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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 726 Dr. Vlocd's Mocbenscbrttt. Nr. 46 Erklärt die Synagoge und die jüdische Religionsschule weiter noch dem Leben von heute und der Wissenschaft von heute den Krieg, dann-— — — Der alte Markuse, trotz seiner Schinkensemmel ein recht vernünftiger Mensch, schließt die Unterredung mit seinem Sohne mit Worten, die wie ein Programm klingen: „Aber gut: ich will mal den Fall setzen. Du hättest recht und d i e W e l t w i l l mal wieder nichts von uns wissen, d c r D e n t s ch e w i l l n i ch t, d a ß w i r m i t ihm Deutsche, den Russe, daß wir mit ibm Russen, der Franzose, daß wir mit ihm Franzosen sind. Dann werden wir eben das sein, was sie nicht sein wollen undwerden so der Menschheit das ko st bar st e Kleinod anfbewahren, das sie besitzt nnd das sie achtlos weggeworfen hat: den Menschen, Aber hiefür müssen wir uns auch würdig halte Dieses Programm des modernen, entwickelten Juden hat Sudermann erkannt und ausgesprochen. Dafür sei ihm Dank gesagt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgejchichte. (Tcr cntlarvte Momnisen. — Der Statthalter als Humorist. — Ein An fan g.) So heiter ist das Leben in Wien! Die gewaltigen Reden im niederösterreichischen Landtag sind verklungen, aber sie wirken noch nach. Eine solche Culturdebatte vergißt sich ja nicht leicht. Die Schallwellen tragen das Wort weiter — et semel emissum volat irreparabile verbum — die Zeitschwingen nehmen es aus, es fliegt in alle Lande und verkündet unfern Ruhm. Wie der große Biclohlawek dem Heimgegangenen Mommsen heimgeleuchtet hat, das bildet nicht nur unsere Freude, daran erbaut sich nun die ganze Welt. Man kann nicht mehr sagen, daß einer der großen deutschen Geistesheroen dahingegangen sei, ohne daß ihm ein Nachruf gewidmet worden wäre in der nicderösterreichischen Landstube. Biclohlawek, der erleuchtete Geist, der immer mit dem Zeitgeist geht, hat den Nachruf besorgt. Daß er nicht besser ausgefallen ist — umso schlimmer für Mommsen. Der angeblich große Todte ist entlarvt, das Geheimniß seiner schwindelhaften Erfolge ist enthüllt. Der Mann, der die gesammte Culturmenschheit so lange und mit solchen! Erfolg beschwindelt hat, wird dem Volke nicht mehr schaden. Den tiefen Forschungen Bielohlarvek's ist es gelungen, den ganzen großangelegten Schwindel auszudecken. Wer war denn der Mommsen überhaupt? Kein Men'ch würde heute noch von ihm reden, Neun er seine „Geschichten" niest von „unseren Mönchen und unseren Priestern" abgeschrieben hätte. Na also! Darüber wären die Acten geschlossen. Herr Biclohlawek hat es selbst gesagt! Ein schwarzer Verdacht freilich will sich doch in uns regen. Herr Biclohlawek unterscheidet vielleicht nicht genau genug zwischen „Geschichten" und „Geschichte". Es ist nicht ganz dasselbe, Herr Biclohlawek, und vielleicht wäre es nicht übel angebracht gewesen, sich vorher über den kleinen Unterschied belehren zu lassen. Es waren thatsächlich eigentlich nicht sowohl Geschichten, die Mommsen geschrieben, beugten? War der Makkabäer Judenthum zeitgemäß, die mit Heldenkülmheit der Einführung zeitgemäßer Griechensitte und Griechenbildinig trotzten? I.ihrtausende lang war das Judenthum der einzige Protest gegen eine heidnische Welt, und wenn dieser Gegensatz von Jahrhiuidert zu Jahrhundert abgenommen, so war dies nicht, weil das Jaden;hum sich den nichtjüdischen Zeitverhältnissen gemäß gestaltete, sondern weil immer mehr und mehr Keime des jüdischen Geistes, F inken vom jüdischen Gedanken im Schoße der nichtjüdischen Welt a»fgegangen, weil immer mehr und mehr der jüdische Gedanke seine stille Mission auf Erden erfüllt. In der Minorität ausharren, mit Muth und Geduld alle Leiden ertragen, unsere Kinder mll dem Geiste dieser Leidensstärke und dieses M.uthes zu erfüllen: das allein ist unsere Aufgabe. Wären unsere Väter in der Syrerzelt feige genug gewesen, „den Anforderungen der Zeit" sich anzupaffen, sozusagen zur Rettung des Judenthum« vor drohendem Massenabfall, es wäre dann nicht allein vom Judenthum keine Spur mehr vorhanden, es wäre dann nicht einmal das Christenthum entstanden. richtiger von den Gewährsmännern Herrn Bielohläwek's ab geschrieben hat, als ein wenig