Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 664 Dr. Wlocb's MlocbenscbrM. Rr. 42 melde und durch drei kluge Einfälle sich legitimire. Gleichzeitig untersagte er dem Wirth, dem Sohne seine Wohnung bekanntzugeben; er soll die Wohnung finden, ohne Jemand zu befraaen. Als dieser von dem Vorgang erfuhr, eilte er aus Jerusalem herbei. Beim Stadtthor traf er einen Brennholzhändler, dem er einen Theil seiner Waare abkaufte, mit dem Auftrag, das Holz bei dem erwähnten Wirth abzuladen. Der Händler brachte das Holz zu dem Wirth und der Fremde folgte ihm auf dem Fuße. Der Wirth lud ihn sodann zum Mittagmahl, bei welckem fünf Tauben servirt wurden. Der Gast wird aufgefordert, die Theilung vorzunehmen. Nach anfänglicher Weigerung nahm er eine Taube und theilte sie ein für den Hausherrn und die Hausfrau, eine zweite Taube für die beiden Töchter, die dritte Taube für die beiden Söhne des Haukes; für sich behielt er zwei Tauben. Der Wirth fand diese Theilung etwas seltsam, unterließ jedoch jede Bemerkung. Zu Abend wurde ein Kapaun servirt und der Gast mußte wiederum trotz Widerstrebens das Amt das Tranchirens übernehmen. Er theilte folgendermaßen: dem Hausherrn gab er den Kopf, der Hausfrau die Eingeweide, den beiden Söbnen je einen Fuß. den beiden Töchtern je einen Flügel — für sich behielt er alles Uebrige. Der Hausherr stellte ihm nun im Zorn zur Rede: ob das etwa jerusalemische S'tte sei. derart mit Genossen zu theilen? Der Gast entschuldigte sich zunächst, daß er die Theilung doch abgelehnt habe. Im Uebrigen sei er nach reifer Ueberlegung vorgegangen. Zum Mittag waren es fünf Tauben. Du. Deine Frau und eine Taube 3; zwei Söbne und eine Taube 3; zwei Töchter und eine Taube — 3. geradeso wie ich mit den beiden Tauben 3. Zum Abend wurde ein Kapaun gebracht. Dir. als Familienoberhaupt gab ich den Kopf; der Frau, die Dich mit vier Kindern beschenkt bat. gab ich die Eingeweide; den Töchtern, welche sich gern verbeiraten und das väterliche Haus verlassen möchten, gab ich die Flügel; den Söhnen indeß, den Stützen des väterlichen Hauses, aab ick die Füße: ich dagegen, bin zu Schiff hergekommen, habe sür mich den Schiffskörper des Kapauns zurückbehalten, damit ich, sobald mir die Erbschaft ausqefolgt wird, mit dem Schiff wieder nach meiner Heimat zurückkehre." Diese drei klugen Einfälle wurden als hinreichende Legitimation für die Ausfolgung der Erbschaft anerkannt. Soweit der Midrasch an der bezeichneten Stelle. Ob das erwähnte Pariser Blatt über die Vorgänge auf Schloß Mäzene genau berichtet ist, ob es sich um ein wirkliches Geschebniß handelt, weiß ich natürlich nicht. Merkwürdia ist es jedenfalls, daß die witzigen Einfälle, welche vor zweitausend Jabren von einem Juden aus Jerusalem berichtet worden, nunmehr auf ihrer weiten Weltwanderuug noch Frankreich gelangt sind, um den Ortspsarrer von Mäzene Gelegenheit zu geben, die Familie des Präsidenten Loubet mit neuen witzigen Einfällen zu überraschen. ' Hochachtungsvoll Dr. P. Heinrich. Kuli«» Wolke. Der gediegene Nekrolog des Herrn Dr. Rabbinowiez auf den kürzlich beimgegangenen Philanthropen Julius Plotke-in Frankfurt a. M. in der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes entwirft ein wahrhaft erhebendes Bild von dem „Werdegang" dieses großen Sohnes des Judenthums. Er erwähnt darin auch der ..braven Eltern" desselben, von denen der Herr Autor nicht weiß, ob dieselben noch am Leben sind. Herr Maier Plotke und dessen edle Gattin, die Eltern dieses der leidenden Menschheit so früh entrissenen Wohlthäters, leben in noch rüstigem Alter zu Lissa, Regierungsbezirk Posen. Ausschließlich Werken edler Menschenliebe sich widmend, genießen diese wackeren Eheleute daselbst seit circa drei Jahren einotium eum <iie;nitate, verehrt von Jung und Alt. Die ungetbeilte Liebe, deren sie sich in der Liffaer Gemeinde erfreuen, bildet gleichsam den Lichtreflex des glänzenden Ansehens ihres berühmten Sohnes. Wie ein sanfter Schimmer verklärte er ihren bisher ungetrübten Lebensabend. Nun traf das tiefe Wehe wie ein Wetterstrahl aus heiterem Himmel ihr treues Elternherz. Von ihren beiden anderen Söhnen ist der eine Gewerbeinspector in Lissa, der andere Kaufmann in Berlin. Eine persönliche Reminiscenz an deren wackeren Eltern sei gestattet. Sie dürste das schöne Mosaikbild ergänzen, welches Herr Dr. Rabbinowiez von dem edlen Charakter des Entrissenen geboten. Als ich vor einiger Zeit gelegentlich eines Besuches in Lissa den