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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang IX Sc. 43 Dr. Bloch’s Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. lJnhalt: Leitartikel: Ein Epilog zur Besprechung des Buches „Geschlecht und Charakter" weil. Otto Siicii;!» gcr's. — Tas Ostafrika- | Projekt der zionistischen Parteileitung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Eine Anregung. | Erklärung. Trauerfeier für den verewigten Eultusvertreter Arthur Edlen v. Mises. Trauer-Andacht in der Israelitischen Ver- ' sorgungsanstalt. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes. Zur Hebung des Tempelbesuches.! Olmütz, Prag, Budapest. Ovation für den scheidenden Lordmayor von London. — Vermischtes: Wien. Baden, Falkenau a. E.,! Innsbruck, Eibenschitz, Klattaü, Ung.-Hradisch, Neu-Sandec, Sarajewo, Schlan, Steyr, Mähr.-Ostrau, Pardubitz, Preß bürg. —! Feuilleton: Julian Meldohla. — Briefkasten. — Inserate. A. ft. xostspsrrsgen-Avrt Clrsrins-Verkehr Nr. 810.976. Red Eon und Administration: Wien IX/1, BerggaWe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. «= Wien. S3. Gctoder 1903. «»—-4-4 —fr Erscheint jeden Freit ag. - ’>»* ■> 1» -- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, W M. - =- ■■ Bezugspreis für Srstrrreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare Sv Hellem Mir'» BusliMd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. | U-M Gin Epilog,ur Kesprechung des Koche« „Geschlecht nnd Charakter" «»eil. Otto Meininger'». Von Philalethes. (Schluß.) ' Es hat sich bei uns noch nicht die Erkenntniß Bahn gebrochen: wenn die Religion Privatsache ist, so ist es Jrreligion noch mehr. Willst Du Deine Irreligiosität respectirt sehen, so respectire die Religiosität des Andern. Und es muß Aufgabe des seinem Glauben treu gebliebenen Judenthums sein, künftighin ein solches Verhalten mit aller Entschiedenheit zu verlangen. Was von der Weininger'schen Behauptung zu halten ist, Daß der Jude nicht einmal aus Wissen glaube, aber auch nicht vom Skepticismus überzeugt sei, daß gerade nur der jüdische Empiriker nicht von seinem System überzeugt sei, wird wohl jeder sich selbst klar machen. Es ist einfach das System der Deutschnationalen, den Juden Alles abzusprechen, was zu ihrem Bortheile spricht und woraus die Tendenz nur zu sehr hervorfieht. Bon ähnlichen einander widersprechenden Aussprüchen schwülstigster Art ist sein Begriff von Frömmigkeit umschrieben. Er schildert das Berhältniß der Juden zur innerlichen Frömmigkeit, welche er zunächst ihres religiösen Charakters entkleiden möchte, um sie dann wieder ins Religiöse unterzutauchen. Als charakteristisch für dieses Capitel heben wir folgenden Satz hervor: „Fehlt ihm (dem Juden) der niedrige wie der geistige Rausch; ist er so wenig Alkoholiker als höherer Verzückung fähig, so ist er darum nicht kühl und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender Argumentation: Seine Wärme schwitzt, seine Kälte dampft (geistreich aber unverständlich). Der ganze Weisheitsschluß also ist: der Jude ist der irreligiöse Mensch im eigentlichen Sinne und die jüdische Religion ist die einzige, die keine Proselyten wirbt und dies gar nicht versteht, aber deshalb sei der Jude doch unduldsam, denn wahre Religion sei eifrig, .aber nicht zelotisch. Intoleranz sei identisch mit Ungläubigkeit. Ergo müssen alle die Verfolger der Juden, Waldenser, Albigenser und Protestanten in den finstern Jahrhunderten des Mittelalters Ungläubige gewesen sein. Die heilige Inquisition hat also, indem sie die Intoleranz predigte, die Ungläubigkeit gepredigt. Wenn eifrig und zelotisch nicht dasselbe ist, wie wird das Wort zelotisch ins Deutsche übersetzt? Betrübend ist es, wenn ein als Jude ausgewachsener Mensch wie Meininger allen Ernstes sagt: „Soll ich endlich wiederholen, was die jüdische Religion ist? Keine Lehre vom Sinne und Zwecke des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen in dem einen Uebergang durchs Rothe Meer, gipfelnd also in dem Danke des flüchtigen Feigen an den mächtigen Erretter." Wenn der Jude also der Gottheit für die Rettung dankt, ist er in der Stellung des Feigen. Natürlich bei Ariern würde man sagen, es ist Demuth. Aber die aus dem protestantischen Lager unaufhörlich fließenden, durch die deutschen literarischen Revuen sich ziehenden Angriffe gegen das Judenthum bilden leider die einzige Lectüre der Heranwachsenden jüdischen Jugend, aus der sie über Judenthum belehrt würde. Die berufenen Bertheidiger des Judenthums aber erheben ihre Stimme nur in wenig gelesenen, vor der Jugend wohlverwahrten jüdischen Blättern und verschwenden ihre Lehren an solche, die k iner Belehrung bedürfen. Sonst müßte der Autor trotz seiner Unwissenheit in Judaicis gewußt haben, daß dieser Dank an die Gottheit immer zum Anlässe wird, dem Juden Gerechtigkeit gegen Fremde und Unterdrückte, ja gegen Thiere zu lehren und ein System socialer Fürsorge bei den Juden zur Reise zu bringen, wie es bei anderen Völkern, welche die eastattsch religiösesten Schwärmer besessen, nicht zu reifen vermochte. Die Theile der Bibel, welche über den Auszug aus Egypten handett, werden zu einem Hymnus der physischen und geistigen Freiheit, die sich allerdings nicht der Brote etion der national-germanischen Gelehrten erfreut. Eigevthümlich berührt bei dem Autor zum Beispiel folgender Ausspruch: „Der Beweis, daß der Jude nicht eindeutig ist, läßt sich leicht erbringen. Der Jude fingt nicht; nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er an seinen Gesang nicht glaubt." Für uns ist dieser Ausspruch wieder ein Beweis mehr, daß der Autor die Juden nicht zum Gegenstand einer objectiven Beobachtung gemacht hat. So wenig als man eine andere Nation in den dumpfen Arbeiterquartieren einer Großstadt studirt, so wenig darf man es bei den Juden thün. In den Zinskasernen und Maffenquartieren, in den von Licht und Luft und genügender Nahrung entblößten Wohnungen des Elends kann naiver Gesang nicht ertönen. Der Autor hatte wohl nie das Glück, den Juden in den böhmischen, mährischen und ungarischen Gemeinden zu sehen. Er sah nur die Gegensätze der Großstadt, den seiner Nation sich entfremdenden Uebercultur- Juden oder den gedrückten jüdischen Proletarier. Sein Urtheil mußte also ungerecht ausfallen. Gewiß hat Meininger auch nie die Festgesänge eines Sabbath- oder Feiertagsabends gehört, die in Judenfamilien erklangen. Er sah die Matrikeljuden, die an ihrem Unglauben, aber auch an ihrem Ehrgeize leiden, ja umso-

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