Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021539--13105-3037738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 710 Dr. Dlocb's Wocbenscbrtft. Nr. 45 ja wohl, Herr Dr. Lueger, durch Ihre Agitation dahin gebracht, daß es alle Pietät auch für die nächsten Angehörigen verloren hat. Bei uns Juden existirt in jeder, auch in der kleinsten jüdischen Gemeinde eine Beerdigungs-Brüderschaft. Die hat die obligatorische Pflicht, jede Leiche, auch des ärmsten Juden, der Beerdigung zuzuführen. Wir haben in Wien auch einen solchen Verein, und dieser erachtet es als seine heilige Aufgabe, jede jüdische Leicke aus dem Krankenhause zu beerdigen. . Sie sehen den Gemeinderath Gustav Simon bei jeder Beerdigung, auch bei der Leiche des Aermsten der Armen, er ermüdet nie in Erfüllung seiner Pflicht. Jede Leiche erhält ein eigenes Grab, wir kennen keine Massengräber. Thun Sie desgleichen, anstatt auf die Juden zu schimpfen. Ja. Sie nennen sich eine „christlich-sociale" Partei; machen Sie es hier den Inden nach (Abg. Dr Lueger: Wir haben kein Geld dazu), Sie haben ja reiche Leute genug in Ihrer Mitte, zum Beispiel Sc.Durchlaucht Fürsten Liechtenstein; gründen Sie einen solchen Verein, üben Sie christliche Nächstenliebe! Anstatt das Geld zu antisemitischen Agitationszwecken auszugebeu, machen Sie es wie die Juden, thun Sie ein christliches Werk der Barmherzigkeit, gründen Sie einen solchen Verein. Sie haben zwar ähnliche Vereine, die aber immer nur für ihre Vereinsmitglieder sorgen; wollen Sie einmal in Wahrheit für's Volk etwas thun — hie Rhodus, hic salta! Hier versuchen Sie! Greifen Sie nicht die Juden an, weil die für ihre Angehörigen Pietät hegen, thun Sie dasselbe für die Christen. Das wäre löblich. Natürlich, meine Herren, Fürst L i e ch t e n st e i n, die Schroll's und die übrigen arischen Millionäre sollen das Geld hergeben! die haben wichtigere Zwecke für ihr Geld! (Abg. Hauck: Warum thun die Liberalen nichts?) Haben Sie schon einmal bei den Liberalen reclamirt und sie haben Ihnen zn diesem Zwecke kein Geld gegeben? (Lebhafte Heiterkeit); Versuchen Slc es doch einmal. (Lebhafter Leifall und Händeklatschen auf den Galerien.) Vicepräsident Dr. Kathiein : Ich ersuche die Galei ien. sich ruhig zu verhalten; ich kann nicht gestatten, d,iß dieselben die Verhandlung stören." In dem Kaninchenrmmncl ist ein Schmerzensschrei aus dem Kreise der Lehrerschaft gar nicht so zur Geltung gekommen, wie er es wohl verdient hätte. Er war interessant genug. Citiren wir einige Stellen aus der Kundgebung: „Der Lehrermangel in Wien macht sich immer bedeutender fühlbar. — Locke r u n g der Disciplin, fortwährender Personenwechsel und Verdrossenheit der männlichen Lehrkräfte sind die Folgen. Und wahrlich, die Lehrer sind mit Rechtverdrossen. „Wenn wir betviesen haben, was man von uns verlangte, daß die Mehrheit der Wiener Lehrerschaft treu zur a n t i s c m i t i s ch e n Partei hält, so ist es nun auch Zeit, daß die Partei ihrer Lehrer nicht vergißt". Es ist also die christlichsociale Lehrerschaft, die sich in ihrem Organ des christlichsocialen „Vereines der Lehrer und Schulfteunde in Wien" so äußert. Jetzt weiß maus doch, man hat es schwarz aus weiß vor sich, von autoritativer Seite beglaubigt, was man von der Lehrerschaft verlangt. Auch der Lehrer soll seine Ucberzeugung haben. Und was wird gefordert? Eine gefestete ethische, pädagogische, wissenschaftliche Anschauung? Halten wir uns damit nicht auf. Das sind Kindereien. Die Moral steht nicht aus der Tagesordnung, über pädagogische Grundprincipien zerbrechen wir uns nicht den Kopf, und was die wifsenschastlichc Forschung betrifft, so halten wir insolangc nichts von chr, bis ein Gelehrter nicht einen Grashalm zu construiren vermag, den zu fressen eine Kuh sich herbeiläßt. Liebe zur Wissenschaft, Liebe zu den Kindern, Liebe zur Schule — wer fragt darnach? — weise dich mit dem Hasse gegen die Juden aus und du bist der Mann für uns, der richtige Mann. Das Uebrige geht uns nichts an und damit ist die Sache gemacht. Da hat ein Großer, der Größten einer, in diesen Tagen das klare Gelehrtenauge geschlossen für immer — Theodor Mommsen. Die christlich-sociale Lehrerschaft, die so darauf pocht, sich den Antisemitismus zur Lcbensregel gemacht zu haben, wird für chn vielleicht nicht die rechte