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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 42 Dr. JSlocb s Mlocbenscbrikt. S eile 871 .Fürchte D'ch nicht, laufe nicht davon, ich thue Dir nichts." Edith's Lächeln war so beruhigend, daß die ängstlich gespannte Haltung des Kindes nachließ. .Bist Du hungrig?" fragte sie. .Hungrig?" fragte das Kind zweifelhaft.' .Ja. Komm herein. Ich will Dir etwas Gutes kaufen". Edith zeigte einladend auf die Gaststube. Halb verstehend, halb glaubend, die Blicke nach der Thür zugewendet, folgte das Kind in ein anständiges, reinliches Zimmer, wo einige einfache Leute an kleinen, unbedeckten Tischen aßen. Ediths Gewissen verbot ihr, einem hungrigen Kinde non den giftig aussehenden Pasteten im Schaufenster zu geben; so blickte sie ringsum nach den Speisen, die da verzehrt wurden und befahl, das am wenigsten unappetitliche Gericht der Speisekarte. Endlich beruhigt, saß ihr Schützling in gespannter Erwartung, während ein Kellnerjunge, durch ein Loch in der Mauer in die Küche hinausrief: Einmal Schinken und Eier mit gebackenen Kartoffeln. Nach einem Augenblicke setzte er die prasselnde Schüssel vor Edith's Gast. Und dann, ganz plötzlich, geschah etwas Schreckliches/ Unvorhergesehenes. Das Kind sprang leidenschaftlich auf, Furcht und Scheu waren plötzlich durch einen unerklärten Wuthausbruch besiegt, das Kind ergriff die Schüffel. warf sie heftig zur Erde, schüttelte mit einem Blicke bittersten Haffes ihre knochige Hand vor Edith's Gesicht und zischte Fluchworte hervor: .Möge Dich jegliches Unheil treffen, und ein gewaltsamer Tod Dir beschieden sein!" Und ihr werthvolles Bündel vergeffend, schoß sie auf die Thür zu, wurde aber von der Wirthin rauh gefaßt und zurückgebracht. .Zerbrach meine schöne Schüffel — das Judenmädel!" Die Gäste fingen an erregt zu sprechen. .Geschieht der Dame recht. Dem armen Kindchen Schinken und Eier zu geben. .Das heißt ein armes, hungriges Kind necken und ihm einen boshaften Streich spielen." .Es ist besser, das gute Effen solchen zu geben, die sich anständig zu betragen wiffen." " Zum zweitenmale in ihrem Leben war Edith wirklich erschrocken, und um das Ding noch zu verschlimmern, erschien ein Schutzmann mit den Manieren eines zornigen Czars in der Thür und erließ einen Ukas, daß das Kind J sicher eine - Dynamitardin sei und gab seine Absicht kund, die ganze Gesellschaft aufzuheben. .Guten Morgen! Officier. Was geht da vor?" Eine sehr einfach gekleidete Frau, unverkennbar eine Dame, blieb an der Thür stehen, gar nicht durch die Miene des Polizeimannes eingeschüchtert, der mit seiner mächtigen Gestalt das rasch wachsende Gedränge abhielr und die unglücklichen Eigenthümer des Restaurants aufschrieb. Einen Arm aufhebend, gestattete er der Fremden, unter demselben in die Gaststube einzutreten. .Gott segne mich, wenn ich es weiß! Sehen Sie, ob Sie klug daraus werden, Fräulein Braun!' fügte er mit einer Miene gekränkter Würde hinzu. .Ich halte nicht viel von so elegant aussehenden Frauenzimmern, die mit kleinen Mädchen, um die sich Niemand kümmert, herumziehen." Ganz verständnißlos machte Edith einen Schritt auf die Dame zu, deren scharf prüfender Blick fast ebenso zurückstoßend war, wie ein Schlag. .Sehr wahr, Officier", bemerkte Fräulein Braun freundlich, .aber ich denke, hier rst Alles in Ordnung." An Edith herantretend, legte sie freundlich die Hand auf deren Schulter. .Sie armes Kind! Wie in aller Welt kommen Sie in diese Verlegenheit?" Sofort fingen Alle zugleich an zu sprechen und zu erklären, aber der Officier fuhr sie an : .Ruhig, laffet die Dame sprechen!" .Es ist zu lächerlich!" sagte Edith. .Ich kann durchaus nicht erklären, was geschah. Ich forderte das kleine Mädchen aufi herein zu kommen und ein Frühstück zu nehmen. Als die Schüffel vor sie hingesetzt wurde —" Die Anwesenden wollten einstimmen, als ihnen aber der Wachmann mit seinem Täfelchen drohte, schwiegen sie. .Warf sie dieselbe zur Erde und gab mir — Schimpfnamen. Da liegt sie noch, sie zerbrach die schwere Schüffel. Es entstand ein