Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Blocb’s MocbenscbrM, Seite 669 Leichenbegängnisse des verstorbenen Herrn Arthur Edlen von Mises corporativ erschienen war, veranstaltete am 8. d. M. in einer sä hoc einberufenen Vorstandssitzung eine Trauerkundgebung für ihren so jäh aus dem Leben geschiedenen Revisor. Die Bicepräsidentin Frau Sophie Deiches hielt dem Verblichenen in tief empfundenen, bewegten Worten einen sehr herzlichen Nachruf, in welchem sie der hohen Verdienste des edlen Dahingeschiedenen im Allgemeinen und seiner geradezu väterlichen Fürsorge für den „Israel. Frauen-Wohlthätigkeits-Berein für Hausarme" im Besonderen gedachte. Wien. (XIX. Bezirk.) Der zielbewußte und überaus rührige Vorstand unseres Tempelvereins veranstaltete am Eingänge des Sabbath Chol-hamoed einen solennen Gottesdienst im Betsaal des israel. Blindeninstituts auf der „Hohen Warte". Ein distinguirtes Publicum, Herren und Damen der vornehmsten Familien, sowie der gesammte Tempelvorstand aus Währing hatten sich eingefunden, da es bekannt war, daß der Rabbiner für die beiden Bezirke Währing und Döbling, Herr Dr. Feuchtw a n g, sprechen werde, und Alle äußerten ihre hohe Befriedigung über die äußerst gelungene Feier; denn der schöne Vortrag des Cantors Segal, der seelenvolle Gesang der Jnstitutszöglinge und vollends der begeisterte und gehaltvolle Kanzelvortrag des ehrwürdigen Predigers, der mit wahrer Andacht angehört wurde, machten auf alle Anwesenden einen sichtlich erhebenden und nachhaltigen Eindruck. Vielfach wurde denn auch der Wunsch geäußert, ähnliche Gottesdienste mehrmals im Jahre zu veranstalten, da sie in der That geeignet sind, das religiöse Gefühl zu stärken, die Liebe zur angestammten Religion zu wecken und die Treue und Anhänglichkeit zum Judenthum neu zu beleben und zu kräftigen. Wien. (T’fi 11 ath ha N’or!m.) Der Satz: „Ma touwu Oholecho Jakob, Mischkenouthecho. Israelverträgt auch die Auslegung, daß unter ersterem die Ziehenden, unter letzterem die Bleibenden, also die ab- und die aufsteigende Generation zu verstehen sind. Nur bei gutem Nachwuchs kann der Zustand eines Gemeinwesens gedeihlich genannt werden. Aus solcher Erkenntniß heraus hat es der Verein ,T’fillath ha N’orim- (Obmann Herr Joachim Gollerstepper) unternommen, aus dieser Linie mit stiller^ aber intensiver Thätigkeit einzusetzen. In diesem Jahre hat er drei Stätten errichtet, auf welchen er an den hohen Feiertagen die Heranwachsende Jugend zum Gottesdienste versammelte : im Leih ha Midrasch, Tempelgafse; in der Religivnsschule Seitenstettengasse und in einem geeigneten Locale des VH. Bezirkes. Um die Führung des Gottesdienstes am letztgenannten Orte haben sich in dankenswerther Weise die Herren Leop. Gollerstepper und Philipp Weiß verdient gemacht. Es war interessant, den Eifer der jungen Leute (Schüler. Studenten und Lehrlinge) für die religiöse Feier, ihre lebhafte Theilnahme und ihre Ausdauer zu beobachten; treu hielten sie aus bis zum Sonnenuntergänge. Diese junge Gemeinde sei der Krystallisationspunkt für die Zukunft, dieser Nachwuchs soll den lebendigen Sinn für jüdisches Leben und Weben in sich aufnehmen und für ihre Zeit bewahren. Der Verein, gebildet und aufrecht erhalten von einer kleinen Zahl von Lehrern und Privaten, deren Verdienst erst in späteren Jahren erkannt werden