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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 698 Dr. Dwcd's Wocbenscbcttt. Rr. 44 Die meiste» Obercantoren von Wien, Brünn, Prag, Linz, Troppau, Olmütz, Mähr.-Ostrau, Karlsbad, Baden rc. sind aus Ungarn und Galizien. Sind dies etwa ungebildete und unmusikalische Obercantoren? Berlin. Heute tagte hier der geschäftsführende Ausschuß des Hilfsvereines der deutschen Juden unter Vorsitz des Generalconsuls Eugen Landau. In der Versammlung erstattete Herr Dr. P. Nathan Bericht über die Vorgänge der letzten Monate in Rußland und Galizien. Wir entnehmen dem sehr interesianten Referat die wichtige Mittheilung, daß für die Geschädigten in Hömel bisher bewilligt worden sind: Seitens des Hilfsvereines der deutschen Juden Mk. 55.000, seitens der Großloge für Deutschland Mk. 8000, seitens des Hilfscomitßs für die russischen Juden in Frankfurt a. M. Mk. 10.000, seitens der Israelitischen Allianz in Wien Rbl. 5000, seitens der Londoner Vereine Mk. 20.000. Die Zahl der Auswanderer war verhältnißmäßig klein, dagegen nicht unerheblich die Zahl der Rückwanderer nach Kischenew, welche die Hilfe des Vereines in Anspruch nahmen. Das Hilfscomits in Kischenew ist zur Zeit als abgeschlossen zu betrachten und wird binnen Kurzem ein Bericht des Vereines über dasselbe erscheinen. Ferner wurde in der Sitzung über die Subventionirung und Errichtung von Schulen im Orient verhandelt. Uebereinstimmend war man der Meinung, daß die Vorbedingung für gute Schulen die Heranbildung guter Lehrer sei. Diese Heranbildung müsse im Orient selbst erfolgen, denn die Lehrer sollen die dortigen Verhältnisse gründlich kennen lernen. Es erschien durchaus unzweckmäßig, sie durch Berufung nach Europa zwecks Ausbildung den großstädtischen Einflüssen auszusetzen. Der geschäftsführende Ausschuß hat daher beschlossen, ein Lehrerseminiar im Anschluß an die Lämel- Schule in Jerusalem zu errichten und die gesammten dafür nöthigen Kosten zu bewilligen. Die Lehrer sollen dort neben einer gründlichen beruflichen Ausbildung, welche der deutschen Seminarbildung entsprechen wird, befähigt werden, den gesammten Unterricht in hebräischer Sprache zu ertheilen. Natürlich tritt die nothwendige Kenntniß der Landessprachen, des Arabischen und des Türkischen, hinzu. Es ist zu erwarten, daß aus diesem Seminar pädagogisch geschulte Lehrer hervorgehen werden, welche dem Bedürfnisse des Orients und den Forderungen unserer dortigen Glaubensgenossen Genüge leisten können. Außer diesem hochbedeutsamen Beschluß bewilligt der geschäftsführende Ausschuß Subventionen für die deutsch-jüdische Schule in Constantinopel, für einen Kindergarten in Jerusalem und Jaffa, für den Neubau der Lämel-Schule und für rumänische Schulen. Daran schlossen sich ferner Bewilligungen für die Abgebrannten in Monasterzyska, für den Israelitischen Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg, für das Comite für Rückwanderer in Breslau. Dippold und Sternberg. Ja einem Briefe, der vom Ersten Staatsanwalt vorgelegt wird und zur Verlesung gelangt, schrieb Dippold der Mörder seines Zöglings Koch: ^Es ist ungeheuer, wie viel Juden es auf der Berliner Universität gibt; es ist nur ein Trost, daß in unmittelbarer Nähr der Universität die katholische Hedwigskirche steht/ An einer anderen Stelle heißt es, daß er dem unglücklich getödteten Heinz Koch in die Feder dictirt hat, er sei durch einen »Judenbengel" verführt worden zu einem unsittlichen Verkehr mit einer Kellnerin. Als August Sternberg vor Gericht stand, wurden seine verbrecherischen Handlungen von antisemitischer Seite ergiebig als Mittel zu Agitationen gegen die Juden verwendet. Sternberg war als Christ geboren, aber er war „semitischer" Abstammung. Thatsächlich lehrt aber die Statistik des Deutschen Reichs, daß gerade an den schwer st en Sittlichkeitsverbrechen (wie Blutschande, Verbrechen an Kindern, widernatürliche Unzucht*) die Juden nicht nur absolut in geringem Maße betheiligt sind, sondern daß selbst auf die gleiche Zahl jüdischer und *) Vergleiche Antisemitenspiegel S. 207. Die Zahlen für die Jahre 1882—1897 betragen: Christen Blutschande . 