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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Mocb's Wochenschrift Seite 711 Abscheu; denn sie ^wissen zu gut, mit wie viel Corruption ein solches System untrennbar verbunden ist. Zudem hat ja die wirthschaftliche Lage Rußlands keine Verbesserung erfahren, vielmehr sind die besten Kräfte lahmgelegt und ans Allen lastet der Druck Plehwe's. Es wäre also gar nicht zu verwundern, wenn endlich auch dem Czaren die Augen geöffnet würden und er mit freiem Blick erkennen würde, zu welchem Ziele Plehwe's Politik führt. Witte ist zwar auch nur ein Russe, trotz seines deutschen Namens, er hat nichts von jener edlen Gesinnung an sich, welche die livländischen Adeligen kennzeichnete, die eine Zeit laug Alexanders II. Rathgeber waren, aber er ist doch Plehwe gegenüber ein Mann mit weitem Blick, mit tiefem Verständniß für die wirthschaftliche» Lebensbedingungen des Staates und wenigstens soweit vorurteilsfrei, daß er der freien Entwicklung des Handels und der Industrie, der Schule und der Kunst keine Fesseln anlegen, diese Kräfte vielmehr in den Dienst des Staates stellen würde. Ihm fehlt es auch nicht an gründlichem Einblick in den für Rußland unentbehrlichen Zusammenhang mit den westlichen Staaten und in die finanziellen Kräfte, die Rußland ans diesem Zusammenhang schöpft. Er wurde durch die Jntriguen Plehwe's und der Hofclique, in der sich russisches Bojarenthnm noch immer breit macht und den nichtaristokratischen Finauzminister nicht ertragen wollte, gestürzt. Den aus der Bureaukratie empor - gewachsenen Plehwe läßt es sich gefallen, weil er die Polizeihandlangerdienste besorgt, die ein Mann von vornehmer Geburt doch nicht versehen mag, aber der Finanzminister, der eine wirthschaftliche Macht ganz anderer Art repräsentirte, war den Bojaren ein Dorn im Auge. Man konnte ihn wohl herausreißen — aber ein Reich wie Rußland braucht als Finanzminister keine Marionette, sondern einen Mann und das war Witte. Wenn er nun wiederkehren sollte, so wäre dies thatsächlich ein gründlicher Systemwechsel. Wenn es dazu kommt, so werden es die inneren Verhältnisse Rußlands sein, die ihn bedingen. Ob die Veränderung auch für die Juden in Rußland eine Besserung mit sich bringen wird? Wir vermeiden es, Hoffnungen auszniprechen, Hoffnungen zu erregen. Aber daß Witte auch mit dem Plehwe'schen System der brutalen Judenverfolgung brechen würde, läßt sich wohl gleichfalls aus der Beobachtung des inneren Zustandes Rußlands erklären. Plehwe's System hat nur Noth und Elend gezeitigt, hat den Russen selbst kein Glück gebracht, und so wird sein Nachfolger wohl bereit sein, als Erlöser Rußlands von dieser Pein zu erscheinen. Dum hebräischen Unterricht. Geehrter Herr Nedacteur! Zu meiner und wohl aller Gutgesinnten Befriedigung haben Sie schon wiederholt in Ihrem Blatte den ungenügenden Religionsunterricht gerügt und verschiedene Vorschläge, darunter Erhöhung der Stundenzahl, gemacht. Da die letztgedachte Maßregel nicht leicht durchzusetzen sein wird, so muß anderen Maßregeln umso größere Aufmerksamkeit geschenkt werden und meines Erachtens in aller erster Reihe dem hebräischen Sprach unterrichte und der Art des Sprachunterrichtes. Ich will nämlich gleich hier bemerken, daß für die ersten Unterrichtsjahre ich viel größeres Gewicht auf den Unterricht der hebräischen Sprache ' lege, als