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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Seite m zu antworten: wir erreichen es nicht dadurch, daß wir einer in dem anderen aufgehen, sondern dadurch, daß jeder Einzelne sich selbst und seine individuelle Eigenart zu denkbar höchster Vollendung ausbildet und dann von seinem Eigensten selbstlos im Hinblick auf das gemeinsame Ziel an die anderen hergibt. So kommt ja auch ein gutes Concert nur zu Stande, wenn jeder einzelne mitwirkende Musiker sein eigenes Instrument bis zu denkbar höchster Vollendung zu beherrschen lernt." ' Recht so! Im Vaterlands muß Raum sein für jederedliche Streben und für jede individuelle Eigenart. Die wirthschaftliche Bedeutung der Judensrage in Rußland. ' Die ruffische Judenfrage wird gewöhnlich lediglich aus Humanitären und politischen Gesichtspunkten beurtheilt; sie hataber auch eine große wirthschaftliche Bedeutung. Die Juden bilden zwar nur einen kleinen Bruchtheil in der Gesammtbevölkerung des russischen Reiches (5 bis 6 Millionen unter ungefähr 130 Millionen Gesammtbevölkerung). allein beinahe alle ruflischen Juden wohnen in den Städten und alle Städte Rußlands haben insgesammt nur ungefähr 16 Millionen Einwohner. In den Städten aber, in den Mittelpunkten des wirthschaftlichen Lebens, bilden die Juden den dritten Theil der Bevölkerung. Das ist der Durchschnitt für das ganze Reich; in einzelnen Theilen desselben, und zwar in den wirthschaftlich entwickeltsten Theilen, wird dieser Durchschnitt oft beträchtlich überschritten. Das jüdische Ansiedlungsgebiet grenzt an Rumänien, Oesterreich-Ungarn und Deutschland und umfaßt das in industrieller und handelspolitischer Beziehung wichtigste Gebiet des russischen Reiches. Schon in Folge dieser geographischen Bertheilung mußte den Juden ein bedeutender Antheil an dem ruffischen Wirthschaftsleben zufallen. Es kommt aber noch hinzu, daß die russischen Juden sich fast ausschließlich dem Handel, dem Handwerk und der Industrie gewidmet haben, namentlich dem Handel. Daraus hat sich ergeben, daß gegenwärtig ein sehr beträchtlicher Theil des gesammten ruffischen Handels, sowohl des Innenhandels wie des Außenhandels, sich in den Händen der Inden befindet; in manchen wichtigen Punkten und in manchen wichtigen Branchen ist so gut wie der gesammte Handel ln Händen von Juden, so z. B. in Odessa, in Kiew, in Warschau, so der Getreide- und der Holzhandel. Beim Außenhandel mit Deutschland und Oesterreich kommt den Juden noch die Sprache zu statten (die russischen Juden sprechen bekanntlich jüdischdeutsch) — vielfach auch der Umstand, daß diesseits der Grenze der Außenhandel mit Rußland ebenfalls zum Theil in Händen von Juden sich befindet. In der Industrie ist der Antheil der Juden ebenfalls beträchtlich, wenn auch beiweitem nicht in dem Maße wie im Handel. Nun ist aber die Industrie vielfach auf den Handel angewiesen und ebenso die Landwirthschaft. Die russischen Juden bilden daher ein sehr wichtiges Glied im russischen Wirthschaftsleben. Das ist zum Theil das Verdienst der Juden selbst, zum Theil das Verdienst — der Regierung. Die Regierung war es, die eine gleichmäßige Bertheilung der Juden im ganzen Reiche und in den verschiedenen Berufen verhindert hat. Die Regierung hat den Juden verboten, sich außerhalb des Ansiedlungsgebietes niederzulaffen, sie hat ihnen verboten, außerhalb der Städte zu wohnen, sie hat ihnen schließlich den Beamtenberuf und verschiedene andere intellectuelle Berufe verschloffen. Der jüdischen Thatkraft und der jüdischen Intelligenz find nur Handwerk, Industrie und Handel freigelaffen worden; hier betätigen sie sich daher mit ihrer ganzen Kraft. So hat die russische Regierung nicht nur für die Quantität jüdischer Industriellen und Kaufleute, sondern auch für ihre Qualität gesorgt. Die wirthschaftliche Lage der ruffischen Juden entspricht indessen durchaus nicht ihrer wirthschaftlichen Bedeutung. Die Masse der jüdischen Händler ist äußerst arm und führt ein wahres Hungerleben; sie sind eben viel zu zahlreich. Den jüdischen Handwerkern geht es auch nicht besser. Die wirthschaftliche Bedeutung der Gesammtheit dieser Händler ist trotzdem sehr groß; ja, sie haben sich geradezu unentbehrlich gemacht. Die Situation ist jetzt derartig, daß die Interessen des russischen Handels und der russischen Industrie eng verbunden sind mit den Interessen der jüdischen Bevölkerung Rußlands; jede Schädigung der Juden zieht zugleich andere Kreise in Mitleidenschaft. So haben die Judenkrawalle in Kischenew auch den rechtgläubigen Industriellen von Moskau schwere finanzielle Verluste zugefüzt, zugleich hat auch die Staatsbank beträchtlichen Schaden gehabt, denn sämmtliche Wechsel der Kischenewer Juden mußten