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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 678 Dr. Mocb's MocbenscbrM< Rr. 43 im Leben des biblischen Volkes, welches eine so anormale politische Entwicklung erfuhr, daß es Eolonien anle^t, bevor es einen Staat gebildet hat. Die jüdische Colonialpolitik war bisher hauptsächlich orff Palästina gerichtet. Auf dem letzten Basler Zionistencongreß wurde jedoch von der Parteileitung ein Project eingebracht, welches die Ansiedlungsthätigkeit der Juden auf eine ganz neue Bahn drängen soll. Das Hervortretcn mit dem ostafrikanischen Vorschlag bedeutet unter allen Umständen eine entscheidende Wendung in der jüdischen Colonialpolrtik. Denn seine Grundlage und Erklärung bildet der offen eingestaudene Umstand, daß da? Ziel des Zionismus angesichts der ablehnenden Haltung der türkischen Regierung sich in absehbarer Zeit in Palästina nicht verwirklichen laßt. Selbst wenn der ostafrikanische Plan sich zerschlagen sollte, was vorläufig viel wahrscheinlicher ist als sein Gelingen, müßte die Leitung der zionistischen Partei — falls sie an dem Plane der sofortigen Gründung eines autonomen Staates festhalten will — sich nach exotischen Colonisationsgebieten außerhalb Palästinas umsehen. Es fragt sich nun, ob diese neue Wendung in der jüdischen Colnialpolitik, welche auch ohne Erreichung eines praktischen Zieles, dlos dadurch, daß sie die Geister gefangen nimmt und die finanziellen Kräfte ablenkt, dos ursprünglich in Angriff genommene Werk, die Besiedlung Palästinas, vernichten müßte, thatsächlich begründet ist; ferner ob der Plan der Gründung eines autononien jüdischen Gemeinwesens außerhalb des palästinensischen Länderkreises, sei es als cndgiltige Lösung des Problems, sei es als Etappe auf dem Wege zu einer jüdischen Heimstätte in Palästina, aussichtsreicher ist als die unentwegte Fortsetzung des palästinensischen Ansiedlringswerkes trotz der gegenwärtigen politischen Schwierigkeiten, als eine zähe Palästina- Politik unter Vermeidnng aller Umwege und Kräftczersplitterung. Diese auf den ersten Blick rein politische Frage: Palästina oder Afrika? — entpuppt sich bei näherer Untersuchung als colonisationstechnisches Problem. Der politische Zionismus glaubt Palästina arifgeben und — vorläufig! — anderswo einen jüdischen Staat gründen zu müffen,- weil er in Palästina nicht sofort Autonomie und die Erlaubniß zur Ansiedelung großer Massen auf einem zusammenhängenden Gebiete erlangen - kann. Wohl aber kann er von der türkischen Regierung etwas Anderes erlangen: die Erlaubniß zur energischeren Fortsetzung des bisherigen Colonisationswerkes in Palästina und seinen türkischen Nebenländcrn, wie Syrien und Anatolien. Er kann den Boden Palästinas unbehindert aufkaufen, und er kann in den englischen Nebenländern, Cypern und Aegypten, zahlreiche und entwicklungsfähige jüdische Colonien gründen. Alle diese offenen Möglichkeiten lehnt jedoch der politische Zionismus principiell ab. Er geht nänilich von der Voraussetzung aus, daß das bisherige jüdische Colonisationssystem, das der Kleincolonisation, das der Infiltration, ohne politische Rechte ein irriges und aussichtsloses sei, und daß nur die Massencolonisation auf autonomer Grundlage zur Bildung eines jüdischen Gemeinwesens führen könne. Worauf stützt sich diese Ueberzeugung von der Untauglichkeit der Kleincolonisatton? Auf die wenig befriedigenden Resultate der ersten kleincolonisatorischen Versuche der Juden in Palästina. Aber war thatsächlich der kleine Maßstab der Ansiedlungsthätigkeit an deren Mißerfolgen schuld? Keineswegs. Man kennt die Ursachen der letzteren ganz genau. Es sind dies: die Eröffnung der Colonisationsthätigkeit ohne vorangehende Erforschung des