Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Dlocb s MlocbenscbrM. Seite 715 Das war unser A, B, C, die erste unentbehrlichste Vorstufe zu jedem weiteren Studium. Dann mußten wir die Nationalhymne singen lernen, d. i. ein Gebet, daß Gott über den Czaren wachen und ihn über alle seine Feinde triumphiren lassen möge. Soweit vorbereitet, schritten wir zur nächsten, weniger wichtigen Stufe vor, zum Schreiben und Lesen. Was für Gelehrte wir wurden! Wie wohlunterrichtet wir waren über die Czarenfamilie! Zu solchen Schulen werden Alle ohne Unterschied zugelassen. Aber auf den Gymnasien und Universitäten, den eigentlichen Unterrichtsanstalten, werden die Juden gezählt, gemessen und gewogen, daß sie nur ja nicht mehr als 5 Percent aller Schüler und Studenten ausmachen. Wie viele abgewiesen werden — mag Rußland sie zählen, uns kann es nur Schmerz bereiten. Ausgeschlossen von jedem Wege, der zu Ehren oder einer gewissen Würdigung oder zum Genuß des Lebens führt, kann der Jude nicht einmal in seiner Erniedrigung in Ruhe leben, sondern er wird beschimpft und verhöhnt vom untersten Beamten, vom ärmsten Edelmann, vom rohesten Bauern. Seine Rellgion wird lächerlich gemacht; seine heiligsten Gebräuche gelten als besonders geeignet, verspottet zu werden. Ein Hauch, der leiseste Schatten eines Verdachtes, daß er zu den Nihilisten gehöre, genügt, ihn nach Sibirien zu bringen, wo sein Name, seine Existenz so vollständig ans dem Gedächtniß verschwinden, als wäre er nie gewesen. Aber bedarf es auch nur eines Verdachtes, sollen wir von individuellen Leiden sprechen, wo Hunderte beraubt und gemordet nwrden mit einer Grausamkeit und Wildheit, im Vergleich zu welcher die Thaten der spanischen Inquisition verblassen? Welche Ausflüchte will Rußland machen, die Bartholomäusnacht-Metzeleien in Bessarabien zu entschuldigen, die drei Tage dauern du'ften, ohne daß die Regierung sich einmischte? Eine glatte r.bleugnung. als handelte es sich um Vorkommnisse auf dem Mond, auf deren Berichterstattung wir uns den Genius russischer Forschung angewiesen wären. Zermürbt, eingeengt, (- üudenbock und Prügelknabe von Bauer und Edelmann, alles dessen beraubt, was das Leben lebenswerth wacht und zum Schluß verächtlich weggeworfen, wird der Jude von günstigen Winden aus einem ganz und gar finstern Lande hinweggetragen in einen Hafen der Freiheit und Ruhe. Man frage Jemand, der fünfzehn Jahre hindurch in einer Kerkerzelle zugebracht hat. was es heißt, das Licht des Tages zu erblicken. Man frage einen Galeerensklaven. was es heißt, ungefesselt sitzen, und man wird wissen, was Freiheit ifr. In den Straßen frei und ohne Furcht einhergehen, wohin er will, sich inenden, zur Wahl zngelassen werden, an allen höheren und Hochschulen willkommen geheißen, vor Gott und Menschen frei und gleich, ein amerikanischer Bürger sein zu dürfen, das ist endlich für den J»>cu wahres, wirkliches Glück. Will man wissen, wie der Jude seine Rechte und Herrlichkeiten in dem Adoptivvaterlande schützt, dann braucht man nur zu höieu, wie er sagt, er sei ein „Amerikaner", und man lvird die Antwort aus seinem Tone heraushören Als eine Ausländerin, als eine Jüdin, ganz besonders aber als eine Amerikanerin. die Nutzen gezogen hat von der Wissen'chaft und der Gioßhcrzigkeit Amerikas, die in vollstem Maße die Freundschaft, den Rath und den Unterricht der besten von Amerikas Lehrern genossen hat, siehe ich aus aufrichtigem Herzen, daß Amerika fortfahren möge, wie bisher seine Mission zu erfüllen cm Verfolgten und Heimatlosen aller Racen und Glaubensbekenntnisse und den wohlverdienten Lohn zu empfangen, tiibcm cs sich vermehrt „wie die Sterne am Himmel mo der Sand am Meere." Die Exceffe in Kischencw. Die „National-Zeitung" erhält aus Odessa Mittyeilumzen über den Anklageact, den die Procuratur in Sachen der Krawalle von Kischenew verfaßt hat. Dieser Anklageact stellt die Ereignisse wesentlich anders dar, wie es der Minister des Innern. Herr v. Plehwe, in seinem Bericht an den Czaren gethan hat. In dem Berichte ivnrde bezüglich der Cntstehnngsursache der Krawalle von Minister Plehwe behauptet: lim 4 Uhr setzte sich eine christliche Frau mit einem Kinde in einen Wagen des Carroussels. Der Besitzer desselben, ein Jude, stieß sie weg und schlug sie dabei so stark, daß das Kind ihr aus den Armen siel. Dieser Vorfall war der Nächstliegende Anlaß zu den Krawallen. Die gerichtliche Untersuchung hat dagegen solgenden Thatbestand festgestellt, wie er in der Anklage zum Ausdrucke kommt: Auf dem Tschichlinplatz, wo ein Carroussel stand, das aber am Feiertag geschlossen nun*, sammelte sich schon am Morgen eine Menge Leute an, darunter viele Knaben. Gegen 2 Uhr Nachmittags betrug die Zahl der Angesaunnelteu etwa sechshundert. Um 4 Uhr vergrößerte