Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Mocb's MocbenscbrM, Sette 668 heirateten Nichte, glaube ich. Ich weiß nichts von seinen Verwandten, als daß sie wohlhabende Leute sind." Der Wagen fuhr bei einem behaglichen Hause vor, von dessen Fenstern und Hausthorklinge schwarze Crepeschleisen flatterten. Ein paar kleine Mädchen, welche Kinder trugen, standen erwartend an den Steinstufen, bis ein grober Functionär sie in die Entfernung trieb. Dort erwarteten sie geduldig das bevorstehende Schauspiel. Innerhalb des Hauses waren alle überflüffigen Möbeln sorgfältig weggeräumt worden; nicht ein Spiegel war unverhüllt, nicht ein Mosaiktisch, nicht eine Draperie war geblieben, um dem Auge etwas unschicklich Heiteres zu bieten. Die kleine Vorhalle, das geräumige Wohnzimmer, das unbehagliche Besuchszimmer war gedrängt voll von schwarzgekleideten, ernsten Leidtragenden. Sie schritten langsam zum Sarge hin und sahen einen Augenblick in das friedliche Gesicht eines alten, sehr alten Mannes und suchten sich dann ruhig Sitze in dunkeln Ecken. In einem Rückzimmer weinten Frauen in lautem, herzlichen Leid. Junge Leute, die als Ordner umhergingen, zeigten echte Thränen in den Augen. Und doch betrauerten sie nur einen Großonkel, einen so alten Mann, daß nur das Gefühl für die eingeborene Heiligkeit des Lebens und die tiefste Achtung vor den Familienbanden einen so aufrichtigen Kummer hervorgerufen haben konnte. „Es scheinen genug Männer da zu sein, wenn Sie gehen wollen", flüsterte Herr Josephs Julian zu. „Danke, ich bleibe!", antwortete Julian. Er hatte den Wunsch, die Bande des Blutes und der Race aufzufrischen und einen Enthusiasmus zu erwärmen, dessen Kosten er anfing etwas schwer zu finden. „Bitte, Herr! richten sie es ein, daß wir in demselben Wagen fahren, ich habe Ihnen etwas zu sagen." Das Bedürsniß sich zu entlasten, war mit überwältigender Macht über ihn gekommen. Die Zimmer wurden voll. Der Cantor im schwarzen Talar setzte einen hohen Cylinderhut von archaistischer Form auf, der einen eigenartigen Gegensatz zu der Kopfbedeckung der jüngeren Männer bildete. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann ließ die Stimme des Vorbeters die unvergleichlichen, klangvollen hebräischen Sätze des Beerdigungs-Ceremonials ertönen. Die ändern antworteten voll und rhythmisch. Aus dem Nebenzimmer klang hörbares Schluchzen. Als die Ceremonie beendet war, fuhren die Wagen fort, das kleine Gedränge auf der Straße zerstreute sich und die Verwandten hatten keine weitere Pflicht gegen den alten Jonas Aaronson, als sein Testament zu lesen und auszusühren. Ueber dieses Testament sprachen drei Familienmitglieder, als sie vom Friedhofe in die Stadt zurückfuhren, ein älterer Mann und defien Söhne. Der Vater war von behaglicher Fülle und die Söhne zwei frische, junge Bursche, unverkennbar der Mittelclafie angehörend, mit einer Sprechweise, die um mehrere Grad gebildeter war, als ihr ganz geschäftliches Aussehen. Der Vater sagte: „Ja, der arme alte Onkel Jonas!" Er führte ein einsames Leben, da er unverheiratet blieb. Selbst das Geld eines Mannes scheint kaum sein eigen zu sein, wenn er keine Kinder hat, die es erben. „Ist es wahr?" fragte einer der jungen Leute, „daß er in eine Christin verliebt war?^ „Ja. Ich hörte immer von einem reizenden Mädchen, das er durchaus heiraten wollte; aber da er sah, daß es das Herz seiner Mutter brechen würde, gab er das Mädchen auf." „Man sagt, daß er seither kein Weib mehr angesehen hat." Die Söhne tauschten Blicke und einer von ihnen bemerkte: „Man war zu jener Zeit besser, als wir sind, Vater!" Ich denke zwar, daß die christlichen Mädchen beiweitem nicht an die unserigen heranreichen. Sie haben nicht das Aussehen und nicht den Styl und sind nicht halb solche Frauen, aber wenn ich eine lieb hätte, dann müßten die Familien-Traditionen wohl zurücktreten." Der Vater stieß, ihn scherzhaft an. „Als ob wir nicht Alle wüßten, wo Du Deine Abende zubringst, Sammy!" Wenn nicht etwa Rachel Dich stehen läßt, mein Sohn!" Dann ist Dein Roman geschrieben!" Er fuhr in einer Molltonart fort, die der Erzählung einer betrübenden Familien-Legende angepaßt war. „Nur eine von der ganzen Familie hat von ihrem Volke weggeheiratet und das war meine Schwester, Eure arme Tante Florence." „Oh! Ich wußte das nie!" sprach Rachels Verehrer mit lebhaftem Interesse. „Erzähle uns