Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Jahrgang XX ♦ Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. 8 --=* K. ft. PoMxarraffrn-Amk Clearing-Verkehr Ar. 810,976. LrdarNon und Administration: wir« IX/1, Verggafle Ar. 39. Telephon Nr. 14.847. 1K- -4 -H.- Wie«. 16. Octoker 1908. -.» «-4.- Erscheint jeden Freitag. - > 4» K» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. X- - SrMgSPrri» str Srstrrreich: i Halbjährig 8 Ikonen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. X—. - =* Inhalt: Leitartikel: Ein Epilog zur Besprechung des Buches »Geschlecht und Charakter" weil. Otto Weiuiugel's. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Synagoge für den VIII. Bezirk in Wien. — Zur Wanderung der Volkssagen. — Julius Plotke. — Correspondenzen: Zur Fleischtheuerung in Wien. Wien. Dr. Anton Loewy. Lemberg, Ein antisemitischer »Ehrenmann". Der § 48 des V.-S.-G. und die Juden. Hamburg, Berlin. Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gynsten der Chewra-Kadischa in Wien. Die Judenunruhen in Rußland. Wien, Reichenberg, Klattau. Landsberg, Karlsstadt, Budapest, Irkutsk, Salonichi, Berlin, Riga. — Feuilleton: JulianMeldohla. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Ei« Epilog zur Srsprechung des Küche» ..Geschlecht u«d Charakter" wert. Gtta Meiningers. Von Philalethes. Als wir unseren Lesern die Besprechung des Weininger'schen Buches in einem zweiten Artikel zu beendigen versprachen, ahnten wir wohl nicht, daß der Autor so früh das Zeitliche segnen werde. Und so waren wir gezwungen, angesichts des tragische» Endes desselben den Schlußartikel vollständig umzuarbeiten. Denn anders muß man die Angriffe eines Lebenden abwehren, der in der Lage ist, zu entgegnen, und anders über das Buch eines Verstorbenen sprechen, der sich selbst allen Entgegnungen durch den Tod entzogen hat. Wenn wir auch nicht der Anficht find, daß der Dahingegangene mit seinem jähen Ende selbst die Summe seiner Philosophie gezogen hat, sondern überzeugt find, daß er über einen tragischen Eonfliet nicht hinüber konnte, so müssen wir doch in der weiteren Besprechung von seiner Person absehen; auch dort, wo er seine Person selbst statt jeder Beweise in die Bresche gestellt hat, müssen wir das Buch ganz unpersönlich nehmen und den Angriffen oesselben gegen das Judenthum, die natürlich jeden Moment von Anderen ausgenommen und citirt werden können, auch ganz unpersönlich entgegentreten. Es ist ein gewöhnlicher Kunstgriff der modernen »germanischen^ Bekämpfer des Judenthums, die Gottesidee der Arier so darzustellen, wie sie in den erleuchtetsten Zeiten vielleicht eine geringe Zähl von tiefen Denkern für ihre Person gedacht haben mag und diese für die allgemeine arische Gottesidee auszugeben; andererseits aber bei den Juden nur jene Vorstellungen in Betracht zu ziehen, welche vielleicht in den dunkelsten Zeiten von den primitivsten jüdischen Menschenkindern gedacht worden sein konnten. Ihnen, namentlich Chamberlain, folgt unser Autor gänzlich und erklärt als die arische Gottesidee diejenige welche Christus, Plato, Paulus, Eckhart, Goethe und Kant, die vedischen Priester und Fechner gehabt haben. Warum spricht er bei der jüdischen Gottesidee nicht von den Propheten, namentlich Jesaias, von Jesu Sirach, von dem unbekannten jüdischen Berfaffer des Aristeasbriefes, von Philo, von all den Alexandrinern, von Salomo ben Gabirol, von Jehuda Halewi, Maimonides, von Mendelssohn? Weil in den ältesten Bibelstellen fich der Unsterblichkeitsglaube nicht gerade wörtlich erhalten hat, behauptet er, der Jude hake überhaupt keine Seele. Und doch ist lange vor Christus, namentlich im Buche Daniel, auch in den Apokryphen, namentlich im Buche Henoch, ferner in dem Buche der Makkabäer der Unsterblichkeitsglaube, wie ihn das Christenthum lehrt, bereits vollständig ausgebildet, wie er überhaupt im ganzen alexandrinischen Judenthum gelehrt wurde. Hierüber braucht man blos z. B. das Buch von Friedländer »Die Geschichte der Apologetik" nachzuschlagen. Niemand, der die Geschichte des Judenthums kennt, wirklich kennt, kann eine solche Behauptung ausstellen. .Wenn er auch nur gelesen hätte, wie die marannischen Jünglinge in den Feuergluthen die arische Menschenliebe und Gottverehrung angefacht, ihre Seele mit dem Rufe ausgehaucht haben: bejodcho Adonai afkid ruchi. »In Deine Hand, o Gott, empfehle ich meine Seele!" (Grätz.) Mit einer solchen Begeisterung starben fie, daß die härtesten Fanatiker ein Beben der Bewunderung erfaßte und man die Oeffentlichkeit der Autodafe einschränkte. Die neueste nationalistische Wiffenschaft richtet fich auch gegen die zehn Gebote. Offenbar sind es zwei Punkte, die besonders bekämpft werden. Erstens das Verbot: »Du sollst Dir kein Ebenbild machen" und dann: »Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl ergehe". Das erste Gebot ist schon lange ein Dorn im Auge der nationalistischen Wiffenschaft. Einmal beweist es unwiderleglich, daß die Juden von allem Anbeginn an die Vorkämpfer des Idealismus und die Bekämpfer der grobnaturalistischen, vom Fetischismus ausgehenden und zu ihm zurückkehrenden Art der Gottverehrung waren. Und dann paßt es nicht zu den Ergebnissen von »Bibel und Babel" und zu anderen ähnlichen Ergebnissen der ultragermanischen Wiffenschaft. Das stimmt nicht mit dem Schlagworte vom »abstracten Götzen", als welchen der jüdische Gott von protestantisch-nationalistischen Forschern bezeichnet wird. Wenn die Herren blos nur die Art, wie der unbekannte jüdische Berfaffer des lange vor Christi Geburt abgefaßten Aristeasbriefes die Abgötterei bekämpft, mit der vergleichen, wie es die ersten Kirchenväter gethan haben, so müßten fie erkennen, daß es derselbe Geist ist, wie im vorchristlichen Judenthum, wie überhaupt der alexandrinische Geist nur eine Ausführung des älteren primären jüdischen Monotheismus ist. Das vierte, bezw. fünfte Gebot erregt den Widerspruch der sogenannten Arier wegen des Versprechens des irdischen Wohlergehens. Jawohl, die Weltflucht und das Entsagen auf irdische Güter wurde bei den Ariern wohl immer geschätzt, aber nur bei der nusera plebs contribuens, die Nutznießer derselben befanden fich dabei immer sehr wohl. Mt Recht betont S e r g i in einem oben citirten Werke, daß fie, wenn allgemein geworden, nicht blos körperliche, sondern auch geistige und moralische Degeneration der Massen zur Folge gehabt hätten.