Geschichte. Die kleine Verwechslung, die der illustre Redner sich zu Schulden kommen ließ, ist zwar nicht von Belang, da anzunehmen ist, daß er — wenn er überhaupt etwas gedacht hat, worüber die zeitgenössischen Forscher noch gar nicht einigsind — dabei doch wahrscheinlich an Mommsen's Thätigkeit auf dem Gebiete der Geschichte gedacht hat. Sonst würde die Sache nämlich noch weniger klappen. Denn die Jnscriptionen, mit welchen sich Mommsen nebenbei auch beschäftigt hat, sind zmneist erst dann gefunden worden, als Herrn Bielohläwek's Gewährsmänner leider schon lange tobt waren. Was aber endlich die publicistische, in. den Kampf der Tagesmeinungen eingreifende Thätigkeit des Mannes mit dem großen historischen Blick betrifft, so kann Herr Biclohlawek die'e auch nicht wohl gemeint haben. Denn diese Kundgebungen waren aus dem Geiste hervorgegangen, der den lapidaren Cardinalsatz aufgestellt hat: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille!" Und derlei ist von den Gewährsmännern Herrn Bielohläwek's doch wohl nicht abzuschreiben. Nicht minder auferbaulich war es, mit welchem schalkhaften Humor der Statthalter Graf Kielmansegg — wer hätte das hinter Sr. Excellcnz gesucht? — die christlich-sociale Mehrheit des niederösterreichischen Landtages „steigen" ließ. Mit vollendetem Ernst, dem besten Merkinal des ausgezeichneten Komikers und überlegenen Humoristen, bereitete er den Aufsitzer vor, ließ sich die Leute herankommen, ließ sich anstrudeln und anjubeln, und sie merkten es nicht, wie er es für sie „aufgerichtet" hatte, und richtig sprangen sie hinein bis auf den letzten Mann, mit beiden Füßen zugleich — in die gelungenste und zugleich riesigste Blamage, deren Schauplatz jemals die niederösterreichische Landstube gewesen ist. Er ging los gegen die Aerztekammer. DaS war natürlich Wasser auf die christlich-sociale Mühle. Das gefiel der Mehrheit sehr wohl, so wohl, daß Dr., Lueger hinterher noch in einer Agitationsrede im Wirthshaus mit Genugthuung betonen konnte, der Statthalter sei jetzt brav geworden und nun ganz „unser" Mann. Besonders scharf hatte es Graß Kwünans^ egg auf den Berichterstatter der Aerztekammer, der dann 'auch von der Mehrheit in dröhnenden Zwischenrufen als „frecher Jude" stigmatisirt wurde. Der Statthalter ist nicht nur ein guter Humorist, er kennt auch die rhetorischen Gesetze und Wirkungsbedingungen. Den tiefen Schatten stellte er ein Lichtbild gegenüber, das Bild eines wackeren Spitalsdirectors, der sich vor dem anmaßenden Terrorismus der Aerztekannner nicht beugen wollte. Das war wieder Wasser auf die christlich-sociale Mühle. Einhellig war die Begeisterung bei diesem Lied vom braven Mann. Wären in diesem Augenblick die Mittel verlangt worden, ihm bei Lebzeiten ein Denkmal zu setzen, man hätte sie votirt. Der Statthalter hatte einen colossalen Triumph und zog vom Beifall umrauscht ab. Hinterher aber kam die Schande auf und es ward ruchbar, was der Humorist angestellt hatte. Der verlästerte Berichterstatter der Aerztekammer ist ein notorischer Antisemit von der stritten Observanz, der ideale Spitalsdirector — nebbich — ein Jud'. Und das haben die Leute nicht gewußt! So was ist doch sehr unangenehm. Ich möchte den Humor des Statthalters nicht herabsetzen. Sein Witz war gut, war ausgezeichnet, aber die Methode, einen Reinsall zu construiren, war doch nicht ganz neu, und es ist schmerzlich, zu sagen, daß ihm da ein durchaus nicht rein arischer Präcedenzfall das Vorbild geliefert hat. Als Capellmeister Sulzer unter Dingelstedt die Zwischenactsmusik zu besorgen hatte, da liebte es dieser, gelegentlich sein Müthchen zu kühlen an dem witzigen Tonkünstler. Er kam aber gewöhnlich nicht gut an. Hatte dem Director einmal die Zwischenactsmusik nicht gefallen, dann Pflegte er zu fragen: „Was für Katzenmusik haben Sie uns denn heute wieder vorgesetzt, Herr Capellmeister?" „Bedauere sehr, Herr Hofrath, daß sie Ihnen nicht gefallen hat. Wir haben Beethoven gespielt," Pflegte Sulzer zu antworten. Erklärte sich aber Dingelstedt gelegentlich für befriedigt, dann antwortete Sulzer regelmäßig mit souveräner Harmlosigkeit: „Hat es Ihnen wirklich gefallen, Herr Hoftath? Es war eine Composition von mir!"

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