Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021539--13107-3037740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 712 Dr. Blocks Mlocbenscbrttt. Nr. 45 übersetze», geschweige denn selbstständig sprechen. Ihm fällt sogar das Lese« und Memoriren des Hebräischen sehr schwer und Bub und Vater, der zur «liberalen" Zeit in der Volksschule und Gymnasium ganz genau so sinnwidrig unterrichtet wurde, daß er heute, uach einem 12jährigen Religionsunterricht, nicht ein Wort hebräisch lesen kann, sind darüber einig, daß Hebräisch eine „fürchterlich schwere" Sprache sei, und die Eltern bitten die Lehrerin, ja nicht den Buben mehr mit dem „schrecklichen" Hebräisch zu Plagen, als just nothwendig ist, damit er eine, wenn auch noch so niedere Claffe auf's Zeugniß erhält. Und die Folge? Des Kindes und der Eltern Abneigung gegen „Hebräisch" wird sich vielleicht zuerst gegen den Religionslehrer, dann gegen die Religion und den Volksstamm fortpflanzen. Und wenn vielleicht erst aus dem Buben cm Apostat wird, so hat es in letzter Linie der Unverstand einer veralteten Sprachmethode verschuldet. (Wie uur das Veto der Schwiegereltern es verhinderte, daß der in der altliberalen Schule erzogene Vater den Sohn nicht in der Wiege zum- Apostaten werden ließ.) Wenn aher selbst solche unverständige Eltern sehen würden, daß das Kind das Hebräische leicht und mit Lust lernt, sie ließen de« modern lehrenden jüdischen Lehrer gewähren und aus dem Knaben würde-ein religiös national bewußter Jude werden, der seine Eltern mit emporheben würde zum echten Judenthume. Jelliuek hat.zwar einem Convertiten gegenüber gesagt, es genüge, um Jude zu sein, zweimal des Tages „Höre Israel" zu sagen. Das ist aber falsch und die traurige Aera der Taufen schon unirr und noch mehr nach Jellinek beweisen das. Man muß das ..bmah" der Ursprache nicht blos hersagen können, man muß es als s e in e Sprache verstehen und im Aussprechen voll empfinden. Und die Sache ist doch so einfach! Sie erfordert nichts Anderes, als ein echt jüdisches Bewußtsein beim Lehrer und eine m'-v d er n e Sprachunterrichtsmethode. Bei dem bisher betriebenen, man könnte sagen, betrübenden Unterrichte ertödtet man nur die Lust des Kindes am Lernen und nicht fetten die Liebe zum Judenthume überhaupt. Es ist geradezu lächerlich wenig, was der „Lehrplan für den israelischen Religionsunterricht an den Volksschulen in Wien" verlimgtz z. B. für die IV. Clasie (!), also bei Knaben von 9 Jahren, als Leseübungen: „Tisch- und Nachtgebet l Absatz (!), Morgengebet von S’mah bis Sclieinauno esreh und die Uebersetzung von 3 Benedittionen und Memoriren 3 Sätze und 2 Benedictionen." — Und auch das Wenige können die Meisten nicht ordentlich. Man besehe sich einmal eine alte hebräische Grammatik, z. B. die von Bon di, welche, da sie weder das Drucknoch Currentalphabet anführt, hereits vollständiges Lesen, also einen.Vorunterricht, voräussetzt.' Nun; diese Grammatik enthält gleich am Anfänge 16 (!) Aufgaben,'die keinen ganzen Satz enthalten. In der allerersten Lection lernt der Schüler stllgeude „wichtige" Worte: „Bauch, Eingeweide, Versammlung, Thau, Hagel, Schenkel" rc.; in der dritten : „Sand, Kieselsteine (!), Gaumen (!), Lanze (!), Vorhof" rc.; in der achten: „Amme (!), Schwägerin (!