Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021538--13088-3037720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 694 Dr. Ltocb's MocbenscbrM. Nr. 44 Wochenblattes „Egyenlöseg“, das vermöge seines unbestreitbar hohe« literarischen Niveaus und seiner Verbindungen sowohl dem Zionismus Sympathien zuführen dürfte, als auch berufen zu sein scheint, eine brüderliche Verständigung aller Gruppen des ungarischen Judenthums und allenfalls eine Fühlung mit den Juden anderer Länder herbeizusühren.) Budapest, am 22. October 1903. Dr. I. Rünai. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die Po st 7 7. — Die Poliklinik. — D i e besseren Köpfe. — Die gerettete Dichtkunst.) »Die Post hat vorn an Siebener und rückwärts an Siebener, also Grund genug für mich, dagegen zu sein/ Ein wenig blödsinnig — nicht wahr? Aber vielleicht thue ich Unrecht, den arglosen Leser mit einem Kernsatze politischer Weisheit zu überfallen, ohne ihn erst durch eine vorbereitende Erklärung in den Stand gesetzt zu haben, ihn auch entsprechend zu würdigen. Man überrumpelt doch die Leute nicht so. Es ist wahr. Erklären wir: Budgetdebatte im niederösterreichischen Landtage. Zur Debatte steht die Post 77 des Voranschlages, in welcher für den Verein der Lehrerinnen und Erzieherinnen eine Subvention beantragt wird. Der Erwählte des Volkes, Abgeordneter Gregorig, erhebt sich und hält die oben mitgetheilte Budgetrede. Der Beifall ist ein außerordentlicher. Die Budgetdebatte geht weiter — es sind nämlich die Verhandlungen einer parlamentarischen Körperschaft, von welchen wir reden. Man ist zur Erörterung der Subvention für die Poliklinik in Wien gelangt. Abgeordneter Schneider ist dagegen. Die Poliklinik ist ausdrücklich zu dem Zwecke gegründet worden, um den jungen jüdischen Aerzten Gelegenheit zu geben, an Christen Experimente zu machen. (Lebhafte Zustimmung.) Genau nach den Vorschriften des Talmud! Redner citirt Abschnitte und Capltel aus llem Talmud und beantragt auf Grund dieser Citate, es sei «ine Subvention wohl zu bewilligen, aber lediglich zu dem Zwecke, um für eine entsprechende Controle der jüdischen Aerzte Sorge zu tragen. Es ist nicht überflüssig, es noch einmal ausdrücklich zu betonen: es sind die Berathungen einer parlamentarischen Körperschaft, einer gesetzgebenden Versammlung, mit welcher wir es hier zu thun haben. Kellner gehen nicht ab und zu, weder Speisenträger, noch solche, die nicht »zum essen", sondern »nur zum trinken"' auf der Welt sind. Nicht etwa also, daß — bewahre! — die Vecmuthung wäre eine ganz irrige. Die Leute befinden sich wirklich in ihrem Normalzustand; sie sind nur Wortführer der christlich-socialen, der herrschenden Partei. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist die Wahrheit. Aber das ist doch nicht möglich! dürfte ein naives Gemüth ausrufen, es könnte auch ein Politiker aus irgend einem Culturlande sein, der nur unsere Berhältniffe in Oesterreich nicht kennt. Mein Gott, Naivetät oder Unkenntniß der Berhältniffe ent-, schuldigt Vieles, so auch die Bermuthung, daß derlei wirklich nicht mehr möglich sei. Es ist aber möglich und es ist so, man beliebe nur in den Sitzungsprotokollen nachzuschlagen und man wird da noch eine ganze Menge finden, was eigentlich und genau genommen auch unmöglich ist. Sagen wir — unmöglich sein sollte. Wir werfen uns in die Brust und verkünden es gehobenen Gefühles: wir leben in einer Zeit, die das Wort »unmöglich" aus ihrem Lexikon gestrichen Ijat! Alaf! Nil admirari Wir haben uns schon längst zu dem guten Horaz'schen Wort bekannt. Wir sehen die Dinge unverwundert, wir hören unsere Landtagsverhandlungen unverwundert, wir haben es uns längst abgewöhnt, uns zu wundern. Was könnte noch kommen, was das schon Geleistete überbieten sollte?! Merkwürdig, bei diesen Geschichten ist doch nur das Verhalten der Partei. Der Tieffinn Gcegorig's bedarf für gebildete Menschen doch einer kurzen Erläuterung. Vorn a Siebener und hinten a Siebener, das ist eine Thatsache,. auf welche sein Intellekt reagirt; das gibt chm zu denken. Die alten Völker hatten so gut ihren Aberglauben, wie ihn die modernen haben. Die alten Egypter, die Griechen und Römer knüpfte« an die Zahl 7 gewisse Vorstellungen, die sie mit heiliger Scheu erfüllten, und. darum galt chnen die Siebenzähl selbst als heilig.. Auch den. Juden. Ob Herr Gregorig auf Grund eingehender culturgeschichtlicher Studien zur Kenntniß dieser Thatsache gelangt ist, oder auf Grund der Erforschung der Geheimnisse des egyptischen Traumbuches oder am Ende gar nur der unter den