Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 697 fämmtliche Wohltbätigkeits-Jnstitute und Vereine der Cultusgemeinde einzurichten. 9. Ist ebenda ein Armen-Kataster für die Bezirke 13—15 anzulegen. Zu diesem Bebufe werden die Vereine aufgefordert, allmonatlich an die Gemeindekanzlei ein genaues Verzeichniß ihrer Unterstützungsbewerber, sowie die Art und Höhe der ihnen verabfolgten Unterstützung abzuliefern. Der Armen-Kataster darf nur von dem Vorstande humanitärer Vereine eingesehen werden. 3. ftinr jeden der Bezirke 12—15 werden Armenpfleger gewählt, deren Höchstzabl vorderhand 10 beträgt. Jeder Bezirk wählt ans der Mitte der Armenpfleger den Armenvorsteher. Die in der Kanzlei eingelangten Gesuche, werden dem Armenvorsteher deS betreffenden Bezirkes übermittelt. der sie einem Pfleger zuweist. Aufgabe des Pflegers ist es, die Ursachen der Armuth und Nothlage zu erforschen, zweckdienliche Einrichtungen zu treffen und der nächsten Sitzung Vorschläge zur gründlichen Abhilfe zu machen. Zu diesem Zwecke ruft der Armen- Vorsteher mindestens einmal im Monate eine Sitzung ein. 4. Zum Ehrenamte eines Armenpflegers können auch Frauen berufen werden. 5. Keinem Armenpfleger dürfen mehr als 4 Familien zugewiesen werden. 6. An zwei festgesetzten Wochentagen halten die Armen- Vorsteher alternirend in der Gemeindekanzlei eine Amtsstunde ab. 7. Das Armenwesen ist von dem Wirkungskreise des Bethaus- Vorstandes auszuscheiden und der Bezirks-Commission zuzuweisen. Sämmtliche Anträge werden einstimmig angenommen. Herr Hofbauer macht darauf aufmerksam, daß die magistratischen Bezirksämter auch oft Geld von Wohlthätern erhalten, die zur Vertheilung an jüdische Arme bestimmt sind, und wünscht, daß die Bezirks-Commiifion auch nach dieser Richtung Vorsorge treffe, damit unsere Armen nicht zu kurz kommen. Die Anregung wird zur Kenntniß genommen. Zum 4. Punkte der Tagesordnung „Anträae" erbittet sich Seiner Ebrw. Herr Rabbiner Dr. Grunwald das Wort und ersucht die Bezirks- Commission, ihr Augenmerk auf die Pflege des synagogalen Gesanges in der Gemeinde zu richten. Er wünscht, daß in den Bezirken 12—15 eine Vereinigung geschaffen werde, in welcher nicht nur der Shnagoaen- Kesang. sondern überhaupt ernste und religiöse Compositionen jüdischer Tondichter gepflegt werden. Abgesehen davon, daß eine solche Pflege jüdischer Synagogen-Gesänge eine regere Beteiligung der jüngeren Generationen am Gottesdienste zur Folge haben würde, sei ihr pädagogischer Werth nicht.zu unterschätzen und die Gesangsproben, sowie eventuelle Aufführungen würden gewiß auch dazu beitragen, die Gegensätze in den verschiedenen Parteirichtungen zu mildern. Ist ja doch der Chorgesang gleichsam schon eine Gesellschaft von Brüdern und Schwestern, eine Seele und ein Herz und der Gesang die Sprache des Gefühls. Gerade in unserer Zeit thut es notb. die alten jüdischen Gesänge hoch zu halten imd durch das Ideale und Htrmane für-das Ideale und Humane zu wirken. — Die Anregung des Herrn Rabbiners wird von der Bezirks-Commission auf das Sympathischeste begrüßt und nach eingehender Debatte beschlossen, die seinerzeit nominirten Referenten für das Vereinswesen mögen in einer Berathung, der die Herren Dr. Krenberger, Mohr, Pick, Bernhard