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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Dlocb's MocbenscbrM, &|@dte 701 derzeit Vorsteher-Stellvertreter *, Albert Schatz. Heinrich Singer. Läzar Pollak, (Dr. N. Reiser, Daniel Bruml, Adolf Löwy, Moritz Brummel. Trovvau. (Jüdisch - literarischer Verein.) Dienstag den 20. October l. I. wurde die Saison mit einem Vorträge des diesigen Religionsprofessors Herrn Doctor Max Dust über dos Thema „Das Indentbum und die Künste" eröffnet. Tsri überaus fesselnder Weise wies der Redner nach, daß der Kunstsinn im Indenthum stets sebr ausgebildet war und südische Künstler sich auf allen Gebieten der Kunst hervorragend bethätigt Koben. In einer kurzen Ueberücht besprach Herr Dr. Huß sodann die berühmtesten Künstler und Künstlerinnen jüdischer Abstammung und deren künstlerisches Wirken. Das sebr zahlreich erschienene, zum größten Tbeile aus Damen bestehende Publicum lohnte die interessanten Ausführungen des Redners mit reichem Beifalle. Tarnopol. (Mißbräuchliche Anwendung des Gewerbe ge se tz e s.) Die hieüge Bezirkshauptmannschaft verurtbeilte viele jüdische Kanfleute. weil sie im verflossenen Jahre an den jüdischen Neujahrstagen ihre Geschäfte sperrten. Eine ältere Verordnung gestattet es nämlich, einen Kaufmann mit einer Geldbuße zu bestrafen, wenn dieser, ohne es vorder bei der zuständigen Behörde angemeldet zu haben, das Geschäftsunternehmen einstellt. Die Tarnovoler Bezkrkshauptmannsäiaft darf sich auf die Entdeckung, daß die zeitweilige Sperrung während der jüdischen Feiertage als eine „Einstellung des Geschäftsbetriebes" zu gelten hat. ein Patent nehmen. Die Verurtheilten recurrirten an die galizische Statthalterei, jedoch ohne Erfolg. Vor Kurzem wurden ihnen die Urtbeile der Bezirkshauptmannschaft. von der Statthalterei bestätigt, zugestellt. Da in Gewerbesachen die Stattbalterei die höchste Instanz ist. so steht den Betroffenen ein weiteres Rechtsmittel nicht mehr zu. (Aber doch wohl die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof!) Aus Jassy. Bei der Seelenfeier in Schemisin Azeret hielt unser Rabbiner Dr. Niemirower eine tiefergreifende Denkrede auf die Vorkämpfer der rumänischen Juden: Bernhard Lazare (Paris) und Julius Plotke (Frankfurt a. M.) schilderten musterhaft das Gemeinsame und Verschiedenartige dieser großen Todten. Dr. Niemirower, der im Jahre 1897 zum erstenmal in Rumänien einen Jügendgottesdienst einführte, hat am Vorabende des Thorafreudenfestes als Direktor der Cultusschulen eine Feier für die jüdischen Schüler im Bet Schlome veranstaltet. Seine Rede machte auf die zahlreichen'*Schüler''und auf das große Publicum einen^mächtigen Eindruck. ° Feuilleton. Julian Meldohla. Von Mary Maß. VIII. Ob sie will oder nicht. Was auch Julians tägliche Kümmernisse sein mochten, Beschäftigungsmangel zählte nicht darunter, aber die Abende lagen schwer aus ihm. Durchaus gesund und heiter, war er gewöhnt, das Leben als einen fröhlichen Besitz anzusehen, der systematisch zwischen Arbeit und Vergnügen getheilt war. Der Arbeitsantheil seines Lebensplanes lies wie gewöhnlich weiter, aber das Vergnügen war plötzlich unerreichbar geworden. Die nächste Annäherung an Genuß war ein gelegentliches Gespräch mit Herrn Josephs. Aber auch in diesem fand er weniger wahrhafte Befriedigung als zeitweilige Linderung. »Ist der Herr zu Hause?" fragte er eine lebhafte, runzlige, alte Frau, welche ihm das Thor vom Herrn Josephs grvßrm, ruhigem Hause öffnete. »Welche Freude! Das ist doch Herr Julian! Treten Sie ein. Herr! Ja, er ist in seiner Bibliothek", sagte sie und fügte hinzu, als er in den Lichtkreis trat: »Lieber Gott! wie sieht der Mensch aus! Er ist so schmal, wie die sieben mageren Kühe/ »Sie wünschen doch nicht, daß ich fett werde, Hannah!" sagte der junge Mann in freundlichem Scherze. »Fett? Nicht zu befürchten. Aber ich wünsche eins, und zwar sehr dringend. Wann würden Sie sich verheiraten, Herr Julian? Warten Sie nicht zu lange. Sehen Sie den Herrn in seiner Studirstube. Jeder Mann braucht Familie, Herr Julian. Sie werden die volle Freude des Lebens erst kennen, wenn Sie Ihren eigenen Knaben in den Armen halten/ »Warten Sie ein wenig, Hannah. Ich habe ein nettes Mädel ins Auge gefaßt, aber sie ist noch nicht ganz erwachsen", antwortete er lachend. Wenn die Zeit kommt, werden sie bei dem Hychzeitsmahl helfen müssen. Es gibt nicht mehr viele Leute, die alle Geheimnisse unserer guten jüdischen Küche so