lottokundigen Bedienerinnen und Bettgeher lebendigen Tradition, das bleibe dahingestkllt. Ihm genügt es, daß die Siebenzahl eine »Judenzahl" ist, und darum muß die Budgetpost, die nun gar — vox faucitus haesit! — eine Doppelsieben aufweist, verworfen werden! Es ist eine hübsche Ironie des Zufalls, daß darunter gerade ein Verein der Lehrerinnen und Erzieherinnen zu leiden haben soll, also ein Verein, der sich mit der geistigen Ausbildung zu beschäftigen hat. Es gibt doch, noch Manches zu thun für solche Vereine! Was aber den Antrag Schneider betrifft, so ist kaum noch etwas dazu zu sagen. Hier ist einfache Dummheit als Ecklärungsgrund nicht mehr ausreichend, und wenn diese gelegentlich als mildernd, vielleicht sogar als strafausschließend hingenommen werden muß, so wäre hier doch auch noch der Wille zuzurechnen. Er möchte die jüdischen Aerzte unter Beobachtung stellen. Wenn Schopenhauers Meinung eine zutreffende ist, daß sehr häufig zum Pöbel einer mehr gehört, als einer glaubt, so dürfte wohl auch die Annahme sich halten laffen, daß manchmal auch einer mehr unter Beobachtung gesollt zu werden verdient, als einer vermuthet. Nicht über die Antragsteller hat man sich also zu verwundern, höchstens, wenn man noch dazu dispvnirt sein sollte, über die Partei, die zwar schon die herrschende ist, aber auch noch eine regierungsfähige werden möchte. Mit einem solchen geistigen Capital! Gregorig mit seiner Idiosynkrasie gegen die Judenzahl, Mechaniker Schneider mit seinen Wahnvorstellungen über die Motive, aus welchen heraus Polikliniken gegründet werden, Bielohlawek mit seinem ankant wrritrle-Geschwätz. daß weder Statthalter, noch Minister, noch — Regent nach Recht oder Unrecht fragen, sondern nur, auf welcher Seite die Macht sei — sie sind zu nehmen, wie sie sind. Sie können vermöge der besonderen Functionen ihrer Gehirne nicht anders. Aber, daß die Partei ihnen offenkundig zujubelt, anstatt sie sachte bei Seite zu nehmen und ihnen klar zu machen, daß derlei, in eawera earitatis gesprochen, ganz ausgezeichnet sei, aber von der parlamentarischen Tribüne herunter die 'ganze Partei bis auf die Knochen blamire, das ist eigentlich recht erstaunlich. Da sagt man immer, die Herren seien bei den Römlingen in die Schule gegangen. Mir fehlt zunächst die volle Ueberzeugung, daß sie. überhaupt in eine Schule gegangen sind; aber darüber besteht kein Zweifel, daß, wenn sie durch jene Schule gegangen sind, sie sich ruhig das Lehrgeld zurückgeben lassen können. So plump, sagen wir plump, haben die Schwarzen doch niemals g-arbeitet, und die Jesuiten müßten sich geradezu schämen über die grobe und kunstlose Arbeit, die hier geliefert wird. Die besseren Köpfe der Partei machen es ja gelegentlich auch anders. Wenn Lueger eine Schule eröffnet, dann träumt er vom Frieden unter der Bevölkerung, oder er thut doch wenigstens so. »Ich glaube nicht, daß aus meinem Munde jemals ein Wort des Krieges vernommen wurde, sp ciell in der Schule. Es liegt mir vollständig ferne, in die Schule den Kampf der Tagesmeinungenzu tragen/ Er sagt das mit freier, offener, männlicher Stirne. Was muß das für eine prachtvolle Stirne sein, mit der sich auch Solches sagen läßt! Und wie fein arbeitet Monsignore Scheicher. Ec redet den Juden zu, sich zu ändern. Und er redet ihnen zu aus gutem Herzen. Denn wie leicht könnte es sonst geschehen, daß die Wiener Bevölkerung erröthend den Spuren der Greuel von Kifchenew folgte. Und das thäte ihm doch, sicher herzlich leid! Das heißt gut gearbeitet. Er hat nichts gesagt und will nichts gesagt haben, aber gesagt ist es doch. Man kanm doch nicht wissen. Die Menschen sind oft so eigenthümlich. Für alle Fälle — auf eine Idee, hat er sie gebracht. Gesagt hat er aber gar nichts und er wäscht sich die Hände in Unschuld. Das ist doch, ein Anderer als Herr Gregorrg, der vielleicht Alles für 00, nichts aber für 77 bewilligt. Und diese Leute berathen dann auch noch über Literatur und dramatische Kunst. Sie setzen Preise aus für ein Theaterstück und begründen umständlich ihren Kunstsinn. Wochenlang war vorher die Rede davon, wie der arischen Dichtung auf die Beine zu helfen sei. Nun ist das Mittel gefunden und beschluß? mäßig festgelegt. Müller-Guttenbrunn ist über diese schöne Idee gestolpert. Als sie auftauchte, setzte er sich hin — es lebt doch etwas von einem Literaten in ihm — schrieb einen Artikel über sie und verurtheilte sie. Das hätte er nicht thun sollen. Wenn man es über sich gebracht hat, Director des Antisemitentheaters

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.