schrecklicher Lärm und Sie, Wachmann!" — Edith ahnte nicht, daß für den Schuldigen die Ansprache .Officier" lautet — „Sie dachten, daß wir Alle Nihilisten seien. Mir war", fügte sie, sich zu ihrer Befreierin wendend,, hinzu, „als ob Alle verrückt geworden wären." .Nun, sehen Sie" — Fräulein Braun wandte sich in beschwichtigenden Tönen an den Autokraten — .es war nur ein kleines Mißverständniß. Die Dame wird Ihre Schüffel bezahlen, Frau Callahan, und da find zehn Cents für das Kind, um ein Stück Pastete zu kaufen." .Wie wäre es. wenn Sie mit mir nach Hause gingen und ein Gabelfrühstück nähmen", sagte sie zu Edith, als sie das Restaurant verließen und sich mit mäßiger Eile entfernten. .Es scheint", sagte Edith mit einem offenen Lächeln auf ihre eigenen Kosten, .daß eine besondere Vorbildung dazu gehört, wenn man eine neue Bekanntschaft zu einer Mahlzeit einladen will." .Werden Sie die Güte haben, mir meine Mißgriffe zu erklären?" Fräulein Braun sah sie ein wenig forschend an. .Vorerst erlauben Sie mir. Ihnen Eins zu sagen, Fräulein — Fräulein — " .O, ich bitte um Entschuldigung, mein Name ist Linton, Edith Linton." .Mein liebes Kind", fuhr Fräulein Braun fort, .die Wahrheit ist, Sie sind viel zu jung und — gestatten Sie mir, rs zu sagen — viel zu hübsch und gut gekleidet, um so wahllos umher zu schweifen." .Diese Kleider, ja die find etwas zu hell, aber ich könnte eiren dunklen Anzug anlegen, wie Sie", vertheidigte sich Edith. .Ja, aber bezüglich-ich fürchte, Ihr Gesicht würde Sie hier noch Jahre hindurch in Verlegenheit bringen, Sie sehen, hier sind schön aussehende Menschen in Gefahr, mißverstanden zu werden." Edith dachte einen Augenblick nach. .Ich sehe, das war's, was der Schutzmann meinte. Es ist aber hart", sagte sie traurig, .wenn man Emem nirgends mag und brauchen kann." Fräulein Braun sab. wie ihr Gesicht hart wurde, als sie sehr höflich, aber zurückhaltend hinzufügte: .Ich habe Ihnen noch gar nicht für Ihr sehr rechtzeitiges Einschreiten gedankt. Ohne Ihre Hilfe war ich in ernster Verlegenheit. Was für eine Hexe das elendc kleine Ding war und sah doch so niedergedückt aus." .Wiffen Sie" — Fräulein Braun sprach es langsam — .der Ausbruch dieses Kindes war eben ein Pröbchen der wunderbaren Eigenschaft, welche die jüdische Raee erhoben und verderbt hat." .Ich sehe nicht!" fragte Edith. „Sie war verhungert, feige, doch als Sie ihr die verbotene Speise vorsetzten — Schweinefleisch —" „O! O! rief Edith aus. „Natürlich", sagte Fräulein Braun, .ahnten Sie es nicht, aber sie dachte, daß Sie beabsichtigten, sie zu verlocken oder zu verspotten." .Ich sehe, ich sehe!" Thränen traten in Edith's Augen. „Und sie vergaß, daß sie hungerte, vergaß, daß sie sich fürchtete." .Ich bin Unitarierin und sehr freisinnig" — Fräulein Braun sprach in ganz geschäftlichem Tone, da sie sah. daß Evith's Bewegung zu sichtlich zu Tage zu treten drohte — .und wirke oft hier unter diesen streng orthodoxen Juden, hier im Osten, aber ihre Beschränktheit und Hartnäckigkeit bringt mich trotz aller Duldsamkeit oft zur Verzweiflung. Dann begegnet Einem etwas dergleichen, einen Beweis für die Opfer, die sie jederzeit bereit sind, für einen Glauben, für eine Idee zu bringen." .Fräulein Braun!" Edith konnte vor Bewegung kaum deutlich sprechen, .ich muß jetzt nach Hause, aber darf ich dato einmal wiederkommen, und werden Sie mir mehr von diesen Leuten, dieser Race erzählen?" .Ich möchte wiffen", sagt Fräulein Braun zögernd, „welchen Eindruck Ihnen das machen möchte. Sie geben heute Abends ein sehr interessantes Stück im jüdischen Theater. Hier ist meine Karte. Seien Sie um acht Uhr Abends bei mir. und Fräulein Linton" — sie lächelte schelmisch — „kommen Sie in einem Einspänner und ziehen Sie keine neuen, weißen Handschuhe an. .Was für ein Unternehmen ist das?" Thätest Du nicht beffer daran, Annette mitzunehmen?" fragte Frau Brand, deren Beherrschung die äußerste Grenze erreicht hatte, als Edith in einem ganz glatten, einfachen Straßenanzug eintrat und ihren

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