Kohn und Director Hecht zuzuziehen wären, den Modus bestimmen, wie eine erhöhte Pflege des jüdisches Gesanges ins Werk zu setzen wäre. Die Mittheilung des Herrn Rabbiners, daß er von mm ab allwöchentlich an Sonntagen von 9—10 Ubr Vormittags belehrende Vorträge für die der Schule entwachsene Jugend abhalte, wird von d-r Bezirks- Commission mit Genugthung zur Kenntniß genommen und dem Herrn Rabbiner einhellig der wärmste Dank votirt. Herr Pick bringt ein Gesuch deS «jüdischen Bildungsheim" um Subvention zur Verlesung und bittet um Befürwortung desselben. Nachdem allgemein das humanitäre Wirken des Vereines in den Bezirken 12—15 bekannt ist, wird das Gesuch befürwortet an den löblich n Cultns - Vorstand geleitet. Herr Hofbauer macht aus die traurige Erscheinung aufmerksam, daß oft arme Leute sterben und begraben werden, ohne daß die Glaubensgenossen hievon unterrichtet seien. Zur Abstellung dieser Uehelstände hält er es für wünschenswerth/daß am Hause der Gemeindekanzlei in einer für die Passanten leicht ersichtlichen Weise die Todesanzeige und Begräbnißzeit affichirt werde. Der vorgeschrittenen Zeit wegen wird diese Anregung der nächsten Sitzung zur Berathung zugewiesen. Zur Hebung des Tempelbesuches. Löbliche Redaction! Zum Vorschläge des Herrn Straßberg in der «Oesterreichischen Wochenschrift* Nr. 43. die Hebung des Tempelbesuches betreffend, möchte ich mir folgende Bemerkungen erlauben, welchen Sie. wie ich hoffe, den Raum in Ihrem geschätzten Blatte nicht versagen werden. Herr Straßberg scheint den Irrthum so Vieler zu theilen, daß es möglich sei, durch künstliche Mittel die Leute ins Gotteshaus zu locken, und daß es wünschenswerth wäre, diese Mittel ausfindig zu machen, welche er in der Gestalt eines guten Chasen gefunden zu haben glaubt. Das ist aber grundfalsch. Wer kein religiöses Bedürfniß verspürt, das Gotteshaus zu besuchen, auf den wird die schlechteste Sängerin noch immer mehr Anziehungskraft auSüben als der beste Chasen, und den wird der schlechtest: Schauspieler noch immer mehr begeistern als der beste Prediger, und gesetzt, daß es gelänge, durch treffliche Darbietungen im Gotteshause den einen oder den anderen Indifferenten heranzulocken, so kann der betreffende Vorsteher höchstens die Genugthuung haben, einen reichen Mann zur Thora rufen zu können, um eine gewisse Summe für das Budget herauszuscklagen, der Thora und dem Judenthume aber ist damit nicht geholfen. Sollen die Tempel gefüllt werden, so müssen die Kinder von den Wern religiös erzogen werden, dann werden sie ins Gotteshaus wandern, ohne Rücksicht, ob an dessen Himmel ein Stern erster oder dritter Größe glänzt. Gewiß vermögen ein guter Cantor und ein tüchtiger Rabbiner den Gottesdienst zu verherrlichen, was im Interesse der religiösen Tempelbesucher wünschenswerth ist, aber die Leute religiös zu machen, find sie nicht im Stande. Den Cantor und Rabbiner als Lockmittel aufzustellen,' ist daher ebenso verfehlt wie gefährlich, weil diese Functionäre dadurch anstatt in den Gottesdienst in Menschendienst gestellt wür> den. Der Cantor würde das erhebende Bewußtsein, der Vermittler zwischen Gemeinde und Gott zu sein, verlieren und zur bloßen Reclameperson herabsinken, die