Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 676 Dr. Llocb's Mocbenscbrikt. rnchr daran leiden, weil sie nicht wie der ungläubige Arier die Bortheile der gläubigen Majorität mitgenießen können. Nicht glauben und trotzdem ebenso leiden, als wenn man glauben würde, daS thut allerdings weh! Aber zum Glück gibt es noch charakterfeste Juden in Millionen, die Gottvertrauen und Glaubenskraft oder wenigstens Ueberzeugungstreue genug besitzen, um zu sagen, das Judenthum sei jeder anderen Religion gleichwerthig. Und ist die GlaubenStreue der ruffischen und rumänischen Juden in ihrem Martyrium nicht ein leuchtendes Beispiel für alle Nationen? Wenn der Autor behauptet: »Judenthum und Christenthum, jenes das Zerrissenste, der inneren Identität Barste, dieses daS Gottvertrauendste Glänzendste, sie bilden den weitesten, unermeßlichen Gegensatz", so mag er wohl vom Christenthum genügend Kenntniß besessen haben, und wir find die letzten, die Jemandes Glauben nahe treten wollen, aber über das Judenthum zu urtheilen, dazu fehlte ihm zweifellos nicht nur die Kenntniß des Judenthums, sondern zu einem Vergleich auch die innere Objektivität. Es ist interessant, wie diejenigen Schriftsteller, zu deren Gruppe Meininger gehörte und deren Führer Chamberlain ist, immer auf daS Berhältniß der Juden zur Person Christi zurückkommen. Im Gegensatz zu Chamberlain läßt unser Autor Jesus aus dem Judenthum hervorgehen. Auch will er dem Judenthum nicht eine Beziehung zum Christenthum andichten, die nicht vorhanden ist. Aber dem Thatsächlichen geht er aus dem Wege. Daß die jüdische Religion die Ankunft des Christos des Messias --- des Gesalbten in eine ferne Zukunft verlegt, wo die Sperre zu Pflugscharen und die Schwerter zu Sicheln werden, wo die Erde erfüllt sein wird von der Erkenntniß, wie die Tiefe des Meeres von den Gewässern, weiß doch jedes Kind. Der Autor gibt zu, daß der Jude Jesum Christum nicht Haffe, er behauptet aber, er fühle fich nur durch ihn, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem Verstände entrückt, gestört und unangenehm geärgert. Das ist durchaus falsch. Die Vorstellungen und Empfindungen, die diesbezüglich bei Juden erweckt werden, find gewiß keine allgemein gilttge», sondern rein individuell, je nach Zeit und Verhältnissen. Wenn wir die noch erhaltenen, spanische Autos da f6 darstellenden Stiche ansehen, wo das Bild des Gekreuzigten in solenner Weise mißbraucht erscheint, um der abscheulichsten Verhöhnung der von ihm gelehrten Menschenliebe als Wahrzeichen zu dienen, so werden wir wohl begreifen, daß die Gefühle bei den Gepeinigten andere waren, als sie bei den Juden jetzt find, etwa in Amerika, wo edle Kirchenfürsten gegen die Menschenschlächterei in Kischenew feierlich protestirten. Andere Gefühle hatten zweifellos die Juden, die man im 17. Jahrhundert in Wien und Rom zur zwangsweisen Anhörung von Missions- Predigten am Sabbat in die Kirche trieb, als jetzt, wo es in Amerika oft vorkommt, daß Juden und Christen gemeinsame Gotteshäuser besitzen (Congregational Church), ja von Juden eingeladene christttche Prediger nach dem Mischen Gottesdienste predigen und umgekehrt. Wir wollen nicht auf Weininger's, unserer Ansicht nach, gezwungene psychologische Analyse der Religionsstifter eingehen, die durchaus nicht dem historischen Entwicklungsgänge entspricht. Wiewenig fich jedoch die Anschauungen Weininger's gefestigt hatten und wie fie fich widersprechen, lehrt der Umstand, daß er selbst in einer nach Allem, was er früher gesagt hat, ganz unmottvirten Weise den Gründer einer neuen Religion erwartet, der vielleicht wiederum aus dem Judenthum hervorgehen und ein neues Christenthum begründen werde. Denn »im Judenthum seien noch immer die höchsten Möglichkeiten, aber die geringsten Wirklichkeiten. Der Jude sei wohl der zum Meisten veranlagte, aber immer des Wenigsten mächtige Mmsch". In unserer Zeit habe daS Judenthum fett Herodes die höchste Höhe erklommen; der Geist der Modernität sei jüdisch, die Sexualität werde bejaht. (Der Autor ahnte wohl nicht, daß gerade er fie am meisten bejaht hat.) Er sagt weiter: »Weiber und Juden kuppeln. Ihr Ziel ist, den Menschen schuldig werden zu lassen." Man sieht aus diesem Satze, wie gewaltsam er das Judenthum mit dem Sexualproblem in Verbindung bringt, wenn er Weibern und Juden ein genau vorgestecktes Ziel, den Menschen schuldig werden zu lassen, beimißt. Hier liegt ein psychologisches Räthsel, das im Leben des Tobten wohl eine große Rolle spielte. Er wiederholt auch die alltäglich in den antisemitischen Blättern zu lesende Behauptung, der Anarchismus sei jüdisch, der Capitalismus sei jüdisch, der Marxismus sei jüdisch; »aber der Kampf dränge