Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 660 Dr. Dlocb's TKHocbenscbrift Rr. 42 Die Geschichte der Renaissance und die verschiedenen Aussprüche des lebenslustigen Leo X. lassen unzweifelhaft erkennen, in welchen arischen Schichten man die Askese und die Weltflucht und in welchen man das Gegentheil haben wollte. Eine gleiche Unwissenheit in Bezug auf das Judenthum leuchtet aus allen ähnlichen Schriften hervor, wenn sie eine grundsätzliche Verschiedenheit zwischen der jüdischen und christlichen Gottesidee annehmen. Sie wissen nicht, daß sich in den Evangelien die Gottesidee der nachexilischen und der alexandri- »ischen Zeit wiederspiegelt. Die Gleichnamigkeit des Judengottes mit dem des Christengottes, welche Meininger für eine Verhöhnung des Letzteren erklärt, ist in Wirklichkeit eine Gleichnamigkeit, die auf gleichem Ursprünge beruht. Warum aus dem jüdischen »Jehowaknecht" oft so rasch ein Freigeist wird, ein Materialist, ist leicht zu erklären. G. Ferrero sagt von Karl Marx etwa Folgendes: Wäre Karl Marx nicht ein Jude, sondern ein Arier gewesen, er hätte Mes, was er geschrieben und gesagt, auch so geschrieben und gesagt. Er hätte es in ein System gebracht, wäre königlicher Professor geworden und als Geheimrath von Marx gestorben. Er wollte sagen, daß der Jude sich nicht damit begnügt, was er als recht erkannt hat, theoretisch zu lehren, sondern daß er fich damit identificirt, daß er trachtendem als wahr Erkannten auch Geltung im Leben zu verschaffen, wenn er darob auch leiden muß. Auch der Arier bekennt die Wahrheit, aber er entzweit fich deshalb nicht so leicht mit den maßgebenden Gewalten des Lebens. Er ist ein Freigeist und geht zur Kirche, er ist ein Kathedersocialist und streicht Unternehmergewinn ein, er ist im Herzen Republikaner und versieht ein Hofamt, oder er ist Royalist und dient der Republik. So lebensklug sind nur wenige Juden; die meisten zerstören ihre Carriöre selber. Aber diesbezüglich wird's leider schon besser. Wir sehen täglich, daß Leute mit dem Munde bekennen, was sie im Herzen nicht glauben, und es geht ihnen dafür herrlich im Leben. Wie wenig Meininger die Juden kannte, wie wenig er aber auch die Arier kannte, beweist folgender Satz: »Der Arier empfindet das Bestreben, Alles begreifen und ableiten zu wollen, als eine Entwerthung der Welt; denn er fühlt, daß gerade das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen Werth verleiht. Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er nirgends welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt möglichst platt und gewöhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewigen Dunkel sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine öde Selbstverständlichkeit des Ms zu erzeugen und die Dinge aus dem Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen auch im Geistigen entgegenstehen. Die antiphilosophische (nicht die philosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch." Es gibt wohl viele Menschen, welche dies geistreich finden werden, in Wirklichkeit hat sich's der Autor sehr bequem gemacht. Die Medicin unterscheidet Asepsis und Antisepsis, unter den Radical-Nationalen in Oesterreich wird der Ajemitismus dem Antisemittsmus beigesellt, der Autor hat schon früher die Juden nicht »antimoralisch", sondern »amoralisch" genannt und so setzt er nun der »antiphilosophischen" Wissenschaft die »aphilosophische" an die Seite. Da die Wissenschaft ohne Philosophie, was man so landläufig nennt, noch zu hoch im Credit steht, so muß die jüdische von der aphilosophischen verschieden sein, sie muß antiphilosophisch sein. Nun ist es interessant, daß gerade ein österreichischer Universitätsprofeffor der Philosophie, der sich vom Judenthum abgewandt, durch längere Zeit Mitglied der Leo- Gesellschaft gewesen war, gerade ein antiphilosophisches Buch geschrieben hat unter dem Beifalle der kirchlichen Kreise. Und daß gerade Juden wie Stricker, Benedikt, Ehrlich, Fleischl, Freud das philosophische Moment in der Naturwissenschaft am meisten betont haben, was ihnen von den rein materialistischen christlichen Forschern oft übel vermerkt wurde, beweist, wie unrichtig der Autor beobachtet hat. Der sonst vielleicht geistreiche und viel belesene Mann hatte gerade über die Materien, über die er die schärfsten und absprechendsten Urtheile gefällt hat, offenbar die geringste Kenntniß besessen, sonst hätte er nicht z. B. die Scheak'sche Theorie als ein Beispiel für die moderne medicinische Wissenschaft angesührtund diese als jüdisch bezeichnet. Für seine Behauptung, daß die Juden in ihrem Bestreben, Alles begreifen und ableiten zu wollen, so sonderbare Nebenabsichten leiten, führt er gar keine Beweise an. Er kann nicht beweisen, daß