bestrebt ist, durch verschiedene Tric das Publicum zu ziehen, und der Rabbiner? Denn auch ihn apostrophirt Herr Straßberg, ohne sich über ihn näher zu äußern, — wird der Rabbiner dann es noch wagen, von der Kanzel die Wahrheit zu verkünden, welches doch seine Hauptaufgabe ist. Die Wahrheit schmeckt unangenehm und ist ein schlechtes Lockmittel. Die künstlichen Mittel sind daher all: verfehlt, ich kenne Gemeinden gar viele, wo es keine musikalischen Chasanen gibt, und doch find deren Gotteshäuser volO und von einer Abnahme der Besucher ist nichts zu merken. Der Jude muß eben wieder lernen, aus wahrer Religiosität ins Gotteshaus zu gehen, nicht um sich zu amufiren, dann wird der Tempelbesuch gehoben werden und der Vorsteher nicht in Verlegenheit kommen, wen er zur Thora rufen soll. Leopold Werter, Vorstandsmitglied des Tempel- und Schulvereins, VI., Stumpergaffe.! . i Herr Adolf Braunfeld aus Holkeschau schreibt uns: Herr Straßberg schrieb die Schuld des schwachen Tempelbesuches den nicht genügend qualificirten Cantoren zu; er meint, nur ein musikalisch, respective seminaristisch gebildeter Obercantor kann durch seine Gesangsleistungen den Tempelbesuch fördern. Doch dem ist in Wirklichkeit nicht so, denn in sehr vielen Städten und Großgemeinden Oesterreichs wirken vorzüglich geschulte Obercantoren mit Chor und Orgel und dennoch finden sich durch's ganze Jahr am Sabbath kaum mehr als 10 Personen zum Gottesdienste ein. Schreiber dieser Zeilen war vor einiger Zeit in einer kedeutenden Cultusgemeinde Oesterreichs, wo zufällig ein gut geschulter Cantor zur Probe war, die Vorstandsmitglieder wurden schriftlich zum Gottesdienste eingeladen. Am Freitag Abend war auch der Tempel ziemlich stark besucht und obwohl der Cantor allgemeinen Beifall erntete (und auch später acceptirt wurde) war der Gottesdienst am Samstag Früh und Vormittag nur sehr schwach besucht. Mincha- und Abendgebet konnte wegen Mangels an Minjan überhaupt nicht abgehalten werden. So sieht der Tempelbesuch in einer Gemeinde aus, wo ein tüchtiger Rabbiner wirkt und der Gottesdienst von einem geschulten Obercantor mit Chor und Orgel abgeh alten wird. Der Krebsschaden liegt ganz einfach in dem Jndifferentismus der heutigen Generation. Dort, wo der Jude nicht das Bedürfniß fühlt, wenigstens einmal wöchentlich in den Tempel zu gehen, um eine Andacht zu verrichten, dort können die größten Künstler fungiren und die Tempel werden immer leer stehen. Hingegen in solchen Gemeinden, wo der jüdische Glaube hochgehalten wird, dort finden sich viele Andächtige zum Gottesdienste ein, selbst wenn kein seminaristisch gebildeter Obercantor und nur ein zeitgemäßer Borbeter wirkt. Angesichts dieser Thatsachen würde mit der Errichtung einer Cantorausbildungs-Abtheilung am Seminar nur wenig oder gar nicht geholfen sein. Nun möchte ich mir einige Fragen an Herrn Straßberg erlauben. Wenn er eine solche Antipathie gegen die aus Ungarn oder Galizien kommenden Cantoren hegt (dies ist ja aus seinen Zeilen ersichtlich), vielleicht könnte er mir sagen, woher in Oesterreich das Material für tüchtige Obercantoren zu nehmen wäre? Etwa aus Niederösterreich, Mähren. Schlesien, Böhmen u. s. w., wo die Jugend kaum richtig hebräisch lesen lernt