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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 708 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 45 reügiöfe Dinge in der Masse der Juden ungleich verbreiteter reifer und tiefer sein muß, als in der Masse der Abendländer, — und daß das wirklich so ist, will ich in einzelnen Bildern darlegen. Die Abendländer hatten immer eine dunkle Ahnung, daß das Wahre und Gvige das U e b e r s i n n l i ch e sei, das der menschliche Verstand nicht sehen kann. Sie verwechselten aber das Uebersinnliche mit dem Widersinnigen, das heißt dem dem menschlichen Verstände Fremden; und so schwelgte man denn im Mittelalter im Drange nach dem Uebersinnlichen, unter dem Namen der Religion in den sonderbarsten Sätzen und stellte den merkwürdigen Satz auf: credo, quia absurdum est, d. h. ich glaube es eben darum, weil es keinen Sinn hat. Man warf sich aufs Sinnfremde und meinte damit das Uebersinnliche zu echaschen. Den Juden ist dieses Danebenschießen, diese Paradromie fremd, eben weil sie ein klareres Urtheil über das Göttliche haben, das dem Verstände weder entspricht, noch widerspricht, sondern über dem Verstände steht. Eine zwette Paradromie der Abendländer liegt in der Meinung, bas Uebersinnliche liege im Widerspruch gegen die Naturgesetze, im Wunder, und im Drange nach dem Uebersinnlichen glaubten sie in zahllosen Wundern das Uebersinnliche, die Gotthett zu erkennen. Auch diese Paradromie, die Wundersucht, ist den Juden fremd, weil sie wissen, daß das Uebersinnliche ja gerade der Grund der Naturgesetze ist, nicht aber eine Natur gegen die Natur. Wieder eine andere Paradromie, ein Danebengreifen der Abendländer, ist die Sucht, das Dasein Gottes mit Verstandesgründen zu beweisen. Das ist ein eben so verfehltes Unternehmen, wie das Dasein der Farben zu beweisen: wer sie sieht, braucht keinen Beweis, und . wer blind ist, dem Hilst kein Beweis. Den Juden war es immer klar, daß Gott nur unmittelbar erkannt oder gar nicht erkannt werden kann. Man kann dem Menschen das Jnnewerden Gottes erleichtern, das Jnnew erden erzwingen kann man aber nicht, das ist der jüdische Standpunkt. „Die Thoren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott." Für die Unreife der Abendländer spricht die Unduldsamkeit und Bekchrungssucht vergangener Tage. Angriffslustige, schwärmerische Fanaüker sind immer die, die etwas mtt schwerer Mühe nur halb erlernt und halb verstanden haben, vor Allem Neulinge (und Renegaten). Ein ganz harmloses Beispiel sei angeführt: gut schreiben ist schwer; aber die Schönheit des Styles, die Jedermann unmittelbar erfassen und empfinden kann, hat keine solchen Fanatiker, wie die Orthographie, die schwer erlernt und kaum verstanden wird. Gerade die Bekehrungssucht der Abendländer beweist, daß sie die morgenländische Gotteslehre in schwerem Ringen nur halb erfaßt haben. Die wenigen Abendländer, die sie tief erfassen, sind auch tolerant — wie die Juden. Die Arier sagen, die Morgenländer hätten wohl die große Idee des Monocheismus geschaffen, sie hätten aber ihre Größe nicht erfaßt und hätten sie nicht entwickelt; erst die Arier hätten chre Tiefe ermessen und sie zu ihrer ganzen Pracht und Größe entfaltet. Man kann darauf mit einem Gleichniß aus der Kunstwett antworten. Große Künstler, die Großes schaffen, sind wortkarg; sie sprechen nicht über ihre Kunst, noch weniger über chre eigenen -Werke. Begeisterte Kunstschwärmer aber, deren Kunstsinn zu -unreif, zu unentwickelt ist, als daß sie selber Großes schaffen körmten, kommen zu den Werken Jener, preisen die Werke, «Wren und erläutern fie, schaffen Theorien über deren Bedeutung, vockuuden begeistert aller Wett diese Theorien, und wenn der ä&nffier selbst zu dieser riesigen Gedankenwelt den Kopf schüttelt und meint, er hätte an ganz Anderes gedacht, an all' jene Theorien lcker nicht, dann werfen Jene ihm vor, er verstünde seine -Menen Werke nicht. Aehnlich sprechen die Arier. Den Abendländern war es lange nicht klar, was das heiße: Es ist ein Gott! Und die Priester mußten fort und fort die Paradromien des Volkes berichttgen. Vor der Reformation wurde kaum Eine christliche Kirche erbaut, die direct Gott gerecht gewesen wäre; alle waren Heiligen gewidmet, im besten Aaltt der Dreifaltigkeit. Allerdings