Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021540--13120-3037754
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serie 724 Dr. Mocb's Mocbenscbrikt. Nr. 46 Was aber die andere Seite der Frage, die Bekämpfung des jüdischen Kastenwesens, betrifft, so ist dieselbe vielleicht mit einfacheren Mitteln zu erreichen. Schon vor Jahren ist dem Hamburger ComitL der Vorschlag unterbreitet worden, Anzeige- oder Ergreiserprämien auszusetzen und auf diese Weise den Mädchenhändleru zu Leibe zu gehen. Dieser Vorschlag hat leider die Billigung der Hamburger und Londoner Kreise nicht gefunden. Er scheint uns aber vorläufig der allein richtige, um einen unmittelbaren praktischen Erfolg zu erzielen und um auch die Ehre des Judeuthums von dem Vorwurfe zu reinigen, vaß es durch stillschweigende Duldung das Treiben der Kasten billige. Auf diesem Boden befindet sich das Hamburger Comite, resp. die Judeuschast in voller Uebcreinstimmung mit allen Regierungen, die auf dem Pariser internationalen Congresse die Nothwendigkeit einer verschärften Vigilirung auf die Mädchenh än dl er als die wichtigste und dringendste Aufgabe bezeichnet haben. Wir müssen uns immer vor Augen halten, daß die schändliche Versclavuug christlicher Mädchen durch jüdiche Händler zum Mindesten ebenso verworfen ist und ebenso mit allen Kräften l.intangehalten werden muß, als die Versclavuug jüdischer Mädchen. Einen Unterschied in der Confessiou der Opfer dürfen gerade die Juden nicht machen, das liegt gewiß auch durchaus nicht in der Absicht des Hamburger Comites, und es ist deshalb doppelt bedauerlich, daß die unglückliche Textirung der Einladung zum Lemberger Congresse eine solche Unterstellung seitens unserer antisemitischen Gegner verschulden konnte. Wir haben betont, daß die Lemberger Berathungen nicht ohne dauernde Wirkung bleiben werden. Wir erblicken diese Wirkung in der soweit gereiften Erkeuntuiß, daß auch die Lösung dieser Frage, wie überhaupt jede auf das Wohl unserer östlichen Glaubensgenossen gerichtete Bemühung nur i in innigsten Einvernehmen zwischen allen jüdischen Corporationen der ganzen Welt gefördert werden könne. Von oller -occken Engherzigkeit, von aller persönlichen Eitelkeit, von allen nationalen Absonderungsgelüsten muß hier vollständig abgesehen werden. Mit akademischen Verwarnungen, mit der Ausschickung weiblicher Sendboten, mit der Errichtung etlicher Mädchenasyle, mit der Affichirung von Warnungen an den Bahnhöfen u. s. w. wird man diesen schändlichen Schacher nicht aus der Welt schaffen. Da bedarf es großer Mittel und energischen Zugreifens und der Vereinigung aller verfügbaren Kräfte des Gesammtjudenthums. „Der Sturrngeselle Sokrates H Von Rabbiner Dr. Tänzer, Hohenems. Hermann Snderntann hat eine Gesellschaft von Don Quixotes, die in Politik Machen, auf die Bühne gestellt, auf Brettern, von denen nur die Naivetat noch behaupten könnte, daß sie die Welt bedeuten. Und zu dieser Gesellschaft von 6 bis 7 Sturmgesellen gehört auch — ein Rabbiner, der in einer Kleinstadt im äußersten Osten in der Synagoge die Sedanfeier abhält, „weil wir Hebräer uns den Luxus nicht erlauben können, keine Patrioten zu sein", der aber gleichzeitig im „Deutschen Reichsadler" als sogenannter Spinoza der Sturmgesellen ein wenig mit an der drolligen Revolution arbeitet, wozu er sich gleich allen Andern von der „blonden Jda" begeistern läßt, und der schließlich, „wenn niemand Fremder dazu kommt", im Hause seines zähnezichcnden Freundes Hartmeyer sich sogar Schinkensemmeln zu Gemüthe führt. Wer das Stück sieht oder liest, und es liest sich zweifellos besser, der wird sich lange noch, ehe der prinzliche Jagdhund als ck^UL ex machina eingreift, zweifellos fragen: Wie kommt Saul unter die Propheten? Ein schinkenessender Rabbiner in die Gesellschaft dieser äußerst dürftig gezeichneten Don Quixotes? Dürftig deshalb, weil hier vor Allem das m sentlichste Element am Charakter des Helden von La Maucha fehlt, das erduldete Leid für seine Principien, die typischen Prügel von den Armen der Windmühlen? Wie kommt der aufgeklärte und in die Handlung mehrfach mit sicherem Urtheit eingreifende Rabbiner 'Doctor