Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021536--13055-3037685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Dr. Blocb’s KAocbenscbrift «eite 663 nerischen Schmuckes oder Hausteines gehalten. Bon imposanter Wirkung sind die zwei 38 Meter hohen Thürme, welche einen gegiebelten Mittelbau flankiren. Im Parterre beherrschen 7 Portale die Front; die drei mittleren davon dienen als Eingang in den Männerraum, die anschließenden 2 in den Thürmen bilden die Zugänge zu den FrauengaRrien und die 2 äußersten führen unmittelbar in die das Gebäude von den Nachbarn trennenden Höfe, welch' letztere ermöglichen, daß die Synagoge selbst nach allen Richtungen frei steht, so daß Licht und Luft in reichstem Maße Zuströmen können. Die zwischen den beiden Thürmen ausgebildete Mittelpartie mit ihren Maßwerksfenstern charakterisirt nach Außen hin das ganze Mittelschiff, während die beiden sie flankirenden Thürme die in denselben enthaltenen Treppenhäuser zum Ausdrucke bringen. Die beiden restlichen niedrigen Anbauten decken die Höfe und kaffen den Umriß des eigentlichen Tempelgebäudes frei hervortreten. Betritt man durch einen der mittleren Eingänge das Haus, so gelangt man zunächst in die große Vorhalle, die programmgemäß einem dreifachen Zwecke zu dienen hat: 1. den als Tempel- Borhalle, 2. als Ceremoniensaal bei Trauungen, 3. als Betraum für die strengen Wintermonate, resp. als Wochentags-Synagoge. D ese Vorhalle steht noch mit zwei kleineren seitlichen Räumen in Verbindung, welche, wenn die Vorhalle als Ceremoniensaal verwendet wird, den directen Zugang zum Tempel ohne Berührung der Vorhalle gestatten. Die Decke der Vorhalle ist casettirt. Im Mittel der beiden Seitenwände befinden sich zwei mächtige Botivtafeln, auf welchen eine Art G"schichte des Gebäudes verewigt ist. Außerdem sind noch künstlerisch ausgestattete Opferbüchsen und Waschbecken, sowie die zur Beheizung des Raumes dienenden Gasöfen dort untergebracht. Die Borhille wird später ihrer Verwendung entsprechend malerisch geichmückt -werden. Aus der Vorhalle gelangt man durch drei Spielthüren und aus den beiden seitlichen Räumen Durch je eine, also im Ganz-n durch 5 Eingänge in den eigentlichen Tempelraum, welcher, durch drei Gänge abgetheilt, Platz für 338 Männkrftz bietet. Der ganzen Breite des Mittelschiffes entsprechend, ist das Heiligthum ausgebaut. Ueber 6 Stufen gelangt man auf die Estrade, die mit einem reich verzierten schmiedeeisernen Gitter abgegrenzt ist und auf welcher sich das Vorbeter-Pult b» findet. Auf diese Estrade baut sich der Oraun-hakodesch auf. Dieser ist ein hölzerner Schrank, welcher in eine Nische der östlichen Abschlußmauer eingebaut ist. Die ganze Wand ist im Bereiche des hölzernen Aufbaues mit Täfelung verkleidet; vorn ist eine Arcatur angeordnet, welche die ganze Breite der Apsis ausfüllt. Auf Halbsäulen, welche sich an Pfeiler lehnen, sind 5 Spitzbogen gespannt. Das Mittelfeld, welches auf die Bundeslade vorbereitet, ist risalitartig vortretend und überragt in seiner Höhe die übrigen Felder, die mit Giebeln abgeschloffen sind, welche von Fialen nach oben flankirt werden. Alles an diesem Stücke ist durchbrochen und luftig, auch an Bildhauerarbeit ist dabei nicht gespart worden, Säulen-Capitäle, Maßwerke, Giebelkrappen und Giebelblumen sind reichlich vorhanden und in Holz fein geschnitzt. Es ist eben der wichtigste, heiligste Theil des Baues, der sofort als solcher auffallen muß. Das Ganze ruht auf einem Unterbau, in welchem eingeschnitten sich 7 Stufen befinden, über welche man zur Höhe der Bundeslade emporsteigt. Dieses hervorragende Architekturstück hat eine reiche Bemalung und Vergoldung erhalten. Reichgestickte Vorhänge, verschieden in Farbe und Ausstattung für die verschiedenen Festzwecke, ergänzen die volle Wirkung. Vor der mittleren Bogenöffnung ist die Kanzel angebracht, so daß der Prediger von allen Punkten des Gotteshauses gesehen und gehört werden kann. Je ein Sitz rechts und links unter dem Wandbogen dient für Rabbiner und Cantor. In den unmittelbar an die mittleren anschließenden Oeffnungen stehen die großen Kandelaber, die ewige Licht-Lampe ist an der Vorverwand angebracht und leuchtet sohin vor der Bundeslade. Rechts und links von der Apsis ist je ein Raum zur Benützung für die Funktionäre eingerichtet. Durch die beiden an den Thürmen angeordneten Portale kommt man zu den Stiegen, welche auf die Frauen-Galerien führen. Diese Galerien werden von eisernen Säulen getragen, bieten Raum für 236 Frauenfitze und umziehen von 3 Seiten den ganzen Betraum. Die Sitze sind amphitheatralisch angeordnet, so daß beinahe von allen Sitzen die Bundeslade sichtbar ist. Hinter der mittleren