wird, wird durch den verehrlichen Cultusvorstand in wohlwollendster Weise gefördert, und es ziemt sich, demselben hier den besten Dank auszusprechen. Möchten doch auch aus der Reihe der Gemeindemitglieder sich warmherzige Männer anschließen, welche dies schöne Werk weiter entwickeln helfen! M. Reichenberg. Der Vorstand des Tempelchorvereines hat seinem verdienten Dirigenten Herrn Julius Fischer aus Anlaß eines neucomvonirten Tonstückes „Unessane Tokef“, welches an den hohen Festtagen seitens des Chores in vorzüglichster Weise zum Bortrag gebracht wurde und allgemeinen Beifall fand, durch Ueberreichung einer Ehrengabe die Anerkennung ausgedrückt. Klattau, 12. October. Mit tiefstem Weh im Herzen genüge ich heute meiner Correspondentenpflicht. Gestern, Sonntag, V-2 Uhr schloß unser Rabbiner Se. Ehrwürden Herr Dr. M. L. Wolf seine Augen zum ewigen Schlaf: ein Herzschlag beendete sein thatenreiches, der Religion geweihtes Leben. Roch am heiligen Jom-kippnr hielt er im Tempel zwei Reden, so tief durchdacht, so schmerzlich bewegt, daß die ganze Gemeinde tief erschüttert war, und sein Maskirgebet war so durchdringend, daß von allen Seiten lautes Schluchzen ausbrach; sein Neilagebet war herzerschütternd, da hörte man es ihm an. daß er von Todesahnungen durchdrungen war; und daß er auch an seine 88 Jahre alte Mutter dachte, die er erst kürzlich in Holleschau besuchte. Seine Frömmigkeit, sein Pflichteifer waren mustergiltig, versäumte er doch durch 16 Jahre seines hiesigen Wirkens vielleicht nicht einmal die Zeit des Gebetes im Tempel und den Unterricht in der Schule, und waren ihm die eingeräumten Stunden für den Religions- und hebr. Unterricht immer zu wenig und zu kurz. Als Gatte und Vater bewies er sich äußerst liebevoll, und als Sohn zeigte er sich seiner hochbetagten Mutter gegenüber stets musterhaft; jeden Freitag ging ein Schreiben, jeden 1. des Monats ging eine Unterstützung an diese ab. Von der großen Verehrung, die er hier in der Gemeinde genoß, geben die Trauerkundgebungen jedes Einzelnen beredtes Zeugniß. Der Cultusvorsteher Herr D. I. Fleischer ließ sofort eine Versammlung einberufen, um die Modalitäten des Begräbnisses zu besprechen; dabei hielt er — tief ergriffen, eine kurze Ansprache, die von der Versammlung stehend und tief betrübt angehört wurde. Es wurde beschlossen, einen Rabbiner zu berufen, und gingen sofort mehrere Depeschen ab; ferner, daß ihm ein Ehrengrab bewilligt wurde und daß alle Kosten der Leichenbestattnnq zu beiden Theilen von der Gemeinde und der verehrlichen Chewra-Kadischa — an deren Spitze Herr S. I. Krauskopf steht — getragen werden. Der selige Verstorbene hinterläßt eine Gattin und 4 unversorgte Kinder. Leider war der Verschiedene nicht versichert, und kann dies nicht genug beklagt werden. Landsberg in O.-S. Vor circa drei Jahren besuchte eine hiesige bildhübsche, junge Dame. Fräulein Else Kukriso, ihre Tante in Kischenew. Auf einer Ballfestlichkeit lernte der einzige Sohn eines sehr reichen Fabriksbefitzers, Nicolaus Weraschgin, das Fräulein kennen, verliebte sich in dasselbe und warb um deren Hand. Obgleich nun die Eltern des jungen Mannes ihre Zustimmung za dem Ehebündniß versagten, weil die Dame Protestantin war, sie jedoch der griechisch-katholischen Religion angehörten, und ein Versuch, die junge Dame der Religion des