Namen Plotke vielfach lobend nennen hörte, da erinnerte ich mich desselben als eines von meiner Studienzeit in Marburg a. L. mir vortheilhaft bekannten. „Rechtsanwalt Plotke" vom nahen Frankfurt war damals einer der populärsten Namen in den weitesten Kreisen der Frankfurter Umgebung. Dies will in der Nähe dieser — sit venia verbo — klassischen Humanistenschule der Menschheit viel besagen. Als sich nun gelegentlich meines Gespräches mit Plotke aen. das verwandtschaftliche Verhältniß von Vater und Sohn ergab, da fragte mich der gute Alte leuchtenden Auges, ob ich seinen Sohn auck persönlich kenne. Z>» meinem Bedauern bis auf den heutigen Tag mußte ich dies verneinen. Unwillkürlich jedoch drängte sich mir das Wort auf die Lippen: Aachre jolad’tau! Glücklich der Vater, dessen Sohn Jedermann kennt, ohne ihn von Angesicht zu Angesicht je gesehen zu haben! Es war aber auch der edlen Gattin Maier Plotke's gedacht worden. Zur Würdigung jedes wahrhaft bedeutenden Mannes muß eines insbesondere betrachtet werden: Die Quelle seines edlen Wirkens, der erziehliche Einfluß auf dessen Gemüth: seine Mutter. W. Goethe's und H. Heine's Leistungen für die deutsche Literatur können niemals vollauf begriffen werden, ohne Betrachtung deren beider Mütter, der Frau Räthin v. Goethe auf der einen und der Frau Betty v. Geldern auf der anderen Seite. So auch fand ich niemals eine befriedigende Erklärung für dieses seinen Brüdern so unendlich treu ergebene Herz unseres Frühverblichenen, bis ich dessen Mutter zum erstenmale kennen lernte. Heute noch voll anmuthsvollen Zauber, segenstiftend für ihre ganze Umgebung, edel, hilfreich und gut, ein kluges gutes Wort für Jedermann, so schwebt ihr Bild mir vor Augen. Dies ist die Mutter des Mannes, dessen edles Herz für seine leidenden Brüder zu schlagen aufgehört, dies die Quelle seines edlen Wirkens. Wir betonen die Quelle, unbeschadet der so treffenden Analysirung dieses glänzenden Charakters in dem erwähnten Nekrologe, worin die Vorbilder seines edlen Wirkens in der Person hervorragender Männer plastisch uns vor Augen geführt werden. Nennt man die besten Namen, So wird auch der Name Julius Plotke genannt! Neutitschein im October 1903. Rabb. Dr. S. Mfa n d l. Korrespondenzen. Die Fleischtheuerung in Wien. Die Wiener Fleischhauer haben der Bevölkerung der Reichshauptstadt den Daumen aufs Aug' gedrückt. In einer Zeit, in welcher Industrie und Handel von schweren Gefahren bedroht ftttV die ArbeiksgelegöNheit?sich vtzriffindett, die Erwerbsverhältnisse sich, wie der Ausweis über die Verzehrungssteuer erkennen läßt, ungünstiger gestalten, haben die Fleischhauer das wichtigste Nahrungsmittel vertheuert. Es heißt zwar, nur 50 Percent derselben hätten die Preise erhöht, allein mit dieser Beschwichtigungsphrase kann man höchstens den „dummen Kerl" von Wien irreführen, jedoch Niemanden, der nur einigen Einblick in die Verhältnisse besitzt. Wenn auch vielleicht im letzten Momente fünfzig Percent die plötzliche Erhöhung der Detailpreise von 10 bis 30 Heller vorgenommen haben, andere haben in aller Stille das schon früher gethan und ihre Kunden langsam daran gewöhnt, daß ihnen der Bissen im Munde vertheuert wurde. Arier sind's, Vollblutarier, wie die Herren Hütter und Jedek, waschechte Antisemiten, welche sich zu Führern der Fleischhauer aufgeworfen haben, seit Monaten die Fleischvertheuerung als unvermeidlich dargestellt, gegen den Fleischmarkt agitirt, gegen die Fleischhändler gewühlt haben — und die Frucht dieser Thätigkeit ist nicht ausgeblieben. Die Wiener Bevölkerung bezahlt sie mit 7'5 Millionen Kronen jährlich. Um die Bevölkerung glauben zu machen, daß der „arme" Fleischhauer nicht anders handeln könne, werden völlig unwahre Angaben über die Ursachen der Fleischtheuerung gemacht. Zuerst behauptet man, die Verzehrungssteuer sei Schuld. Allein diese Steuer zahlt nicht der Fleischer, sondern der Consument, und wenn heute die Verzehrungssteuer aufgehoben würde, die etwa 6*5 Heller pro Kilogramm beträgt, so wäre am nächsten Tage das Fleisch nicht um einen Heller billiger und der ganze Effect bestünde nur darin, daß die Fleischhauer 8 Millionen Kronen geschenkt erhielten, ohne daß die Bevölkerung den geringsten Vortheil davon hätte, ja daß sie, da der Staat und die Gemeinde den Ausfall an Verzehrungssteuern durch andere Einnahmen decken müßten, erhöhte Abgaben zu zahlen hätten. Dann wird wieder Viehmangel als Ursache der Fleischtheuerung ange-