davon!" „Es gibt da nicht viel zu erzählen. Es ist lange, lange her, als sie jung und schön war und ein bedeutendes Vermögen hatte. Nach dem Tode unserer Eltern ging sie auf Reisen. Auf dem Dampfer traf sie ihn und ließ sich mit ihm ein, einen Vornehmthuer, gänzlich ruinirt. träge, aber Mitglied einer aristokratischen, alten Einwanderer-Familie. Es geschah alles drüben, und als die Werbung und Heirat vorüber war, zeigte er, daß er sich sehr ihrer Abstammung schämte — und ihrer auch ohne Zweifel. Wir würden die Heirat verziehen haben, obgleich sie uns nicht erwünscht war, aber Niemand konnte es ertragen, so wegwerfend behandelt zu werden, und er that es sogar in seinen häufigen Briefen, die er eifrig genug wegen ihres Geldes schrieb. Armes Ding! Sie starb bald und ließ diesen Mann als einzigen Vormund ihres Kindes. Damit ging die Verwaltung des Geldes aus unseren Händen in die seinigen über, und alle Beziehungen zwischen uns und ihm hatten aufgehört. Ich weiß nicht einmal, ob das Kind ein Knabe oder ein Mädchen war." „Ist es nicht komisch?" sagte der Gelassenere der beiden jungen Leute, „wir können einen Verwandten haben, der vielleicht ganz an der Spitze der New-Aorker Obern Vierhundert marschirt. A propos bestimmt nicht Großvaters Testament, daß, wenn einer seiner Kinder ohne Nachkommenschaft stirbt, das Vermögen an die Familie zurückfällt? Wenn das so ist, so bekommt der unbekannte Cousin eine tüchtige Schnitte von dem Vermögen des alten Onkel Jonas." „Das ist wahr!" sagte der Vater, „ich hatte es gänzlich vergessen, doch wäre es bei der Vorlesung des Testamentes wohl zu Tage gekommen. Eigentlich ärgerlich, aber da läßt sich nichts thun. Wenn das Kind lebt, gehört ihm das Geld von rechtswegen, wenn es todt ist, haben jene Leute nicht auf einen Heller Anspruch, und sie sind so eine geldsaugende Sippe von Blutegeln und werden sicher Schwierigkeiten erheben. Rachels Verehrer übersann den Fall einige Augenblicke und fand dann eine glückliche Lösung. „Versende die regelmäßigen, gesetzlichen Benachrichtigungen nicht bevor Du Dich mit Herrn Josephs berathen hast. Wenn er den Erb-Anwärter nicht schon kennt, wird er ihn in der Stille ausfindig machen. Er erfährt immer Alles. Wenn das Kind nicht lebt, so besteht kein Anlaß, Jemand zu benachrichtigen.'' „Da hast Du recht, Sammy!" sagte der Vater zustimmend, „Herr Josephs ist der Mann, das Richtige in der richtigen Art zu thun. Im nächsten Wagen sprachen Julian und Herr Josephs von der Schönheit des Gottesdienstes und dem Reichthum des Rituals. Ihr Gespräch flackerte eine Zeit lang und erlosch dann gänzlich. Nach einer Pause sagte der ältere Mann: „Sagten Sie nicht, es sei da etwas?" „Ja, ein Mädchen!" platzte Julian heraus, wie in der Ungeduld des Schmerzes. „Mein lieber Junge, meinten Sie, aber in dieser kurzen Zeit, wie konnten Sie so weit kommen?" Herr Josephs sprach mit sanftem Spott, zum Vertrauen einladend, aber es nicht erzwingend. „Bah! Ich kann nicht davon sprechen. Ich hielt mich nicht mit dem Denken auf!" Bei diesem Geständniß zog Herr Josephs die Augenbrauen in die Höhe. Julian war selten gedankenlos. „Sie zu sehen und zu leben erschien mir als eins!" fuhr der junge Mann hitzig fort. „Wir trafen uns nicht oft, nur wenige Male, aber auch das war schon zu viel für mich!" „Und die Dame!" fragte Josephs. „O, Sie! Sie hatte mich ganz gern. Aber sie ist eine sorgfältig erzogene Antisemitin. Sie sagt, die Gesichter, die man an Nachmittagen in der fünften Allee sehen kann, würden genügen, Jeden zu überzeugen, daß Dreyfus schuldig ist." „Ein nettes Mädel", bemerkte Herr Josephs, „wie liebenswürdig sie ihren Abschied stilifirte!" Julian warf lebhaft ein: .,O, sie ist nicht so, sie hatte keine Idee davon, daß ich ein Jude bin; ich weiß nicht, wie es kam, daß ich nie daran dachte, es ihr zu sagen." Herrn Josephs Gesicht zeigte tiefe Betroffenheit; um das zu vergessen, mußte Julian weit über seinen gewöhnlichen Zustand beherrschten Bewußtseins hinausgetragen worden sein. Julian fuhr fort, als ob er Ediths Sache führte. Sie hatte nie einen von unserer Art gesehen, nur die Aergsten. Es ist, als ob man die Engländer nach den Pöbelmaffen beurtheilen wollte, die an Feiertagen die Bahnzüge umschwärmen oder sich in den Parks drängen. Es ist wieder ein Beispiel für das, was ich immer sage. Wir zeigen der Welt unsere abstoßendste Seite und fühlen