Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 688 Dr. JSlocb’s Mocbenscbrift. Nr. 43 Die erste Scene zeigte ein gewöhnliches Bühnendors mit dem gewöhnlichen Wirthshaus, der Kirche und dem Brunnen. Eine Gruppe von Schauspielern mit jüdischen Zügen sprachen in einer Sprache, die wie deutsch klang, es aber nicht war. Ihre mittelalterlichen Costüme sahen wie der Abschaum der Chöre von einem Dutzend komischer Opern aus. Plötzlich trat ein rothgekleideter Cardinal mit Gesolge auf und begab sich in die Kirche. Die Leute auf der Bühne entblößten achtungsvoll ihre Häupter und bekreuzten sich und folgten alle dem Cardinal, bis auf einen Mann und eine Frau, offenbar komische Charaktere. Dieselraten bis an die Fußlampen vor, und während Glockenklang ertönte, sanken sie in die Knie, und mit unverkennbar ironischer Absicht, die sie noch, durch vertrauliche Winke an das Publicum, kennzeichneten, sangen sie ein »Ave Maria". Das Gelächter und der Beifall unterbrachen zeitweilig die Verzehrung von Pfeffernüssen und Orangen. Edith fühlte sich physisch verletzt. Nichts weniger als eine religiöse oder orthodoxe Christin fühlte sie, mehr in Folge ihrer Gesellschaft als aus Ueverzeugung, eine gewiffe Ehrfurcht vor dem Glauben, in welchem sie erzogen worden war. »Ist es nicht eigentümlich?" flüsterte Fräulein Braun, »einen über die ganze Welt verbreiteten Scherz umgekehrt zu sehen? Denken Sie an all die komischen Elemente auf Kosten der Juden in christlichen Stücken! Das ist wirklich interessant!" fuhr sie fort, »ich fange an zu verstehen, diese Leute sind »Marannos", heimliche Juden tn Spanien. Wir werden demnächst auch ein Bischen Inquisition zu sehen bekommen. Im nächsten Acte wurde das Publicum über den Kummer der Tochter des Cardinals, die, so wie seine Frau, an allen geistlichen Functionen theilzunehmen schien — sehr erregt. Ihr Liebhaber Bartello, erster Hofsänger, der auch aufgetreten war, schien von den düstersten Befürchtungen erfüllt. Ec sang all seine Liebesscruen in Melodien, deren edler Klang die ganze Aufführung zu unerwarteter Höhe, rührender Kraft emporhob. »O, ist das aber schön, ist das feierlich!" rief Edith aus. »Wo habe rch das gehört? Es ist mir bekannt, obgleich ich nicht weiß woher?* »Sie haben das nie gehört, es wäre denn, daß Sie in einer Synagoge gewesen wären", sagte Fräulein Braun, »es ist ein religiöser Gesang! Sehen Sie, was jetzt kommt." Der Böchäng hob' sich über das' Innere einer Capelle empor, wo ein Priester die Messe feierte. Kerzen brannten unter den Kreuzen, unter den Bildern der Jungfrau und der Heiligen, Andächtige sangen knieend. »Wie! der Priester ist Bartello!" Edith hatte ein Gefühl steigender Erregung. Das Publicum war ganz ruhig und aufmerksam. Auf ein Zeichen Bartello's wurden die Kirchenthüren verriegelt und in rascher Verwandlung wurden die Kerzen verlöscht, durch den Druck auf geheime Federn wurden die Bilder verdeckt und hebräische Tafeln kommen zum Vorschein. Bartello ließ sein Chorhemd hinabgleiten, setzte eine Kappe auf und hingein weißes Tuch um seine Schultern; »das ist ein Gebetmantel!" flüsterte Frl. Braun. Aus einem Verstecke zog er eine Pergamentrolle hervor. »Die Gesetzrolle!" sagte das Mädchen vor ihnen athemlos. Dann begann er einen Gesang, deffen Würde und Pathos Edith in jeder Fiber durchschauerte. »Kol niäre!" sagte das Mädchen, das was der Vorbeter am Vorabende des Bersöhnungstages singt. Plötzlich schwiegen die Beter, voll Schreck, als an die Kirchenthür geklopft wurde. An die Stelle des früheren Gesanges trat sofort ein »Ave Maria". Die Gesetzrolle, die Tafeln, der Gebetmantel verschwanden in einem Augenblicke, und die Beamten der heiligen Inquisition, der König und oie Königin, der Cardinal, und die Frau und Tochter des Cardinals, drangen während der stillen Feier einer Mitternachtsmeffe ein. Während einiger aufregend ängstlicher Minuten wurde die Capelle nach Beweisen durchsucht; aber gerade als die Suche aufgegeben wurde, zog ein böser, alter Secretär die Rolle hervor und Bartello wurde ergriffen und gebunden. Bevor sie ihn abführen konnten, brach die Tochter des Cardinals in leidenschaftliche Schmähungen aus, klagte ihren Vater und den Secretär als Convertiten an, die ihr eigenes Volk vernichten, erklärte sich als Jüdin, und wurde mit Bartello ins Gefängniß geführt. Das Schauspiel endet mit einer kurzen Scene, in welcher die beiden Liebenden auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden, vergeblich