Landes, bei völliger Unkenntnis; feiner klimatischen und wirthschaftlichen Verhältnisse — eine Quelle verbängnißvoller Fehler; der wirthschaftliche Hauptfehler, das irrige Productionssystem, nämlich die ausschließliche Pflege des Weinbaues ohne gleichzeitige Organisation des Absatzes; die allzu kostspielige und philanthropisch bevormundende Administration Rothschild's, welche für alle Bedürfnisse der Ansiedler sorgte und sie dafür der wirthschaftlichen Initiative, Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit beraubte; endlich die geringe Eignung der heutigen Juden überhaupt zur Ackerbau- und Colonisationsthätigkeit. Daß diese Umstände und nicht die Kleincolonisatton als solche das relative Mißglücken der ersten Versuche veranlaßt haben, beweisen folgende Thatsacheu. Es gibt jüdische Colonien in Palästina, welche aus eigener Initiative, auf genossenschaftlicher Grundlage, ohne Hilfe Rothschild's entstanden sind, nicht nur Weinbau, sondern auch Getreidebau treiben und zu wirthschaftlicher Selbstständigkeit gelangt sind. Auch die Rothschild'schen Colonien befinden sich, seitdem ihre Verwaltung von der „Jewish Colonisation Associ. tion" übernommen wurde, entschieden auf dem Wege der wirthschaftlichen Sanirung, und zwar dank administrativer Reformen, der Selbstständigmachnng der Colonisten und der Organisation des Absatzes. Einen noch größerer» Erfolg erreichte man, indem man in Galiläa neue Colonien gründete, welche sich nicht mehr mit Weinbau, sondern mit Getreidebau befaffen. Diese wurden nach einem Jahr selbstständig. Endlich macht es der blühende Zustand der deutschen Kolonien irr Palästina ganz zweifellos, daß auch die Juden, wenn sie sich einmal an den Ackerbau gewöhnen und rationell wirthschaften werden, auf dem Wege der Kleincolonisatton sehr gut reuffrren können. So erscheint also vom volkswirthschaftlich-colonialtechnischen Standpunkt das Aufgeben der Kleincolonisation und der Verzicht auf Palästina unbegründet. Aber die politischen Aussichten? wird man fragen. Auch diese sind, insoweit die Zukunft in Betracht kommt, in oer alten Heimat der Juden besser als anderwärts. Das türkische Reich ist ein in politischer Umgestaltung begriffenes Gebilde; die Erlheilung der Autonomie an ein jüdisches Palästina, welche dem Sultan heute unannehmbar erscheint, kann in relativ kurzer Frist den türkischen Interessen sehr wohl entsprechen und dürfte die Billigung der Mächte finden. Auf diesen Moment aber müssen die Juden sich vorbereiten, dieses Ziel müssen sie vor Augen haben und seine Verwirklichung zu beschleunigen suchen, nicht indem sie ihre kolonisatorische und staatbildende Thätigkeit einem ganz anderen Continent zuwenden, sondern indem sie dieselbe auf Palästina Md die Nebenländer concentriren und daselbst planmäßig entfalten. Die Inden nrüssen den ganzen erhältlichen Boden in Palästina, solange er eben noch zu haben ist, systematisch aufkaufen, sie nrüssen ihre Colonien an verschiedenen Punkten des von ihnen ausersehenen Gebietes planmäßig anlegen und sie durch weitere Erwerbungen und gute Verkehrswege untereinander verbinden. Wenn dies mit vernünftiger Raschheit geschieht, so wird diese planmäßige Kleincolonisation zu einer allmählichen Großcolonisation, das wirthschaftliche Vordringen zu einer politischen That. Denn hat man sich nur thatsächlich in den Besitz des Landes .gefetzt, so müssen stufenweise auch immer höhere politische Rechte wie reife Früchte an einem gesunden Baume erwachsen. Worauf aber gründen die Anhänger einer sofortigen Massencolonisation ihre Zuversicht, daß dieser Weg zu guten Ergebnissen führen würde; wie können sie es wahrscheinlich machen, daß ein jüdisches Staatswesen in Ostafrika gedeihen könnte? Jede neue