Galerie befindet sich ein ansehnlicher Saal, welcher theils als Erholungsraum für die Frauen, theils als Sitzungssaal für den Vorstand Verwendung findet. Im weiteren Verfolge gelangt man über die Stiegen zu einem Raume oberhalb des Sitzungssaales, der als Chor- und Orgelbühne dient, und weiters einerseits zur Wohnung des Hausbesorgers, andererseits zur Bereinskanzlei. Für die Abendbeleuchtung der Synagoge ist durch elektrisches Licht vorgesorgt, welches 300 Lampen von insgesammt circa 5000 Kerzenstärke, die auf Wandarmen und Hängelustern von Bronce montirt find, reichlich spenden. In der rauhen Jahreszeit können sämmtliche Räume durch Gasöfen, die eigene Zuleitung und auch entsprechende Ableitung der Berbrennungsproducte haben, erwärmt werden. Für die Entlüftung des Gebäudes sorgt ein Elektro-Bentilator, welcher in einem Aufbau des Daches untergebracht ist. Dieser Aufbau steht in Verbindung mit einem der ganzen Länge des Dachraumes nach ausgeführten Canale, in welchen von der D cke des Betraumes die Abzugsöffnungen münden. Die verdorbene Luft wird durch den Ventilator in einen verticalen Schacht über Dach abgeführt. Die Aufstellung einer Orgel und die Bemalung des Tempels konnten mit Rücksicht auf den Umstand, als das ganze Gebäude in sechs Monaten fertiggestellt werden mußte und die Mauern nicht vollständig trocken waren, noch nicht durchgeführt werden. Mittlerweile aber hat ein Harmonium gezeigt, daß es nicht nöthig ist, in diesem vollkommen akustischen Raume ein starkes Instrument zu verwenden, da die leisesten Töne in allen Theilen des Tempels hörbar find. Die Bemalung wird selbstv'rständlich eine dem Baustyle entsprechende werden. Zur Wanderung der Uolksfage«. Im Abendblatt der „Zelt" vom 7. d. M. las man unter der Spitzmarke „Der Kapaun des Präsidenten" folgende Mittheilunc,: „Präsident Loubet hielt sich letzten Monat in dem Schlosse Mäzene auf. das in der Nähe seines Heimatsortcs Montelimar gelegen ist. Er lud eines Tages den alten Ortspfarrer, der ein Freund seiner Familie ist, zum Essen ein, und ein prächtiger Kapaun wurde servirt. Loubet forderte seinen Gast auf. den Vogel zu tranchiren. Es rst das. wie der „Cri de Paris" erzählt, eine ganz besondere Gunstbezeugung; denn Loubet hält nach altfranzösischer Sitte an dem Privilegium des Hausherrn fest, selbst den Braten zu theilen. Der Geistliche entschuldigte sich; aber der Präsident drang in ihn. Endlich war der würdige Curat bereit, sagte jedoch seinem Amphitryon, daß er die „Regeln der Kunst" nicht kenne, er werde deshalb den Kapaun nach den „Vorschriften des Evangeliums" zerlegen. Man amüsirte sich sehr über diese Ankündigung, und die ganze Präsidentenfamilie war gespannt, was die heilige Schrift in Bezug auf Gastronomie sagen möge. Der Geistliche gab nun dem Präsidenten den Kopf, seiner Fra» den Hals, einer anderen Dame einen Flügel und den beiden Söhnen des Präsidenten je eine Pfote. Sich selbst nahm er alles Uebrige. Man fand diese Theilung gar seltsam, und Loubet wollte wissen, nach welcher Textesinterpretation die Sache vor sich gegangen sei; denn von der Nächstenliebe sei wenig dabei zu spüren, da der Pfarrer beinahe alles Fleisch, die klebrigen aber so gut wie gar nichts hatten. Der Pfarrer erwiderte, daß er nach reiflicher Ueberlegung gehandelt habe. „Als Familienoberhaupt müssen Sie, Herr Präsident, natürlich den Kopf bekommen. Kein anderes Stück könnte Ihre Rechte und Ihre hohe Stellung so gut ausdrücken. Madame Loubet steht Ihnen am nächsten; ihr mußte also der Hals, der dem Kopfe am nächsten liegt, zugesprochen werden. Die andere Dame wird in dem Flügel das liebenswürdige Symbol ihrer jungen Gedanken, die von Wünschen zu Hoffnungen fliegen, leicht erkennen. Ihren beiden Söhnen aber müssen die Pfoten, die ich ihnen gegeben habe, eine Mahnung sein, daß die Fortdauer des Namens Loubet auf ihnen ruht und daß sie berufen sind, Ihr Haus zu stützen, wie die Beine des Kapauns ihn selbst aufrecht erhrelten". Im Schlosse Mäzene lachte man noch lange über den gescheiten Pfaffen." Gestatten Sie mir, geehrter Herr Redaeteur, Ihnen zu bemerken, daß der Pfarrer den witzigen Einfall weder den „evangelischen Schriften", noch seinem eigenen klugen Kopf verdankte, sondern, daß vermuthlich der gesammte Bericht des Pariser Blattes einem uralten rabbinischen Werke, dem „Edraseb Rabba zu den Klageliedern. Cap. 1, Vers 1" entnommen ist. Dort heißt es wörtlich: Ein Jude aus Jerusalem war über See ins Ausland gereist und verfiel einer sehr schweren Krankheit. Ms er sein Ende herannahen sah, übergab er seinem Hauswirth seine gesammte Baarschaft, um sie seinem in Jerusalem zurückgelaffenen Sohne zu übergeben, sobald er sich