Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Llocb's Mocdenscdrm. Sette 661 losen Tyrannei der Herrscher entwickelt; im freien England hatte er keinen Raum. Der Engländer hat unter dem Emfluß der jüdischen Bibel dafür den Humor zur Blüthe gebracht.*) Die Reste von echtem jüdischem Humor sind wohl noch in glücklichen jüdischen Gemeinden zu finden. Aber nicht in jenen, wo der geistreichelnde Schmock und das seichte Salongigerl weiblichen und männlichen Geschlechtes den Ton angeben. Diese sind wohl überall gleich, sie mögen nur in den Salons von Parvenüs vielleicht noch avstoßenver sein. Den Begriff der Lselletd chajil, des edlen Weibes, wie er im Judenthum aufgestellt und auch von Ariern, wie von Grillparzer in der »Jüdin von Toledo", ausgenommen wird, hat der Autor zwar der Frau überhaupt abgesprochen, aber die Arierin fordert doch von ihrem Manne angeblich »das Metaphysische als Sexualcharakter und läßt sich von seinen religiösen lleberzeugungen durchdringen". »Die Jüdin hingegen könne als Weib und Mutier die Weiblichkeit vollständiger zu repräsentiren scheinen, weil der Mann, der sich sie geschaffen hat, so wenig Tcanscenoenz hat." »Der Jude habe kein Bedürsniß nach der persönlichen Fortexistenz, es fehle ihm das wahre, unveränderliche, das metaphysische Sein. Ec habe keinen Theil am höher», ewigen Leben". Ob wohl der Verstorbene doch eine Idee davon gehabt hat, daß der letzte Satz, in dem sein Gedankengang gipfelt, bis auf das Wort einem echt jüdischen Satze nachgevildet ist: »Die Gerechten aller Völker haben Antheil am künftigen Leben" (jesch lohem chelek l’olam habah)? Etwas» woran der Jude die Gerechten aller anderen Völker theilnehmen läßt, danach sollte er selbst kein Begehr haben! Die Versatilität des Juden und ihre Fähigkeit, Alles werden zu können, ist wohl richtig. Der Jude kann sogar, wie die Beispiele des Pater de Luna, des Pfefferkorn, des Historikers Leo, des Staatsmannes Stahl lehren, zum Werkzeug seines eigenen Stammesgegners werden. Aber die Geschichte der Christen im. Orient lehrt, daß die christlichen Renegaten ^des türkischen Reiches nicht besser waren, daß die blutdürstigsten Janitscharen, die Omer Paschas et will quanti, vom Christenthum Abgefallene gewesen waren. Aber damit wollen wir unsere Renegaten nicht entschuldigen. Auch ist es.My^ W.rjchtig, daß den Juden der freie Wille nichts gilt, denn es gilt ihnen die Buße, und die kann nur bei Anerkennung des freien Willens gelten. Und wenn der Autor gerade den jüdischen modernen Forschern v'orwirft, sie seien Deterministen, d. h. sie glauben, daß alles menschliche Thun sich nach unabänderlichen Gesetzen abspiele, so sieht er nicht, daß auch die arischen modernen Philosophen und Historiker zum großen Theil Deterministen sind und daß gerade die calvinistische Religion die Prädestination lehrt. Der scharfe Denker, als der unser Autor zum Theil mit Recht gepriesen wird, übersieht die nächstgelegenen Dinge, wenn es sich um's Judenthum handelt. Er behauptet, der Jude glaube nicht einmal an feinen Atheismus. Als em Symbol für seinen Unglauben erscheint ihm der Mangel an irgend einer Bodenständigkeit, sein so tiefes Unverständniß für allen Grundbesitz, seine Vorliebe für mobiles Capital. Bekanntlich ist aber das meiste mobile Capital in dem judenarmen Frankreich angehäuft und die Geschichte der verschiedenen, verkrachten arischen Firmen und judenreinen Banken des deutschen Reiches zeigen deutlich, ob diese Vorliebe eine rein jüdische ist. Bei den Juden hat sie aber einen entschuldbaren historischen Grund, in Rußland und Rumänien sogar eine actuelle Bedeutung. Denn in einem Lande, wo die Sicherheit der Person und des Besitzes für die Juden auf so schwanken Füßen steht, wie es namentlich in Deutschland bis tief in's neunzehnte Jahrhundert der Fall war und in den genannten Ländern des Ostens auch noch tief in's zwanzigste Jahrhundert fein dürfte, wird man doch keinen Grundbesitz erwerben, da man nicht sicher ist, bei Nacht und Nebel die Flucht ergreifen zu müffen. Wenn der Autor dies bedacht hätte, hätte er vielleicht gerechter geurtheilt. Zum Capitel des jüdischen Unglaubens bemerkt er, der Jude glaube keinem Christen sein Christenthum, geschweige denn einem getauften Juden seine Taufe. Wir müssen bei diesem Borwurfe einigermaßen verweilen. Das oben citirte „die Gerechten aller Völker haben Theil am ewigen Leben" beweist, daß den Juden nichts ferner liegt, als die religiöse Ueberzeugung eines