von der Stadthalle bis zum Unionsplatz, lehrt auf's deutlichste den Erfolg der russischen Juden in Amerika. Man kennt sie in den Bankgeschäften der Wall-Street, ihre Namen haben unter den Adpocaten einen guten Klang, und selbst in unseren öffentlichen Schulen haben tyir Lehrer, die noch wenige Jahre zuvor im russischen Ansiedelnngsgebiet eingeschlossen gewesen. Auf dem Gebiet der Medicin sind dieselben Erfolge zu verzeichnen. Die nach Rußland zurückgekehrten Juden führen, wie schon erwähnt, in ihr Geburtsland neue Industrien ein, deren Betrieb sie in Amerika gelernt. So haben z. B. zwei dieser Russo-Amerikaner bei uns die Kunst der Tuchweberei erlernt und nach ihrer Heimkehr in Warschau Cheviot-Spinnereien eingerichtet Sie wußten ganz genau, was sie zu thun hatten: sie bezahlen an russische Behörden 60.000 Rubel für die Erlaubniß, beschäftigen eine große Zahl russischer Arbeiter und machen gute Geschäfte. Sie haben Amerika genützt, denn ihre ganze Fabrikseinrichtung ist hier gemacht worden, und sie haben Rußland großen Nutzen gebracht. Ein anderer russischer Jude hat in einem amerikanischen Exporthaus die englische Sprache erlernt und hat nach seiner Heimkehr in Odessa das erste amerikanische Handelsmuseum - in-ÄkkAand -begründet! HeUtö^sind über hundert amerikanische Firmen durch amerikanisch-russische Juden in Rußland vertreten. Die Kauflente sprechen fließend russisch und englisch; sie können den russischen Consunienten die Construction der amerikanischen Maschinen erklären, und fie können den amerikanischen Fabrikanten die Wünsche und Bedürfnisse der Russen erläutern; durch einen jungen ruffischen Juden sind die amerikanischen Fahrräder in Rußland eingeführt worden, und mit Hilfe dieser geborenen Finanz- und Sprachgenies ist die Begründung der „Russisch-Amerikanischen Bank" in Petersburg ermöglicht worden. Die zur Geltung gekommenen Bewohner des New-Aorker Ghetto haben die ganze Welt mit einem Cordou tüchtiger amerikanischer Handelsagenten versorgt, die den amerikanischen Handel durch Europa und Asien tragen. Ihre Geschäftigkeit weissagt uns die Möglichkeit einer vollständigen geschäftlichen Eroberung der Welt. Die arbeitsparenden amerikanischen Maschinen sind jetzt in ganz Rußland bekannt. Tie russischen Staatsschmelzwerke, die u. A. die größten Drehbänke der Welt besitzen, lassen jetzt sämmtliche Ergänznngswerkzeuge aus Amerika kommcn. In Amerika entworfene Baggermaschinen, größer als sie je vorher gebaut worden, verbessern den Tiefgang der russischen Flüsse, auf denen Dampfer amerikanischer Systeme die Frachten befördern, und amerikanische Stahl-Brücken fangen jetzt au, von Petersburg bis Wladiwostok bekannt zu werden. Die. Mitarbeit der Männer, die englisch und russisch gleich gut sprechen, ist für den amerikanischen Fabrikanten unbezahlbar, und da der russisch-amerikanische Jude ein tüchtiger Geschäftsmann ist. kann er großen Verdienst einstreichen, vorausgesetzt, daß er sowohl mit den Geschäftsleuten wie mit den Geschäflsmethoden beider Länder sehr gut Bescheid weiß. Der Unternehmungsgeist eines einzelnen Russo- Amerikaners hat den Handel der Mandschurei nach amerikanischen Canälen geleitet, und der hauptsächlich von jüdischen Unternehmern und Ingenieuren geleitete Bau der transsibirischen Eisenbahn hat ein neues grobes Handelsgebiet erschlossen. Die Juden haben durch ihre Tüchtigkeit in der Unter Weisung und Leitung der Bauern die Milchwi.rthschaft in Sibirien zu einer großen Ausdehnung entwickelt, so daß jetzt z. B. der Londoner Markt zunr großen Theil von dort aus m-t Butter und Eiern versorgt wird. Als Rußland zuerst sein Auge begehrend ans die Mandschurei richtete, wurde ein allerdings getaufter Jude nnt der sehr heiklen Aufgabe betraut, die Verhandlungen mit der Regierung in Peking zu führen; einer Gruppe von jüdischen Finanzleuten wurde die Begründung der russisch-chinesischen Bank übertragen, die mit russischem Geld im fernen Osten die Eisenbahnen baute, die die Mandschurei an das russische Reich zu knüpfen bestimmt waren. Gleichzeitig war ein rüssisch-amerikanischer Ingenieur über den Ocean gereist, um die Bauunternehmer zu überreden, nur amerikanisches