Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Dlocb's MocdenscbrM. Sette 7VS aber das spricht für ihn, nicht gegen ihn. Der Mystiker glaubt mit Ahnungen und Träumen und Versenkungen denn doch dem Uebersinnlichen näher kommen zu können. Vergebliches Bemühen! Der Mystiker gleicht einem Schwärmer, der im Mondschein Nachts die Berge erklimmt, an Abgründen wandelt mit) über Schneefelder schreitet — um dem Monde näher zu kommen. Dem Juden ist es klar, daß der Mensch eher den Mond erklettern wird, ehe er das Uebersinnliche, das Göttliche erfaßt — und darum beginnt er gar nicht das vergebliche Bemühen. Wer empfindet nun tiefer die unerforschliche Größe Gottes? Die Arier führen gegen die Juden auch die außerordentliche Schlichtheit und scheinbare Nüchternheit des jüdischen Cultus an. Die Arier vergessen, daß Jesus selber, der doch ihre höchste Autorität ist, für die jüdische, nicht für die abendländische Form des Cultus spricht. Wenn er selber betete, ging er in die tieffte Einsamkeit der Wüste, und allein, und versammelte nicht Hunderte um sich. Seinen Schülern aber gab er die Weisung: „Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein", d. i. in den stillsten, einsamsten Ort deines eigenen Hauses; er sagte -nicht: gehe in den Tempel. So herrlich auch die grandiosen Kirchen der Christen sind, so großartig sich auch in ihnen Menschenkunst und Menschengeist offenbart: Gebet-Orte nach Jesu Wort sind sie nicht. Der Jude braucht so wenig als Jesus äußeren menschlichen Glanz, um zu seinem Gott zu sprechen. Wer die Poesie des eigenen Heims am tiefsten empfindet' der wählt die schlichtesten Möbel; wo das Schauspiel am besten verstanden wird, dort stehen die schlichtesten Schauspielhäuser; wer die Schönheit der Natur am besten kennt, der schreibt keine Lieder, weder an die Bergesspitzen, noch an die Lerchen, noch an die Blunien; wer große Männer am vollsten würdigt, der füllt die Plätze und Straßen nicht mit steinernen Bildsäulen; wer die höchste Weisheit bietet, spricht die schlichteste Sprache; die reichste äußere Entfaltung in religiösen Dingen beweist nicht die tieffte innere Empfindung. Mögen diese Worte aufs Neue zeigen, daß das Gute der Juden auch von Fremden gewürdigt wird. Vom Zabrmarlrt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (DicKarnikel. — Lueger. — DieLehrer. — Mommsen.) Man kann ja über die Berechtigung, Nothwendigkeit und Ersprießlichkeit der Vivisection verschiedener Ansicht sein, aber man braucht sich deshalb doch nicht gleich gegenseitig einen rothen Hund zu heißen. Diesen Herren, welche von der Wiedereinführung der Stockprügel als von der Rettung der Schule träumen, die ohne einen Augenblick des Zauderns Jeden, den des Schicksals Bosheit verurtheilt hat, aus ihrer Hand sein tägliches Brot zu empfangen, davonjagen, sobald er eine freie politische Meinung sich zu haben erlaubt, die grausam und unerbittlich Alles, was ihnen den Platz an der reichgedeckten Tafel der öffentlichen Macht streitig macht, niedertrampeln, sollten gerührt werden durch das Leiden eines Kaninchens? Dieser Schneider, der das Schußgeld für.' die Juden verlangt, dieser ehrwürdige Herr Scheicher, der sich in angenehmem Vorgeschmack die Lippen abschleckt, wenn er das holde Zukunftsbild von der Anwendung der Methode Kischenew auf Wiener Verhältnisse vor seinen verzückten Zuhörern entrollt, dieser Bielohlawek, von dem jedes Wort eine Gewaltthat ist, dieser Gregorig, der für die Zwangsjacken schwärmt, dieser Graf Kielmansegg, der mit Begeisterung dein ziemlich blutigen Sport der Jagd ergeben ist — diesen mit ihm vereinigt. Es war ein echtes Symposion, wo alle Fragen der Politik und Bildung verhandelt wurden. Ich horchte und lernte mit begierigem Ohr. fühlte mich aber doch einsam. Die beiden Juden waren mir entschieden am meisten sympathisch, weil sie viel mehr als alle Anderen religiöse Bildung als einen wesentlichen Factor des Volkswohls und der Menschenbildung erkannten." soll man glauben, daß sie bei der Vorstellung einer experimentell geimpften Gans in humanitäre Krämpfe verfallen? Welche Marter erduldet das Geflügel von dem Augenblick an, da es vom Bauernhof