Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 718 Dr. Vlocb's TOocbenscbritt Nr. 45 Feuilleton. gttlinn Meldohla. Von Mary Maß. IX. Herr Josephs ist ein Gentleman. Als Josephs Edith allein gelassen hatte, eilte sie in ihr Zimmer, verriegelte die Thür, setzte sich nachdenklich vor den Spiegel und unterwarf sich der genauesten Prüfung, um die Racen-Mcrkmale aufzufinden, von welchen er mit solcher Anerkennung sprach. Nach ihrer Erfahrung — mit Ausnahme der armen Leute im Quartier — war eine Jüdin eine fettleibige, schnurbärtige Person, hakennasig, deren Leiblichkeit Raum für die Entfaltung von Mieder und Schmuck bot. Als sie sich ansah, entschied sie, daß dieser Eindruck wohl auch Abänderungen zulasse. Dann als sie sich erinnerte, daß Töchter bekanntlich zumeist den Vätern ähnlich - sehen, war sie einen Augenblick zweifelhaft. Plötzlich stieg Herrn Josephs seines, schönes, geistreiches Gesicht vor ihrer Erinnerung auf. Er hatte so wenig Gemeinsames mit dem durchschnittlichen reichen Juden, der im Restaurant mit Geräusch speiste, als der Herzog von Wellington mit einem buUäoKA-gesichtigen irischen Bauernknecht, oder ein wohlerzogener Gentleman mit der Gattung christlicher Ncw-Aorker, wie sie sie manchmal auf Ocean- Dampfern gesehen hatte. Es war Alles sehr eigenthümlich. Sie dachte an tausend kleine Dinge, die, an sich unbedeutend, doch unberechenbare Veränderungen kennzeichneten. Sie konnte nie mehr sagen: „Wir Angelsachsen, wir Arier." — Sie war eine Halb-Semitin: sic gehörte zum Osten; sie hatte serne, unbekannte Verwandtschaften. Kein Wunder, daß sie an eigenthümlicher Schnsucht litt, an Jnstincten, verschieden von denen der Leute rings um sie. Julian! Er war dasselbe. Kein Wunder, daß sie zusammenkamen, kein Wunder. Sie wollte zu Herrn Josephs gehen. Sie wollte ihm die ganze Sache erzählen. Die bloße Erzählung würde ihr vielleicht das Herz erleichtern. Dann, vielleicht -Doch wie konnte sie es? Er war ganz Jude; wie konnte er verstehen? Uebcrdies war er schließlich doch nur ein Fremder. Was wußte sie von seiner Verschwiegenheit? Er konnte tactvolles Wohlwollen üben und Julian holen lassen. Sie erröthete bei diesem Gedanken. Nein, das nicht. Julian hatte sie thatsächlich einmal zurückgewiesen, sie konnte sich nicht der Gefahr aussetzen, das noch einmal durchzumachen. Unterdessen schleuderte Josephs sehr vergnügt die Straße hinab. Obgleich er Einmischungen sehr abgeneigt, dachte er doch nicht daran, auszuweichen, da ihm das Geschick einmal die Rolle des d6U8 ex maehina ausgedrängt hatte. Man muß mehr als ein Heiliger sein, um nicht mit Vergnügen die Gelegenheit zu ergreifen, sich für rohe Beleidigungen zu rächen und einem geliebten Freunde zu helfen. Als er mit Julian darüber sprach, wie unangenehm es sei, mit Leuten in Berührung zu kommen, die ihn wegen seiner Racen unliebenswürdig behandelten, hätte er der Wahrheit entsprechend hinzusügen können, daß ein solcher Mangel an guten Manieren oft einen Reflex in der Richtung des Angreifers entwickelte. Als er schreibend an seinem Pult in der Bank saß, spielte mehr als einmal ein unergründliches Lächeln um seinen Mund, ein Lächeln, das durch einen köstlich boshaften Ausblick auf die Unannehmlichkeiten, die Frau Brand bevorstanden, hervorgerufen wurde. Diese arg beschimpfte Dame litt ihrerseits unter dem Gefühle, unverdienterwcise sehr schlecht behandelt worden zu sein. Sie hatte gewohnheitsgemäß das gethan, was sie für ihre Pflicht hielt, unter dem schweigenden aber bindenden Uebereinkommen mit der Vorsehung, daß diese sie dereinst für ihre Rechtlichkeit belohnen, und schon in dieser Welt all ihren Unternehmungen Gedechen und Segen verleihen werde. Sie war ganz aus dem gewohnten Gleichgewicht gebracht, als sie sich von dem Verbündeten ihrer ganzen Lebenszeit verlassen sah. Nach