zur Entscheidung zwischen Judenthum und Christenthum." Hier kommt er über das Dilemma nicht hinaus: warum denn eine neue Religion nothwendig sei, wenn dev Kampf zwischen dem alten Judenthum und dem Christenthum zur Entscheidung dränge. Soll eine neue Religion entstehen, dann ist sie weder Judenthum noch Christenthum. Wozu dann ein neuer Religionsstifter? Die beiden Religionen sind ja vorhanden. Sollte er trotz allen Missionseifers seiner Sache doch nicht so sicher gewesen sein? Die Gerechtigkeit erfordert es zu sagen, daß wir allerdings gezwungen waren, das schwächste Capitel des Weininger'schen Buches der Besprechung zu unterziehen, über das eigentliche Hauptthema des Buches aber zu sprechen, war in diesen Blättern nicht gut möglich. Und gerade das Capitel „Judenthum", gegen welches wir uns wenden mußten, liegt eigentlich ganz abseits von dem Arbeitsfelde des Autors, jedenfalls viel weiter entfernt, als z. B. das des arischen Minnedienstes und der frommen Ritterszeit und ihrer Grundlagen, welche in dem Buche ganz und gar übergangen werden. Der dahingeschiedene Autor mußte wohl seine persönlichen Beweggründe gehabt haben, das Judenthum mit in den Bereich seiner Betrachtungen zu ziehen, ohne dafür befähigt zu sein, zum Schaden des Werkes, zum Schaden des Autors selbst. Wir können nur das aufrichtige Bedauern aussprechen, daß ein Jüngling, der zweifellos wissenschaftliche Begabung, eine große Belesenheit, ein scharfes Denken zeigte, durch die Macht der Zeit, der Verhältnisse, unter denen er lebte, in einen ungerechtfertigten Gegensatz zu seinem Stamme, zu seiner Religion gebracht wurde, den er in der ihm eigenthümlichen scharfen, vielleicht die Absicht scheinbar noch verschärfenden Weise betonte. Aber er trägt nicht allein die tragische Schuld. Wenn er vom Wesen des Judenthums, von seiner Geschichte und seinen Lehren, trotzdem er als Jude geboren ist, keine Kenntniß besaß, so ist die Allgemeinheit mitschuldig daran. Jene Allgemeinheit, welche wohl zugibt, daß in literarischen und wissenschaftlichen Zeitschriften die freiesten Urtheile und Meinungen gegen das Judenthum, seine Lehren und seine Geschichte, über das Alte Testament überhaupt geäußert werden, welche aber dem Juden die freie Gegenäußerung unmöglich macht, wennergegen solche Angriffe kämpfen wollte, es ist die Schuld einer Allgemeinheit, welche die Religion der Majorität unter besonderen Schutz stellt, den fie der Minorität nicht gewährt. Würden sich die Kämpfer der Majorität begnügen, die Vortrefflichkeit ihrer eigenen Religion darzuthun, und hielten sie es nicht für ihre Pflicht, die Lehren der Minoritätsconfession herabzusetzen und anzugreisen, so könnte auch die Minorität sich damit begnügen, ihre Lehren in's richtige Licht zu setzen, ohne die der gegnerischen Seite anzugreifen. Soll aber Freiheit in der wissenschaftlichen Kritik und in der Discussion herrschen, so muß sie gerechterweise nicht blos auf dem Papier, nicht blos dem Namen nach beiden Parteien zu Gebote stehen und Gegenkritik gestattet sein. Wir gestehen, daß wir das Letztere als Ideal ansehen: Freie Kritik hüben und drüben! Und die Majorität hatte umsoweniger Grund, empfindlich zu sein, als sie eben die Majorität ist. Dann sind aber auch die Verhältnisse schuld, wie sie in den jüdischen Kreisen herrschen. Wir kennen viele freigeistige Christen, welche ihre Kinder ruhig in den Lehren ihrer angestammten Confession erziehen lassen. Kämpft sich eines derselben durch eigene geistige Arbeit, durch Seelenkämpfe zu einer anderen, freigeistigen Auffassung durch, gut, wo nicht, hat Niemand das Recht, auch die Eltern nicht, ihm eine andere Auffassung aufzuoctroyiren. Beim Juden aber glaubt jeder Gevatter Schneider und Handschuhmacher, dem die Religion nur unbequem geworden ist, seinen eigenen Abfall oder seinen eigenen Jndisserentismus entschuldigen zu müssen, indem er an seiner angestammten Religion jene Kritik übt, die er an anderen Religionen nicht übt. Und letztlich hat die Schuld die Einrichtung der Gemeinden, welche allerdings mit großen Hindernissen zu kämpfen haben, welche aber durchaus nicht genügen, um in der Aufklärung der Juden ihre Pflicht zu erfüllen. Noch immer glaubt man, bei einem zweistündigen oder gar nur einstündigen Religionsunterrichte in der Woche dieselbe Methode und denselben Lehrstoff beibehalten zu müssen, wie zu einer Zeit, wo täglich drei Stunden dem Unterricht in der Religion und dem Alten Testament gewidmet wurden und im Hause selbst gelehrt wurde. Ueber der mühevollen und verständnißlosen Uebersetzung einiger Seiten hebräischen Textes läßt man die Jugend in Unkenntniß der großen Ideen und der Geistesschätze, die im jüdischen religiösen