auf den sogenannten eigentlichen Religionsunterricht: Die hebräische, die heilige Sprache prägt oft inniger den religiös-nationalen Geist ein, als die biblische Geschichte oder die Dogmen, und ich gedenke heute noch des heiligen Schauers, der mich umfing, als mein Großvater mich das Abendgebet (Hamaloch) mit der Einleitung zu lehren begann: „Dieselben Worte, mein Kind, die ich Dich jetzt sprechen lehren werde, sprach vor fast 4000 Jahren der Erzvater Jacob zu seinen Enkeln, als er sie am Abend seines Lebens segnete. Du wirst von jetzt an, allabendlich dieselben Worte in derselben Sprache sprechen, wie Jacob, mein und Dein Ururgroßvater." — Und als bei mir die Jahre der sogenannten Aufklärung, des Zweifels und des (falschen) Freisinns kamen und an den Dogmen rüttelten und Freigeisterei und Allmenschheitsdusel gegen die „positive" Religion anzukämpfen suchten, da waren die Worte Jacobs, die allabendlich mir den Seelenfrieden Wiedergaben, aber seine Worte in der heiligen, in der hebräischen Sprache. Es waren aber die Worte in der Sprache meines Erzvaters, des Vaters meines Volkes. Und damit bin ich schon bei einem großen Uebelstand des heutigen Unterrichtes angelangt. Dem Kinde muß vor Allem beigebracht werden, daß es die Sprache seiner Väter, seines Volkes lernen soll, und daß, wie es eine Schande wäre zum Beispiel für einen Franzosen, wenn er mit Franzosen, um sich verständlich zu machen, deutsch sprechen müßte, es als eine Schande für einen Juden gelten sollte, der sich nicht mit einem Juden, sei es auch nur nothdürftig, hebräisch verständigen kann und der zum Gott seiner hebräischen Väter, Abraham, Isaak und Jacob nicht hebräisch zu beten versteht. Ist aber die Liebe zur Sprache geweckt, dann genügt selbst eine Stunde in der Woche, damit das Kind in 3—4 Jahren nicht blos die hebräischen Gebete vollkommen verstehen, sondern sogar ein wenig hebräisch sprechen erlerne. Es ist nämlich die hebräische Sprache eine der leichtesten. Nur Unverstand, Gedankenlosigkeit, elende Unterrichtsmethode oder der Widerwillen der innerlich vom Judenthllme abgefallenen Eltern gegen die vermeintlich todte Sprache, welche ihre „noch"-jüdischen Söhne lernen müssen, ist Schuld daran, daß die gerade Kindern so leicht beizubringende Sprache als „schwer" verschrieen wurde. Ich habe 10 Sprachen gelernt, darunter 4 des lateinischromanischen, 2 des germanischen, 2 des slavischen und 1 des griechischen Sprachzweiges, wovon ich noch heute 1 slavische, 2 germanische und 1 romanische in Wort u n d Schrift beherrsche. Ich darf mir also ein Urtheil über Sprachlehren und Sprachlernen wohl erlauben. Nun, ich erkläre, daß von sämmtlichen mir bekannten Sprachen die hebräische Sprache die leichteste ist, sowohl zum Lehren als zum Lernen. Aber ich blieb nicht bei dieser theoretischen Erwägung stehen. Ich construirte den Fall praktisch. Ich unterrichtete meinen jetzt 7jährigen Knaben seit einem Jahre genau blos I Stunde der Woche und nur während der Schulzeit, also blos durch 9 Monate oder circa 40 Stunden. Und der siebenjährige Knabe kann kleine Sätze des alltäglichen Lebens, zum Beispiel „das Pferd ist größer als mein Hund," ..Ich aß die Trauben, welche mir die Mutter gab rc," aus dem Deutschen ins Hebräische nicht etwa blos übersetzen, sondern in hebräischer Currentschrift (!) ohne Zeichen (!) über Die tat niederschreiben. Ich ließ es nicht