Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 702 Dr. Jßlocb’s MocbenscbrM. Nr. 44 und fügte laut hinzu, als die alte Frau auf sein Läuten erschien: .Sorgen Sie dafür, daß das noch heute aufgegeben werde. Ja, Hannah?" Bis morgen könnte ich vielleicht über die Klugheit des Absenders anderen Sinnes geworden sein, dachte er mit humoristischem Lächeln. Am anderen Tage herrschte ein ungewohnter Zustand in dem Bcand'schen Haushalte. Seit dem Einlaugen der Post war die Dame des Hauses in ausgesprochen übler Laune und zeigte dies, indem sie Ediths Toilette kritisirte, der Köchinsagen ließ, daß die Omelette ungenießbar sei, und sich schließlich weigerte, mit ihrer Nichte zu Alice Wyndham's Hochzeit zu gehen, einer so auserlesenen Unterhaltung, daß nur zweimal so viel Leute geladen waren, als das Haus zu fasten vermochte. Trotz der todten Saison war die Kirche gedrängt voll von gutgekleideten Leuten. Summen und Geplauder erfüllte die Luft. Edith fühlte sich so gar nicht dazu gehörig. Es erschien ihr als ein eigenartiger heidnischer Ritus. Damen in eleganten Toiletten grüßten einander von Schiff zu Schiff. Steife Ordner, unsäglich wichtig und feierlich, durch einige weiße Knopfloch- Bouquets beinahe verdeckt, sahen aus, als trachteten sie auf der Höhe der Situation und der Aufgabe zu sein, den Gästen die rechten Plätze anzuweisen. »Wie am Tage des Gerichts", flüsterte Edith einer Nachbarin zu, .und diese armen jungen Leute müffen die Schafe von den Böcken sondern/ »Die Liften sind sehr sorgfältig zusammengestellt worden", sagte die Dame, ohne Ediths Meinung zu erfassen, .O je!' fuhr das Mädchen fort, .das ist ja aus Lohenarin; ich glaube nicht, daß das eine glückliche Wahl für eine Trauung ist/ .Das wird immer gespielt", antwortete die Dame, .und der Mendelssohn'sche Hochzeitsmarsch beim Herabgeben durch das Sch ff." Ihr Ton war so mißbilligend, daß Edith weitere Einfalle unterdrückte und blos kritisch den Eintritt der Brautmutter, der Mutter des Bräutigams und einer Familiengruppe beobachtete, sowie eines Octetts von Ordnern, welche ihre umgekehrten Hüte krampfhaft an die Brust drückten. Dann kam eine selbstbewußte Ehrendame und die Brautjungfern, die mit ihren Booqaets zufrieden, ''aber über unpaffende Hüte sehr ärgerlich schienen. Auf den Arm ihres Vaters gestützt, folgte die Braut mit kleinen, gezwungenen Schritten, mehr denn je einer Wachsfigur ähnlich. Die Crremonie nahm ihren Fortgang, wurde aber durch Schubert's .Serenade" mit Variationen ganz zur Nebensache. Edith dachte nach; wie konnten fühlende Geschöpfe sich zu einer solchen Schaustellung hergeben?" Wie konnten Gefühle soviel Geräusch und eine solche Ausstellung von Schneider- und Putzmacherwaaren überleben? Das Brautpaar hatte es wohl um der Coavenienz willen gethan, wie sie hätte Herrn Tottingham heiraten können, um ein eigenes Haus zu haben und Diners geben zu können. Aber die Braut kam jetzt das Schiff herab, den Schleier zurückgeschlagen, die Hand leicht auf den Arm ihres Gatten ruhen laffend. Nein, es war nicht so! Die Ceremonie, das Geräusch, das war für die anderen Leute das Bußgeld, das diese Zwei den Gleichgiltigen zahlten, um einander besitzen zu können; sie trugen jetzt mitsammen etwas fort, etwas, das für den Augenblick ihre Gesichter zu E.Igelsantlitzen machte; mit erhobenen Häuptern und Augen, die vor Verzückung strahlten, blickten sie über die Menge hinweg in eine selige Zukunft. Edith fühlte theilnehmend mit ihnen, sie hätte weinen mögen in dem Gefühl von Vereinsamung, das unverheiratete Mädchen zuweilen erfaßt. Es war ihr, als ob kein anderes menschliches Wesen in ihrer Nähe leben könnte. Mit schmerzhaftem Kältegefühl dachte sidarüber nach, ob dieses Weh sie ihr ganzes Leben lang bedrücken werde. Eines war gewiß. Sie konnte und wollte das Trauungs-Frühstück vermeiden. Der bloße Gedanke an das Gedränge, die Hitze, das Geräusch erfüllte sie mit solchem Widerwillen, daß sie nach Ruhe und Einsamkeit schmachtete. »Kommen Sie um etwas zurück, Fräulein?" fragte Hannah an der Thür. .Nein, es war zu gedrängt und ich bin müde. Danke. Sie brimchen Frau Brand nicht zu sagen, daß ich gekommen bin." Edith hatte keine Lust, die scharfe Beobachtung ihrer Tante auszuhalten, bevor sie eine gewisse Faffung wiedererlangt hatte. Auf halbem Wege erinnerte sie sich an ein Buch, das sie im Bibliothekzimmer vergessen hatte, und