Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Mocb's Mocbenscbrift Seite 665 geben. Aber Oesterreich hat keinen Viehmangel, es kann sogar noch exportiren. Und der Wiener Markt hat auch keinen Viehmangel, denn der Austrieb hat noch immer dem Bedarf entsprochen. Man nimmt nur Viehmangel zum Vorwand, um die Forderung damit zu motiviren, daß die Grenzen von Rußland und Rumänien geöffnet werden. Allein, Alle, die diese Forderung stellen, wissen nicht blos, daß dies vertragsmäßig nicht durchführbar ist, sondern auch daß dadurch nicht um ein Stück Vieh mehr auf den Wiener Markt gelangen würde. Den Bedarf an Jungvieh, der angeblich durch diese Einfuhr gedeckt werden soll, haben die Mäster theils im eigenen Lande, theils aus Serbien gedeckt, sie haben daran nie Mangel gelitten und den Preis des gemästeten Viehes nichts weniger als vom Jungvieh- Preis abhängig gemacht. Wenn sie heute selbst aus Rußland und Rumänien Jungvieh bezögen, das Mastvieh würde seinen Preis — der von ganz anderen Faktoren bedingt ist — behalten und der Wiener Consument müßte nach wie vor den Preis bezahlen, den ihm die Fleischhauer dictiren. Nicht anders verhält es sich mit den anderen „Mitteln", namentlich mit den für den Viehmarkt vorgeschtagenen angeblichen Verbesserungen. Sie zielen nur darauf ab, den Fleischern das Heft in die Hände zu geben, ohne daß die geringste Gewähr geboten wäre, daß der Bevölkerung das Fleisch auch nur um einen Heller billiger abgegeben würde. Wir haben diese Einzelheiten nur erwähnt, um zu zeigen, daß einerseits die vorgeschlagenen Mittel nichts taugen, andererseits um deutlich zu machen, daß von einer Mitwirkung der Gemeinde zur Beseitigung der Fleischnoth von keiner Seite die Rede ist. Während die Fleischer in Wien die Bevölkerung in Contribution setzten, tafelten die Lueger und Consort en in G amin g, und von ihrer Lustfahrt zurückgekehrt, fanden sie keine Zeit, sich der Bevölkerung gegen die Fleischhauer anzuuehmen, während sie doch die e i n z i g e Autorität wären, die erfolgreich und mit sofortiger Wirkung hätte eingreifen können. Sie brauchten nur den F l e i s ch m a r k t von den F e s s e l n zu befreien, die sie ihm auferlegt haben, so hätte das Publicum billiges Fleisch trotz der Fleischhauer. Sie haben aber keine Hand gerührt, um das Publicum gegen dieFleischhauerzu schützen. Und dieses Moment ist es, das wir nachdrücklich hervorheben müssen. Jetzt sieht Wien klar, was seine antisemitische Vertretung werth ist. Jetzt sehen die Wähler sich vom Gemeinderath verlassen, jetzt sind sie von ihren Vertretern den Fleischhauern ausgeliefert und sie büßen es vorerst mit 7'5 Millionen Kronen, daß sie sich eine solche Vertretung gegeben Haben, die nicht einmal ihre materiellen Interessen schützt. Die Wiener haben den Gemeinderath, den sie verdienen und sie können sich's jetzt in Ziffern ausrechnen, wie „theuer" ihnen der Antisemitismus zu stehen kommt. A. Wiener. Wien. Sehr verehrter Herr Redacteur! In Nr. 33 Ihres Blattes wird die Wirksamkeit des Herrn k. k. Finanzrathes Dr. August Nusko auf stenographischem Gebiete in vollkommener wahrheitsgemäßer Weise geschildert und an deffen Bestellung zum Docenten der Stenographie an der Wiener Handelsakademie die Bemerkung geknüpft, daß die Gründung eines antisemitischen Stenographenvereines in den Augen des Herrn Regierungsrathes Directors Sonndorfer eher eine Empfehlung als ein Hinderniß für eine derartige Anstellung zu bilden scheint. Bereits in Nummer 34 wird die gegen Herrn Regierungsrath Sonndorfer ausgesprochene Bermuthung, daß derselbe schon vor der Ansttllung des Doctor Nusko von den Gefinnungen des Herrn Finanzrathes Kenntniß gehabt habe, offenbar mit Rücksicht darauf zurückgezogen, daß Sie, Herr Redacteur, der Meinung waren, daß, da die Bestellung des Dr. Nusko nicht erst in Aussicht genommen ist, sondern bereits im Studienjahre 1902/03 vollzogen war, und da die Gründung des antisemitischen Stenographenvereines in einem späteren Zeitpunkte, also nach der Anstellung erfolgt sei, Herr Regierungsrath Sonndorfer von der für einen höheren Finanzbeamten wohl nicht ganz einwandfreien Politischen Stellung nichts gewußt haben mußte. Darf ich Sie, geehrter Herr Redacteur, nun darauf aufmerksam machen, daß Sie es nicht nöthig gehabt hätten, diese Bermuthung zurückzunehmen, da Herr Finanzrath Dr. Nusko, was schon lange in stenographischen Kreisen bekannt war. nicht