Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gelte 696 Dr. Blocb’s TRUocbenscbrift. hindert sind, find mindestens 400.000 Familien, welche auSwandern müßten. Das erforderte einen Aufwand von weit über zwei Milliarden! Wenn eS Baron Hirsch gelungen wäre, jäbrlich 25.000 Israeliten auSwandern zu kaffen, was ganz unmöglich erscheint, so würde diese Zahl kaum die Wülste des jährlichen Zuwachses der jüdischen Bevölkerung in Rußland ausmachen. Trotz allem unüberlegten Enthufiasmus kann man daher nicht laut genug verkünden: Die Idee einer Massenauswanderung nach Argentinien oder nach irgend einem anderen Lande ist eine Utopie, eine gefährliche Utopie, weil ffe Illusionen erwecken kann, denen ein schrecklicher Morgen beschieden ist. Die Heilung des Uebels heißt: »Bürgerliche Gleichstellung. Freizügigkeit im Innern/ In den Zeiten Plebwe's. der rumänischen Gewaltthaten und des Pöbel-Regimes in Niederösterreich kann gewiß auch dieser Heilungsversuch als utopistisch gelten. Aber galten nicht derartige Bestrebungen in nicht allzuferner Zeit in ganz Europa als utopistisch, die es heute trotz alledem und alledem nicht mehr sind? So denkt ein ernster Mann, der nicht nur sein edles Herz, sondern auch Erfahrung. Vernunft und Wiffenschaft sprechen läßt. Daß damit die tbatkräftige Förderung der Kleincolonisation, hauptsächlich in Palästina, aber auch in anderen Ländern, verbunden sein soll, ist so selbstverständlich, daß jede weitere Erörterung überflüssig erscheint. X. Korrespondenzen. Eine Erwiderung. Geehrter Herr Redacteur! In der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes fand eine »Anregung* Raum, die von eminenter Bedeutung für das Gebiet der Kinderpflege und Kinderfürsorge ist. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Anregung zu einer Frage werde, deren glückliche Lösung unserer armen, kranken Jugend Heilung von schweren Leiden bringen, vielleicht auch in manchen Fällen das Leben erhalten soll. Wer wäre wohl geeigneter, in dieser sehr wichtigen Frage die Stimme zu erheben, als eine Gruppe freiwilliger Arbeiter, die, jahraus, jahrein in den Dienst der Humanität sich stellend, ihr Augenmerk bloS auf das Gebiet der Kinderversorgunq gerichtet bat! Welche Summe von Erfahrungen liefert eine solche Arbeit! Während uns das craffe Elend ins Gesicht grinst, verblüfft uns die Indolenz der Mütter und Vormünder, treten sociale Schäden vor unsere Beobachtung, die uns die ganze Armenpflege in ibrer heutigen Beschaffenheit als lückenhaft erscheinen kaffen. Ohnmächtig, Alles zu lindern, beschränkt man sich auf seine Specialwirksamkeit und setzt, trivial aus gedrückt, einen neuen Fleck auf das schadhafte Gewand; aber auch diese nur sporadische Hilfeleistung kostet viel Zeit, Geld und Mühe, und man kommt zur Einsicht, daß man rationell arbeiten muß. und daß »das Beste gerade gut genügt ist, um bei der Kinderfürsorge Erfolge zu erzielen. Der Verein »Ferienheim*, den gegründet zu haben, meine Bestimmung war. arbeitet für ein Material, welches einmal unsere Zukunft bedeutet, und diese Zukunft muß man stählen, heben, kräftigen, weil in ihr unsere Kraft liegt. Nicht die vom Schicksal Verwöhnten werden der Last zukünftiger Unbill trotzen und den Kampf ums Dasein und um die Gleichberechtigung aufnehmen; im Volke selbst, in den Unterdrückten liegt die Zähigkeit, das zu erhalten, was Pietät, Intelligenz und Druck aus uns gemacht haben. Stählen wir unsere Jugend, so haben wir die Pfeiler unseres Glaubens gestützt! Tausend Mütter heben jährlich flehend ihre Arme zu uns, um ihre schwachen Kinder in den Ferien hinaus in Gottes freie Natur schicken zu können, wo sie gepflegt und genährt werden, um erholt und gesundet wieder der Schule zugeführt werden zu können. Diese selbst sendet uns ihre braven, aber leidenden Schüler, und die Kinderspitäler weisen uns ihre entlassenen Kranken zur Reconvalescenz zu. Welche Arbeit erwächst uns nun. die wir redlich mit unseren wackeren ärztlichen Beiräthen theilen! Durch Monate werden ärztliche Untersuchungen gepflogen, Krankengeschichten ausgenommen und Operationen angeordnet, Behandlungen dietirt. Biele Specialisten werden mit kleinen Patienten von uns versorgt und so eine freiwillige Kinderrettungsgesillschaft etablirt, die wohl keine Regie kostet, aber die Hilfeleistung von iele» Faktoren in Anspruch nimmt, v Unverhüllt liegt vor. unseren Augen der ganze Jammer der Menschheit, die in der fleischlosen Kindergestalt zum traurigen Ausdruck kommt, unverhüllt die Schäden socialen Elends, die Merkzeichen hereditärer Belastung! Eine unschuldige, rührende Kindergestalt mit dem Kainszeichen einer Vergangenheit! Des Lebens ganzer Jammer faßt uns an! Helsen, diesen armen Opfern helfen, ist der