>, Provinz (!), Kalk" u. s. f Bei Lection 23 fangen dann abermals mehrere Druckseiten lange Aufgaben voll von u nvollständigen Sätzen u. dgl. Unsinn mehr an. Dies dürfte zur Illustration genügen! Weg daher mit dem veralteten Systeme. Ädan lehre das Hebräisch als lebende Sprache in modern-praktischer Weise durch Sprechen und Sch reiben von Sätzen des alltäglichen und erst später des religiösen Lebens. Man lasse dem hebräischen Sprachunterrichte den Vor tritt vor der biblischen Geschichte. Denn die biblische Geschichte, welche auch die Christen lehren und lernen, hat noch keinen zum Juden gemacht, wohl aber der n a t i o n a l - r e l i g i ö s e Geist, der selbst die trockenste Sprachlehre durchwehen kann. Ich gedenke diesfalls mit Hochachtung meines christlichen Gymnasialprofessors, der das trockene Sprachstudium der czechischen Sprache mit einem nationalen Nimbus zu umgeben wußte, der manchen Utraquisten zum Czechen gemacht und die Czechen in ihrem Volksthum befestigt hat, und dagegen gleichzeitig des jüdischen Religionsprofessors A...., der bei seinem nationalgesinnungs- und sy sternlosen Unterrichte gar viele dem Judenthume abwendig werden ließ, bei Niemandem aber das Judenthüm zu verttefen und keinen von den Hunderten seiner Schüler zu einem eifrigen Hebraisten zu machen wußte, so daß er den traurigen Ruhm genoß, daß es einer seiner Schüler war (ein jetziger tückischer Consul) der vom Confessionslosigkeitsgesetze als Erster Gebrauch machte, worüber damals der christliche Clasienvorstand Pater Sekera weit mehr betroffen und betrübt zu sein schien, als der „jüdische Reiligions"-Lehrer, der die Frucht seiner Lehrmethode darin hätte erkennen können. Indem ich mir Vorbehalte, auf das Sprachunterrichts-Thema, das sich nicht so kurz fassen läßt, zurückzukommen, bitte ich um Veröffentlichung dieses Briefes in Ihrem Blatte, dem ich zwar vom partei- . polttischen Srandtpunkte fcrnestehe, aber umsomehr seine gute Absicht der Besserung der Unterrichtsverhältniffe anerkenne. Meinen Namen, der zu Ihrer persönlichen Controle auf der beigeschlossenen Visitkarte verzeichnet ist, bitte ich unter feinem Umstande zu veröffentlichen oder über Anfrage zu nennen, da ich die Angelegenheit ganz sachlich behandelt wiffen will undmeine Person übrigens mit der sachlichen Erörterung der Frage nichts zu thun hat. Hochachtungsvoll Jacob ben Benjamin zeef. Korrespondenzen. Zur Hebung des Tempelbesuches. Hochinteressant sind die mir infolge meines Artikels „Zur Hebung des Tempelbesuches" zugegangenen Briefe und veröffentlichten Antworten, die sich fast alle, bis auf einige Zusttmmungen von hervorragenden Persönlichkeiten, blos an den Titel meines Artikels hielten, ohne auf den darin enthaltenen Hauptgedanken, der die Hebung des Cantorenstandes bezweckt, einzugehcn. Daß auch auf die von den Herren genannten Ursachen der geminderte Tempelbesuch zurückzusühren sei, habe ich nie bezweifelt. Ich wollte blos den Finger an eine offene Wunde unseres Gottesdienstes legen und so die Aufinerksamkeit der berufenen Kreise auf eine Frage lenken, welche bisher fast ganz vernachlässigt und unbeachtet geblieben war. Wir leben heute im Zeitalter des Fortschrittes und da verlangen wir mit Recht akademisch und seminaristtsch gebildete Rabbiner, pädagogisch geschulte Religionslehrer und auch mit fachmännischem Wissen ausgestattete Eantoren. Für die Heranbildung der Ersteren haben wir