erst vor Kurzem sein antisemitisches Herz entdeckt hat, sondern nach einer für ihn unangenehmen Affaire im ältesten Wiener Stenographenvereine, dem 1849 gegründeten Gabelsberger Stenographen-Centralvereine in Wien, sich veranlaßt gefunden hat, einem dringend gefühlten Bedürfnisse nach Gründung eines antisemitischen Stenographenvereines bereits im Jahre 1898, also schon vor 5 Jahren, abzuhelfen. Der Deutsche Gabelsberger Stenographenverein in Wien constituirte fich am 4. Juli 1898 unter der Leitung des Herrn k. k. Finanzrathes Dr. Nusko, nachdem schon vorher in zwei antisemitischen Blättern die Ankündigung seines Jnslebentretens enthalten war mit der ebenso wahren als nothwendigen Bemerkung »um die Berjudung auf dem Gebiete der Stenographie in Wien zu bekämpfen*. Dieser Verein nimmt auch thatsächlich nach § 2 seiner Statuten nur Arier als Mitglieder auf. Allerdings bleibt noch immer die Frage offen, ob Herr Regierungsrath Sonndorfer hievon und von der hohen Stellung des Herrn k. k. Finanzrathes Dr. Nusko in einem stenographischen Verein Kenntniß gehabt habe. Es ist aber wohl anzunehmen, daß ihm diese Thatsache nicht ganz unbekannt war, da dieser sog. »Nusko-Berein*. wie er allgemein heißt, auch über ein eigenes Organ verfügt, in welchem selbstverständlich die Person des »Ehrenmitgliedes zahlreicher stenographischer Vereine* u. s. w. in den Vordergrund trat. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mir aber erlauben, mitzutheilen, daß dieser Verein nicht der einzige antisemitische Stenographenverein in Wien ist, sondern daß diesem Vereine ein anderer nachgefolgt ist, der im Gegensätze zu dem »germanischen* »Nuskoverein* ganz im christlich-socialen Fahrwasser segelt und unter der Patronanz des Herrn Bice-Bürgermeisters Dr. Neumayer steht, was aber nicht hindert, daß die Ankündigung der vom »Deutsch-Oesterreichischen Stenographenbunde* — so heißt dieser Verein — abgehaltenen Curse auch in der »Neuen Freien Presse* (siehe Morgenblatt vom 11. October) enthalten ist. Dieser vollkommen der Sachlage entsprechenden Richtigstellung habe ich. verehrter Herr Redacteur. nichts mehr hinzuzufügen. Dr. Anion Loewy. Am 11. d. M. ist hier ein Mann zu Grabe getragen worden, der zweifellos zu den hervorragendsten Gestalten der jetzigen Wiener Judengeneration gehört hat. Anton Loewy wurde am 1. November 1843 zu Bskes- Czaba in Ungarn geboren, absolvirte in Szarvas das Gymnasium und bezog, 20 Jabre alt. die Wiener Universität, wo er sich dem medicinischen Studium widmete. Mit26 Jahren zum Doctor der Medicin promovirt, etablirte er sich, nach zweijähriger Spitalsproxis, zuerst am Nebau als praktischer Arzt, um aber schon nach kurzer Zeit nach Ottakring zu überfiedeln. In diesem Bezirke erwarb er sich sehr rasch eine so große Praxis, so daß man ihn zu den beschäftigtsten Aerzten Wiens zählen konnte. Wenn ein altes Sprichwort sagt: Jeder Mensch hat seine Freunde und Feinde, so wurde dieses von dem Dahingeschiedenen Lügen gestraft. Anton Loewy hatte nur Freunde — und keinen Feind. Wer nicht zu seiner Clientel zählte, gehörte sicherlich zumindest zu seinen Freunden. Wenn nach der Ursache dieser fast beispiellosen Beliebtheit gefragt wird, so wird Jeder, der das Glück hatte, seinen Verkehr genossen zu haben, sehr leicht die Antwort darauf finden. Ein vollkommener Gentleman, gleich vornehm in seinem Aeußern wie in seinem Innern, ein warmfühlender und theilnahmsvoller Arzt und Menschenfreund, deffen Thüre und Tasche jedem Armen ohne Unterschied der Confession zu jeder Zeit offen standen, gewann er durch seinen gütigen, bezaubernden Blick und sein sonniges Lächeln, das stets seinen wunderschönen Mund umspielte, im Fluge einen Jeden für fich, der sich ihm näherte. Diese Eigenschaften machen es erklärlich, daß er trotz der Ungunst der Zeiten für die jüdischen Aerzte in andersgläubigen und vom Antisemitismus vielfach angekränkelten Kreisen der angebetete ärztliche Rathgeber und Freund bis zu seinem Tode blieb. Mit stolzen Empfindungen erfüllte es uns, als wir sahen, daß zahllose Menschen ohne Unterschied des Standes und der Confession mit Thränen in den Augen dem Sarge Anton Loewy's folgten. Anton Loewy hatte stets ein reges Interesse für jüdische Cultus- und Wohlfahrtsangelegenheiten, blieb aber lange Zeit bescheiden im Hintergründe, erst in den letzten Jahren wurde er von vielen seiner jüdischen Verehrer in den Vordergrund und