kehrte um, es zu holen. Auf der Schwelle fiel eine Nadel mit Goldkopf aus ihrem Schleier und sie tastete auf dem dicken Teppiche nach derselben herum, und hörte durch die Portiere ganz deutlich Stimmen. Bevor sie sich darüber klar geworden war, daß das offenbares Horchen sei, hatte sie genug gehört, um für den Augenblick die Kraft zum Handeln einzubüßen. Es war die Stimme eines Mannes, sanft und leise, aber durchdringend in ihrer vollkommenen Klarheit. Der Ton, fast kosend, stand in sonderbarem Gegensätze zu der verdeckten Feindseligkeit seiner Worte. »Im Ganzen, Frau Brand, haben Sie klug daran gethan, indem Sie ablehnten, das selbst dem Frl. Linton zu sagen." »Es liegt nicht in meiner Absicht, daß es ihr überhaupt Jemand sage." Frau Brand's Weise war geradezu brutal. Die andere Stimme fuhr in ungestörter Ruhe fort. »Bei Ihren — hm — Borurtheilen, wäre kaum von Ihnen zu erwarten, daß Sie diese Mittheilung in sehr mitempfindender Weise machen würden. Ich kann jedoch nicht mit Ihnen darin übereinstimmen, zu denken, daß es am besten wäre, Ihrer Nichte eine so bedeutsame Thatsache gänzlich zu verbergen. Im Verlaufe der gesetzlichen Formalitäten würde sie dieselbe unfehlbar entdecken. Unter dem Eindrücke, daß der Erblaffer ein Mann war, hielt ich es für nöthig, jede Einzelheit zu erklären. Der bloße Unterschied des Geschlechtes ändert nichts an meiner Meinung." »Meine Nichte" — Frau Brand's Stimme war unfein leidenschaftlich — »ist sehr empfindlicher Natur. Niemand kann die Wirkung einer solchen Enthüllung auf sie voraussehen/ — Die sanfte Stimme beharrte. Umsomehr Grund, daß sie von Jemand gemacht werde, der sie nicht für eine schmachvolle Enthüllung hält. »Tante Margarethe, was ist das? Was droht dieser Herr mir zu sagen? Nichts, was er mir sagen könnte, würde mich veranlassen, weniger gut von Dir zu denken. Soll ich ihn wegschicken?" Sich hochmüthig zu dem lästigen Fremden wendend, fand sie einen ältlichen Mann, klein, aber nicht unbedeutend, wirksam, all seiner Sanftmuth mit einem unerklärlichen Zauber, der sie, trotz ihrer Absicht, zornig und abstoßend zu sein, besänftigte und anzog. Er winkte höflich, daß Frau Brand sprechen möge, und sie brach rauh los: ( »Dieser Herr ist gekommen, um Dir anzukündigen, daß' Du ein fürstliches Vermögen geerbt hast, fünfzehnhundert Dollars, sagten Sie?" »Fünfzehntausend", sagte der Fremde höflich. »Aber er nimmt das einfach als Vorwand, um Dir ein schmachvolles Familien-Geheimniß zu erzählen. Deine Mutter war ein Frl. Aaronson! Eine gewöhnliche Jüdin! Sein Name ist Josephs! — Abraham Josephs!" ,O je! Bin ich aber froh, daß sie doch eine Weiße war!" Ediths Schalkhaftigkeit stand ihr treulich bei, denn ohne diese hätte sie jetzt vor Erleichterung aufschreien müssen. Denn in den letzten Augenblicken hatte ihre Phantasie in solchem Schrecken geschwelgt, daß ihr das hingegen nur wie eine malerische Ueberraschung erschien. Dann sich selbst gegenüber, zumindest war sie ehrlich. Wenn Julian das erführe, wenn er jetzt zurückkäme, was dann? Sie verfiel auf diesen Gedanken, nur um ihn sofort als unmöglich zu verwerfen. Sie konnte fallen gelassen werden und es nicht übelnehmen, aber wieder ausgenommen zu werden, lag jenseits jeder Möglichkeit für jedes Weib, das sich selbst achtete. Intelligent genug, um die zu Widersp.uch reizende Wirkung ihres Temperamentes auf. Edith zu kennen, fegte sie aus dem Zimmer mit den Worten: »Weitere Erklärungen werden sich in meiner Abwesenheit besser geben laffen." Herr Josephs beobachtete ruhig Edith, deren blasses Gesicht keine Andeutung über das Wesen ihres Schmerzes gab. Endlich faßte sie sich hinlänglich, um zu sprechen, sichtlich bemüht, ihrer Stimme Festigkeit Hu geben. »Ist das wahr?" »Ja Fräulein Linton, ein Onkel Ihrer Mütter hat Ihnen ein Legat hinterlaffen." Ihre Verwandten hatten jede Spur von Ihnen verloren und mich gebeten, Sie auszuforschen'" »Ich meine nicht wegen des Geldes!" Sie blickte nieder und blätterte in einer Zeitschrift. »Ist Ihnen der andere Theil Ihrer Erbschaft sehr peinlich?" Die Antwort kam zögernd: »Es ist eine große Ueberraschung, eine Verschiebung. Ich sehe nicht genau, wo ich stehe. Es verändert das ganze Angesicht des Lebens, doch glaube ich, daß es mir Seelenruhe bringen kann." Er sah, daß ihr die Farbe in die Wangen stieg, wie sie bewegungslos und reizend in ihrem Hochzeitsstaate dastand, zu