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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 714 Dr. Llocd's Mocbenscbrltt. Rr. 45 Jude, der erst vor Kurzem getauft worden, in großer Versammlung eine kirchenfeindliche Behauptung ausgesprochen. Der Mann hätte doch zweifellos besser gethan, Jude zu bleiben. (Beifall.) Man müsse es mit den Bedingungen, unter denen -der Üebertritt statifinden könne, recht genau nehmen. Vor jeder Aufnahme eines- Juden müsse Bericht erstattet werden u. s. w." Der Antrag wurde, wie gesagt, einstimmig von der gegenwärtig in Berlin tagenden fünften. Gcneralsynode angenommen. . Was „den gelehrten Juden" anbelangt, bei dem die Generalsynode durch ihren Beifall zu erkennen gab, daß er ' zweifellos besser gethan hätte, Jude zu bleiben,. so sind wir auch.'darin einer Meinung init der hochlöblichen Generalsynode. 1,893 wurde den preußischen Provinzialsynoden ein Enttvurf zur Verbesserung der Agende vorgelegt, „ohne Abschwächung des Bekenntnisses". Danach mußte „also der gelehrte Jude", der sich feines Atheismus öffentlich brüstete, sich zu dem üblichen Bekenntniß verpflichten, das der Geistliche vorspricht. Ein freigesinnter christlicher Professor der Theologie, den allerdings die Generalsynode wohl bald auf den Index setzen wird, hat herorgchobcn, wie erhebend dem gegenüber unser einfaches Bekenntniß in der Keduscha klingt: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth". ' Und deshalb befinden wir uns mit jenen Männern in Uebercinstimmung, wenn sie ernstlich gegen die Charakterlosigkeit und Heuchelei der Scheintaufen zu Felde ziehen. Die getauften „gelehrten Juden", die Herr Stöcker vorgeführt hat, sollten doch Nur' die Geschichte lernen. Die Geschichte lehrt uns, daß die' Marannen, die hastigen Ueberläufcr in allen großen Krisen, am schnellsten vernichtet worden sind. Die Marannen sind verfchwüttden, aber das Judenthum steht noch heute fest und unentwegt da. - Hamburg. Die Grundsteinlegung des neuen Logenhcims der Henry Jones-Loge (U. O. B. B) an der Hartungstraße fand unlängst in,feierlicher Weise statt. Außer den zahlreich erschienenen Logenbrüdern war eine große Anzahl hervorragender Gemeindemitglieder erschienen. Wir bemerkten n. A. die Herren Rabbiner Dr. Löwenthal, Prediger 'Dr. Rieger, sowie Vertreter des Vorstandes der Deutsch-Israelitischen Gemeinde und des Repräfentantencollcgiums. Eröffnet wurde die Feier durch einen kurzen Choral; sodann begrüßte der Mentor der Loge. Br. Gustav Tuch, die Erschienenen und wies in einer längeren Ansprache auf die bedeutsamen Ziele der von Henry Jones, einem geborenen Hamburger, am 13. October 1842 zuerst in Amerika gegründeten Orden der Bene Berith hin. Sodann wurde vom Redner die Urkunde über die Grundsteinlegung verlesen und diese wie die Jahresberichte der Henry Jones-Loge und der übrigen Institutionen, sowie je ein Exemplar der hiesigen Tageszeitungen und die gangbaren deutschen Münzen in den Grundstein versenkt. Hierauf erfolgte die feierliche Vermauerung des Grundsteins. Die ersten drei Hanimerschläge that der Vertreter des Grmeiudevostandes Herr Josef Schönfeld. Das von der Gesellschaft „Logenheim, G. m. b. H.", in der Hartungstraße 9/11 zu errichtende Gebäude dient vornehmlich den Zwecken der Henry Jones- Loge und ihren Institutionen und hat den Nebenzweck, seine Räume Dritten zu Festlichkeiten, wissenschaftlichen Vorträgen rc. zur Verfügung zu stellen. Im Keller befinden