Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Vlocd's MlocdenscbrM. Seite 679 irgend welche im fernen Frankenland — als Herren des Landes betrachtet werden müssen. Bei sonstiger Strafe für Hochverrath! Man muß sehr übertriebene Vorstellungen von dem Fatalismus der Orientalen haben, um zu glauben, daß die überraschten Palästinenser das so ruhig hinnehmen werden. Es gäbe einen recht ernsten Widerstand, dessen Ueberwindung sich die Türken selbst und die anderen Mächte gewiß nur sehr wenig angelegen sein lassen würden. Seine Niederwerfung bliebe also rein den Juden überlassen — vor Allem natürlich denjenigen, die nicht da sind. Ich will aber annehmen, daß auch dies gelungen oder daß es gar nicht zum Widerstand gekommen wäre — warum nicht gefällig sein? — auch dann käme die völkerrechtliche Installation der Juden in Palästina nicht einem Erwerben Palästinas gleich. Denn weit mehr als der persönliche Widerstand der plötzlich Entrechteten würde der Widerstand der Thatsache bedeuten, daß die neuen Herren keine dominirende Position im Lande besäßen. Da man ihnen kaum Zeit ließe, dieselbe auf dem bei annähernd gleichen- Voraussetzungen gewiß gangbaren Wege des Wetteifers, d. h. der allmäligen Entwicklung zu gewinnen, so könnten sie nur von Schnellcolonisation das nöthige Uebergewicht an Zahl, Besitz und Cultur erhoffen. Diese aber müßte sich bald als undurchführbar Herausstellen. Es mag nämlich nicht unmöglich sein, ein leeres Land in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit einer großen Anzahl von Ansiedlern zu besetzen; niemand kann aber sagen, wie man es anzustellm hat, um Hunderttausenden nicht acclimatisirten und auch sonst nicht sehr gut vorbereiteten Fremden rasch dauernde wirthschaftliche und culturelle Positionen in einem Lande zu verschaffen, das schon von anderen Hunderttausenden, völlig einheimischen Leuten, besetzt ist. Wobei noch zu bed-nken ist. daß die 70.000 palästinensischer Juden in ihrer vorläufigen Verfassung der angenommenen Schnellcolonisation eher zum Bleigewicht als zum Hebel werden würden/ Vom AubrmurKt des Lebens. . ........ Glossen zur Tagesgeschichte. Der niederösterreichische Landtag hat sich wieder einmal die Förderung der geistigen Interessen des Volkes angelegen sein lassen. Es war recht erhebend. Die feinsten Geister der christlich-socialen Mehrheit griffen in die Debatte ein, und insbesondere war es der prädestinirte Vorkämpfer für Bildung und all' die höchsten Güter der Menschheit, der Abgeordnete Bielohlawek. der reichliche Gelegenheit fand, in kernigen Zwischenrufen alle Facetten seines demantklaren Jntellectes in funkelnden Lichtgarben aufleuchten zu lassen. Diese Zwischenrufe sind das Angenehmste und Bequemste, was man sich nur denken kann. Man kann damit kalt blasen und warm, wie man es gerade braucht. Sie kommen ins Protokoll und sie verpflichten doch zu nichts. Ein kleines Beispiel: ein liberaler Redner beschwört die Mehrheit, nicht an der kostbaren Errungenschaft des Schulgesetzes zu rütteln. Er versteigt sich zu einer eaptatio benevolentiae, von der er sich viel Erfolg verspricht: selbst erleuchtete Kirchenfürsten haben das Reichsvolksschulgesetz als einen guten Act der Gesetzgebung begrüßt! Darauf ertönt hell und scharf und schneidig der Zwischenruf: Die haben keine Kinder! — Dieser Zwischenruf aber will besagen: Wenn es das Parteiinteresse erfordert, scheeren wir uns auch um unsere Kirchenfürsten nicht. Wir reden hier vom Jugendunterricht und Kindererziehung und — was verstehen die Geistlichen von Kindererziehung?! Das sind nicht unsere Autoritäten! Schön. Es geht weiter. Wenn in Oesterreich irgendwie und irgendwo die Schulfrage aufs Tapet gebracht wird, so wird das Schifflein der Debatte immer über kurz oder lang an einer Stelle festgefahren sein, an einem Fels im Meere, an dem auch durch das Gesetz festgelegten Fundamentalsatz, daß die durch die Schule zu vermittelnde Erziehung eine »sittlich-religiöse" zu sein habe. Als das liberale Reichsvolksschulgesetz geschaffen und jener Fundamentalsatz redigirt wurde, hat man vielleicht nicht mit der vollen wünschenswerthen Klarheit die ganze Größe der Geistesheroen der nun herrschenden christlich-socialen Partei vorausgeahnt, vielleicht es nicht für möglich gehalten, was nun Thalsache geworden ist, daß die Bielohlawek und Strobach zu führenden Geistern im Culturcentrum Wien avanciren könnten und daß nun der sittlichreligiösen Formel Ziel und Richtung und Inhalt durch sie gegeben werden werde. Es ist so gekommen. Und wenn nun von den sittlich-religiösen Aufgaben der Schule gesprochen wird, ist es unmöglich, der hohen Mission