Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Ee 71s MN Dich über die Leiter hinabzutragen. Du bist wirklich schön zusammengestellt, meine Liebe, und dabei sind das noch gute Sachen. „Es ist, was die Anzeigen einen Geschäfts-Anzug nennen." Ediths Ton war undurchdringlich. „Du siehst, ich gehe mir meine Erbschaft abholen, und da sie fo klein ist, werde ich mir sie in Kupfermünzen geben lassen und in diesen großen Taschen nach Hause tragen." In dieser herausfordernden Stimmung gelangte das,. Mädchen bis auf den Irving-Platz, dann beruhigte sie sich. Scheu und unentschlossen ging sie nach der Sechzehnten Straße. Die Fabrik cm der Ecke füllte die Luft mit kräftigem Chocolade- Geruch. Aus dem hochgelegenen Stallfenster eines Pferdeverleihers steckte ein ländlich aussehendes weißes Pferd seinen Kopf und sah gar nicht an seinem Platze aus. Eitl auffallender deutscher Schauspieler in Lackstiefletten nüt hohen Absätzen eilte südwärts nach dem Theater, offenbar hatte er etwas vergessen, denn er wandte sich und kam zurück. Edith hatte fast ihren Bestimmungsort erreicht, lvar aber noch ganz unentschlossen, ob sie sich Herrn Josephs vertrauen oder ruhig nach Hause gehen und sich es noch einmal überlegen sollte. Der Schauspieler erschien plötzlich an ihrer Seite und ging neben ihr her, mit fo strahlenden Erobererblicken nach ihr, daß sie ohne weiteres Zögern die Stufen zu Herrn Josephs Haus hinanstieg und rasch an der Glocke riß. Mall führte sie in ein großes Zimmer, das mit den verwerflichsten Gegenständeli angefüllt lvar: Möbeln aus der ersten Zeit der Königin Victoria, mit abscheulichen, verblaßten Bezügen, flachen, trockenen Bildern untersetzter Männer, offenbar Capitalisten, Frauen in schreienden Atlaskleidern mit schweren Goldketten und blumengeschmückten Hauben. Obgleich wenig besser als Schildmalerei, hatten diese Bilder doch einen überzeugenden Anschein von Aehnlichkeit. Auf Tischen mit Marmorplatten lagen Stöße alter Bücher — Geschenke in Prachtausgaben, und ihre Seitenstücke aus neuer Zeit, unmögliche Rauch-Necessaire aus versilbertem Steingut und Bronce, es gab da gräuliche Staffeleien, auf welchen Bilder auf Porzellan gemalt in Plüfchrahmen standen, schreckliche Aschenschalen, Papiermesser, Thermometer in geschmacklosester Ausführung. Edith wurde ganz ängstlich. Konnten Herrn Josephs Manieren und Erscheinung blos zufällig sein. Wie, wenn Frau Brand recht hätte und dieses Zimmer der richtige Maßstab für feinen Bildungsgrad wäre. (Schluß folgt.) Literatur. „Jud nthum und Entwicklungslehre". Professor Delitzsch hat an den Strängen gezogen und es bimmelt in Einemfort: „Babel Bibel Bibel Babel." Der Büchermarkt ist überschwemmt mit kritischen und polemisirendeu Broschüren „Babel — Bibel", und wenn Delitzsch Alles gesammelt, was gegen ihn geschrieben und gedruckt, so mutz er einen Cimbarasso aufgethürmt haben! „Wer zählt die Autoren, kennt die Namen, die mit ihren Broschüren kamen?“ Fast jeder Morgen bringt mir eine mir vom Verfasser verehrte Pnblication „Babel und Bibel", die ich dankbar empfange, aber undankbarer Weise nicht lese, .'da mir die Kompetenz zur Entscheidung fehlt, ob Hammnrabi oder Moses Jahwa entdeckt oder erkannt habe. Der deutsche Kaiser kann sich das Vergnügen eines voreiligen Urtheiles gönnen und die Entdeckungen des deutschen Professors als einen Schlag für das gläubige Judenthum begrüßen, welches dadurch seines Nimbus entkleidet wird. Gewöhnliche Sterbliche müssen ihr Urtheil besser hüten und die weiteren Forschungen, die Beseitigung eines drcitansendjährigen Schuttes abwarten, um sich darüber auszusprechen, ob die Babylonier oder die Juden zuerst Gott anbeteten und durch Gesetze der Menschlichkeit den Weg der Cultur betraten. Neulich aber habe ich doch ein auf die große, von Delitzsch lancirte Affaire bezügliches Heft gelesen. Der Namen des Verfassers hat niich hierzu verführt. „Judenthum und Entwicklungslehr e" vom Landesrabbiner von Tirol Dr. Tänzer; den Manen des Prof. Moritz Lazarus gewidmet. Die jüdischen Gemeinden von Hohenems und Innsbruck müssen sehr vorgeschritten und vorurtheilsfrei sein, wenn ihr Rabbiner es sich nicht versagen muß, männlich frei und offen Ansichten auszusprechen, die dem Gelehrten Ehre, dem Rabbiner aber Gegner machen. Daß er skeptisch der biblischen Darstellung der Welterschapung gegenübersteht — wer will es ihm verdenken? Es wird in unserer Zeit auch kein Junge, der aus der Bürgerschule ausgetreten, glauben, daß diese glühende Sonne, dieser Mond mit seinem wechselnden Lichte, diese zahllosen Sterne, Planeten und Kometen an einem einzigen Mittwoch, die gesammte Thierwelt am daraus folgenden Tage entstanden und diese ganze große unendliche Welt, die zu ihrem Werden ungezählte Millionen von Jahren bedurfte, in einer Woche aus dem Nichts herausgewachseu; aber Herr Dr. Tänzer