Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Sette 687 Ung -Hradisch (Mähren). Am 10. October d. I. verschied hier im Alter von 70 Jahren sanft und plötzlich 'fu-cut Clementine^ Fürst, geb. Rosenfeld, Gattin des Malzfabrikanten und gewesenen langjährigen Eultusvorstehers Herrn Emannel Fürst. Die selten große Betheiligung aller Schichten der Bevölkerung an dem am 12. d. M. stattgefundenen Leichenbegängnisse zeigte für die allgemeine Beliebtheit der Verblichenen. Am Grabe entwarf Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Burstyn in ergreifender Weise ein treues Lebensbild der Entschlafenen und spendete den Trauernden innige Worte des Trostes. Neu-Sandec. (Bern rtheilung wegen Entführung einer Minderjährigen.) Aus dem Dorfe Rozmierowa wurde im Sommer dieses Jahres die 15jährige Gittel Schein durch einen Bauernburschen namens Dudzik entführt und in das Frauenklostcr nach Alt-Sandec gebracht. Auf Veranlassung des Rechtsschutzbureaus der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union wurde die Strafanzeige gegen Dudzik an die k. k. Staatsanwaltschaft in Neu-Sandec erstattet und auch das Justizministerium von dem Vorfälle verständigt. Dudzik wurde verhaftet und am 21. September fand gegen ihn vor dem Kreisgerichte Neu-Sandec die Hauptverhandlung statt, bei welcher er wegen Entführung einer Minderjährigen zu einer vierzehntägigen Arreststrafe verurtheilt wurde. Interessant in der Urtheilsbegründung ist die Thatsache, daß das Gericht die Angabe des Angeklagten, sein Beichtvater habe cs als ein gottgefälliges Werk bezeichnet, wenn er die jüdische Seele rette, als mildernden Umstand angenommen hat. Sarajevo. Am letzten Tage des eben vergangenen israelitischen Laubhüttenfestes wurde, wie üblich, in der neuen Synagoge m. der Terezijagasse ein solennes Seelenamt für die Verstorbenen abgehalten. Ans diesem Anlasse hielt Herr Rabbiner Dr. Samuel Weszel eine ergreifende Predigt, in welcher er unter deutlichem Hinweise auf die Brandkatastrophe von Travnik in zündenden Worten die äußerst zahlreich versammelte Gemeinde zur Wohlthätigkeit anregte. An der Hand des alten Schriftthums der Israeliten wies er unter Ausführung einschlägiger Religionsgesetze nach, daß die Pflicht der Mildthätigkeit an keine durch die Unterschiede der Nation und des Glaubens gezogenen Schranken gebunden sei, sondern die gesummte Menschheit umfasse. Der wegen seines segensreichen Wirkens mit Recht hochgeschätzte Seelsorger war für seine glänzende Kanzelrede, welche viele der Zuhörer zu Thränen rührte, nach dem Gottesdienste Gegenstand warmer Ovationen, die jedoch nicht blos der diesmaligen oratorischen Leistung, sondern seiner gesammten, nunmehr fünfjährigen Wirksamkeit in Sarajevo galten. Schlan. (A m t s j u b i l ä u m.) Herr Cantor Leopold Blum, oer sich allgemeiner Sympathien erfreut, feiert am 14. November d. I. fein 25jähriges Dienstjubiläum. Steyr. (Todesfall.) Allgemeine Theilnahme erregt das frühzeitige Hinscheiden des k. k. Asiistenzarztes Herrn Dr. Med. Emil Kronberger, welcher im Älter von 28 Jahren am 17. October d. I. verschieden ist. Den Todeskeim holte sich dieser von Gesundheit strotzende Mann in Betätigung seines wissenschaftlichen Strebens durch eine Jnfection in Ausübung seines Berufes. Dr. Emil Kronberger prakticirte auf der Klinik des Hofrathes Profeffor Dr. Nothnagel und auf der Poliklinik des Profeffors Dr. Frühwald, um sich in seinem Berufe zu vervollkommnen. Dort holte er sich die erwähnte Jnfection. Er suchte ein südliches Klima auf und schien sich bereits gut erholt zu haben. Hierauf wollte er eine weitere Erholung in Bad Neichenball mit wissenschaftlichen Forschungen in den pneumatischen Kammern des Profeffors Dr. Cornet aus Berlin verbinden. An dem Tage der Vollendung seines Werkes erneute sich zum zweiten Male die tückische Krankheit, welche ihn für immer dahinraffte. Mähr.-Ostrau. Der verstorbene kaiserl. Rath Marcus Straßmann hat laut btztwilliger Anordnung aus seinem Nachlasse u. A. nachfolgende Legate für Mähr.-Ostrauer Wohl- Ihätigkeitsinstitute angeordnet: Für den israelitischen Frauenwohlthätigkeitsverein X 2000.—; für den Krankenverein „Bikur Cholim', Mähr.-Ostrau, X 2000.—; für Bespeisung armer jüdischer Kinder X 2000.—; für den Realschulunterstützungsverein K 1000.—; für den Gymnasialunterstützungsverein K. 1000.—. Außerdem hat der Verstorbene letztwillig avgeordnet, daß nach seinem Tode K 1000.— an die christlichen Armen und X1000.