Markuse in diese Gesellschaft von Halbnarren, die ihr „Helles oder Dunkles" nicht anders mit Behagen schlürfen können, als wenn sie dabei in politischen Kannegießereien sich ergehen können, die bis zu einem umfangreichen „Archive" anwachsen, das schließlich sein wohlverdientes Ende unter dem Bette der „blonden Jda" findet? In welchem Zusammenhänge stehen Dr. Markuse und sein Sohn Siegfried, die beiden interessantesten Gestalten des ganzen Stückes, mit beffen übrigem Inhalte? Innerlich in gar keinem und äußerlich nur in einem höchst losen. Und warum sie dennoch da sind? Der aus Patriotismus angeheiterte Landrath leistet sich im 4. Act den famosen Ausspruch: „Auch die jüdische Religion muß dem Volke erhalten bleiben, denn wo kämen sonst die famosen.jüdischen Witze her?" Fern sei es mir jedoch, das Auftreten der Markuse in dieser Comödie in ähnlicher Weise begründen zu wollen. Ja, das um so weniger, als eben diese beiden Gestalten das Stück auf der Bühne beleben und dem Buche bereits zur 5. Auflage verholfen haben. Dergleichen könnte man höchstens auf die Tragikomik innerösterreichischer Politik variiren: „Die Juden müssen erhalten bleiben, weil sonst unsere christlich-socialen „Kaninchenretter" keine Existenzberechtigung hätten." Doch sei dem, lvie ihm wolle. Hier ist ja auch nicht der Ort, über den dramatischen Werth dieses jüngsten Kindes Sudermann'scher Muse zu Gericht zu sitzen. Aber von Interesse ist es dennoch für uns, zu beobachten, wie ein moderner deutscher Dichter Juden und gar noch einen Rabbiner auf die Bühne stellt. Interessant und auch lehrreich. Ueber die Schinkensemmeln ivollen wir uns erst gar nicht cchauffiren. Fremder war niemand dabei, roh war der Schinken auch noch, wie Frau Hartmeyer mit Bedauern constatirt und Dr. Markuse ist ja gefaßt darauf, daß „auch der ihm den Hals bricht". Die Entrüstung orthodoxer Zuschauer beim „Hineinbeißen" des Rabbiners, das von den höhnischen Worten begleitet ist: „Aber hingegen treffe ist es", will ich erst gar nicht ausmalen. Und'selbst ganz freisinnige Israeliten werden sie theilen. Seit wann darf ein Rabbiner Schinkensemmeln essen? Wie kommt er dazu, sich das Vorrecht des Cultusvorstehers, ja oft genug das all seiner Seelsorge Befohlenen anzueignen? Wird er er nicht dafür bezahlt, daß er als Todtenwächter treulich Wacht halte bei all den Ritualvorschriften, die die Gemeindemitglieder selbst für den eigenen Bedarf längst gestrichen haben? Wie wagt ein „ehrwürdiger Diener Gottes" mit Hilfe vori Schinkensemmeln die Kluft überbrücken zu wollen, die ihn von seiner Gemeinde trennt, von der Gemeinde, die schrankenlos das moderne Leben vertritt, während der Rabbiner die abgethane Lehre zu hüten hat? Mit sicherer Kürze hat Sudermann hier die das ganze Judenthum bis zur Verzweiflung aller Einsichtsvollen unterwühlende Kluft zwischen Lehre und Leben gezeichnet. Ihm genügte es bei den Schinkensemmeln. Daß aber allein in diesem schreienden Widerstande das ganze Leid des modernen innerjüdischen Lebens enthalten ist, daß das krampfhafte Nachhinken des alten Judenthumes nach dem modernen Leben und seinen Rechten allein die Schuld trägt an den Massentauscn, den leeren Synagogen, dem so rnangelhaften Religionsunterrichte u. s. w. habe ich an anderer Stelle*) offen auseinandergesetzt und die Wege zur Hilfe angedeutet. Die sechste Scene im dritten Acte ist nicht nur des Stückes beste, sondern auch die für uns interessanteste. Vater und Sohn stehen einander gegenüber. Der alte Rabbi mit seinen . Träumen von anno 1848 - und seinen Schinkensemmeln und der Sohn, ein durch die Erfahrungen seines Studentenlebens verbitterter junger Jude socialer Couleur. Hören wir einmal des Letzteren Beichte: „Siegfried: Glaubst du. ich stak nicht auch mal voll von den sogenannten socialen Jnstuicten? Ich Hab' mir auch mal die Beine danach ausgelassen,'mit jenen dort Freund und cochon zu sein Aber glaubst du, sie wollten mich? Nicht mal als eoodou ... Als du mich vor drei Semestern ins Reich schicktest, Burschenschafter zu *) „Judenthum und Entwicklungslehre", Berlin, 1903, Calvary und Eo.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.