soll dies Bekenntniß als Rabbiner in Brody, Kolomea oder Husiatyn ablegcn und sich umsehen, wie er hinauskommt! Wer will es leugnen, daß das vorgeschrittene, gebildete Judenthum des Westens, wenn es auch treu und fromm zur ererbten Religion und ihren hauptsächlichsten Vorschriften hält, den Standpunkt des Dr. Tänzer theilt und nicht alle Darstellungen der Bibel ä la lettre, so wie diese selbst nicht als ein Dictat Gottes, sondern als das älteste Geschichtsbuch, als verehrungswürdiges Werk genialer, göttlich insvirirter Menschen nimmt. Aber die Hauptsache für uns bleibt der Monotheismus, dessen Urahn unser Vorfahr Abrahm aus Ur war und der sich bei uns im Laufe der Jahrtausende rein erhalten, trotz der Egypter, der Babylonier, der Griechen und Römer. Diese erhabene Idee, welche jetzt den größten Theil der Welt erleuchtet, will man uns neidischer Weise wegescamotiren. Die Herren Brugsch, Hartmann, Delitzsch gönnen sie den Egyptern, Phöniziern, Baby'oniern, von denen wir sie übernommen haben sollen, nur nicht den Inden, deren Paternität hier außer Zweifel steht, und Professor König meint ganz richtig: wcu um will man den Israeliten das wegnehmen. was rein von ihnen herrühret? — Auf welch' hoher Stufe cnltnreller Entwicklung die Juden schon vor Jahrtausenden standen, als noch die meisten Völker in barbarischer Wildheit lebten, die Germanen in Höhlen wohnten, sich in rauhe Thierfelle kleideten nnd ihren Wuotan anbeteten, weist Dr. Tänzer dadurch nach, daß die mosaischen Gesetze humane Bestimmungen zu Gunsten der Fremden, der Sclaven, der Knechte und sogar der Thiere enthalten. „Wollte Gott, seufzt der Verfasser, man hätte jetzt, nach 3200 Jahren, solche humane Gesetze in Wien, in Rußland und in Rumänien zu Gunsten der Juden!“ Diesen Wunsch können wir unterschreibe», ebenso die Bemerkung, daß die Urheber der Bibel geistig den König Hammurabi unendlich überragen mußten, da von diesem nichts als einige Thoutaferl zurückblieben, während jene ein unvergängliches, weltbeherrschendes Werk blieb, die Grundlage der Moral, der Cultur, des Rechtes und der Humanität. Dagegen müssen wir die Richtigkeit der Behauptung in Frage stellen, daß die Inden bestrebt seien, die Schranken freien Denkens und jene Dogmen fallen zu lassen, die im Widerspruch zu Vernunft und Wissenschaft stehen. Lieber Doctor Tänzer, Sie sind ein Schwärmer oder Sie sehen die wenigen Juden Tirols, die unter Ihrem Scepter leben, für die Gesammtheit an. Reisen Sie einmal ostwärts. in die Flußniederungen des Dniesters, der Weichsel und des Dneprs, erzählen Sie den dortigen zu einem Vortrage in die Synagoge einbernsenen Juden, daß die moderne Wissenschaft die Darstellungen d.r Bibel gründlich erschüttert, daß die zehn Gebote einen menschlichen Autor gehabt hätten, daß der Schulchau-Aruch, die Speise- und Sabathgcsetze reformbedürftig seien und daß eine Synode über die Deutungen und Bestimmungen des Talmuds zu Gerichte sitzen soll — und wenn Sie da ungesteinigt davon kommen, dann lassen Sie sich gratuliren! Die Sonne der Aufklärung hat nicht denselben Weg wie die Sonne des Lichtes. Diese geht im Osten auf, jene beleuchtet zuerst den Westen. Noch liegen die östlichen Ebenen im Schatten der Nacht und in diesem nächtlichen Schatten leben fünf Millionen Juden, die für eine Reform nicht vorbereitet sind. Lasten wir vorerst die Schule» wirken, welche die Geister langsam präpariren; nach und nach wird es auch hier Heller werden — n a ch u n d n a ch, wie der Werdegang der Schöpfung nach wissenschaftlichen Begriffen — aber bis die aus dem Westen kommende Sonne alle Schichten durchdrungen, werde» manche Generationen zu Grabe gehen! Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel. Gesellschaft zur Ersorschunq jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt a. M. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler (E. B.) zu Frankfurt a. M. hat soeben die Hefte IU und IV ihrer Mittheilungen erscheinen lassen. Cie find in demselben vornehm künstlerischen Geschmack ausgestattet wie die vorher herausgegebenen Hefte und zeichnen sich durch besonders reiches Material von Abbildungen aus. Das zweite Heft der Mittheilungen hatte eine Abhandlung über Bau und Ausschmückung alter Synagogen mit zahlreichen vortrefflichen Illustrationen gebracht; das neue Doppelheft enthält eine ausführliche Erörterung über alte Cultusgegenstände in Synagoge und Haus, in der es heißt: „Sie kann nicht viel mehr enthalten, als eine Aufzählung der Gegenstände, die als jüdische zu bezeichnen find, und einige Bemerkungen über ihre Form, Farbe und Verzierung; denn wie bei den Synagogen ist auch hierbei eine systematische, die Entwicklungsreihen kunfihistorifch oder ästhetisch darstellende wissenschaftliche Arbeit zunächst ausgeschlossen. Bevor eine solche in Angriff genommen werden kann, wird die Forschung noch