Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 670 Dr. Wlocb's Mocbenscbrttt. Berti». (Das Geständniß des st erbenden Försters.) Aus Arnswälde wird gemeldet: Nach sechs Jahren ist hier das Märchen von einem Ritualmord, das seinerzeit im Kreise Arnswälde zu bedenklichen Unruhen und Ausschreitungen führte, zerstört worden. Vor sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Kreise Arnswälde das dreijährige Söhnchen des Besitzers Jenske. Von gewisser Seite war nun dieser Fall benützt worden, um in der Landbevölkerung wieder einmal das Märchen von einem Ritualmord zu verbreiten. Es kam gegen die im Arnswalder Kreise wohnenden Juden zu Ausschreitungen, die erst durch die Maßnahmen der Behörden untervrückt werden konnten. Jetzt nach sechs Jahren gestand, nach der .Neum.-Ztg.", der Förster Zanke auf seinem Sterbebette, daß er das im Walde nahe Mienken spielende Kind für ejn Wild gehalten und erschossen habe. Aus Angst vor Strafe habe er die Leiche im Walde vergraben, er gab auch an, wo die kleine Leiche ruhe. Die Behörde, der das Geständniß des Zanke übergeben wurde, leitete sofort die nöthigen Nachforschungen ein. Riga. Ein Bethaus für die hebräische Bevölkerung wird demnächst in der inneren Stadt erbaut. Nachdem die ministerielle Conceflion dazu schon seit 25 Jahren erlangt worden war. aber aus mancherlei Gründen die Gemeinde sich mit Miethlocalen hatte begnügen müssen, hat der neugewählte Vorstand, nicht in letzter Reihe der Präsident, Herr Lipschitz, mit Eifer den Bau eines eigenen bescheidenen Bethauses ins Werk zu setzen beschlossen. Die obrigkeitliche Genehmigung zum Bau ist nunmehr erfolgt und das Bethaus, dessen freundliche Fasade ein Schmuck der Men Peitaustraße werden wird, wird nunmehr bald erbaut werden. Feuilleton. Julia« Meldohla. Von Mary Maß. Vil. K o 1 n i d r e. Unterdessen fuhr Edith fort, ganz ziellos weiter zu treiben, bis die Todeskrankheit eines Borderzahnes Frau Brand einen ganzen Monat früher als gewöhnlich nach New-Jork zurückführte. Nachdem sie sich aus Princip der Begleitung ihrer Nichte widersetzt hatte, gab sie schließlich nach, da sie im Grunde Zweifel an der Fähigkeit des jungen Mädchens hegte, den Weg einzuhalten, den sie sich selbst vorg-zeichnet hatte. Edith klagte nie über Müdigkeit, aber sie war in den letzten Wochen sichtlich mägerer und blässer geworden. .Ich fürchte, Du wirst es sehr langweilig finden, meine liebe Edith \* bemerkte sie eines Morgens nach dem Frühstück theilnahmsvoll. .Die Stadt scheint noch ganz leer, was wirft Du heute mit Dir anfangen?* Dasselbe Problem hatte Edith während der schlaflosen Stunden einer unruhigen Nacht beschäftigt. Heute, Morgen, dieses Jahr, das nächste hing über ihr wie ein Leichentuch; das Leben, das ihr nie sehr lockend erschienen war, war plötzlich eine schmerzhafte Bürde geworden und sie hatte ein eigenes Gefühl, als ob sie verkrüppelt wäre, ein Glied, einen Theil ihres Selbst verloren hätte. Sie würde mit der Zeit wieder zurecht kommen, aber indessen war sie flügellahm und hilflos. Die Demüihigung darüber reizte sie zum Zorn, bis ihr das Dasein zu einer lästigen Schwingung zwischen zwei peinlichen Gefühlszuständen ward. .Möchtest Du nicht bei Alice Nachsehen?* schlug Frau Brand freundlich vor. .Sie hat mir geschrieben, daß ihre neuesten Pariser Sachen heute ousgkpcckt werden; vielleicht findest Du etwas, was Dir gefällt und. was Du zu Alice Wyndham's Trauung tragen möchtest. .Ein altes Kleid genügt für eine Trauung in der Stadt um diese Zeit, llebrigens werde ich mir für diesen Winter nichts Neues kaufen." Ein voll erblühter Entschluß war in Edith aufgegaugen. .Mir ekelt vor dem .in die Welt gehen!" Die Armenvierkl besuchen und dort wohlthätigen Werken nachzugehen, erscheint mir unterhaltender 1J Frau Brand's Widerspruch schwankte in der Wazschale u rd schwand. In der ersten Zeit dieses modernen Verfahrens Rr. 42 war sie eine der heftigsten Gegnerinnen Vieser von jungen Mädchen geübten Gepflogenheit gewesen, aber stets bereit, aus Erfahrungen Lehren zu ziehen, hatte sie seither beobachtet, daß nach einem enthusiastischen Schwelgen in Demokratie die Mädchen geneigt waren, mit neuerlichem Genüsse ihrem natürlichen Berufe, von Mädchenjausen bis zu Ehen nachzugehen. .Ich