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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Vlocb's MocbenscbrM. Sette 696 zu werden, dann hätte man sich auch mit dieser Idee befreunden können. Jetzt hat er es sich mit der Partei gründlich verscherzt, und er hätte sie vielleicht noch brauchen können. Nur arische Dichter sollen mit dem Preise gekrönt werden. Ein Wettbewerb, bei dem man sich den Mann ansehen wird und nicht die Leistung. Das ist zu dumm, wird man einwenden. Das thäte an sich noch nichts. Was aber ins Gewicht fällt, das ist die tiefe Demoralisation, dir durch eine solche Art, zu urtheilen und Gerechtigkeit zu üben, ins Volk getragen wird. So wird ein antisemitischer Musikkritiker boycottirt, weil er Rubinstein's, des Juden, Clavierspiel als gut anerkannt hatte. Ein anständiger Mensch muß sich erst ein wenig sammeln, um sich in solche Dinge hineinfinden zu können. Whig. Dir K«dr« i« der russischen Armer. Wer Bogrow's „Memoiren eines Juden" gelesen hat, weiß, was es heißt, als russischer Jude Soldat zu werden und Soldat^ zu sein. Bogrow schildert mit einer Naturtreue, die den Leser erschüttertin ihm alle Nerven erzittern macht, semHerz krampfhaft zusammenpreßt, wahre Begebenheiten. Diese Memoiren erschienen vor mehr als zwanzig Jahren und hatten die Lage der Juden in den Zeiten von Nikolaus I. bis Alexander II, zum Gegenstände. So entsetzlich damals die Lage der Juden und insbesondere der jüdischen Soldaten war — einige Lichtblicke hat es für die armen Juden doch auch in jener Zeit gegeben. Nikolaus I. war streng, aber nicht ungerecht; Alexander II. hatte manche Milderungen eingeführt, wie ja Weichheit den Grundzug seines Charakters bildete. Aber nach dem Tode dieses Monarchen begann für die Juden in Rußland eine Zeit der Verfolgungen anzubrechen, welche die traurigen Schilderungen Bogrow's weit hinter sich zurückläßt. Die den Juden auferlegten Beschränkungen wurden fast ins Unendliche vermehrt, ihre Lasten erhöht, ihre Rechte — wenn noch von solchen überhaupt die Rede sein kann — verringert, ihr Erwerb geschmälert, ihre Bewegungsfreiheit unterbunden. Dieser Druck macht sich in allen Functionen fühlbar, wohl aber in keinen mehr als im Soldatenstande. Denn hier tritt zu der Rechtlosigkeit des Juden als Individuum noch die Last der Subordination hinzu. Was Pobjedonöszew und Jgnatiew begonnen haben, das setzten Plehwe und seine Organe fort und sie finden in den Militärgouverneuren Helfershelfer, welche bereit sind, die Qualen zu verstärken, die den armen Juden auferlegt werden. Die lächerliche Theorie, daß die nihilistische Bewegung durch die Juden verbreitet werde, haben schon die beiden ersteren Staatslenker ersonnen. Vom „Vater der Lüge" darf und kann das Niemanden überraschen, und wenn sich der „fromme" Pobjedonoszew auch durch eine solche Unwahrheit gefangen nehmen läßt, so hat das wohl in dem Eifer seinen Grund, mit welchem er, freilich vergeblich, die orthodoxe Kirche, deren Verfall ersichtlich ist, in Schutz nehmen will. Was diese Beiden ersonnen haben, um aus einer Verlegenheit, deren sie nicht Herr werden konnten, einen Ausweg zu finden und die öffentliche Meinung von der Erkenntniß der wahren Ursachen, der unaufhaltsamen inneren Bewegung abzülenken, das haben ihre Nachfolger in ein System gebracht, so daß jetzt nicht nur jeder Gouverneur, sondern auch jeder Officier das eingelernte Lied pfeift: „Der Jude verbreitet den Nihilismus". Es ist schon bei anderer Gelegenheit das Widersinnige dieser Behauptung gekennzeichnet und auf die Niedertracht des Trugschlusses hingewiesen worden, daß die Juden Nihilisten seien, weil ein und der andere Jude den orthodoxen Russen sich anschließt, die eine Aenderung der Verhältnisse von unten auf anstreben, weil sie glauben, daß dieselbe von oben nie kommen werde. Es muß aber jetzt, da russische Generale in die Armee die Lehren Plehwe's hineintragen und die russischen jüdischen Soldaten es büßen lassen wollen, daß der nihilistische Einfluß sich auch in der Armee fühlbar macht, nachdrücklichst betont werden, daß eine solche Beschuldigung aller russisch-jüdischen Soldaten ebenso diesen wie den Juden überhaupt das bitterste