Werthschätzung aufbringen. Denn er hat wie ein Hammerschlag seines freien Geistes ein Wort geprägt, das sie überdauern wird, sie und ihre Consorten und ihre Brotgeber, die sich nun so blähen im Vollbewußtsein ihrer Machtsülle, und das ihnen auf der Seele brennen wird, bis die Götterdämmerung für ihre ganze Herrlichkeit heranbricht: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille." Das ist die Gesinnung, mit der man sich bei uns brüsten darf, für welche man Lohn und Auszeichnung fordert. Sie sterben ab, die großen und die freien Geister. Der große Dulder auf dem deutschen Kaiserthrone, der den Antisemitismus als die Schmach des Jahrhunderts bezeichnete, ist seinen Brüdern im Geiste Virchow und Mommsen vorangegangen. Die großen Lichter verloschen, was Wunder, wenn es immer dunkler wird? Virchow und Mommsen, die universalen Geister, die Alles umfaßten, was die Ehre und der Stolz, die Größe und die Kraft und die Würde unserer Zeit lvar, sie sind dahin. Was ficht uns das an? Bei uns wandeln Strobach und Biclohlmrek aus den Höhen der Menschheit. Whig. Mrhwe oder Witte. Ans Rußland sind in den letzten Tagen zwei bedeutsame Nachrichten in die Oeffentlichkeit gelangt: Herr Plehwe ist in's Ausland gereist, so lautet die eine; Herr Plehwe soll durch Witte ersetzt werden, die andere. Die eine Nachricht ist Thatsache, die andere ist Vermuthung. Wer Plehwe und Witte sind, ist wohl bekannt, der eine der allmächtige Minister des Innern, der andere der kaltgestellle, die „Treppe hinausgeworfene", zum ohnmächtigen Präsidenten des Ministercomitös „avancirte" ehemalige Finanzmiuister. Sicherlich ist die Auslandsreise des Herrn Plehwe keine zufällige. Jetzt ist nicht die Zeit für Vergnügungsreisen der Russen und zudem hat man es vermieden, sein Reiseziel bekanntzugeben. Ist er etwa nach Wiesbaden gefahren, um sich vor dem Czaren rein zu waschen? Der Czar athmet jetzt nicht russische Luft. Er war in Oesterreich und ist in Deutschland. Der corrupten Umgebung in St. Petersburg entrückt, hat er vielleicht einen ganz anderen Einblick in die russischen Verhältnisse gewonnen, als derjenigen, den ihm sein Minister des Innern vermittelt hat. Von seiner Romfahrt durch die Organe Plehwe's ferygehalten, wird er jetzt vielleicht eine andere Anschauung von den italienischen Verhältnissen gewonnen haben, als ihm die Geheimpolizei Plehwe's eingeflößt hat, und so wäre es möglich, daß die Auslandsreise Plehwe's wirklich keine Vergnügungsreise ist. Allein wir haben das Hoffen auf eine Besserung der inneren Verhältnisse in Rußland verlernt und nicht aus unserem Hoffen und Wünschen heraus deuten wir die Reise Plehwe's als eine möglicherweise die Veränderung des Systems der inneren Verwaltung in Rußland anzeigende, sondern aus dem Zustand Rußlands selbst. Plehwe's Polizei- und Gewaltsystem hat nicht nur die Lage im Innern nicht verbessert, sondern vielmehr eine solche Stimmung gezeitigt, welche eine Wiederkehr jener beunruhigenden Erregung der Gemüther andeutet, welche kurz vor dem tragischen Tode Alexanders II. die besten Kreise ergriffen hatte. Die Gewaltthaten eft'es Trepow und ähnlicher Gesellen hatte selbst die vornehmsten Kreise in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß sie in den Gewaltthaten der Nihilisten nicht mehr blos verbrecherische Acte sahen, sondern Nothwehr eines niedergetretenen Volkes. Wenn man auch nicht offen Sympathie zur Schau tragen durfte und selbstverständlich die Missethaten mißbilligte und verdammte — Erklärungsgründe dafür fand man dennoch, und das war eine sehr bedenkliche Stimmung. Wenn auch die Verhältnisse jetzt nicht so weit gediehen sind, wie damals, nahe daran ist die russische Gesellschaft dennoch. So sehr auch der Panrussismus, wie ihn Katkow und Aksakow lehrten und wie ihn Alexander HI. prakticirte, die spezifisch russischen Kreise befriedigt, die Art und Weise, wie Plehwe ihn ins Werk setzt, ist doch nach Niemandes Geschmack, und man fühlt instinctiv, daß durch solche Mittel die innere Assimilirung nicht erreicht, sondern nur gehemmt wird. Zudem wehrt sich Verstand und Gefühl der Russen gleichmäßig gegen die polizeiliche Uebermacht, welche Plehwe's System darstellt. Selbst jene Russen, welche den Absolutismus als für ihr Land unentbehrlich ausehen, haben vor der Stärkung der Polizei einen begreiflichen