die Forschungen der Arier Helmholtz oder Mach fich in ihren Abfichten wesentlich unterscheiden von denen der jüdischen Physiologen Fleischl, Ballentin, Cohnheim oder der Physiker Löwy und Herz. Bei Allen ist es Erkenntniß der Vorgänge und Zusammenhänge in der Natur ohne jede andere Absicht, ohne vorgefaßte Meinung. Es war also (es muß trotz Allem gesagt werden) das mangelhafte Verständniß für rein wissenschaftliche unvoreingenommene Bestrebungen, welche ihn verleiten konnten, zu unterscheiden zwischen arischer und jüdischer Wissenschaft. Wie er darin verfuhr, zeigt er in seinem schon erwähnten Verhältniß zur Chemie. Er sagt: »Es ist kein Zufall, daß die Chemie heutzutage in so weitem Umfange in den. Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen ihrer stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das Bedürfniß, Alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines intellegiblen Jchs voraus, sei also jüdisch. Dann citirt er einen Hexameter von Kepler, der aber nur auf die Chemie gemünzt fein konnte, die zur Zeit Kepler's betrieben wurde, also entweder Alchymie oder grob-empirisches Hantiren. Auch hier bemerkt er in der Fußnote, er unterscheide zwischen der Chemie der Juden und der »andern" Chemie, der Wissenschaft eines Berzelius, eines Liebig, eines Van Hoff. Wodurch sich aber diese unterscheidet von der Chemie der jüdischen Chemiker, das hat er wohlweislich anzugeben unterlassen. »Das unkeusche Angreifen der Dinge, die der Arier als Schickung empfindet, sei durch die Juden in die Wissenschaft gekommen." Durch welche Juden konnte er natürlich wieder nicht anführen. Ueber seine eigene Wissenschaft wollen wir diesbezüglich den Schleier des Vergessens breiten. Er sehnte sich nach der Zeit »der tief religiösen Forscher", wie Kopernikus, Kepler, Euler, Newton, Linde, Lamarck, Faradäy, Conrad Sprengel und Cuvier, die nicht aus dem Staunen herausgekommen seien und für die es noch Geheimnisse gab. Und deshalb könnten die modernen Forscher sich ihnen nicht an die Seite stellen. Wir wissen aber, daß zu ihren Zeiten .auch sie als Diejenigen verfolgt wurden, welche das Göttliche zerstören wollten, wie jetzt die Entdecker der Spectralanalyse, der elektro-magnetischen Wellen, der elektromagnetischen Lichttheorie, der Descendenzlehre den Frommen ein Greuel sind. Und doch ist ihr Einfluß und ihre Bedeutung mindestens ebenso groß, wie die der alten Forscher. . > Auf Grund dieser und ähnlicher unrichtiger Voraussetzungen schließt der Verfasser, daß den Juden Tiefe abgehe und infolge desfen die Genialität. Zu diesem Zwecke definirt er sich wiederum die Genialität, wie er sie braucht, und weil der Verfasser des »novum Organon", der Kanzler Lord Baco, und viele andere Engländer die Erfahrung als Quelle der Wissenschaft voranstellen, so werden sie mit den Juden zusammengeworfen. Als wäre die Beschäftigung mit nebulösen, unklaren Vorstellungen das Zeichen tiefer Gedanken. Deshalb ist ihm auch Spinoza nicht genial, weil er nach mathematischer Klarheit strebt. Er meint, nur Goethe's Bewunderung konnte ihm ein tieferes Verhältniß zur Natur beimessen. Daß er auch Häckel's Bewunderung erregt hatte, übersieht der Autor unseres Buches vollständig. Auch das wird Spinoza zum Vorwurf gemacht, daß er nirgends auf seinem Lebenswege der Kunst begegnet sei. Wie hätte der Ghettojude und später der arme Brillenschleifer in einem Zeitalter, wo die Kunst nur Besitz der Reichen war, derselben begegnen sollen? Etwa in den ihm verschlossenen Häusern der stolzen holländischen Mynheers? Eigenthümlich berührt es, wenn der Verfasser, der sonst die Engländer mit den Juden in einen Sack wirft, doch den Letzteren den Vorzug gibt, weil sie Humor hätten, und zwar darum, weil im Engländer mehr Transcendenz sei und sein Sinn vom Transcendenten aufs Empirische und nicht umgekehrt gerichtet sei. Der Humor käme vom Uebersinnlichen. Der Jude aber und die Sexualität seien nur das ausgiebigste Object alles Witzes. Der Jude sei nur satyrisch und die Satyre unduldsam, der Humor hingegen duldsam, daher der Jude anttsoeial, der Engländer social sei. Es ist wahr, der Jude ist satyrisch. Das beste Beispiel liefert der verstorbene Autor selbst. Aber seine so geistreich scheinende Deduktion hat nur den einen Fehler, daß sie unrichtig ist. Seit jeher verwandelt sich bei dem Unterdrückten und Geknechteten der Humor zur Satyre. Der Irländer, welcher im Glauben an Uebersinnliches doch wahrlich das Möglichste geleistet, ist berüchtigt durch seine Satyre. Er ist eben wie der Jude unter dem Drucke einer rücksichtslosen Macht, und der Sarkasmus ist die Waffe des Gedrückten, — wenn er Geist hat. Auch in Frankreich hat sich der Sarkasmus unter dem Drucke der rücksichts-