prolongirt und manche von ihnen werden niemals eingelöst werden. — Die Handelsgeschäfte der Juden, die Fabriken der griechisch-orthodoxen Russen und die staatlichen Banken stehen in enger wirtschaftlicher Verbindung miteinander, so daß jeder Schlag auf der einen Seite gleichzeitig auf allen anderen Seiten empfunden wird. Das ist klar für jeden, der nur einiges Berständniß für Fragen der Volkswirtschaft besitzt. Daher waren auch alle russischen Finanzminister der letzten Decennien entschiedene Gegner der Judenverfolgungen. Der Finanzminister Witte hat noch im vorigen Jahre bei einer Beratung der Regierung über die Judenfrage sich für die Erweiterung der Rechte der russischen Juden ausgesprochen mit der Begründung, daß die Juden ein wichtiges und notwendiges Element des russischen Wirtschaftslebens bilden. Augenblicklich treten aber volkswirtschaftliche Erwägungen zurück, indessen ist die Judenpolitik der russischen Regierung auch in rein Politischer Hinsicht durchaus verkehrt, den sie führt zu Ereignissen, die man gerade hat vermeiden wollen. Die Judenexceffe in Hömel. Aus Berlin wird uns berichtet: Jüdische Flüchtlinge aus Homel weilen jetzt auf der Durchreise in Berlin. ES find mehrere ziemlich begüterte Familien, die nicht nach Amerika auswandern, sondern in Holland eine neue Heimat suchen wollen. Sie bestätigen nicht nur vollinhaltlich die Mittheilungen der Blätter von den blutigen Judenverfolgungen in Homel, sondern wissen noch von weit crafferen Fällen von Mord und Plünderung zu berichten. Insbesondere bekunden sie übereinstimmend, daß die russische Polizei die Excedenten nicht nur nicht abgewehrt, sondern vielfach mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hat. Diese schier unglaublichen Mittheilungen werden durch die Aussagen der von der Polizei vernommenen Personen bestätigt. Wir entnehmen diesen Zeugenaussagen, ohne die Namen zu nennen, Folgendes: Ein Christ sagt aus und ein Angestellter in einem Magazin bestätigt es: Bon dem Cabinet des Dentisten Pewsner bis zur Wohnung des Dr. Cheifez nahmen an den Demolirungen auch vier Polizisten und ein Gendarm theil. Hinter ihnen ging der zweite Polizeichef der ersten Stadtabtheilung. Sie Alle, mit Ausnahme des Chefs, warfen Steine in die jüdischen Fenster. Angestellter einer Transport-Gesellschaft Montag (14.Sept.): Früh um 8 Uhr ist der Zeuge zu dem Hause, wo sich daS Comptoir der Gesellschaft befindet, gekommen und wendete sich an den Polizeichef CzernoluSki, der mit. einer Patrouille dastand, mit der Bitte, er möge drei Soldaten an das Thor zur Beschützung des großen Waarenlagers stellen. CzernoluSki antwortete: »Ich kann die Compagnie nicht theilen." Der Officier, welcher die Patrouille commandirte, antwortete auf seine Bitte: »Aber in der Gesellschaft dienen doch keine Russen!" Ein Hausbesitzer, ein anderer Mann gleichen Namens und ein Lehrer: Eine Abtheilung Soldaten, angeführt von einem Polizeichef, und Gendarmen zersprengten einen Haufen Juden und säuberten den Weg für die Plünderer, die einen Thett der Häuser der Rumjanzow'schen Straße bei dem Krankenhause zerstörten. Dabei hörten die Zeugen, wie die Frau des Generals Tetijew und des Bezirksgerichtsmitgliedes Melnikow den Räubern zuriefen: »Schlaget die Juden!" Ein Zeuge aus der Samskowaja-Straße: Sein Haus wurde zweimal geplündert. Zwei Räuber, mit Keulen bewaffnet, schlugen vor den Augen der Polizei alle Juden, die nach dem Bahnhof vorbeifuhren. Erst als das Publicum, über das Benehmen der Polizei empört, zu schreien anfing, trieb man die Räuber fort. Unweit vom Hause des Abram Paley hatten sich ungefähr 100 Juden zur Abwehr gegen die Räuber aufgestellt. Sie wandten sich an einen Officier, der eine Truppenabtheilung commandirte, mit der Bitte um Hilfe. Diese wurde ihnen versagt. Polizei war nicht zugegen. Der Officier befahl den Juden, auseinanderzugehen. und ohne das Resultat seines Befehls abzuwarten, ließ er eine Salve auf die Juden abgeben, infolge dessen sechs Mann fielen. Die Juden kletterten durch eine Hecke in den Garten Lykow's unk von dort erschossen sie zwei Plünderer. Die Bande ging weiter und der Officier ließ es geschehen. Ein Christ: Am Freitag den 11. September rettete der Zeuge mit großer Mühe einen Juden, der bei seinem Hause von den Räubern überfallen wurde. Bon seinem Baleon sah er, wie ein Haufen jüdischer Knaben, etwa 30 an der Zahl, von der Samskowaja-Straße sich in die Kus netznaja retteten; hinter ihnen liefen mit gezogenem Säbel der Polizeigehilfe CzernoluSki unv ein Schutzmann mit einem Revolver. CzernoluSki jagte die Knaben und schrie: »Schieß, schieß!" Auf diesen Befehl feuerte der Schutzmann einigemale auf die laufenden Knaben.

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