Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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&ätt 716 Dr. Mocb's Wocbenscbrttt. Rr. 45 kleinen Zahl von Juden ist es er lau', t, überall im Reiche zu wohnen — das sind die Kaufleute erster Gilde und diejenigen, welche einen akademischen Grad besitzen. Wie schwierig es aber den Juden gemacht wird, einen solchen Grad zu erwerben, davon hat man außerhalb Rußlands kaum eine richtige Vorstellung. So besteht die Bestimmung, daß in den Lehranstalten der Gouvernements, in denen die Juden zu wohnen berechtigt sind, nur 10 Pcocent der Schüler mosaisch sein dürfen, in solchen Gouvernements 'aber, wo ihnen der Aufenthalt nur unter den obenerwähnten Bedingungen erlaubt ist, darf die Zahl der jüdischen Schüler blvs 5 Procent und in Petersburg sogar nur 3 Procent ausmachen. Diese Umstände haben zu der eigenthümlichen Praxis geführt, daß jüdische Väter ihre Söhne sofort nach der Geburt zum Eintritt bei einer bestimmten Schule anmelden, der also erst in acht bis zehn Jahren stattfinden kann. Wie die ,Düna- Zeitung^ mittheilt, sind in einer Schule von Petersburg zur Zeit sämmtliche für jüdische Knaben vacanten Plätze bis zum ^ahre 1912 besetzt und nur inzwischen eintretende unvorhergesehene Ereignisse, wie schwere Erkrankung, Tod der Kinder oder Ueberfiedelung der Eltern in einen anderen Wohnort, würden in jener Anstalt den Eintritt anderer jüdischer Schüler ermöglichen. Ebenso beschränkt ist die Zulassung von Juden zu dcn Universitäten, in Petersburg dürfen es rur 3 Procent aller Studenten sein, auf keiner der füdruffischen Universitäten werden mehr als 10 Procent ausgenommen. Da den Juden der Staatsdienst als Lehrer und Profesioren verschlossen ist, so bleibt ihnen, wenn sie einmal die Eclaubniß zum Besuche der Universität erhalten haben, kaum etwas anderes übrig, als sich dem Studium der Medicin zu widmen. Seit 20 Jahren sind in Rußland die gegen die Juden gerichteten Gesetze stets verschärft worden. Das Gesetz vom Jahre 1882 zwängte sie in die Städte, 1866 wurde den Juden die Laufbahn von Officieren und Militärärzten verschlossen und 1887 wurde denjenigen Juden, die sich vor 1882 auf dem flachen Lande niedergelassen hatten, verboten, aus einem Dorfe in das andere zu ziehen. In den Jahren 1887 und 1888 wurden die Bestimmungen zum Besuche der Un*öei fitottn so verschärft, daß es den Juden fast unmöglich wurde, eine höhere Stellung sich anzueignen. Im Jahre 1889 verschloß man ihnen die richterliche Carriöre und 1892 wurde ihnen untersagt, als Wähler oder als Gewählte an der Localverwaltung theilzunehmen. Innerhalb des Ansiedelungsgebietes wurde einigen Städten der Charakter von Dörfern gegeben, wodurch wiederum die Bewegungsfreiheit der Juden eingeschränkt wurde. Nach dem Regierungsantritte des Kaisers Nikolai II. hatte es den Anschein, als ob wenigstens die judenfeindliche Gksetzgebung zum Stillstand kommen würde, allein von einer Milderung der bestehenden Gesetze ist bisher wenig zu spüren gewesen, und die einzige bedeutsame Maßregel in dieser Richtung war wohl die nach den Metzeleien von Kischenew erfolgte Freige.buug einer Anzahl Städte für die Juden im Ansiedelungsgeb ete. Diese Politik der Absonderung und Ausschließung gegenüber den Juden hat, wie leicht zu erklären, vielfach zur Umgehung der Gesetze geführt und in gewissen Kreisen des ruffischen Beamtenthums nur die Corruption gefördert. Obgleich den Juden das Wohnen in Moskau verboten war, hatten sich dort im Laufe der Jahre viele Juden niedergelasten und die Polizei gab sich den Anschein, als ob sie nichts sehe. Als dann plötzlich von Petersburg die strenge Ausführung des Gesetzes verlangt wurde, mußten Tausende die Stadt verlosten und sie verloren dabei nicht nur ihren Erwerb, sondern vergrößerten auch das unter den Juden im Ansiedelungsgebiete herrschende Elend, indem sie die Coucurreuz verschärften und vielfach Unterstützung in Anspruch nehmen mußten. Ebenso sind in Kiew und anderen Städten wiederholt Jaden, die dort nicht zu wohnen berechtigt waren, denen aber die Polizei Jahre lang den Aufeuthalt gestattet hatte, ausgewiesen und iu's Elend gestürzt worden. Andererseits sind Fälle bekannt geworden, welche manche auf die Juden bezüglichen Bestimmungen als verfehlte erscheinen lasten, so z. B. der Fall eines jungen jüdischen Arztes in Petersburg, der auf Grund seines akademischen Grades das Recht hatte, überall in Rußland zu wohnen, und seinen Vater als seinen Diener und seine Mutter ats seine Köchin bei der Polizei anmeldete, nur um es ihnen möglich zu machen, bei ihm wohnen zu dürfen. Selbst wenn cs wahr sein sollte, daß in einem großen Theile des russischen Volkes der Antisemitismus Wurzel gefaßt hat, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß sich diese Gefühle nie in Gewaltthaten gegen die Juden Luft machen würden, wenn die Agitatoren nicht die Behauptung aufstellen könnten, daß die Behörden mit der M ßhandlung der Juden einverstanden seien, wenn nicht gar diejelbe anbefohlen hätten. So war es schon bei den Judenhetzen vor 21 Jahren, so ist es in diesem Jahre bei den Metzeleien in Kischenew und bei den Ruhestörungen in Homel gewesen. Die Behauptung der Agitatoren mag noch so unbegründet sein — die Bauern halten sie für wahr, weil sie sich nicht denken können, daß angesichts der zahlreichen Polizei und des Militärs etwas geschehen kann, was nicht von den Behörden gebilligt wird. Unter solchen Umständen erwächst der russischen Regierung die Pflicht, aufklärend aus ihre Organe in der Provinz zu wirken, so daß wenigstens Mordthaten und Plünderungen, wie sie sich leider in diesem Jahre mehrfach ereignet haben, nicht mehr Vorkommen können. Wenn die Regierung sich ferner dazu entschließen würde, die ungerechten Beschränkungen, denen die Juden in ihrer Ecwerbsfähigkeit unterworfen sind, allmählich aufzuheben, so könnte sie sicher sein, dadurch die große Maste der russischen Juden in patriotische Bürger umzuwandeln. Kaiser Nikolai ll. hat schon manche Beweise humaner Gesinnung gegeben und man darf daher wohl annehmen, daß er auch die Lage seiner jüdischen Unterthanen zu verbessern geneigt ist. Eine russische Stimme zu Gunsten der Juden. Petersburg. Das Stadthaupt von Kiew, W. N. Prozenko, hat sich an den Minister der Bolksaufklärung mit dem Gesuche gewandt, 22 Juden in die Zahl der Studirenden der Kiewer Universität aufzunehmen, die den Cursus der örtlichen Gymnasien absolvirt haben und nur wegen der Begrenzung der Zahl der jüdischen Studirenden durch einen festen Procentsatz an der Fortsetzung ihres Bildungsganges gehindert werden. In seinem Gesuche weist Herr Prozenko unter Anderem darauf hin, daß die Juden sich überaus eifrig an vielen örtlichen Wohlthätigkeitsunternehmungen betheiligen und große Opferwilligkeit in allen Fragen bekunden, die das Schul- und Erziehungswesen betreffen. Viele der Kiewer Erziehungsanstalten verdanken ihren Bestand lediglich der Munificenz der jüdischen Mitbürger. — Dieses Gesuch steht nicht nur in einem wohlthuenden Gegensatz zu den jüngsten Rede > der Gouverneure Trepow und Klingenberg, sondern es gibt auch eine sehr beherzigenswerthe Erklärung für die in diesen Reden hervorgehobene Erscheinung, falls Letztere überhaupt zutrifft; denn es ist wohl ohne Weiteres klar, daß junge L ule, die man bis an die Pforten der Hochschule herankommen läßt, dann aber lediglich ihrer Nationalität, bezw. ihrer Religion wegen ausschließt, s hr zugänglich für jede Art von revolutionärer Propaganda sind. Die russischen Staatsmänner, die die Juden beschuldigen zu dürfen glauben, daß ihre Jugend besonders lebhaft an der gegen die Regierung gerichteten Bewegung betheiligt ist, können hieraus sehen, daß es die Regierung zum Theil selbst ist, die die Juden durch ihre rückständige Gesetzgebung der Umsturzbewegung geradezu in die Arme treibt. Einweihung des Guggenheim-Hospitals in Philadelphia. Am 4. October Nachmittag wurde in Philadelphia das von Herrn May:r Guggenheim von New Jork gestiftete Hospital nebst einem Operationsgebäude und einem Heim für Wärterinnen, ein Anbau des hiesigen jüdischen Hospitals, unter entsprechenden Feierlichkeiten eingeweiht. Das Guggenheim Privat-Hospital ist als ein Flügel des Hauptgebäudes errichtet und so eingerichtet, daß die Corridore des einen in jedem Stockwerke in die des anderen einmünden. Es werden nur zahlende Patienten darin Aufnahme finden, und daher kommen die großen Kraukensäle in Wegfall. Jeder Patient hat ein schön eingerichtetes Krankenzimmer mit anstoßendem Badezimmer. Der Stil des neuen Gebäudes ist der neugriechische, und als Baumaterial für die Fatzaden kam rothe Terra Cotta nebst Ziegelsteinen zur Verwendung. Das Gebäude ist vierstöckig, und daß die beste Beleuchtung, Ventilation, Heizung und sonstige sanitären Einrichtungen vorgesehen sind, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Das Guggenheimer Privat-Hospital ist auf die Aufnahme von vierzig Patienten berechnet, und seine Kosten haben Dollars 90.000 betragen. Das Eisner-Heim für Krankenwärtecinnen, ein Geschenk der Frau Sarah Eisner, ist im Villa-Stil gebaut und für die Aufnahme von vierzig Krankenwärterinnen berechnet. Es hat Dollars 22.000 gekostet. Das Loeb-Operationsgebäude, ein Geschenk von Max B. und Henrietta F. Loeb, die es zum Andenken an Samuel und Babette Frank und Henry S. Frank mit einem Kostenaufwande von Dollars 20.000 errichten ließen, ist gänzlich aus feuerfestem Material hergestellt und durch einen überdachten, breiten Gang