fleischgewordene Gedanke, der sich unserer Brust entreißt, und ein solcher Gedanke hat mir oft den Weg zur Heilung aezeiat. Wir haben aus unserem Material eine Gruppe herzkranker Kinder gesichtet, die in unserem Heim in Tischnowitz streng nach ärztlicher Vorschrift ihre Ferien verbringen, und deren Unterbringung uns keinerlei besondere Schwierigkeiten bereitet. Anders ist es mit den scropbulosen Kindern,die wirvor Iabren experimentweise nach dem Jodbad Hall zu sechswöchentlicher Bade-und Trinkcur sandten. Eine kleine Wirthschatt auf ritueller Basis wurde eingerichtet. Bon einer Krankenpflegerin behütet, kamen nach 6 Wochen die 24 Kinder gebessert oder geheilt zurück. Zahlreich sind die Beispiele die ich zur Perlustrirung der Erfolge unserer Haller Colonien anführen könnte. Bor drei Jahren suchte ein elfjähriges Mädchen, das dem Erblinden nahe war, um unsere Hilfe an. Das Kind wurde in den letzten drei Jahren nach Hall entsendet und ist heute fast vollständig hergestellt. Kinder, die nach Rippenreseetionen und sonstigen schweren Operationen infolge ihres scrophulosen Leidens die Reise in unsere Haller Colonie auf Krücken angetreten haben, hüpfen beute froh und munter einher. Gerade diese Krankheiten können im Kindesalter mit Erfolg bekämpft werden, während sie. wenn dies nicht geschieht, die armen Geschöpfe zu erwerbsunfähigen Krüppeln machen, denen nicht nur das Leben eine Last ist, sondern die auch der Gesellschaft zur Last fallen. In dem steten Streben, diesen Armen Hilfe zu bringen, versuchten wir auch das Jodbad Darkau. das aber leider keine paffende Unterkunft für uns bot. Von Jabr zu Jahr vergrößert sich unsere Colonie in Hall, und da die Spesen für ein solches Kind für 6 Wochen 60—70 fl. betragen, muß unser tapferes Mädchen-Comitß für seine »Kinder-Kronen--Gruppe* fleißig neue Mitglieder anwerben, um tüchtig beizusteuern nach seiner Devise: »Die Jugend für die Jugend". Wir scheuen die Kosten nicht, wir gehen der Arbeit nicht,,aus dem Wege,..gberd.ie in der. voriges Nummer berührte Misere eines unbetheiligten Beobachters hat auch uns schon schweren Kummer gemacht, und jährlich pilgern zwei Borstandsdamen nach Hall, um vielleicht doch eine menschenwürdigereUnterkunft für unsere Schützlinge zu finden, eineHoffnung, welche sich bis heute nicht erfüllte. Wir ergreifen gerne und mitFreude die uns von dem unbekannten Gönner verheißene Förderung und erblicken darin nicht nur für das »Ferienheim* eine Erleichterung seiner Aufgaben, sondern ich sehe auch in der Herstellung eines Hospitzes oder Myles für scrophulöse Kinder in Hall die Interessen aller sich mit Kinderobsorge befassenden Vereine gefördert, welche ihre Schützlinge, insoferne sie jodbedürftig sind, uns anvertrauen könnten. In dem Zusammenwirken analoger Bestrebungen läge hier ein Erfolg, der nicht nur die Wunden des Schicksals heilen würde, sondern auch jene klaffenden Wunden vernarben machte, bei denen helfende Menschenhände, ärztliche Kunst und heilkräftige Quellen die Retter wären. Genehmigen Sie, Herr Redacteur, den Ausdruck meiner Hochachtung, mit der zeichnet Sofie Grünfeld. Präsidentin des »Kaiser Franz Josephs-Ferienheim*. Wien.(Sitzungs-Protokoll.) Die am 15.Oktober.abgehaltene Sitzung der Bezirks-Commission 12—15 eröffnet der Obmann, indem er den erschienenen Herrn Rabbiner Dr. Grunwald im Namen der Bezirks-Commission willkommen beißt und ihn bittet, den Arbeiten der Bezirks-Commisston mit Rath und That zur. Seite zu sieben. Nach Verificirung des letzten Protokolls wird ein Schreiben des löblichen Cultus- Vorstandes verlesen, in welchem derselbe die Aeußerung der Bezirks- Commisston über die Heranziehung von Delegirten zu den Sitzungen der ständigen Commissionen und anderer Comitös des Cultus- Vorstandes verlangt. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Hofbauer, Direktor Hecht, Pick und Obmann Beer betheiligen, wird über Antrag des Direktors Hecht einstimmig beschlossen, den löblichen Cultus-Vorstand zu ersuchen, es mögen die Delegirten der Bezirks-Commission zu allen Sitzungen der Commissionen I. und II. (Cultus- oder Unterrichtsangelegenheiten) geladen werden. In den anderen Punkten des Schreibens erklärt sich die Bezirks-Commission mit den in den Obmänner-Conferenzen gefaßten Zusatzanträgen einverstanden. Herr Direktor Hecht als Referent des Comitßs behufs Einführung der Elberfelder Armenpflege stellt folgende- Anträge: Es ist eine Versammlung der Vorstands-Mitglieder sämmtlichcy humanitärer Vereine in den Bezirken 12—15 einzuberufen und sind in dieser nach einer kurzen Darlegung der Principien des Elberfelder Systems folgende Thesen zur Genehmigung vorzuschlogen: l. In der Gemeindekanzlei XV., Turnergasse 22, ist eine Auskunftsstelle über