dabei bewenden, daß ich dieses Resultat für mich constatirte, ich ließ den Buben voriges Schuljahr i e. Juni l. I. öffentlich aus der HI. (!) Classe prüfen und der Religionslehrer erklärte dem der Prüfung beiwohnenden Director- Stellvertreter, daß ihn: noch kein so gut vorbereiteter Knabe zur Prüfung gekommen ist. Dazu, bemerke ich, um der Annahme eines .Wniiderkindes" zn begegnen, daß mein Bub zwar nicht unbegabt ist, aber, wie alle besserbegabten Schüler, geradezu lernfanl und außer der Stunde nichts lernt und die Aufgabe pro ganze Woche im A b s ch r e i b e n dreier (!) Zeilen aus dem Hebräisch-Gedruckten ins Currente besteht. Aber auch der Annahme, daß vielleicht ich ein besonders guter Lehrer oder großer Hebraist wäre, muß ich — leider — begegnen. Ich hatte — eine Folge der unglückseligen Assimilationsströmung der letzten Jahrzehnte - seit dem Volksschnlunterrichte bei meinem Vater keinen hebräischen Sprachunterricht mehr genossen und hatte seit dem Gymnasium, bis ich mir meiner Pflicht als jüdischer Vater bewußt wurde, nicht mehr hebräisch gelesen. Ich verstehe daher heute nur mehr knapp, wenn man zu mir, sehr langsam und deutlich hebräisch spricht und kann selbst nur stotternd und stoßweiße hebräisch sprechen. Und manche Frage meines Buben, muß ich mit dem pedantisch klingenden: „Das geht Dich jetzt noch nichts an" abthun, weil ich es einfach nicht weiß (zum Beispiel warum man manchmal das zweite „au" wegläßt und nur einen Punkt setzt und manchmal nicht) rc. Und meine Methode? Die denkbar einfachste, die des französischen A h n. (Die bekanntlich für den Kinderunterricht heute auch nicht mehr gebilligt wird. Ich kenne aber keinen anderen hebräischen Leitfaden als eben den nach Ahn im Faust-Verlage.) Aber ich glaube, in der Einfachheit der Methode liegt der Erfolg. Der Knabe lernt gleich, wenn auch nur kurze, so doch ganze Sätze lese», sprechen und schreiben. Es macht ihm Freude, hebräische Sätzchen zn bilden, wie: „Gib mir das Brod", „Ich habe keine Milch" rc. oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Gassenbübereien zu reden, wie: „Mein kleiner Bruder ist ein großer Esel" oder dergl. Ich habe aber mit dem Sprachlehrunterricht nicht erst gewartet, bis der Bub fließend lesen konnte oder eine Unmasse Vocabeln kannte; ich habe vielmehr, genau wie meine Frau es mit dem Töchterchen beim Französisch that, mit dem Sprachunterrichte sofort begonnen, wie das Kind nur halbwegs buchstabiren konnte. Es machte dem Kinde nicht blos eine Freude, wenn es gleich den Sinn des zusammenbuchstabirten Wortes erfuhr, es prägte sich dadurch das Wort so ein, daß es später, wie beim Deutschlesen, eben nicht alle Buchstaben, resp. Zeichen zu lesen braucht, um das Wort zn erkennen, was ihm das spätere Schnelllesen und das Schreiben ohne Zeichen erleichtert. Das Abquälen der Kinder mit. Lesen ganzer Spalten ihnen fremder Worte oder das Eintrichtern und Ableiern ganzer, ihnen unverständlicher Sätze ist sinnwidrig. Ich sehe, das Widerspjel bei einem Verwandten. Der achtjährige Knabe ist viel begabter, regsamer und fleißiger als mein Bub. Er ist in allen sonstigen Scbnlgegenständen einer der besten und im Hebräischen — wo er von einer Lehrerin, die nota bone 2 Stunden pro Woche gibt, nach altem System unterrichtet wird — kann er noch nicht den kleinsten Satz

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