Ansiedlung in einem unbekannten und noch dazu in einem subtropischen Gebiete ist ein wirthschaftlich und hygienisch riskanter Versuch. Erst im vorigen Jahre ging die Nachricht durch die Blatter, daß in Uganda ein Uebel mit tödtlichem Ausgang, die sogenannte Schlafkrankheit, endemisch sei. die jährlich Tansende von Eingeborenen dahinraffe. Beginnt man in kleinerem Maßslabe, so fallen wenige Opfer. Wirft man aber — so bemerkt auch Oppenheimer mit vollem Recht — Millionen von Stadtproletariern in ein landwirthschaftliches Gebiet hinüber^ so muß das ein Chaos ergeben, das nur mit beispielloser Noth enden kann und das die Uebcrzähligen durch Hunger, Typhus und Cholera aus dem Wege räumen muß. Ueber die geringen Aussichten auf wirthschaftlich es Gedeihen in Ostafrika hat sich hier Dr. Price geäußert. Es ist kaum anzunehmen, daß ein der Landwirthschaft entfremdetes Volk wie die Juden in diesem für sie unsympathischen Lande jemals Fuß fassen würden. Im besten Falle hat man einen hartnäckigen, vielleicht .jahrzehntelangen Kampf zu bestehen, bevor ein Gelingen möglich wird. Und das soll ein „Nachtasyl" für das jüdische Volk werden, in welchem es provisorisch campirt, bis Palästina frei wird? Diese Auffassung kann kaum aufrecht erhalten werden. Würden sich die Juden entschließen, nach Ostafrika zu gehen, und würde ihnen der wirthschaftliche Kampf daselbst gelingen, so wären sie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, dort auch zu bleiben. Welchen Charakter hätte aber eine derartige Ansiedlung? Das Klima bringt es mit sich, daß die Weißen in Afrika mit Hilfe von Eingeborenen wirthschaften müssen, die wie Sclaven behandelt werden. Auch im Burenlano finden wir bekanntlich diesen abstoßenden Zug, der sich mit der geplanten Wiedergeburt des jüdischen Volkes kaum vereinbaren läßt. Und auch über die politische Entwicklung des afrikanischen Judenstaatcs kann man sich kaum trostreichen Gedanken hingeben. Sie würde höchstwahrscheinlich die umgekehrte sein, wie die einer Ansiedlung in Palästina. England benutzt heute die Autonomie als Lockmittel, um die Ansiedlung und Exploitirung des Landes in die Wege zu bringen. Beginnt aber die Colonie einmal wirklich etwas zu tragen, so wird man wohl den Vorwand finden, englische Verwaltung in ihr einzuführen. Als wirklich rationelle jüdische Colonialpolitik erscheint demnach die energische, unentwegte und planvolle Fortführung der Besiedlung Palästinas. Dr. Alfred Nossig. * * * In einem Artikel: „Methodisches zur Palästinafrage'' schreibt dagegen Mathias Acher u. A.: „Selbst wenn heute manche Illusionen Wirklichkeit geworden wären, die Hauptmächte vorbehaltslos Ja und Amen sagten, und die Pforte einen Charter, oder noch viel mehr gewährte — selbst dann würde Palästina nicht erworben. Diese sozusagen Jnstallirung des jüdischen Volkes in Palästina bliebe eine lächerliche Farce. Denn, kann man sich einbilden, daß sich die Bevölkerung des Landes, die Besitzerin des Bodens, von den zugereisten Juden ruhig depoffediren lasse, daß sie deren papierenen Besitztitel anerkennen werde? Man stille sich das nur vor: Die jüoische Bevölkerung Palästinas, wiewohl mehr als ein Zehntel der Gesammtbevölkerung, ist in einigen Städten und Landstrichen cöncentrirt. Im größten Theil des Landes, sowohl in den Städten als auch in den Dörfern, gibt es keine Juden.. Nun stehen eines Morgens die braven Araber, Türken und Drusen auf und lesen im Amtsblatt oder hören es von ihrem Kali oder Scheich, daß von dem und dem Tage ab, laut Befehls der hohen Regierung, die Juden» die bisher fast ganz übersehenen Juden — und obendrein nicht einmal die aus Jerusalem, Jaffa, Saffed und Liberias, sondern

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