zweifle nicht, daß Du das sehr interessant finden wirst", sagte sie zu Edith's großem Erstaunen. Das Mädchen, war in der Laune, sich ihr Recht zu erkämpfen, daß man es ihr ohne Widerspruch zugestand, war ihr eine säst unangenehme Enttäuschung. .Ich will heute Vormittags in die östlichen Bezirke gehen". Edith's Gedanken darüber, wie sie ihre Laufbahn beginnen sollte, konnten nicht unbestimmter sein. Der Tag war rauh und regnerisch. Die Trottoirs,-schlüpfrig von dem dick.n Koth, waren gedrängt voll von Leuten, von denen sich Jeder um seine eigenen Geschäfte kümmerte. Gänzlich einer solchen Umgebung ungewohnt, hatte Edith erwartet, belästigt und geplagt zu werden und ging deswegen, gewappnet für alle Abenteuer, ihres Weges. Da sie aber schon mehrere Häusergruppen durchwandert hatte, ohne sichtliche Aufmerksamkeit zu erregenwagte sie es etwas freier um sich zu blicken in die kleinen dunkeln Verkaufsläden, deren Waarenvorräthe bis auf die Trottoirs hinansquollen. Sie fühlte sich belustigt über die wunderbaren Nachbildungen eleganter, fertig gemachter Kleider aus der sechsten Allee, die sehr modisch, sehr auffallend waren; über kleine Eßwaaren-Läden, aus deren kellerartigen Eingängen warme Dunstwelle \ übler Gerüche hervorquollen. Schaufenster voll verdorben aussehender Käse, langer Ketten abstoßender Würste mit Zacken von Pfeffer und Zwiebeln als Aufputz. Hier zeigte eine .Orlogeria" große, amerikanische Uhren, die sich von einem Hintergrund erstaunlichster Bücher (zumeist italienischer) abhob : „La divina Commedia“ (,3^e göttliche Comödie"), .Bocaccio" — „Le sorprese del metrimonio“ (.Die Ueberraschungen der Ehe") „Promessi sposi“ (.Die Verlobten"), „Zoza“. Bei jedem Schütte wurde die Masse der Kinder dichter. U:ber eine Kellerstiege hinab sah man in einen Raum, wo eine Ziege behaglich auf einem hell bezogemn Bette g-bettet war. Aus einem schwarzen Durchgänge zwisch>n zwei.Häuser drang etwas, bisher,, hier noch Mcht „Dqgewesenes hervor — ein angenehmer Geruch. Sie sah Reihe uni Reihe goldgelber, frischgemachter Maiskuchen, die in dieser mit schädlichen Keimen aller Art geschwängerten Luft zum Trocknen hingen. Eine Drehorgel spielte: „Funiculi, funicula!“ Einige sehr kleine Kinder fingen an zu tanzen. Edith machte plötzlich eine Entdeckung. Das war heiter! Das war Leben! Darin lag Sinn und Kraft! .Oh! das herzige Kindchen!" rief sie unwillkürlich aus. indem sie auf eine junge, brünette Mutter niedersah, die, auf einer niederen Thürschwelle sitzend, die Vorübergehenden ansah, und ihre volle, entblößte Brust den gierigen Lippen des Kindes bot. Die Mutter lächelte geschmeichelt, bückte sich und. küßte das schmutzige Fäustchen, das mit vollem Eigenthums-Bewußtsein ihre Brust ergriffen hatte und festhielt. Sie konnte die Ladenschilder und Tafeln nicht mehr lesen, da hebräische Buchstaben vorherrschten. Einige waren offenbar Anschlagzetteln von Theatern mit ungesckmeichelten Bildnissen von Männern und Frauen mit grotesken Zügen und unglaublichen Costümen. Sie kam an ungemein schmutzigen Speisehäusern vorüber und sah erst nur mit Widerwillen Gruppen von Frauen mit schwarzen Perücken, ganz von Kindern umringt, die sich um schmutzige Hauseingänge drängten. Dann erweiterte sich ihr Blick, das waren zufriedene Nachbarn in freundschaftlichem Gespräche. In dieser wimmelnden Menge von Kindern kannte jede Mutter ihr eigenes; da war Familienglück, Frische, Freude. Ihr Herz gewann ein Gefühl von Wärme und sie vergaß den Schmutz, die üblen Gerüche, die Lumpen und die dahinter lauernde Armuth in der Lebenskraft und Natürlichkeit dieses treibenden Lebens. Eine kleine Gastwirthschaft zog sie durch ihre verhältnißmäßige Reinlichkeit an. Am Fenster stand hineinblickend ein abgezehrtes ungesundes Mädchen, ein winziges Ding, das ein riesiges Bündel zertrennter tuchener Kleidungsstücke trug. Durch ihr zerrissenes Kleid sah man dürre, bläuliche Arme, die von dauernder Unterernährung zeugten. Edith legte einen Finger aus ihre scharfknvchige Schulter und entsetzte sich, als sie das Kind zurückspringen und die Hände wie zum Schutz: vor das Gesicht schlagen sah. Häßlich, mißtrauisch und sehr schmutzig, stand sie kläglich erschrocken da, durch die Größe ihres Bündels an rascher Flucht verhindert.