Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Mocb s Mocbenscbritt. Seite?25 werden — das ist bei euch alten Achtundvierzigern mal der Traum der Träume — da Hab' ich angeklopft an dieser Kneipe und an jener Kneipe — ganz bescheiden und krummbuckelig wie'n kleiner Kleiderjnde ... Kaum haben sie meine Nos' gesehen, kaum haben sie gehört: Siegfried Marknse — Was? Siegfried Markuse? . . . Bedaure — unsere Füchse sind vollzählig . . . Ich Hab' mich so geschämt. Vaier, daß ich deshalb die ganzen ersten zwei Semester nicht nach Hans' cckommen bin . . . dann machte der Hartmeyer sein Examen und ich ging nach Königsberg, denn ich dachte, der wird mich irgendwo mit sich reinschleppen. Aber der erste, der mir die kalte Achsel zeigte, war mein Busenfreund Hartmeyer. So kam ich schon von Neuem eingeschücytert auf ihre Kneipe . . . Bengels, sag' ich dir, Vater, plump n >d vierkantig wie die Zuchtbullen. Daß ich da nichts zu suchen halt', sah ich gleich, aber wo hat unsereins was zu suchen? . .. Kaum Hab' ich meinen Namen genannt, da fängt mein via-ä-vis an, jüdische Witze zu erzählen. Ich denk', ich muß den Unbefangenen spielen und ,-rzähl' auch welche ... da hätt'st du das Gewieher hören sollen . .. Ich fühl's wohl, daß sie mich aushöhnen, aber ich beiß' die Zähne zusammen und sag' mir: „Du wirst sie zwingen. Durch die Uebermacht deines Geistes wirst du sie niederzwingen." Ich Hab' bisweilen meine guten Tage. Ich hatte meinen guten Tag. Ich sprach von allem Möglichen, von altem Idealismus und modernen Knopfganiaschen — von Deutschlands unveräußerlichen Volksrechten und der elegantesten Pudeldressur, von der Entbehrlichkeit der Nagel'schcn Gottesidee und der Unentbehrlichkeit eines guten Nollmopses Ich citirte Plato, Schopenhauer und Wippchen. Alles glotzte mich an, und als ich glaubte, sie ganz in der Tasche zu haben, da kommt mein Freund Hartmeyer und sagt mir leise ins Ohr: Er hätte Auftrag, mir schonend mitzutheilen, hier wäre kein Feld für mein colossales Mundwerk, und ich möchte mir das nächste Mal das Local lieber von außen besehen. Da Hab' ich draußen mit erhobener Faust geschworen: Ihr wollt uns zu Feinden haben. Ihr sollt uns zu Feinden haben. Wollen sehen, wer Sieger bleibt." Und auf einen bedeutungslosen Einwurf des Vaters fährt Siegfried fort: „Wie gesagt, Vater, wir verstehen uns nicht. Du stehst noch mit einem Fuß im alten Ghetto und glaubst Dich zu wunder welcher Dankbarkeit verpflichtet, weil man Dich rausließ. Ich wittere bereits die Luft eines neuen, in das sie uns sperren wollen, weil sie uns fürchten) weil wir im freien Spiel der Kräfte ihnen zu groß wurden. Das wird keine Ketten haben quer über die Straße und keinen Wachtsoldaten, der zum Nachhansekommen bläst, das wird nichts weiter sein als hie ugd da ein^ kühles Lächeln, ein sehr höflicher Absagebrief und ein unerwiderter Besuch und wird doch tausendmal schmerzlicher auf die Gemüther drücken, als die stinkende Gasse von dazumal. In dieser Welt werd' ich zu leben haben, Vater. Ich muß geistiges Capital zusammenscharren dafür. Um ihren demokratischen Marasmus mitzumachen, wie Du es lächelnd thust, Vater, dazu Hab ich keine Zeit" In der zweiten Hälfte der Siebziger-Jahre läßt Sudermann feine Handlung fpielen. Warum nicht heute? Ist die Zeit zu reif für Politische Don Quixoterien? Durchaus nicht. Und auch des jüdischen Studenten Leid und Klage sind heute ganz die gleichen. Und das kühle Lächeln, die gesellschaftliche, höflich übertünchte Ablehnung kennen wir heute mehr denn je und schleppen dazu in thörichter Selbstverachtung auch Siegftied's krummen Buckel mit, anstatt mit selbstbewußter Verachtung auf Jene herabzusehen, die eine Entweihung arischer Salons darin erblicken, so jüdischer Geist, oder vielmehr die Geisteskraft eines Juden in diesem glänzen soll. Nachäffung, Kriecherei, Wonnerausch beim arischen Händedruck, ein Ersterben in Demuth vordem nächstbesten arischen Jndustrieritter grassiren leider unter uns zu unserem eigenen Schaden und machen uns mit Recht verächtlich. Stolz sein als Jude, nicht als Angehöriger des „aus erwählten" Volkes, sondern als moderner, hochentwickelter Culturmensch, der sich als Entwicklungsproduct des alten Judenthums fühlt, das fehlt uns, daraufhin müßte alle Erziehung der Großen und Kleinen in Synagoge und Schule wirken. Der Jude als hochentwickelter Mensch mit Reinhaltung und Förderung der Menschheitsideale, das ist ein Ergebniß, würdig aus Bibel und Talmud, aus einer vieltausendjährigen rühm- und leidensreichen Geschichte sich herausentwickelt zu haben. Einzig und allein der moderne Jude repräsentirt den Träger allgemeiner Menschheitsideale, ungeschmälert durch nationale Gehässigkeiten und Sonderbestrebungen, ungeschwächt durch religiöse Intoleranz. Jede Religion stellt sich