nicht zu gedenken, welche dem Clericalismus in der Schule zugewiesen ist, und des rühmlichen und erfolgreichen Eifers, mit welchem er diese Mission erfüllt. Das geschieht, geschieht in umfassender Weise, und da geht dem Herrn Bielohlawek das Herz auf, die Rührung übermannt ihn und tiefbewegt ruft er aus: »Wenn doch ein Jeder so sprechen würde!" Herr Bielohlawek hat eine Schwäche für die Frömmigkeit, daher der fromme Wunsch. Herr Bielohlawek kämpft gegen die achtjährige Schulpflicht, deren er wahrscheinlich selbst theilhaftig geworden ist; wahrscheinlich — denn anseben oder anhören thut man es ihm nicht. Er kann keinen Satz sprechen, ohne daß er in diesem Punkte sehr ernste Zweifel wachriefe. Er wird sich darob übrigens nicht kränken. Denn mit den anderen Größen der Partei, die jetzt mit ihm im Rohre fitzen, ist es auch nicht anders bestellt. Selbst der eine ehrliche Stoßseufzer »Wenn ein Jeder so sprechen würde!" deutet darauf hin, daß noch ein weiteres Schuljahr gar nicht vom Uebel gewesen wäre. Jeder gewissenhafte Schullehrer würde ihm diese Construction »wenn — würde" als unzulässig roth angestrichen haben, und vielleicht hätte er sich das dann einmal für den öffentlichen Gebrauch gemerkt. G wiß, ich habe mich da schwer blamirt, und ganz Centraleuropa wird ein Hohngelächter aufschlagen, daß ich Herrn Bielohlawek solcheSachen ankreide und von ihm besondere Feinheiten der Sprache erwarte! Ich neige mein Haupt, aber, geehrtes Centraleuropa, Du mußt ein Einsehen haben. Ewig kann uns doch Herr Bielohlawek nicht Vorlesungen über Shakespeare und Grillparzer halten! Es ist ja auch nicht das. wovon ich gerade sprechen wollte, sondern von der Umkehrung des Spießes. So wie nämlich der Antheil der Katecheten an Aufgaben der Schule zur Sprache gebracht wird, da ist die Supposition, daß sie keine Kinder haben und infolgedessen von der Kindererziehung nichts verstehen, sofort vergessen und die inhaltsschweren Zwischenrufe lauten plötzlich ganz anders. Da wird gewünscht, daß jeder so sprechen »würde" ti.ld da freut man sich, daß der Seitz bei dem Lobe der hohen Geistlichkeit zerspringt. Da ist der Clerus wieder zu einer unantastbaren Autorität geworden. Der Ring schließt sich, der das Parteiintereffe umfaßt. Der Ring ist kreisförmig und es ist das charakteristische Merkmal der Kreislinie, daß der mathematische Punkt, dessen Lauf sie bildet, in keinem Stadium die Tendenz zeigt, sich in der geraden Richtung fortzubewegen. Ob nun die Schulfrage zur Debatte gestellt ist oder die Treue zu Kaiser und Reich, oder die Ideale der Freiheit und des Fortschrittes, — zunächst muß das Parteiintereffe abgezirkelt werden, — dann kann man ja weiter sehen. Ein Sturmlauf war cs gegen das Reichsvolksschulgesetz, und darum das Rathen und Thaten. Es war von vornherein klar, daß der Landtag nicht die berufene Instanz sei, da Wandel zu schaffen und ein Reichsgesetz auf den Kopf zu stellen. Die Beschlüsse bildeten somit ein recht theoretisches und platonisches Vergnügen, — irr magnis et voluisse sat est — aber man wollte es sich nicht versagen, weil es sein Gutes hat, zum Fenster hinaus zu sprechen, um auf der Straße und auf dem Flachland gehört zu werden. Die Debatte bewegte sich durchaus auf hohem Niveau. Alle Redner wollen sittlich-religiöse Erziehung. Einer fragt: »Wie kann zum Beispiel der Lehrer, wenn er ein Jud' ist. die katholischen Kinder sittlich-religiös erziehen?" Dieser Redner speciell tritt für die »Reform" des Unterrichtes aus Pädagogischen, praktischen und wirthschaftlichen Gründen ein. Ein Anderer fürchtet, daß, wenn das Schulgesetz nicht geändert wird, Herr Seitz aus den Platz des Grafen Kielmansegg, Ellenbogen an die Stelle Herrn v. Körbers gerathen und Dr. Adler sich um die Krone bewerben könnte. Mit edler Offenheit verkündet ein dritter Redner: »Die ganze geplante Reform trägt die Tendenzen des Katholischen Schulvereines zur Schau, in dessen Hymne es heißt: Lass' den Kriegsruf. »Gott will es!" erschallen zum Kampf mit dem Kreuz in der Hand, bis die gottlose Schule gefallen und die christliche ziehet ins Land!" Man wird immer deutlicher. Ein Redner erklärt, daß nicht eher von der Erhöhung der Lehrergehalte die Rede sein wird, als nicht die siebenjährige Schulpflicht eingeführt sein wird. Das erlösende Wort hat aber doch wieder nur der in seiner unergründlichen evangelischen Milde stets zuverlässige Dr. Geßmann gefunden: »Wir wollen, daß das Volk etwas lerne, damit es sich nicht mehr von den Juden die Haut über die Ohren ziehen läßt." Brausender Jubel folgte dem befreienden Wort. Man denke, Herr Geßmann will, daß das Volk etwas lerne, damit er