sich der Haufen noch mehr. Es waren aitch Betrunkene darunter. Ans diesem Haufen löste sich eine Gruppe ab, die sich vor den Häusern ansammelte und Steine gegen die Fenster zu werfen begann. In der ministeriellen Darstellung wurdet: die Juden bekanntlich beschuldigt, auch am nächsten Tage die Krawalle und Greuel dadurch provocirt zu haben, daß sie vor einem neuen Bazar in kleiner Anzahl versammelte Christen überfielen und schlugen. Die gerichtliche Darstellung weicht auch hier von der ministeriellen ab. Im Anklageact heißt es: Am 7. April, vom Morgen an, sammelte sich die christliche Bevölkerung von Kischenew in großer Erregung an den verschiedenen Orten der Stadt und in den Vorstädten an. Sie bildeten kleine Gruppen, die lleberfälle auf Juden machten. Die lleberfälle nahmen einen immer schlimmeren Charakter an und endigten damit, daß um 10 und 11 Uhr die erwähnten Gruppen von Christen zu derselben Zeit an verschiedenen Orten der Stadl die Häuser der Juden zu demoliren und ihr Eigenthum zu plündern begannen. In der Darstellung des Ministers v. Plehwe wird die Zahl der geplünderten Häuser mit 700 angegeben. Die Anklage bemißt dieselben auf 1340. Ueber die Haltung der Kischenewer Polizei äußert sich die Anklage vernichtend. Es heißt da: Die Schutzleute standen meist als stumme Zuschauer bei den Krawallen. Unter solchen Umstünden konnte von einer Verhaftung der Räuber durch die Polizei am Orte des Verbrechens keine Rede sein. Die Unthütigkeit der Polizei in der Unterdrückung der Krawalle rief ein neues Gerücht hervor: daß die Regierung erlaube, die Juden zu erschlagen, weil sie Feinde des Vaterlandes seien. Die Räuber, von ihren Erfolgen und der Straflosigkeit ermuthigt, nahmen dieses Gerücht mit großer Freude auf, welches sich sehr schnell unter der raubenden Menge verbreitete und ihnen viel neue Energie und die Ueberzeugung von der Gesetzlichkeit ihrer Arbeit gab. Darum hatte die Zerstörung der Häuser einen so intensiven Charakter angenonunen und sich auf einen immer größeren Rayon verbreitet. In diesem furchtbaren Bilde der allgemeinen Krawalle sind die Juden in Todesschrecken gerathen und haben den Kopf verloren. Ein Theil eilte zum Bahnhof, um die Stadt zu verlassen, aber die Excedenten singen sie am Wege aus und schlugen sie. Ein anderer Theil hatte sich auf den Dachböden, in den Closets und den benachbarten Feldern verborgen, aber auch hier wurden sie von den Excedenten verfolgt und geschlagen. Ans Rußland. Von Arbeiterunruhen hört man nichts mehr, dagegen desto mehr von Drohungen gegen die Juden und angeblichen Ausschreitungen derselben gegen die Behörden. Fast hat es den Anschein, als ob zwischen diesen beiden Erscheinungen, dem Aufhören der Arbeiterunruhen und der Hetze gegen die Juden, ein gewisser Zusammenhang besteht. Zwei russische Gouverneure haben öffentliche Ansprachen gehalten, in denen sie erklärten, daß Juden nicht nur an den Arbeiterunruhen Antheil genommen, sondern dieselben geradezu hervorgerufen, sie geleitet hätten. Wir wissen nicht, bis zu welchem Grade diese Beschuldigungen, soweit einzelne Juden in Betracht kommen, berechtigt sind, sicher aber ist, daß die große Masse der russischen Juden — ihre Zahl wird verschieden auf 5 bis 6 Millionen angegeben — schon wegen der räumlichen Verhältnisse gar nicht in der Lage ist, an den revolutionären Bewegungen theilzunehmen. daher auch nicht für diese verantwortlich gemacht werden kann. Unter den Führern der revolutionären Bewegung in den Jahren 1877 bis 1881 befanden sich mehrere Juden, und eS wäre sogar auffallend, wenn solche nicht auch jetzt unter denjenigen zu finden wären, die mit den 'gegenwärtigen Zuständen unzufrieden sind und eine Aenderung der Verhältnisse herbeizuführen suchen. Ungerecht aber ist es, die große Masse der in dem sogenannten AnfiedelungSgebiete wohnenden Juden für Vorgänge in Rostow a. Don, in Tiflis, Charkow oder Odessa verantwortlich zu machen und sie für die dort vorgekommenen Arbeiterunruhen büßen zu lassen. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß die russische Politik gegenüber den Juden eine ganz andere ist als gegenüber den anderen Nationalitäten. Während man diese zu affimiliren, mit den Russen zu verschmelzen versucht, werden die Juden von den Russen förmlich abgeschlossen gehalten. Im Westen des Reiches — daS europäische Rußland allein umfaßt außer Finnland 60 Provinzen — find den Juden fünfzehn Provinzen angewiesen, in denen ihnen zu wohnen erlaubt ist; aber auch dort dürfen sie sich nicht unbeschränkt bewegen, denn es ist ihnen in jenen Provinzen nur in den Städten zu leben gestattet und der Ankauf von Land ist ihnen verboten. In einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze dürfen sie überhaupt kein Eigenthum besitzen. Rur einer