als Stufe und Mittel zur allgemeinen Menschheitsentwicklung dar, und die jüdische ist der edelsten Mittel eines. Und wo diese modernen Juden als Typen höchster Menschheitsentwicklung zu finden sind? Vielleicht in einzelnen Vertretern auch in Brody, Kolomea und Hnsiatyn, wenn auch de' große Masse daselbst, worin ich Herrn Leo Herzberg-Fränke gerne beipflichte, noch aus niederer Entwicklungsstufe steht. Ist aber deshalb schon entschieden, daß nicht auch dort schrittweise der Annäherung an die Höherentwicklung entgegengearbeitet werden muß. Im Gegentheil. Nachdem j e w e il i g e n E n w i ck l u n g s st a n d e der Juden in den verschiedenen Gemeinden, der ein anderer i n B r o d y, ein anderer i n W i e n und wieder ein anderer i n H o h e n e m s i st, muß d e r W e i l e re n t w i ck l u n g d e r W e g geebnet werden. Wie, habe ich an anderer Stelle gezeigt. Die Vogel-Strauß- Politik, die einfach b.l i n d sein w i l l s ü r d i e nicht mehr zu widerlegenden Ergebnisse moderner Wissenschaft, die einfach sich taub st e l l t für die Forderungen d e s L e b e n s von h e u t e u n d A l l e s g e t h a n z u h a b e n v e r m e i n l, w e n n a n st a t t d e r alt e n „M e s ch o r e r i m" d i e Orgel den Canto r begleitet, statt zahlloser M i d r a s ch - C i t a t e e i n p h i l o s o p h i s ch sein sollender W v r t s ch w a l l von der Kanzel ertönt und der Rabbiner statt im Schubbez in Kutte u n d B ä f f ch e n st e ck t, d i e s e P o l i t i k führt z u m U n t e r g a n g e. Sie entfremdet uns unsere b e st e n I u d e n, s i e und nur sie trügt d i e S ch u l d am nimmer zu leugnenden N i e d e r g a n g e des Judenthums. Wir Menschen von heute haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, den Anforderungen de rZ eit in allen Institutionen des Judenthums Rechnung zu tragen.*) *) Anmerkung der Redaction: Getreu unserem Principe, jeder ehrlichen Ueberzeugung Raum zur Aeußerung zu gewähren, haben wir den vorstehenden Artikel zum Abdruck gebracht, obgleich wir den vorgelegten Ansichten durchwegs nicht beistimmen. Es ist nicht allein unsere Privatmeinung, daß ein Rabbiner, welcher seinen Vorsteher um die Schinkenfreiheit beneidet, besser gethan hätte, einen anderen Beruf zu wählen, auch die Erfahrung der Geschichte hat belehrt, daß alle radicalen reforniatorischen Bestrebungen, das Judenthum entsprechend „den Anforderungen der Zeit" auszugestalten, direct zur Taufe führen. Und diese Erfahrungen der Geschichte werden bekräftigt durch die Zeugnisse der Gegenwart. Die Reformtempel sind leer und deren Gründer haben keine Nachkommen mehr innerhalb des Judenthums. Wir find eine winzige Minorität und schon nach der Natur einer solchen niemals „zeitgemäß" gewesen. Das „Zeitgemäße" ist der Ausdruck für Sitte und Anschauungen der jeweilig herrschenden Majoritäten und der vornehmsten und vorlautesten Wortführer. Will die Minorität „zeitgemäß werden, so muß sie sich der Majorität zugesellen. Das ist die Consequenz. „Was wäre auch aus dem Judenthum geworden, wenn unsere Väter es hätten als ihre Aufgabe betrachten dürfe», ihr Judenthum jederzell „zeitgemäß", d. % den in ihrer Umgebung zeitlich herrschenden Ansichten und Verhältnissen gemäß zu gestalten, wenn sie in Egypten die Weisheit meroischer Priester, unter Babyloniern die Mysterien der Mylitta, unter Persern die Magie des Zoroaster, unter Griechen elcusinische Geheimnisse oder die VolMehre des Olymps oder die jeweilig beliebtesten Systeme der Philosophen, in Alexandrien, in Rom den Extract aller möglichen Ansichten, unter den Galliern die Druidenweisheit, im Mittelalter Klöster und Mönche zum reformirenden Maßstabe ihres Judenthums genommen hätten, wenn sie noch heute, dem Gebote dieser Lehre gemäß, in allen Zo ren, allen Ländern, um sich den jeweiligen Ansichten und Sitten anzuschmiegen, ihr Judenthum überall demgemäß reformirten. — Wechseln doch die Ansichten, die Sitten, die Bedürfnisse von Land zu Land, von Jahrzehnt, und wo ist noch eine Religion, die also bestimmt war, durch alle Länder, alle Zeiten zu wandern, wie das Judenthum — und wir sollten es überall zeitgemäß gestalten? War das Judenthum unserer Väter zeitgemäß, als sie, den Egyptern ein Greuel, Jahrhunderte lang ihre Nacken im Sclavenjoch beugen und sich ihre Säuglinge in den Wellen des Nils begraben lassen mußten? War Daniels Judenthum zeitgemäß, als er mit seinen Jugendgenossen im babylonischen Königsalumnat sich auf Kräutergenutz beschränkte und lieber den Zorn seines Königs, den Tod aus Löwenrachen erwartete, als das nach altväterlicher Sitte zu verrichtende dreimalige Gebet gen Jerusalem zu unterlassen? War Chananjah's, Mischael's und Asariah's Judenthum zeitgemäß, die lieber in den Gluthentod gingen, als daß sie ihre Knie vor der Fürstensäule