Anderen zu mißachten. *) Aehnliche Gedanken hat Hofrath Schipper bei seinen Vorlesungen über die englischen Humoristen 4r den Salzburger Hochschulcursen des Näheren entwickelt. Was aber die Judentaufe betrifft, so beweisen zahlreiche Sprichwörter der Arier, daß sie selbst von Mißtrauen gegenüber den Motiven zahlreicher Neophyten erMt sind. Wer sich von den Gedrückten zur größeren Macht bekehrt, wirv hüben und drüben immer den Anschein erwecken, daß es die Macht ist, sie ihn anzieht and nicht blvs innere Ueberzeugung. Es fällt Niemano ein, zu negiren, daß einzelne üebertrttte aus inneren Beweggründen Vorkommen, wie zum Beispiel der des Dompredigers Beith. Aber da zeigt oas ganze Benehmen nach der Taufe, daß die Motive in einer inneren Seelenverfaffung bestanden haben und ethische waren, was man wohl nicht von allen Neophyten sagen kann. Und nun der jüdische Unglaube. Das moderne Zeitalter ist das oes Unglaubens an die positive Religion. Bon David Friedrich Strauß' „Der neue uno ver alte Glaube" bis zu den „Welträthseln" von Häckel haben zahlreiche Arier ebenso sehr die positive Religion bekämpft wie Juden. Aoer es scheint in der That, daß es bei den Juoen ärger damit bestellt ist, als bei den Christen. Aber das scheint eben nur. Der Christ, wenn er ungläubig geworden ist, behält ven Unglauben für sich und macht äußerlich viele Concesslonen der convrationellen Kirchlichkeit. Erstens weil Manches für ihn aus dem Spiele steht uno dann, weil er sich der Convenienz nicht ganz entziehen kann. Ganz anders handelt der freigeistige Juoe. Es wirb iym weder in der Gesellschaft noch in der Carrwre schaden, wenn er dieser von Mächtigen so wenig protegirten Religion seine Gleichgiltigkeit bezeigt. Er braucht stch m seinen Aeußerungen nicht zu geniren, weder vor seinen Kindern, noch feinen Dienstboten, noch sonst Jemandem; kein Staatsanwalt wird ihm deshalb zu Leibe rücken. Es liegt ja eingestanoenermaßen nichts daran, wenn der „Nimbus des auserwählten Volkes" Schaden leidet. Ein solches Benehmen ist zwar nicht vernünftig, auch nicht edel und gerecht, aber mit dem Juventhum hat dies nichts zu thun. Es ist nur Feigheit des Einzelnen, daß er nur vor der Macht Refpect hat, aber nicht vor oer Gewiffensqual, die er in den Gemüthern anderer einfacher Menschen entfacht. (Schluß folgt.) Vom Znbrmarkt des Lebens. Gloffenzrrr TageSgeschichte. Heil, Adam Müller-Guttenbrunn, — er darf Alles essen! Zu dieser beneidenswertyen Freiheit hat ihm eine Ohrfeige von feliener Ausgiebigkeit verholsen, die ihm von der Schristleitung des »Deutschen Volksblatt' verabreicht worden ist. Es war eme gediegene Ohrfeige, so eine über oas ganze Gesicht, und nun trägt oer avgelyane Direktor des Wiener Antifemitentheaters sein geschwollenes Gesicht spazieren. Er hat eine unerfreuliche Thätigkeu hinter sich, und wenn er sich jetzt ein wenig — abgeschlagen fühlt, so hat das seine guten Gründe. Seine Lage ist nicht die angenehmste und der Trost, jetzt Alles essen zu dürfen, wird vielleicht kein ganz ausreichenoer sein. Denn der Mann, der aus der Schule des Freisinns hervorgegangen war, der theoretisch mit mächtiger Ueberzeugungskrast „Gegen den Strom" zu schreiben wußte, in der Praxis aver es doch lieber mit der Strömung versuchen wollte, der scharfsinnig calculirte, daß, wenn der Mensch schon mit zwei Achseln begnadet sei, er auch am weisesten thäte, auf beiden zu tragen, der Mann läuft jetzt nicht nur mit einem geschwollenen Gesicht herum. Noch ein anoerer, in diesem Falle kaum minder edler Körpertheil ist in Mitleidenschaft gezogen worden. Denn der gute Mann ist sehr unsanft zwischen zwei Stühlen zu sitzen gekommen. Auch damit ist es nicht abgethan. Ginge es nach den wohledlen Bestrebungen feiner Freunde und Gefinnungsgenoffen von gestern, so müßte er noch ganz wo anders »sitzen". Qui mange du pape en meurt! Es ist ein Jammerbild, das der Mann nun darbietet, es ist aber auch ein Zeitbild, ein Culturbild aus dem heutigM Wien, aus jenem Culturcentrum, das das heutige Wien geworden ist, und es verlohnt sich der Mühe, es ins Auge zu saffen. Sogar diese Geschichte hat ihre Moral und sie verdiente als moralisches Lesestück Ausnahme zu finden in dem ersten Sprach- und Lesebuch für die heranreisende strebsame Jugend»,Jhr Titel könnte lauten: »Faule Fische", und die tiefe Lebensweisheit, die sie zu vermitteln hätte, wäre die, daß faule Fische an sich schon kein begehrenswerther Artikel find, daß sie aber in ganz hervor-