sich auch die Räume für die Israelitische Haushaltungsschnle, sowie die Küche und Nebenräume für den Restaürattonsbetrieb. In einem besonderen Anbau liegen hier die Logenräume. Von der Vorhalle aus führt eine breite Marmortreppe zum ersten Obergeschoß, welches die Festräume enthält. Im zweiten Obergeschoß sind die Reserveküchenräume. ein Bibliothekssaal, sowie u. A. die Räume für Sammlungen der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" vorgesehen. Der Bau wird nach oen Plänen und unter der Leitung des hiesigen Architekten Herrn S. Engel ausgcfübit. Warschau. Eine sehr interessante Statistik über die Beschäftigung der jüdischen Bevölkerung im Westgebiet veröffentlicht der halbamtliche„Warschawski Dnewnik". Es erweist sich, daß die Zahl der jüdischen Arbeiter auf den Fabriken im. Ansiedelungsrayon des Nordwestgebiets 22.279, des Südwestgebiets 9596 und in Südrußland 2058 Mann beträgt. Was das Handwerk hetrifft, das. die Juden der genannten Gebiete betreiben, so entfällt der stärkste. Procentsatz mit 88,71 pCt. auf die Schneider, alsdann folgen Schuster mit 17,04 pCt. und diverse Gewerke mit 11,57 pCt. Der Procentsatz der jüdischen Fabriken wird im Nordwestgebiet.auf 51, im Südwestgebiet auf 33,9 und in Südrußland auf 23,9 pCt. veranschlagt. Ueber die Verbreitung des Ackerbaues unter, den Juden werden folgende Angaben gemocht: Die Zahl der landwirthschaftlichen Colonien beträgt 301 mit einem Landbesitz von. 100.107 Deßjatin Land und 68.959 Seelen. Das Wachsthum der jüdischen Bevölkerung finden wir durch folgende Zahlen ausgedrückt: in der Periode von 1850—1860 wuchs die jüdische Bevölkerung um 11 pCt., 1870 um 13,4 und 1897 Um. 14,01 pCt. In den 114 Städten des Weichselgebiets belief sich die jüdische Bevölkerung in 66 Städten auf 50 pCt. und in Warschau auf, ein Drittel der Bevölkerung. Rede einer russischen Jüdin in Amerika. Der „Jewish Exponent“ veröffentlicht einen Vortrag, den eine junge begabte russische Jüdin, die erst vor zwei Jahren nach Amerika gekommen ist und dort die Wadleigh Bigh School besuchte, bei ihrem Abgänge gehalten hat. Die Rede lautet: i „Amerikaner, welche die Freiheit als ein angeborenes Recht ansehen, als etwas so Allgemeines und allen Zugängliches wie die Lust, mögen unbeschadet ihres Patriotismus sich nicht mehr darüber wundern und erstaunt sein, ganz so wie Jemand, der täglich die Lonne auf- und niedergehen sieht, nicht über diese Naturerscheinung sich wundert. Eine Sonnenfinsterniß ist viel mehr Gegenstand der Forschung und des Studiums. Der Fremde jedoch, der fortwährend unter verfinsterter Sonne, einer nicht wie die hier strahlenden, sondern matten und freudenlosen, seine Tage verbracht hat, mit welcher sprachlosen Verwunderung, welcher Andacht und Ehrfurcht sieht nicht er die Sonne der Freiheit sich aus der Finsterniß erheben! Jedoch wozu sich in Allgemeinheiten ergehen, wenn dre Einzelheiten soviel eindringlicher sprechen. Betrachten wir zuerst die politische Lage des Juden in Rußland. Mit einundzwanzig Jahren wird er zur Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht einberufeu. Drei Jahre und acht Monate hat er bei der Fahne zu dienen. Sein Sold beträgt neunzig Kopeken (etwa 1 Mark 80 Pfennig) für vier Monate. Soweit geht es ihm wie allen anderen Soldaten, aber auch nur so weit. Was ist dann der grgße Unterschied zwischen ihm und den anderen? Blos der: Wie getreulich er auch seine Pflichten erfüllt haben, wie loyal