Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Vr. Bloches Wochen ftlirifk. Seite 727 Immerhin zeigt das Erlebniß der christlich-socialen Mehrheit, daß selbst die Hetze gegen die Aerzte und die Wissenschaft an einen todten Punkt gerathen ist, wv es selbst mit der schönsten Parteidisciplin nicht mehr weiter geht. Die Aerzte und überhaupt die Männer der Wissenschaft, auch wenn sie noch so gut antisemitisch gesinnt sind, können nicht mehr mitthun, wenn ihnen die Basis aller Forschung unter den Füßen weggezogen werden soll. Es geht mit dem besten Willen nicht. Die Wissenschaft geht ihren Weg über Antisemitismus und christlich-sociales Parteiinteresse hinweg. Man möchte ja gern, aber wenn man sich einmal überhaupt mit der Wissenschaft eingelassen hat, dann ist es einfach unmöglich, sich für die Dauer auf dem geistigen Niveau der edlen Vorkämpfer des Volkes, Bielohlawek und Strobach, einzurichten. Was nicht geht, geht nicht, und so macht sich nun die Erscheinung geltend, daß die christlich-sociale Mehrheit in einer Sache, die ihr sehr am Herzen liegt, von allen Seiten ganz bemerkenswerthe Schlappen erleidet. Nicht nur die Aerzte in allen Theilen Oesterreichs, so das gut antisemitische Collegimn in Graz, selbst die Zukunftshoffnung, die antisemitischen Studenten, wollen in dieser Frage nicht mehr bei der Stange bleiben. Man hat sich vergeblich bemüht, aus der Frage der Bivisection und der Obduction, aus der Frage der Aerzte und Aerztekammern eine Judensrage zu machen. Es wäre ja sehr schön gewesen, aber es geht nicht; es gibt Revolte im eigenen Lager. Es ist nur ein Anfang, aber ein Anfang, der verspricht. Der Aberwitz überschlägt sich, und es bleibt nun nichts Anderes mehr übrig, als entweder auf dem geistigen Niveau der christlich-socialen Mehrheit zu beharren, und das ist nicht möglich, wenn man nicht zufällig erwählter Volksbeglücker ist oder zu den Barrirenstöcken gehört, auf welche sie sich stützen, oder dein freien Geiste und der wissenschaftlichen Forschung die ihnen gebührenden Zugeständnisse zu machen, und daun ist wieder di? christlich-sociale Herrschaft auf die Dauer unmöglich. Die Loch' der Thatsachen wird sich schließlich doch durchsetzen müssen. Whig. Arisch-antisemitische Erziehung. Der Zuchthäusler Dippold ein Opfer eines pervers veranlagten Paters! Das ist der Kern einer Mittheilung, die von der Würzburger „N. Bayer. Ldsztg." ausgeht. Das Blatt wi>'s in einer Besprechung des Falles Dippold daraus hin, daß innerhalb der letzten zehn Jahre im Knabenseminar zu Münnerstadt, dem auch Dippold seinerzeit angehört hatte, unsagbare Vorgänge sich abgespielt hätten. Das Blatt theilte mit, es habe sofort, als es von diesen Vorgängen Kenntniß erhielt, die zuständige Stelle verständigt, man habe jedoch dem Pater Sanctos, nnl den es sich handelte, Zeit gelassen, über die Grenze zu entfliehen. Die Kenntniß der Vorgänge an dem Münnerstädter Seminar hat das Blatt von einigen Universitätsstudenten, ehemaligen Zöglingen des Münnerstädter Gymnasiums. Es sei ein schweres Unrecht, erklärt die „N. Bayer. Ldsztg.", für solche Fälle, wie der Dippolds, die Hochschule und Universitätsstadt verantwortlich zu machen, und weil man dies von gewisser Seite geflissentlich gethan habe, sei es nothwendig, aus diese Vorkommnisse hinzuweisen. Der Artikel schließt mit den Worten: „Es ist anders und besser geworden in Müniierstadt, aber cs ist tief bedauerlich und bleibt es immer, daß derjenige Lehrer, welcher die ganze S . . . . . angerichtet und hierdurch eine ganze Generation Studenten verseucht hat. straflos entkommen ist, während eines seiner Opfer im Zuchthaus Ebrach den bürgerlichen Tod erleiden muß." Dippold's Treiben wird dadurch, daß er das Opfer seines Lehrers war, nicht entschuldbarer. Nichtsdestoweniger kann es für das Gewissen der Oeffentlichkeit nicht gleichgiltig sein, wenn sestgestcllt wird, daß die Grundlagen für die Dippold'schen Nichtswürdigkeiten durch einen seiner Lehrer geschaffen wurden. Es wäre dringend zu wünschen, daß von maßgebender Stelle auch jetzt noch Aufklärungen über die