der rechten Richtung gestrichen, war sie weichste Seide, aber ein Strich in der Unrechten Richtung brachte eine starrende Schlachtordnung von Stachelborsten hervor. Obgleich Edith viel Rücksicht für die Gefühle ihrer Tante gezeigt .hatte, waren die Borsten doch sichtbar in Zunahme begriffen, als sich die Damen am Morgen nach Herrn Josephs Besuch nach dem Frühstück trafen. Edith war jeden Augenblick anderen Sinnes, ob sie ihr Uebereinkommen einhalten sollte. Der Wunsch, von Julian zu sprechen, war so lebhaft, daß sie sich kaum in die Nähe dieses mitfühlenden Fremden wagte, da sie wohl wußte, daß ihre Geschichte schwer in passende Worte zu bringen war. Ihr Gehen schwankte in der Wagschale, als Frau Brand's Beherrschung plötzlich schnappend niederbrach. .. „Ich sehe in den heutigen Morgenblättern, daß die Goldbergs aus Long Brarch zurückgekommen sind, Edith", bemerkte sie schneidend. „Das sind vermuthlich Verwandte von Dir und werden uns in kürzester Zeit die Ehre erweisen, Karten bei uns abzugeben." Der vollendeten Höflichkeit des Herrn Josephs gedenkend, hatte Edith eine Empfindung aufsteigender Gegnerschaft. Die Götter hatten offenbar beschlossen, Frau Brand zu verderben, denn sie fuhr fort: „Herr und Frau Ezechiel Blum machen Anzeige von der Verlobung ihrer Tochter Rachel Birdie mit Herrn Samuel Aaronson, ältesten Sohn von Herrn und Frau Haman Aaronson aus Ionkers." „Das ist Dein rechter Cousin Edith!" „Herr Josephs ist ein Gentleman!" unterbrach sie mit wachsender Wärme. „Warum sollten diese Leute nicht auch sehr anständig sein!" „Herr und Frau Ezechiel Blum!" wiederholte Frau Brand, als ob das ein unwiderlegliches Argument wäre. „Du hast kein Recht, danach zu urtheilen, Tante Margarethe!" Es ist anders, aber um nichts schlimmer als die Nachrichten aus der sogenannten, wirklichen guten Gesellschaft. Das Mädchen las über die Schulter ihrer Tante: „Herr und Frau Rcggie Smirk werden ihre Villa „Sehr Schön" in Newport mit einer großen Gesellschaft aus Hallowen eröffnen. Die Gäste werden nach wirklichen Aepfeln in silbernen Kübeln schlagen und Champagner wird statt Wasser benützt werden!" Nun, kann man sich etwas Gemeineres vorstellen als das? Nur sind nur so gewohnt daran, daß es uns nicht mehr auffällt. „Nun Edith! — Frau Brand gewann ein wenig Ueberlegung zurück — natürlich kann ich Dich nicht verhindern, aber ich muß sagen, daß es sehr undankbar von Dir ist, das geringste Interesse an diesen Leuten zu zeigen, nach all der Mühe, die ich mir gegeben habe, Dich vor den Nachtheilen zu bewahren, mit einer solchen Sippschaft belastet zu sein." Der Bortheil wollte Edith gar nicht einleuchten, die in diesem Augenblick vielmehr dachte, daß es eine Entschädigung für Manches gewesen wäre, mehr von ihrem eigenen Fleisch und Blut zu wissen. „Und dann noch Eines!" fuhr Frau Brand mit Salbung fort, „bedenke, daß, wenn Du einmal die Schranke überschreitest und Dich zu ihnen gesellst, Du es sehr schwer finden wirst, sie wieder los zu werden. Sie werden nicht!" „Entschuldige Tante", — Edith sah nach der Uhr — „ich habe eine Bestellung und es ist spät." Sie eilte aus dem Zimmer und erschien in einigen Augenblicken wieder bereits zum Ausgehen angezogen. Sie trug den längsten und weitesten drappsarbenen Paletot, herausfordernde Hundsleder-Handschuhe und eine kecke kleine Toqne, die schief auf dem weichen Goldhaar saß. „Um des Himmels Willen, Kind! brennt das Haus?" Nachdem sie sich so erleichtert hatte, beruhigte sie sich und überdies erweichte es sie, daß Ediths vornehmes Aussehen sich trotz der Verachtung der äußern Erscheinung siegreich behauptete. „Brennen? Was meinst Du?" Edith sprach undeutlich, da sie eben einen dichten Schleier vorband. „Nun, daß Du aussiehst, als ob Du ein paar Sachen zusammengerafft hättest, während der Feuerwehrmann wartet,