bereits durch Errichtung von besonderen Lehranstalten gesorgt. Wollen wir nun eine volle Harmonie in unserem Gottesdienste haben, so bedarf es dazu auch einer Lehranstalt für unsere Eantoren. Aus solchen hervorgegangene Herren werden würdige Vertreter ihres Faches sein, sie werden unseren Gottesdienst feierlicher und weihevoller und damit auch anziehender machen können. Ich möchte daher nochmals das löbliche Curatorium des hiesigen Seminars ersuchen, dieser meiner Anregung näher zu treten, und bin ich gerne bereit, auf Verlangen mit weiteren Ausführungen zu dienen. Ich will noch bemerken, daß ich im Einzelnen auf die mir zutheil gewordenen Antworten einzugehen verzichten muß, da ich mich durchaus in keine Polemik einlassen wollte, sondern durch meinen Vorschlag nur der guten Sache zu dienen' bezweckte. Straßberg. q- * * Es ist eine bedauerliche Thatsache, daß der Tempelbesuch in den Landgemeinden ein überaus spärlicher ist, daß es zuweilen wie eine Parodie klingt, wenn der Cantor mit der geschmückten Thora. am Arme sich von offener Bundeslade zur Gemeinde wendet, seine Stimme erhebend ihr „8ed'ma jisroal!“ zuruft. Die Gemeindemitglieder stehen vor ihren Ladenthüren und starren ins Leere hinaus. Im ganzen Tempel aber glänzt der einzige Cylinderhut des Tempelvorstehers; dann sitzen einige Minjanleute in allen Winkeln des Tempels zerstreut, die hier gähnend die Tempelzeit abbüßen. Und fragt man, wo ist die wunde Stelle des chronisch gewordenen Leidens? Wer schuldet an dem Verfall dieser hochidealen Institution? — Wir haben in Ihrem geschätzten Blatte wohl einige Ansichten darüber gelesen; mir aber scheint, daß die Verfasser dieser Artikel den gordischen Knoten nicht gelöst haben! . . . Gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr Redacteur, daher, auch meine diesbezügliche Meinung an dieser Stelle zu äußern. Ist der Cantor hiezu berufen, beziehungsweise liegt es in seiner Macht, Leute in den Tempel zu locken? Je nun! Berufen ist er hiezu gewiß nicht, da man ihn doch nicht zum Praterschreier degradiren will, aber zuweilen vermag ein guter Cantor (insolange er neu ist) seine Gemeindemitglieder derart zu begeistern, daß ein Jeder schon mit Sehnsucht den Freitagabend erwartet. Aber können die kleinen Gemeinden einen solchen Cantor nach Gebühr besolden? — Entschieden nicht! — Selbst die größeren Gemeinden, die ihren Cantor was zu bieten vermögen, suchen oft einen guten Cantor vergebens. Von einem „Künstler-Chasan" müssen also die Provinzgemeinden absehen. Doch zur Hebung des Tempelbesuches ist entschieden der Rabbiner berufen. In seiner Hand liegt die religiöse Entwicklung der Gemeinde. Wo er aufrichtig fromm ist, ist es auch die Gemeinde. Der Rabbiner hat die Pflicht, nachdem ihm die Kanzel zur Verfügung steht, seine Gemeinde bei jeder Gelegenheit zur Religiosität im Haus und Tempel zu wecken, ihm obliegt die heilige Pflicht, die Jugend mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zur Frömmigkeit zu erziehen, den Glauben der Väter zu nähren und zu fördern, und die Gemeindevertretung wird ihm gewiß nur hilfreich an die Hand gehen, ihn ehren und schätzen dafür. Der Einzelne mag auch welcher Gesinnung immer sein. Mögen meine wenigen schlichten Zeilen Eingang in den Herzen der Maßgebenden finden, mögen sie zum Guten und Frommen zwecken. Armin Wilkowitsch.