5796 Unzucht unter Mißbrauch eines Vertrauensverhältnisses rc. 733 Widematürliche Unzucht. 6666 Juden 13 (statt 67) 3 ( „ 9) 29 ( „ 77) christlicher Einwohner berechnet, die Juden zu diesen Verbrechen weniger hiuzuneigen scheinen. Aber die Statistik ist ja den meisten nicht bekannt, und Zahlen wirken in. der öffentlichen Meinung nicht so stark, wie die sensationelle Gerichtsverhandlung, von welcher Tage lang die Zeitungen ausführlich berichten. Und so ging die Hetze munter fort, Sternberg wurde ein Thema für Volksversammlungen, und Herr Stöcker verflieg sich sogar zu der Behauptung, er könne sich nicht denken, daß ein christlicher Mann deutscher Abstammung sich gleicher Verbrechen schuldig machen könne. — Wir haben dem gegenüber mehrfach an Beispielen gezeigt, daß derartige Verbrechen durchaus nicht selten sind, insbesondere bei Lehrern und Geistlichen. Allein im Verhältniß zu dem ch r i st l i ch e n Germanen Dippold ist Sternberg ein harmloser Staatsbürger. Die Familie Koch ist weder jüdisch noch semitisch. Obgleich es bekannt ist, daß man im Allgemeinen in jüdischen Familien der Erziehung der Kinder viel Sorgfalt widmet, würde, wenn diese Familie doch zufällig semitisch wäre, wohl im Brustton der Ueberzeugung von den Antisemiten verkündet worden sein, daß ihre Nachlässigkeit eine Entschuldigung bilde für den unreifen Mann, der seiner Sinne nicht mächtig gewesen sei u. s. w. Dippold war bekanntlich recht fromm und führte den lieben Gott oft im Munde. Man hat dies lediglich als Heuchelei aufgefaßt und von „Frömmeln" gesprochen. Ob dies Urtheil indessen zutreffend ist, wäre fraglich. Das menschliche Gemüth ist gerade kein einfaches Rechenexempel, und gerade mit jenen Mischformen von Grausamkeit, und geschlechtlichen Verirrungen, welche den Fall Dippold bezeichnend machen, waren recht häufig mystische Neigungen verbunden. Die Trias Sinnlichkeit, Mystik, Grausamkeit ist sehr häufig; von alten Cultformen abgesehen, tritt sie in der Christenheit unter Anderen bei denWiedertäufern und bei,den Geißlern bezeichnend hervor... . - . ....... Wenn es heute wieder vielfach Mode ist, nur die Mystik als wahre Religion anzufehen, ein warmes Herz ethisch nicht für ausreichend zu erachten, vielmehr für ein Kennzeichen der wahren Germanen auch einen warmen Kopf zu halten, so darff dem gegenüber auf die häufige Verbindung von Mystik und grausamer Sinnlichkeit hingewiesen werden. Zwei bedeutsame Kundgebungen sind jüngst bekannt geworden, die, wenn sie von denen beachtet würden, die es in erster Reihe angeht, wohl geeignet wären, Ruhe und Frieden unter den Bürgern desselben Landes zu schaffen und zu erhalten und die Freude am Baterlandezu erhöhen. Die eine Kundgebung rührt vom preußischen Cultusminister her und sagt unter Anderem: »Das staatliche Interesse an einem friedlichen Zusammenleben der Angehörigen verschiedener Confessionen legt jeder Schule die Pflicht auf, im Unterricht Alles zu vermeiden, was die Gegensätze erweitert, und Alles zu pflegen, was das unbefangene. Zusammenleben zu fördern geeignet ist. Die Rücksichtnahme auf den Standpunkt anderer Glaubensgemeinschaften muß da besonders beachtet werden, wo Kinder verschiedener Confessionen den Unterricht gemeinsam empfangen. Es gilt dies nicht nur für paritätische Schulen, sondern ebenso für Confessionsschulen, in denen sich eine, wenn auch kleine Minderheit von Kindern anderer Confessionen befindet." Möchten sich das insbesondere die Antisemiten unter den Lehrern merken! Sie würden damit nicht nur eine amtliche, sondern auch eine religiöse und patriotische Pflicht zugleich erfüllen. Die zweite Kundgebung befindet sich in der Rede, die Ernst v. Wildenbruch als Ehrenpräsident der ^ssoeiation litteraire et artistique internationale auf dem Bankett in Weimar (am 30. September) gehalten hat. Er sagt da zum Schluß: »Das Problem liegt also für uns so: Wie erreichen wir, indem wir uns individuell sondern, das über uns allen schwebende gemeinsame Ziel menschlicher Cultur? Und hierauf ist

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