trachten, einander bei der Hand zu faffen und bis zum letzten Augenblicke triumphirend »Kol nidre" singen. »Nun!" sagt Fcl. Braun in geschäftlichem Tone, »das ist besser als manches Vaudeville von heutzutage. Viele gebildete Juden verwerfen diese Darstellungen als rückständig; aber Herr Josephs sagt, sie haben ihr Gutes, wenn es auch nur ist, oaß die Leute die Besserung ihrer Stellung würdigen lernen. »Herr Josephs! Wer ist das?" fragte Edith. »Einer von den Verwaltern des Baron Hirsch-Fondes. Aber er ist reich und thut auch aus Eigenem viel Gutes hier unter diesen Leuten. Er und sein Freund, Herr Meldohla, kommen beide öfters in das Bereinshaus." »Nun" sagte Edith, »das ist der interessanteste Abend, den ich je irgendwo verbracht habe. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, aber Sie dürfen mich nicht für undankbar halten, wenn ich nicht so bald wiederkomme; -- aber meine Familie" — sie machte eine Pause und würgte an der offenkundigen Lüge. »Sie haben ganz recht", sagte ihre Gefährtin gütig, »warten Sie einige Jahre und kommen Sie dann wieder, es wird hier immer genug zu thun geben. »Nun möchte ich wissen", dachte Frl. Braun, nachdem sie Edith sicher in einem Wagen untergebracht hatte, »was dem armen Kinde fehlt, ob sie wirklich unglücklich ist, oder nur müßig und nervös. Sie sah heute Abends zeitweilig aus, ats ob ihr Herz brechen wollte. (Fortsetzung folgt.) K. T. New-Fjork. Auf Ihre Anfrage können wir eine verläßliche Antwort nichl ertheilen, oa eine genaue Slatistik nicht zur Verfügung steht. Nach den Mittheiluugen des Professors Heman in Basel gibt es etwa zehn Millionen Juden, davon zwei Drittel in Europa. Voran steht Rußland mit fünfeinhalb Millionen (wozu 40.000 im asiatischen Rußland); sodann Oesterreich-Ungarn mir 1,860.000, das Deutsche Reich mtt 568.000/ sodann Rumänien mit 500.000, Großbritannien mit gegen 200.000, die Türkei mit 120.000; die übrigen europäischen Länder zählen weniger als 100.000- Juden-r—Holland 07.000, Frankreich 77.^00, Italien 50.000, Bulgarien 31.000, die Schwerz l^.oüO, Griechenland 580o, Serbien 4700, Dänemark 4000, Schweden 3400, Belgien 30o0, Spanien 2500, endlich Portugal mit nur 300; die Gesammlsumme für Europa ist danach nicht viel unter 8 Millionen, wovon der weitaus überwiegende Theil den östlichen Ländern angehört. Außerhalb Europas finden wir die Juden am zahlreichsten in den Vereinigten Staaten: rund eine Million, wozu — für Amerika — noch 5ü00 in Eanada, 3000 auf den Antillen und 12.000 in Südamerika kommen. In Asien steht das türkische Gebiet mit 150.000 Juden an der Spitze; von den 40.000 des asiatischen Rußland war schon die Rede; dann Persien mit 30.000; Indien und Ehina mit 10.000; Turkestan und Afghanistan mit 14.000 Juden. Der größte Welttheil zählt also nur. rund eine Viertelmillion Inden. Dagegen lOO.oOO m Marokko, 58.000 in Tripolis, 50.000 m Tunis, fast ebenso viel in Algier und der Sahara; wozu im Süden des Erdtyeils noch 12.000 ui Transvaal und 1500 in Eapland kommen. Endlich zählt Australien 17.000 Juden. Stud. jur. M. K. Sie sind im Jrrthum. Der Redacteur der ^llL26ürall" in Warschau hat bereits mehrere Leitartikel aus semer eigenen Feder publlcirr, in welchen er die zionistische Parteileitung ermahnt, das Ostafrika-Project aufzugeben und es der „I c a" zu ü v e rl affe n. In oer Nummer vom iv. October weist er nach, daß iie von der englischen Regierung den jüdischen Colonisten angeboteue sogenannte „Autonomie", in Argentinien längst besteht unD in Brasilien für jede Eolonisation, also auch für die jüdische, zu haben ist. Die Autonomie für innere Angelegenheiten besteht auch m Eanada, wo jede Eolonie sich nach Belieben einrichten darf, „Was in Ostafrika zugesichert wird, besteht anderwärts als volle Thatsache", erklärt S 0 k 0 l 0 w m jenem Artikel. Diese Haltung der „üarisürall", ihre Abkehr von der ehemals neutralen Haltung zur vollen Gegnerschaft, ist kennzeichnend für die Stimmung in Rußand, von welcher Ihre an uns gerichtete Zuschrift eine durchaus unrichtige Darstellung bietet. Die „Oesterreichische Wochenschrift" wartet Mit ihrem End- Ultheil, bis verläßliche Nachrichten eintreffen über die Natur des Klimas und die Eignung des Landes zur Aufnahme civilisirter Menschen. A. G. D. I. Der „Dichter" des Versdramas: „Das Fremdvolk" sollte sich die Visage seines Vaters - näher besehen; er dürfte da manches verdächtig „Phönicisches" entdecken.