— an die jüdischen Armen unserer Stadt aus seinem Nachlaffe vertheilt werden. Pardubitz. Bei der im S ptember d. I. erfolgten Neuwahl wurden gewählt: Herr Moriz Pick als Cultusvorsteher, Herr Wilhelm Hoch als Stellvertreter, zu Vorstandsmitgliedern die Herren: Gustav Oesterreicher, Leop. Fleischner, I. U. Dr. Berth. Thein, Aron Weiner, Emil Weiß, zum Rechnungsführer Herr Adolf. Zinn er, zum Casfier Herr Ignaz O e st e r r e i ch e r, zum verstärkten Vorstand die Herren: Gustav Schick, Heinrich Fuchs, Med. Dr. Victor Wohryzek, Jg. Oesterreicher, Alois Rosenzweig, Leop. KoPecky, Joses K o h n, Moriz B r o z a n aus Bohdanee. zu Ersatzmännern die Herren: Sigmund Hostovsky. Sigmund Redlich. Rudolf Weiß, Jacob Löw it, zu Revisoren die Herren Waldemar Weiß und Berthold Oesterreicher, zum Tempel- Vorsteher Herr Wilhelm Hoch, zum Strlloertreter Herr Adolf Z i n n e r. Preßburg. (Diamantene Hochzeit.) Das seltene Fest der diamantenen Hochzeit feierte gestern der hiesige Lederhändler Leopold Schlesinger. Der seltene Festtag wurde in überaus gelungener Weise gefeiert; das reich mit Blumen geschmückte Hans konnte die so zahlreich erschienenen Gäste kaum fasten. Gratulationsdeputationen sandten die orthodox-israelitische Cultusgemeinde, vertreten durch die Herren Gstettner, Herzfeld und Naß, Ersterer begrüßte Herrn Schlesinger als ältestes Ehrenmitglied, ferner die Vereine „Schmuck der Jugend", „Pemimi Derech", Frauenverein rc. Rabbiner Steinschneider hielt eine vorzügliche Ansprache und flehte Gottes Segen auf das Jubelpaar herab zfemlleton. IuUan Meldohla. Von Mary Moß. VII. X o 1 n i (1 r e. Sie traten aus einer schlecht beleuchteten Nebengaffe in Hauptstraß-, die mit elektrischen und Gaslampen bell beleuchtel lvar, die an Verkaufsständen angebracht waren. Das Geschäft war im vollen Gange. Kräftige Bauernfrauen steuerten Marktkörbe durch das dichte Gedränge, während die rechte Hand immer eine Geldtasche festhielt. Bei einem Schiebkarren kauften Bube» Muscheln und Austern. Der höchstens 12 Jahre alte Händler öffnete die Schale geschickt und löste ein unheimliches Weichthier von derselben los, steckte die Kupfermünze des Kunden ein und wandte sich mit geschäftsmäßiger Eile zum nächsten. Nachdem er den saftigen Biflen verschluckt hatte, leckte er beide Seiten der Schale verständnißvoll av, dann nickte der schwarzäugige Range Frl. Braun mit freundlichem Grinsen zu. „Kommen Sie heute Abends in's italienische Theater?* „Nein, heute nicht, Toni!' Frl. Braun's Natürlichkeit er füllte Edith mit Neid. „Mr gehen heute in's jüdische Theater!" „Oh, das ist nicht gut.' Toni blickte unwirsch drein. „Das ist eine schlechte Darstellung, lausig!' Bei dieser grauenhasten Angabe fühlte sich Edith sehr erschrocken, ihre Führerin schrill aber ruhig weiter und bemerkte blos: „Die Wälschen find etwas eifersüchtig auf die Pracht des jüdischen Theaters.' Das kleine, schälige Theater war bereits ziemlich voll, ala Frl. Braun und Edith ihre Plätze, ziemlich weit vorn, mit guter Aussicht auf den farbenreichen Vorhang, einnahmen. „Sehen Sie das an!' flüsterte Frl. Braun. „Es m Salomo's Urihell.' „Aber', fragte Edith, „warum find beide Kinder lebendig, oder irre ich, wenn ich glaube, daß eines tobt sein sollte?' „Nein, Sie haben recht, aber die Direction ist sehr feinfühlig und fürchtet, daß ein todtes Kind einen peinlichen Eindruck machen könnte.' Es schönen genug Lebendige im Publicum zu sein', sagte Edith sehr belustigt, als ganze Familien ankamen: uralte Großmütter, Eltern, Enkel, Säuglinge und junge Liebespaare. Alle traten nacheinander ein und nahmen ihre Sitze mit möglichst viel Geschäftigkeit und Geräusch bei der Unterbringung der Erfrischungen ein, versorgten Sodawaffer-Flaschen und Bretzeln und erquickten sich dabei an klebrigen, zerfließenden Zuckerstangen. Die Galerie begann zu zischen und ein kleines, nicht eben schlechtes Orchester fing an, eine lebhafte, volksthümliche Melodie zu spielen. Frl. Braun sprach mit einem Mädchen in der nächsten Reihe mit eigentümlich ältlichen Händen und einem riesigen Federhut. „Es ist ein Schauspiel aus der alten Zeit', das Mädchen sprach mit starkem Accent, „als es noch mcht Jedem gestattet war, Gott nach seiner Weise zu verehren, wie bei uns Amerika' nern. Es heißt: „Kol nidre“, der Name eines Gesanges, der bei uns am Vorabende des Versöhnungstages gesungen wird. Oh, es ist ein schönes Stück mit viel guter Musik.'