Unrecht zufügt. Wie, dieser arme, geknechtete, willenlose jüdische Soldat soll die Kraft haben, selbstbewußtes Wertzeug der Umsturzpartei zu sein? Er ist ja doch schon an und für sich nicht nur nicht bewegungsftei, sondern er weiß auch nur zu gut, daß jede seiner Handlungen nicht blos ihm zur Last geschrieben wird, sondern alle seine Kameraden und Glaubensgenossen, so unschuldig sie auch sein mögen, belastet, und da sollte er noch die Kraft haben, sich gegen seine Peiniger aufzulehnen? Nein, so widersinnig ist er nicht um seinetwillen und so rücksichtslos ist er nicht gegen seine Glaubensgenossen, denen er nicht nützen, sondern nur schaden kann. Vielleicht opfert mancher sich selbst freudig dem allgemeinen Wohle, aber seine Kameraden und Glaubensgenossen zieht er nicht in den Wirbel mit sich. Der russische Soldat ist einer der besten in der russischen Armee, denn er ist gewiß der nüchternste. Sicherlich ist er auch der gehorsamste und dienstwilligste. Das entspringt nicht nur seiner Natur, sondern auch seiner Erziehung, dem Drucke der von Kindesbeinen auf ihm lastet. Er hat auf den Schlachtfeldern Rußlands mit seinem Blute seine Treue besiegelt. Und dieser Soldat wird jetzt noch ärger drangsalirt, als je zuvor! Daß ihm jede Aussicht auf Avancement benommen ist, hat ihn nicht wankend gemacht. Jetzt sperrt man ihn ohne jegliche Schuld ein. Er darf, weil er Jude ist, und aus keinem anderen Grunde, sich nicht frei bewegen, nicht frei verkehren wie ein' anderer Soldat, nicht essen, wie es seine Glaubensvorschriften ihm gebieten, er wird als Paria seiner Kameraden behandelt. Wie groß muß der Fond an Treue und Verläßlichkeit in dem Juden sein, daß er selbst unter so ungeheueren Verfolgungen seinen Fahnenschwur hält. Sollte nicht eine solche sittliche Kraft endlich den Machthabern in Rußland die Augen darüber öffnen, daß sie Unschuldige verfolgen, und daß sie gerade dadurch innerhalb ihrer eigenen Religionsgenossen;bte Ueberzeugung wachrufen, daß Unrecht geübt wird, deffen Abwehr dann als Nothwehr und Sache der Gerechtigkeit propagirt wird. Sind es die Machthaber nicht selbst, die in solcher Art den Nchilismus erzeugen? Professor Erreru über Rußland. (E i n g e s e n d e t.) In der vorigen Nummer dieser Blätter stellt ein Mitglied des zionistischen Actionscomitös folgende Frage: „Beweist es denn der während des VI. zionistischen Congreffes zur öffentlichen Kenntniß gebrachte Brief Plehwe's an Dr. Herzl noch nicht ttar genug, daß der von den Gegnern der („politisch-") zionistischen Idee vorgeschlagene Weg, die Berbefferung des Loses der russischen Juden in Rußland selbst anzustreben, absolut unmöglich ist?" Wie denkt nun Profeffor Errera, der geistvolle Berfaffer des herrlichen Buches „Die Juden in Rußland. Vernichtung oder Befreiung?* über diesen Gegenstand? Unter dem Schlagworte „Auswanderung" findet sich eine Stelle, die wir wörtlich citiren. „Im Jahre 1891 gründete Baron Hirsch mit Genehmigung der russischen Regierung ein ausgedehntes Unternehmen, die jüdische Colonisations-Gesellschaft, zu dem Zwecke, Tausende von jüdischen Familien in die Argentinische Republik überzuführen. Nach den begeisterten Anhängern der ersten Zeit bildete man sich ein, daß in 25 Jahren mehr als eine Million Menschen dahin auswandern würden. Diese trügerischen Hoffnungen hat kie Erfahrung nicht bestätigt. Die Landwirthschaft, selbst in neuem Lande, hat ebensoviel Capital nöthig als Hände. Der nothwendige Anlagefond für jede Familie ist mindestens 4000 bis 5000 Franken. Unter diesen Bedingungen würden die von Baron Hirsch zur Verfügung gestellten 50 Millionen ungefähr 50.000 Personen die Niederlaffuvg in Argentinien gestatten. Das ist viel, und wenn es sich ausführen läßt — denn der Versuch ist erst gemacht worden — dann ist dem muthigen Menschenfreunde die Bewunderung der Nachwelt gesichert. Aber liegtdarin eine Lösung der jüdischen Frage in Rußland? Bon den 4*/r Millionen Israeliten in diesem Lande (andere statistische Daten sprechen von 5% Millionen), von denen mehr als die Hälfte durch die gegenwärtigen Bestimmungen anders als im Elend zu leben ver-

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