Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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^Sette 666 Dr. Vkocb's MocbenscbrM. Nr. 42 zu einer für den XVI. und XVH. Bezirk segensreichen Aktivität gedrängt. Die Liebe, Verehrung und das Vertrauen zu ihm waren so mächtig, daß er einstimmig an die Spitze der Chewra-Kadischa, der Bezirkscommiffion und des Vereines zur Ausspeisung hungernder jüdischer Schulkinder im XVI. und XVII. Bezirk berufen wurde. Und da konnte man erst inne werden, welche erstaunliche Arbeitskraft und welch' mächtiger Arbeitswille diesem bescheidenen Manne zu eigen waren. Der überbeschäftigte Arzt, der fich häufig genug kaum ein Stündchen der Ruhe gönnen konnte, fand immer Zeit, wenn es sich um Cultusangelegenheiten oder gar um sein Lieblingskind, dem Verein zur Ausspeisung hungernder jüdischer Schulkinder, handelte. Dieser Verein war wohl nicht seine Schöpfung, aber daß er fich aus unscheinbaren, kaum beachtenswerthen und auch nicht beachteten Anfängen zu seiner heutigen Größe und Bedeutung für die Armuth im XVI. und XVII. Bezirk erhob, daß er gegenwärtig bereits in der ersten Reihe der Wiener jüdischen WohlsahrtSinstitute rangirt, daß man sich ihn heute aus unseren Bezirken kaum hinwegdenken könnte noch möchte, — das ist, man muß es neidlos anerkennen, das Verdienst Anton Loewy's, dessen glänzender Name, als er an der Spitze des Vereines aufleuchtete, viele krampfhaft verschlossene Hände erschloß. Und gerade jetzt, da sich der Ausschuß dieses Vereines mit den Vorarbeiten beschäftigt, um in absehbarer Zeit den Schlußstein zu dem großen Werke zu legen und ein eigenes Kinder-Bolksküchenheim mit unentgeltlicher Verpflegung zu schaffen, gerade jetzt, da uns Anton Loewy's Rath, Schaffensfreudigkeit, Willenskraft und glänzender Name mehr denn j? unentbehrlich sind, erlischt uns unsere Leuchte! Mitten in seiner Berufsthätigkeit, als er sich anschickte, einem um das Schicksal seines eben operirten Kindes besorgten Elternpaare frohe Botschaft vom Operationstische zu bringen, wurde dieser brave und einzige Mann von unerbittlichem Töde gefällt. Fast möchte man sich um die Zukunft des aus unseren Bezirken nicht mehr wegzudenkenden Ausspeisungs-Vereines bangen, würde man sich nicht mit der wohlberechtigten Hoffnung tragen, daß die Pietät für den großen Philanthropen diesem Vereine auch fürder warme neue Freunde zuführen und die alten erhalten werde. Anton Loewy's Andenken wird aus unserem Herzen nicht schwinden, es wird gesegnet werden, wenn von uns, seinen Zeitgenoffen und Freunden, dereinst nichts mehr übrig geblieben sein wird, als ein Häuflein Staub, er wird g-priesen werden, solange noch ein hungerndes Kind im. XVI. und XVII. Bezirk in unserem Ausspeisungsinstitttte Zuflucht suchen und finden wird, keguieseat in paee! Dr. Gustav Wolf. * * * Sonntag, den 11. October d. I., um 9 Uhr Vormittags, fand unter ungemein zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängniß statt. Bereits vor 9 Uhr versammelten sich im Trauerhause die Gesammtvertretung der »Chewra-Kadischa", der Bezirkscommission, des Ausspeisungs-Vereines. des Tempelvorstandes und des Vereines der Kinderfreunde. Ferner waren erschienen: die Cultusvorsteher k. k. Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, Professor Ehrmann, Emanuel Hoffman. Teltscher, S. Rosner, Docent Dr. Grünfeld, kai^erl. Rath Dr. Lieben, der Obmann der Bezirkscommission Xll XV, Herr S. Beer, der Tempelvorsteher des V. Bezirkes Herr Hoffmann, fast sämmtliche Aerzte des XVI. und XVII. Bezirkes, Vertretungen des Aerzteverbandes, der Caffenärzte und der allgemeinen Arbeiterkrankencaffe, sowie ein zahlreiches, distinguirtes Publicum. Nach Absinguug des Psalm 16 durch Ersten Cantor Don Fuchs wurde der Sarg auf den bereitstehenden Trauerwagen gehoben Ueber Anordnung des Cultusvorftehers Herrn S. Rosner schritten die Funktionäre, sowie sammtliche Corporationen und ein außerordentlich zahlreiches Publicum zu Fuß hinter dem Leichenwagen bis zum Gemeindetempel, XVI. Bez.. Hubergaffe 8. Auf dem Centralftiedhof wurde der Sarg von dem Vorstand der „Chewra - Kadischa" des XVI. und XVII. Bezirkes in den Ceremoniensaal, der dicht mit Leidtragenden gefüllt war, getragen. Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. M. Bach widmete dem Verblichenen einen warmen Nachruf. Der Sarg wurde von den Mitgliedern der Bezirkscommiffion des XVI. und XV. 1. Bezirkes unter Absingung der üblichen Gebete zur Gruft gebracht. Am offenen Grabe sprachen im Namen der „Chewra-Kadncha" des XVI. Bezirkes Herr S. Weiler, im Namen der Bezirkscommiffion Herr Leopold Trebitsch. im Namen des Ausspeisungs-Vereines für den XVI. und XVII. Bezirk Herr Sigmund Schickler, im Stamm des Verbandes der Aerzte Herr Doctor Frey, im Namen der CassenäiHte Herr Dr. Schiffmann und im Nimm der Arbeiterkrankencaffe der Herr Seeretär. Lemberg. (Die Juden hetzen in Galizien und die Ruthenen.) Ein führender ruthenischer Abgeordneter aus Galizien schreibt: „Das Tulhenische Tagblatt ,Dilo" hat am 10. Juni in einem Leitartikel die Juden massacres in Kischenew in schärfsten Worten verurtheilt und darauf hingewiesen, daß in mehreren Gegenden Ostgaliziens verdächtige Individuen, die daselbst unbekannt sind und ruthenisch nur radebrechen, dafür aber die russische oder polnische Sprache beherrschen, es versuchen, die bäuerliche Bevölkerung gegen die Juden zu Hetzen. Es handle sich da augenscheinlich darum, eine ähnliche Judenhetze zu arrangirett, wie sie vor fünf Jahren in Westgalizien seitens der polnischen Bevölkerung stattfand. Das erwähnte Blatt warnte sehr eindringlich seine Leser davor, diesen Aufhetzungen Gehör zu schenken. Merkwürdigerweise wurde dieser Artikel von den polnischen Behörden beschlagnahmt und konnte erst am 23. Juli infolge einer Interpellation des Abgeordneten Dr. Kos verbreitet werden. Die ruthenischen Volksblätter, beispielsweise das Wochenblatt „Haydamaky", schrieben im ähnlichen Sinne. Dies entspricht auch vollkommen den Tendenzen der ruthenischen — auch bäuerlichen — Leserkreise, da unter der ruthenischen Bevölkerung überhaupt keinerlei feindliche Stimmung gegen k>ie Juden herrscht. Es ist bereits festgestellt, daß die von der Wiener Presse aus polnischen Blättern übernommenen Nachrichten, wonach die Cxceffe gegen die Juden in Zablotow, Gwozdziec und Kulaczkowce auf die Agitation ruthenischer Zeitungen oder der Ruthenen überhaupt zurückzuführen sind, jeder Grundlage entbehren. Im Gegentheil, nach den Zrblotower Exceffen fand sich eine Deputation der dortigen Judenschaft beim Abgeordneten Dc. Straucher in Czernowitz ein, um ihn um Intervention für die bedrängte jüdische Bevölkerung von Zablotow anzugehen. Nach der Versicherung dieser Deputation waren jene Excesse nicht von den Ruthenen arrangirt, vielmehr waren die Anstifter derselben zwei Polen. Auf Grund dieser Information hat Dr. Straucher in einem Telegramm an den Ministerpräsidenten Maßnahmen zum Schutze der friedlichen jüdischen und ruthenischen Bevölkerung angesucht. Der Hinweis auf im Petersburger panruffischen Blatte „Nowvje Wremja" gegen die Juden erschienene Artikel ist für Jedermann, der die ruthenischen Partei- und Preßverhältniffe Galiziens und der Bukowina kennt, als ganz un stich haltig einleuchtend, da bekanntlich die nationalen ruthenischen Parteien und die nationale ruthenische Presse sich in keiner Weise von den panruffischen Blättern beeinflussen lassen." . Ein antisemitischer „Ehrenmann". Czernowitz. Am 12. October waren die Vorstände der Clubs sämmtlicher Landtagsparteien zu einer außerordentlichen Sitzung versammelt. Gegenstand der Berathung war der in der Donnerstagssitzung des Landtages eingebrachte und einem Ausschuffe überwiesene Antrag Straucher, es möge dem Urheber des Artikels im „Bukowinaer Journal", .Rumänen und Juden" betitelt. wegen seiner aufreizenden Tendenz gegen die Judenschaft die Entrüstung des Landtages ausgesprochen werden. Die Zuweisung dieses Antrages an einen Ausschuß entsprang einem Compromiß der Parteien. Die Majorität, bestehend aus dem Rumänenclub und dem Deutschen Club, hatte wider den Dringlichkeitsantrag Straucher geltend gemacht, daß der von Dr. Straucher als Verfasser des erwähnten Artikels bezeichnete Landtagsabgeordnete Dr. Jancu Flondor, der Führer der rumänischen Volkspartei, dem Abgeordneten Georg Baron Waffilko unter Ehrenwort versichert hatte, er stehe der Veröffentlichung vollkommen fern. Unter Berufung auf diese ehrenwörtliche Versicherung hatte sodann Baron Georg Waffilko die Erklärung abgegeben, daß der Rumänenclub mit dem .Bukowinaer Journal" in keinerlei Verbindung stehe. Nun hatte der jungruthenische Abgeordnete Nicolai Ritter von Waffilko gegen das .Bukowinaer Journal" wegen Veröffentlichung persönlicher Angriffe einen Preßproceß angestrengt, in dessen Verfolgung der verantwortliche Redacteur des Blattes in einem Briefe die Verantwortung für den obgedachten Artikel .Rumänen und Juden" auf den Abg. Flondor schiebt. Flondor habe sogar den Artikel selbst verfaßt. Der an Nicolai Waffilko gerichtete Brief wurde in der .Bukowinaer Post" veröffentlicht und hat in allen politischen Kreisen Sensation erregt. Eine Spaltung des Rumänenclubs, eventuell Ausschließung des Abg. Flondor erscheint unvermeidlich. Jedenfalls sind in der Dienstagssitzung des Landtages heftige Debatten zu gewärtigen. Die Berathung der Parteiobmänner drehte sich um diese Angelegenheit.