immer er im Dienste gewesen sein, welche Begabung auch er für militärische Führerschaft haben, wie geschickt er auch sein mag, er kann auf keinerlei Beförderung hoffen. Warum? Nun, weil er Jude ist. Aber wenn er seiner Militärpflicht genügt, wenn er die besten vier Jahre seines Lebens dem Vaterlande ohne Anerkennung und ohne Belohnung gewidmet hat, dann darf er wohl ohne Anmaßung erwarten, daß das Vaterland ihn schützen, wenigstens ihn nicht als Zielscheibe für jeden hinstellen wird? Mit Nichten. Gleichviel, wo er ist oder was er treibt, seine Abstammung wird ihn: stets zum Vorwurf gemacht, gereicht ihm überall, zur Schmach. In dem Passe, den er kaufen muß, um auch nur bis zur nächsten Stadt zu kommen, steht stets vermerkt, daß er Jude ist . Welches sind seine geschäftlichen Chancen? Er kann keinen Grundbesitz erwerben. Er kann Land pachten oder auf einem Gute arbeiten, aber er darf es nickt als dauernden Besitz erwerben. Wird ihm eine Besitzung vermacht, dann muß er sie innerhalb sechs Monaten verkaufen. Er kann nicht wohnen, wo er möchte, sondern nur, wo er darf. Moskau und Petersburg werden befleckt durch seine Gegcnwart, es sei denn, daß er jährlich tausend Rubel zahlt für das bloße Recht, die Straßen zu betreten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß er auch nicht die niedrigste amtliche Stellung einnehmen kann. In der Theorie ist er vor dem Gesetze gleich, in der Praxis senkt eine federleichte Aussage die Schale gegen ihn. Wenn er unter solchen bürgerlichen Beschränkungen lebt, kann man da erwarten, daß er sociale Anerkennung finden wird? Wenn der Muschik sieht, daß der Czar, sein Gott, so den Juden stigmatisirt, muß er sich nicht in seiner Loyalität gegen König und Vaterland verpflichtet fühlen, auf denselben Juden jede Schmach zu häufen, und wird nicht sein Patriotismus beurtheilt werden nach der Tiefe seines Hasses und der Grausamkeit seiner Thaten? Der bürgerlichen und socialen Gleichheit beraubt, wird es dem Juden wohl gestattet sein, sich zu bilden? Liegt es nicht im Interesse des Staates, den Schleier von Unwissenheit und Aberglauben, der ihn umhüllt, zu zerreißen oder zerreißen zu lassen? Sie denken so, meine amerikanischen Freunde, und Sie weisen mit Stolz auf Ihr eigenes, herrliches Land. Aber obwohl Rußland sieht, daß es sich und seine Bevölkerung in den Abgrund zerrt mit seiner Politik, hält es fest an dem alten und verkehrten Grundsatz der Tyrannei, nach welchem die Unterthanen zerrieben und verarmt werden müssen, um unterworfen zu bleiben. Die öffentlichen Schulen in den kleinen russischen Städten haben praktisch gar keinen Werth. Ich denke an die Schule, die ich besuchte. Wir wohnten in einer Stadt von zehntausend Einwohnern. Da gab es eine Schule, ein einziges Zimmer. Den Unterricht ertheilte eine alte Dame, die Witwe eines Officiers. Wir waren 25 bis 30 Mädchen im Alter von 5 bis 13 Jahren. Wir bildeten drei Abtheilungen. Der Unterricht begann weder, noch schloß er zu festgesetzten Stunden. Bisweilen wurden wir um zwei, bisweilen um fünf Uhr nach Hause geschickt. Natürlich mußten wir uns selbst die nöthigen Bücher anschaffen, aber die Unterrichtsbehörde verursachte uns mit anerkennenswerther Humanität wenig Ausgaben. Die Grundlage unseres Unterrichtes bildete die Genealogie der kaiserlichen Familie; wir mußten alle Namen und Titel, jedes Mitgliedes des Kaiserhauses kennen.

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