aus den städtischen Markt wandert, bis zu dem Augenblick, da ihm von den rohen und ungeschickten Händen einer Köchin mit stumpfem Messer der Hals durchgesägt uürd! Aber die Herren vom hohen Landtag würden gewaltig remonstriren, wenn man ihnen aus Humanitätsrückfichten gesetzliche Schranken für Backhendel-Essen errichten wollte. Und die physischen Leiden der Zugthiere, die Castration der Hengste und Stiere, das Ringelspielpferd im sommerlichen Prater, das vierzehn Stunden täglich in einem Kreis von sechs Metern Durchmesser unermüdlich rundherum traben muß zum jauchzenden Spaß der Kinder? Und das Schweinestechen? Es bildet bekanntlich einen Festtag für Jung und Alt in den ftommen Bauernhöfen. Und erst die Hetze gegen den Hoftath Professor Politzer, zu der sich der Wiener Bürgermeister erniedrigte. Professor Po litze r, der von jedem Sachkundigen als ein bahnbrechender Forscher auf dem Gebiete der Ohrenheilkunde ankannt wird, war dank der Schäbigkeit der österreichischen Unterrichtsverwaltung niemals in der Lage, die Untersuchungen, die für seine Wissenschaft von entscheidender Wichtigkeit sind, in einem Universitätslaboratorium anzustellen. Zum Glück war der Maun in der Lage, sich in seiner Wohnung ein Laboratorium einzurichten und die Anatomie und Pathologie der Gehörorgane durch Studium in seiner Privatwohnung zu fördern. Wenigstens das Material zu diesen Arbeiten wurde ihm zugebilligt. Nun hat ein Diener — wohlgemerkt, im Jahre 1894 —, der damit betraut war, ihm die Leich entheile, deren er benöthigte, in sein Hauslaboratorium zu bringen, da ihm das Trinkgeld, das er dafür bekam, zu gering war, eine Anzeige erstattet, infolge deren Professor Politzer einige Schwierigkeiten gemacht wurden, die man übrigens bei genauer Ueberlegung später wieder beseitigte, so daß er in der Läge war, seine Präparate, die nicht nur für sein eigenes Studium, sondern für den Unterricht in allen europäischen Laboratorien für Ohrenheilkunde nothwendig find auch weiter anzufertigen. Der Wiener Bürgermeister ließ sich nicht daran genügen, den hervorragenden, um die Humanität verdienten jüdischen Gelehrten zu schmähen, er erneuerte eine durch und durch unwahre Anschuldigung, aus welche er bereits im Parlament eine ausführliche und gebührende Antwort erhalten. Herr Dr. Lueger behauptete, daß Juden, ob arm ob reich, nicht secirt werden. „Kein Jude kommt auf den Secirtisch, nur an Christen'arbeiten diese jüdischen Aerzte. Es empört mich immer, wenn ich an diese Arbeiten denke, wenn ich mir denken muß, es muß doch wahrscheinlich sein, daß wir Christen niedriger stehen als die Juden, weil diese an unseren Leichnamen Schind luder treiben". In der Sitzung des österreichischen Abgeordneten vom 20. October 1891 hat der damalige Abgeordnete Dr. Bloch Herrn Dr. Lueger folgende Antwort ertheilt. Wir citiren nach dem stenographischen Protokoll: „Der Herr Vorredner hat uns schauerliche Dinge erzählt: Es werden im Allgemeinen Krankenhause blos christliche Leichen secirt und jüdische Leichen nicht. Ja, meine Herren, woher kommt das? (Abgeordneter Doctor Lueger! ich bin sehr neugierig.) Aber Sie selber spielen eine Rolle dabei. (Lebhafte Heiterkeit.) Thatsächlich wird jede Leiche behufs Constatirung der Todesursache und des schlimmen Verlaufes der Krankheit secirt, die Wischxn Leichen aber werden sodann der Beerdigung zugeführt und die christlichen Leichen werden zu Studienzwecken behalten. Darin hat der Vorredner recht, er hat zum erstenmale eine wahre Thatsache vorgebracht. (Lebhafte Heiterkeit.) Jede Leiche, die von irgend einer Seite verlangt wird, muß die Spitalverwaltung hergeben. Wer hat denn überhaupt über die Leichen zu verfügen? Brofeffor Knndrat. Von ihm ist es bekannt, daß er wenigstens den lebenden Semiten keine besonderen Sympathien entgegenbringt (Heiterkeit) und es ist nicht anzunehmen, daß der Mann gerade für die semitischen Leichen eine besondere Zärtlichkeit empfinden sollte. (Lebhafte Heiterkeit.) Er gibt eben jede Leiche heraus, die man ihm abverlangt. Sie haben aber das christliche Volk durch Ihre agitatorische Thätigkeit so. weit gebracht (Widersprach auf der äuasersten Linken),