deuteten die Priester das so um, daß die Kirche nur dem Schutze der Heiligen empfohlen sei. Kirchengefänge und Gebete wurden direct an die Heiligen gerichtet; allerdings deuteten das die Priester um und stylisirten die Lieder und Gebete so, daß die Heiligen nur um Fürbitte gebeten wurden. Als die Arier den Cultus so gestalteten, zeigten sie wohl viel Frömmigkeit und guten Willen; aber offenbar stellten sie sich den Urgrund der Welt als alten Vater vor (wie sie ihn ja auch an die Wand malten), der der Hilfe und Schonung von seinen Kindern, seinen Geschöpfen, bedarf. Sie glichen da naiven Kindern: der Mond schwebt in Wirklichkeit 50.000 Meilen über der Erde im kalten Weltraum, macht - aber auf Erden die Fluthen brausen und Länder verschlingen, und macht die Erde erbeben und Städte versinken; die Kinder aber fürchten, die Wolkenschleier könnten ihn verschlingen, und singen Lieder, um ihn im Kampfe gegen die Wolkenschleier zu kräftigen. Der Jude hat kein Bedürfniß nach diesen mittelalterlichen weiten Formen des Eultus, weil er die Unermeßlichkeit und Allmacht Gottes klar empfindet. Auch bestemdet es ihn, wie man Menschen — und die Heiligen waren ja doch Menschen — unter denselben äußeren Formen verehren kann, wie den Allmächtigen. So unerforschlich, allen menschlichen Formen entrückt, denkt sich der Jude Gott, daß er nicht einmal den Namen Gottes ausspricht, weil des Menschen Lippe, über die so vieles Böse geht, kein Weg für dieses heilige Wort ist. Im Abendlande ist nicht nur die ganze Wucht des kirchlichen Apparates erforderlich, das Volk im Glauben zu ermatten — und die Macht der Kirche ist sehr groß — sondern auch der Staat setzt seine Autorität ein — und am allerstärksten in protestantischen Ländern — um den Glauben zu stützen. Bei den Juden ist gar kein äußerer Drang nöthig, und der Rabbiner ist einfach ein Beamter der Gemeinde, die durch sich selbst ist. Da scheint denn doch das Abendland noch wenig reif für den Satz: Daß ein Gott sei, ist offenbar! Der Monotheismus in der Form, die Rom und Byzanz ihm gegeben, war im Abendlande sehr lange eine.Treibhauspflanze,. t!,, ,,.A; Ein letztes schlagendes Bild sei noch gegeben. Jesus sagte einmal: Weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Wenn nun im Herzen des Abendländers wirklich der Gottesglaube lebendiger glüht, als beim Zudem dann müßte doch die Verherrlichung Gottes in Hymnen und Gesängen des Abendlandes ungleich großartiger sein, als bei den Juden. Was aber sehen wir? Das kleine Gesangbuch 'der Juden enthält nicht mehr als 150 Gesänge; diese entstammen dem Kreise eines einzigen Tempels, der einem sehr kleinen Volke diente, denn der . Norden stand dem Tempel ziemlich ferne. Das Christenthum hingegen hatte wohl hundert Tempel und Stätten, deren Kreis mit dem Kreise des Tempels von Jerusalem an Umfang, Macht und Glanz wetteiferte. Man stelle nun die 150 besten Gesänge zusammen, die in all diesen heiligen Stätten in tausend Jahren zum Lobe Gottes geschrieben worden sind. Würde dieses Werk in der Christenheit so viel gelesen, so oft citirt werden, wie das kleine, zweitausendjährige Gesangbuch der Juden, die Psalmen? Wenn die Christen den vollendetsten Ausdruck des tiefsten, vollsten," religiösen Empfindens suchen, dann wenden sie sich an die Juden und holen Religion aus den gewaltigen politischen Reden eines Jesaias, der nicht Priester war. Da wird denn doch der Jude besser und tiefer als die Masse der Abendländer empfinden, was das heiße: Daß ein Gott sei, ist offenbar!*) Was mag die Ursache sein, daß die Arier den Juden die wahre Religion absprechen? Vor Allem wirft man ihnen vor, daß sie gar keinen Sinn für das Mystische in der Religion hätten. Die Thatsache steht: der Jude kennt die Mysttk nicht; *) Anmerkung der Redaction: In dem vor Kurzem erschienenen Buche Ernst Eurtius: Ein Lebensbild in Briefen (Berlin 1903), Seite 6! 8, findet sich in einem Briefe des berühmten Historikers an seinen Bruder Georg Eurtius vom 27. 2. 1872 folgende intereffante Stelle: „Unter den neu aufgetretenen Persönlichkeiten ist Odo Ruffel einer der interessantesten, ein Kosmopolit von seltener Virtuosität. Neulich hatte Brandts, H e l mholtz, Mommsen, Grimm, Lazarus, Lasker und mich

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