Münnerstädter Vorfälle gegeben würden, insbesondere auch darüber, wie es gekommen ist, daß der würdige Pater Sanctos ungehindert sich.der strafenden Gerechtigkeit entziehen konnte. Juden auf dem Schlachtfelds. Ter am reichsten decorirte Unterofficier der bayerischen Armee war der kürzlich in München verstorbene pensionirte Wachtmeister Saul B a u e r. Er besaß sämmtliche Verdienst- und Ehrenauszeichnungen, die einem Unterofficier während zweier Feldzüge überhcurpt verliehen werden konnten. „Die Stellung des Volkes Israel in der Weltgeschichte." Der Professor der semitischen Sprachen an der Universität von Manchester, Hogg, hat in letzter Woche seine Antrittsrede gehalten, in welcher er über die Stellung des Volkes Israel in der Geschichte sprach. Er stellte u. A. die Frage auf, ob es eine allgemeine semitische Cultur gebe, von welcher die israelitische nur ein Zweig sei. Einige, namentlich die Assyriologen, seien geneigt, diese Frage zu bejahen. Gewänne diese Ansicht die Oberhand, dann würde das Volk Israel als Theil einer großen Welt angesehen werden müssen, deren Centrum Babylon wäre. Viele schrecken vor einer solchen optimistischen Beurtheilung der alten Welt zurück aus Furcht, Israel etwas von seiner von ihm beanspruchten Würde zu nehmen. Man dürfe hoffen, daß man in England einer Aufregung, wie sie in Deutschland herrschte, entgehen werde, da man in England die Thatsachen besser zu kennen scheine. Ein Vergleich mit babylonischer Poesie führte zu einigen Bemerkungen über die Theorie, daß die GeisteSsührer in Israel nur an einer internationalen Gedankenströmung von großer Tragweite theilgenommen haben. Das könnte der Fall gewesen sein, aber es ist noch nicht der Beweis dafür erbracht worden, uitd man nlüsse sich vor Uebertreibung hüten. Dann fuhr Professor Hogg fort: Derjenige Theil der hebräischen Literatur, der am stärksten an den modernen Geist appellirt, ist diejenige Literatur ernster Ethik, edler Vaterlandsliebe und herrlichen religiösen Glaubens, die wir die prophetische nennen. Von irgend einer Parallele zu dieser in ihrer Großartigkeit, ihrer tiefen Aufrichtigkeit, edlen Tendenz und Gedankenhöhe finden wir weder in Babylon noch anderswo eine Spur. Nachdem ler Redner noch länger bei dem Charakter der prophetischen Literatur verweilt, wandte er sich zu der Frage, ob der gewaltige Einfluß, den die classifche hebräische Literatur in der Vergangenheit ausgeübt habe, fortdauern würde. Er gab zu, daß die Art ltnd Weife, diese Literatur als ein Ganzes zu betrachten, eine Veränderung erfahren habe. Aber Freunde hebräischer Literatur hätten nichts zu befürchten. Diese müsse für ewig bleiben ein wunderbares Andenken an ein wunderbares Volk. „Ulk": Aus einer der nächsten Verhandlungen des niederösterr. Landtages. Dr. Lueger stellt den Dringlichkeitsantrag: „Nachdem sich die Aerzte und Professoren über die vom Landtag beschlossene Verdammung der Vivifection so ungebührlich aufregen, beauftragt der Landtag die Regierung, den Medicinern die weitere Ausübung ihres Berufes untersagen." Der Antrag wird von den Christlich Socialen untersti'wt. Zur Begründung erhält das Wort D r. Lueger: Meine Herren! Die Aerzte (Pfui! > und die sogenannten Professoren (Heiterkeit) lehnen sich gegen das Verbot der Vivifection auf. (Lumpenkerle!) Selbst wenn man die Vivisektion unter strenge Strafe stellen wird, ist bei der Verjudung der medicinischen Wissenschaft doch zu befürchten, daß mau im Geheimen diesem schändlichen Laster weiter fröhuen wird. Daher bleibt kein anderer Ausweg, als auf Abschaffung der ganzen jüdischen Medicin zu dringen. (Lebhafter Beifall!) Ab g. Strohkopf: Ich glaube, daß der Antrag zu weit geht. Wenn wir keine Aerzte mehr haben, dann werden sich die Kranken ins Ausland begeben! Und was soll aus den Apotheken werden? Es genügt, wenn wir die Aerzte einfach unter polizeilicher Aufsicht stellen und verbieten, daß ein jüdischer Arzt einen christlichen Kranken behandelt. A b g. T r o t t l: Ich sage: Fort mit den Aerzten! Es sind unsere Tyrannen, unsere Henkersknechte. Sie treiben es schlimmer