Bräutigams zuzuführen, erfolglos war, reiste dieselbe kurzer Hand ab. Vor vier Wochen traf der nach dem Tode des Vaters in den Besitz eines ungeheuren Vermögens gelangte Nicolaus W. hier ein, hielt nochmals um die Hand der Geliebten an, und nun fand die frohe Hochzeitsfeier hier statt. Jntereffant ist für uns dabei, daß die Eltern des jungen Gatten im Verein mit diesem während der Kischenewer Unruhen 21 jüdische Familien drei Tage lang in den Fabriksräumen verborgen hielten und sie während dieser Zeit mit Nahrungsmitteln versorgten. Karlstadt. Aus Karlstadt wird uns über die an den hohen Feiertagen begonnene treffliche cantorale Wirksamkeit des neugewählten Obercantors Josef Reiner berichtet, dessen reiches musikalisches Können und dessen schöner begeisternder Vortrag hervorgehoben wird. Die stimmliche Begabung des Herrn Reiner trat bei der Function durch die Mitwirkung des dortigen Damenchores — der seine Thätigkeit selbstlos der heiligen Sache unterstellte — erst recht vortheilhast hervor und fand beim Vorstande und den Gemeindemitgliedern zahlreiche Anerkennung. Budapest. Dienstag den 6. October verschied hier der beliebte und hochgeschätzte Talmudgelehrte Herr Isidor Berliner in hohem Alter von 85 Jahren. Der Verstorbene zeichnete sich durch besondere Herzensgüte und Frömmigkeit aus. An seinem Leichenbegängnisse, welches Donnerstag den 8. October stattfand, betheiligten sich die Gemeindemilglieder, alle Verwandten nebst vielen Freunden und Verehrern des Verblichenen; auch eine Abordnung der hiesigen Chas-Chevra, deren Mitglied der Verstorbene viele Jahre hindurch gewesen, war zum Leichenbegängnisse erschienen. Budapest. (Ein magyarisches Assimilationsfrücht e l.) In Budapest amüsirt man sich gegenwärtig über folgende, die dortigen Verhältnisse charakterifirende Geschichte: Ein gewisser Adolf Kavöny, ein ausgeprägt orientalischer Typus, erscheint als Kläger vor einem Strafsenate. Vors.: Welcher Religion gehören Sie an? — Kl. (selbstbewußt): Welcher sollte ich angehören? Natürlich bin ich römisch-katholisch. — Vors.: Ich finde darin nichts Natürliches. (Malitiös). Die Religion ist ja Niemandem von der Nase abzulesen. Sie könnten ebenso gut Israelit sein. — Kl.: Sie belieben zu irren, Herr Präsident! Einen Juden könnte man heute nicht vor's Gericht citiren, da die Juden heute Losest stasestooast haben. — Vorst: Wahrlich, daran vergaß ich. Aber woher wissen Sie dies so gut? — Kl. (verschämt): Ich bin getaufter Jude! (Schallende Heiterkeit. Irkutsk. Auf dem hiesigen Bahnhofe entstand Streit zwischen einem Officier und einem Juden, der des ersteren brüskes Verlangen um Zündhölzchen nicht schnell genug erfüllte. Der Officier versetzte dem Juden einen Schlag, den dieser nicht ohne Gegenwehr hinnahm. Da riß der Officier seinen Revolver von der Seite und schoß auf den Juden, der durch die erlittenen Verletzungen in Lebensgefahr schwebt. Die Anwesenden entwaffneten den Officier. Salonichi. Der Divisionsgeneral Dr. Jaques Nissim Pascha, Chefarzt des dritten Armeecorps und Generalsanitäts- Jnspector der Bilajets Monastir. Kaffowa und Salonichi. ist im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung gestorben. Er war der erste Jude, der diesen hohen Rang inne hatte. An dem Begräbniß nahmen 40.600 Menschen Theil. Der Großrabbiner Modiano hielt die Grabrede.