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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 662 Dr. Llocb's Mocbenscbrltt. Nr. 42 ragendem Maße ungemüthlich werden durch besondere Zuthaten. Adam Müller-Guttenbrunn hat auch die Zuthaten mit in Kauf nehmen müssen, und das ist bitter. Müller-Guttenbrunn ist das Product eines Jrrthums. Der alte theater- und literaturkundige Laube irrte einmal — Irren ist menschlich, und der altaewordene Laube durfte auch einmal irren! — und Adam Müller-Guttenbrunn war erschaffen. Wer weiß, ob wir sonst heute das Vergnügen gehabt hätten. Laube leitete damals das Stadt-Theater. Es war kein judenreiues Theater. Denn es war vornehmlich der Jude Schey, der fich die Errichtung desselben schweres Geld kosten ließ. Aber es wurde gut gespielt darin und es gelangten interessante Stücke zur Aufführung. Das Stadt-Theater ist abgebrannt. Das zweite Stadt-Theater, mit dem nun nur Herr Müller-Guttenbrunn abgebrannt ist, unterschied fich von dem ersten in vielen Stücken sehr erheblich. Es genügt, zu sagen, cs war antisemitisch. In seinem Theater führte Laube nun u. A. auch Augier's .Haus Fourchambault" auf. Ein kffectvolles Stück, das Herrn Müller- Guttenbrunn besonders gefesselt haben mag. Die dramatischen Höhepunkte in demselben bilden eine klatschende Ohrfeige und die berühmt gewordene kategorische Forderung: „Efface!“. Lösche aus, tilge die Schmach! Geioiffe Dinge veralten doch nie. Jene Kcaftstellen haben auch heute noch eine merkwürdige Actualität für Herrn Müller-Guttenbrunn. Zu den Fourchambaults schrieb nun Herr Müller-Guttenbrunn eine Fortsetzung. Man hat ihm für diesen Einfall dankbar zu sein. Denn es hätte ihm ja auch einfallen können, zum Faust noch einen dritten Theil dazuzudichten. Die Fortsetzung taugt nichts, aber — hier stcckl der Jrrthum des alten Theaterpraktikers — Laube hielt sie für möglich und führte sie auf. Damit war der junge Mann an's Licht gezogen und in die Literatur eingeführt, der er sich nun ganz widmete. In der nun folgenden selbstständigen poetischen Production bekundete er eine seltene Talentlosigkeit, er entwickelte sich aber mit Erfolg nach einer anderen Seite hin, nach‘ der kritischen. Für diese Thätigkeit brachte er die Begabung und den sittlichen Ernst mit, der freilich nicht vorhielt in allen kritischen Lebenslagen. Sonst hätte er, der Werkgenoffe des Judenstä.r.mlings Karlweis und des Juden Gustav Schwarzkopf. mit welchen vereint er scharfe freigeistige Broschüren in die Welt sandte, niemals an die Spitze eines antisemitischen Theaters treten, sich niemals unter die geistige Oberhoheit eines Bielohlawek und Consorten stellen dürfen. Und nun Hab sich , dasgerächt, bitter, gerächt. Müller- Guttenbrunn ist ein geschlagener, verlorener Mann. Solon, dessen Name mit dem Beisatze .der Weise^ durch die Jahrtausende geht, hat ein Gesetz ausgestellt, wonach der mit dem Tode zu bestrafen sei, der bei einem Bürgerkriege sich zu keiner der kämpfenden Parteien schlägt. Man soll und muß Farbe bekennen, wenn der Kampf entbrannt ist um die höchsten Güter! Und ein solcher Kampf rst entbrannt bei uns, er wüthet seit Langem schon, und die Minderheit, die um Geistesfreiheit und Duldung ringt, ist sterbensmüde und erschöpft, aber sie ist nicht so entnervt und so tief entwürdigt, daß sie Freude und Hochachtung ausbringen könnte über das Volk der Ueberläufer und all das marodirende Gesindel, das das Lied singt, dessen Brot es gerade ißt. Adam Müller-Guttenbrunn ist aus dem Freisinn hervorgegangen, hat sich dann za den Antisemiten geschlagen und nun, da er dort schmählich abgekracht ist, hätte er nicht übel Lust, seine Zelte wieder im .judenliberalen' Lager aufzurichten. Das geht nicht. Adam Müller-Guttenbrunn hat zwar auch jetzt noch Glück: der Vorrichter und Nachrichter von Polna ist sein ergrimmter Feind, aber selbst das kann ibn nicht retten. Er wollte nun sein Süppchen auf .judenliberalem" Herde kochen, aber er rechuete nicht mit seiner jetzigen antisemitischen Gegnerschaft. Sie haben ihm auch in diese Suppe gespuckt. Sie haben ihm entehrende Dinge vorgeworfen, und so lange er sich von diesen Borwürfen nicht reinigt, ist er ein kodier Mann. Wie?! Einem Ehrenmann werden diffamirende Anklagen in's Gesicht geschleudert, und er schreibt sich die Finger wund mit geschraubten Erklärungen und weiß den einen Weg nicht zu finden, den geraden Weg statt der gewundenen Erklärungen, seine Mannesehre zu schützen! Und wie jämmerlich offenbart sich auch hier die ganze elende Methode der Doppelzüngigkeit. In ein und derselben Erklärung spricht er von den „Angriffen eines hiesigen Blattes ^, wenn er sie den antisemitischen Blättern schickt, und von den „Angriffen eines hiesigen Antisemitenblattes", wenn er sie den judenliberalen Blättern zugänglich macht. Ein kleiner Zug, aber ein charakteristischer. Der Mann ist von seiner Höhe gefallen und fein; Sturz ist ein tragischer. Denn wenn zu den nothwendigen Merkmalen des Tragischen die Schuld gehört, hier ist sie consumirt worden. Ein Merkmal fehlt ihr freilich — die Größe. Eine katastrophale Enthüllung und was aufgedeckt wird, ist — schmutzige Wäsche! Ein gesondertes Capitel verdiente noch die kunstgeschichtliche Würdigung der judenreinen Directionsführung des Antisemiten-Theaters. Verdient dieses Theater es wirklich! Whig. : Die Synagoge für den VHI. Ke;irk in Wien. Als nach langjährigen, an Kämpfen reichen Bemühungen, der Tempelbau-Verein für den VW. Bezirk endlich an die Errichtung dieses Gotteshauses schreiten konnte und der Vorstand dieses Vereines den Architekten Max Fleischer mit der Verfassung der Pläne und der Durchführung des Baues ohne irgendwelche Vorschrift bezüglich der Wahl des Baustyles betraute, da fiel es diesem nicht schwer, sich hiebei für den gothischen Styl zu entscheiden, der es ihm ermöglichte, mit den ihm zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln ein m o n u m en t a les Werk zu schaffen. Und in der That! was immer man gegen diesen Baustyl einwenden mag: daß Meister Fleischer mit dem nun seiner heiligen Bestimmung übergebenen Gotteshause ein herrliches Gebilde der Baukunst geschaffen, das schon von Außen, mächtig aus den Beschauer wirkt und durch seine harmonyche Gliederung und stylgemäße innere Ausstattung zu wahrer Andacht zu stimmen geeignet ist, wird wohl Niemand in Abrede stellen können. -Wb. Ub'bb' Die Synagoge in der Anlage einer. Basilica repräsentftt sich als ein im Sinne der Backsteinbauten Norddeutschlands hergestelltes Bauwerk. Dem Style entsprechend ist auch die Fa^ade ganz in Ziegel-Rohbau ohne Anwendung irgend eines bild-

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