kennen/ »Herr Julian!" sagte die alte Frau in tiefem Ernst, »benachrichtiaen Sie mich nur rechtzeitig, und Sie sollen das beste koschere Trauungsfrühstück haben, das je in New-Aork gegessen wurde/ Julian fand Herrn Josephs in der geräumigen Bibliothek, welche von mildem, reichem Lampenlicht erhellt war und eine Atmosphäre von gemäßigtem Luxus. Gelehrsamkeit und reinstem und feinstem Geschmack athmete. Zierate waren spärlich angebracht. nur einige alte Stiche, ein Stück erlesener, japanefifcher Lackarbeit, ein oder zwei gute Broneen. aber das Zimmer war durch eine Menge von Büchern vor Kahlheit bewahrt — Bücher zum Lesen, Schätze eines Sammlers. Flugschriften, Kataloge, »nd kleine abaenützte Bände, die von täglichem Gebrauche zeugten. Die beiden Freunde unterhielten sich in sprunghafter Weise. Julians Antbeil an dem Gespräch ließ allmälig nach. Der ältere Mann erzählte traurig von Briefen, die er heute aus Deutschland bekommen und die von dem Ausbruch einer Judenhetze in einem fernen Dorfe an der Donau berichteten. Plötzlich verblüffte er Julian durch eine Frage: »Jenes Mädchen? Denken Sie noch an sie?" Im Augenblicke sprachlos, verließ Julian das Feuer und machte einen Gang durch das Zimmer. Herr Josephs sah ihn an. Sie brauchen nichts zu sagen, lieber Junge, ich habe meine Antwort/ Am Kamine stehen bleibend, wählte Julian eine frische Cigarre, schnitt die Spitze sorgfältig ab und machte einen oder zwei Züge, als ob ihr Zug derzeit sein vorherrschendes Interesse gewesen wäre. »Der Punkt, an welchem wir brachen, ist ebenso wichtig als je. aber sie ist wichtiger als alles. Im Sommer verlor ich den Kopf und betrug mich vollständig wie ein Esel. Das erhöht jetzt meine Schwierigkeiten. Ich habe mit der Zeit eingesehen, daß ich sehr empfindlich, sehr von mir selbst erfüllt war. »Es wäre so leicht gewesen" — hier brach seine Stimme ein wenig, aber er beherrschte sie sofort wieder und fuhr so trocken fort, als ob er eine Reihe von Zahlen abläse. Anstatt mich in heroische Posen zu werfen, brauchte ich nur zu warten, bis wir allein waren, anstatt zu — sagte ich Ihnen, was ich ihr schrieb, Herr Josephs?" »Nicht ein Wort. Sie sagten blos, daß Sie sie verließe»/ »Nun!" Julians Stimme war voll empörten Erstaunens. „Ich schrieb ihr, daß ich sie nicht heiraten könnte, selbst, wenn sie mich darum bäte. Hätten Sie geglaubt, daß ein anständiger Mensch einen solchen Narrenstreich spielen könnte?" Er rauchte in schweigendem Entsetzen weiter. Endlich sprach Herr Josephs. — »Wenn sie Sie lieb hatte, muß sie recht unglücklich sein. Von dieser Seite hatte Julian die Sache noch nie angesehen. »Ich denke nicht, daß sie mich lieb hatte. Wie konnte sie auch?' Der junge Mann war ganz ehrlich. „Aber ich bin sicher, daß sie sehr zornig ist!" »Sie ließen ihr kaum die Möglichkeit, sich zu entschuldigen", bemerkte Herr Josephs. »Entschuldigen!" unterbrach Julian hitzig. »Das ist nicht der Weg! Was sie sagte, war eine Beleidigung, keine beabsichtigte, aber nicht überhört zu werden. Wenn sie mich geschlagen hätte, würde ich sie geküßt haben! Dafür ist die einzige Gutmachung, daß ich sie nöthige, mich einmal zu heiraten. —" Hochroth, blieb er still, er hatte seine Fähigkeit, die Angelegenheit mit sachlicher Ruhe zu besprechen, überschätzt. Die Beherrschung über Bord werfend, sprang er auf, trat Herrn Josephs gegenüber und seine raschen Worte sprudelten unaufhaltsam und widerspruchslos hervor. »Natürlich, jetzt wird sie nichts mit mir zu thun haben wollen, und mit vollem Rechte, aber das muß besiegt werden. Sie werden sehen, denn ich beabsichtige, sie zu haben, ob sie will oder nicht". Ich will erst heiraten, und dann unsere Streitigkeiten ordnen. Adieu alter Freund! Danach kann ich es jetzt nicht zwischen vier Mauern aushalten, ich muß mich jetzt müde laufen, bis ich mir nur einen Anschein von Seelenruhe verschaffe." Nach Julians überstürztem Aufbruch zündete Josephs eine neue Cigarre an und ging langsam im Zimmer auf und ab, wählte sorgfältig eine neue Feder und schrieb ohne Pause oder Aenderung einen kurzen Brief. Er war zur Ueberzeugung gelangt, daß zu gewissen Zeiten im Handeln und Untertassen gleiche Verantwortlichkeit liege, und in seinem ganzen Leben hatte er es vorgezogen, seine Hand am Ruder zu fühlen. Nachdem er den Brief mit einer werthvollen Petschaft gesiegelt hatte, läutete er. »Gäbe Gott, daß es kein Jrrthum sei", murmelte er

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