Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021535--13047-3037676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 41 Dr. Dwcb's MocdensLbrLtt, Sette 606 uns dann verletzt, wenn man uns unterschätzt und schlecht beurtheilt. Unsere sichtbaren Repräsentanten sind zerlumpte Fakire oder unglaubliche Börsespeculanten und Börseagenten, während Sie und Ihresgleichen sich mit einem dreifachen Panzer umgeben und vor christlichen Augen verstecken. Herr Josephs hörte aufmerksam zu: »Ganz richtig! Aber versperren solche Zurückweisungen, wie Sie jetzt eine erlitten haben, nicht den Weg zu gesellschaftlichem Verkehr? Das Gefühl bricht aus so verschiedene Art durch. Ich für meine Person kann kaum sagen, welche die impertinentere ist, die gröbliche Beleidigung, wenn man wünscht, daß ich mich aus einem Sommerhotel hinweghebe und es nicht mit meiner Gegenwart beflecke, oder die Höflichkeit der Leute, welche es für die zarteste Schmeichelei halten, zu erklären, daß sie mich nie für einen Juden gehalten hätten. Zu sehr von Edith erfüllt, um folgerichtig über einen anderen Gegenstand zu denken, setzte Julian die Debatte nicht fort, sondern fügte nachdenklich hinzu: »Das Drolligste ist, daß ich sie Anfangs für eine der Unserigen hielt. Sie wissen Herr, daß wir immer glauben, daß wir uns darin nicht irren können/ »Ja!" sagte Herr Josephs, „ich habe mich auch noch nie getäuscht!" „Wissen Sie?" Julians Stimme bot eine Studie hitziger Crescendos und erzwungener Kühle, „man sieht manchmal elgenthümliche blonde Typen, sehr schön, geistig belebt, mit lichtgoldenem Haar, großen, langgeschnittenen, braunen Augen, aber so wie sie, sah wirklich noch nie eine aus. Sie sicht aus, wie ein gefallener Engel oder wie ein guter Engel am Unrechten Orte. Ich glaube, fügte er hinzu, sich aufrichtend und in ruhig richterlichen Tone sprechend, daß die Anziehung rein persönlich und nicht Racen-Motiven entsprungen war." Ec lachte kurz auf. „Wie es auch sei, ich bin verpflichtet, sie zu vergessen. Mein Plan ist so. Ich will emsig wie ern Biber an der Eisenbahn-Angelegenheit arbeiten, die im November zur Verhandlung kommt. Und bis der Sieg auf unserer Seite sein wird, werden Sie mich als neuen Menschen wiederfinden." „Es ist schlimm für einen Mann, nicht jung zu heiraten!" bemerkte Herr Josephs. Julian sah ein wenig bekümmert aus. »Sorgen Sie nicht um das", sagte er. Eines schönen Tages werde ich entdecken, daß ich die lässigen Manieren eines alten Junggesellen annehme, meine Gabel in die Schüssel zu stecken, wenn ich allein speise, und solche gräuliche Stückchen. Aber bis dahin wird eine ihrer kleinen Nichte« eine große, schöne, dunkelhaarige, junge Dame geworden sein, und wir werden mit einander unter dem Trauhimmel stehen und den Wein trinken und das Glas zerbrechen — und dann unsere Kinder in der Liebe zu Israel erziehen." (Fortsetzung folgt.) Kriefkasten. L. K. Der Verfasser des Lol uiärs-Gedichtes heißt Spiro und ist Bahnbeamter. „Renegat". Die »Ostdeutsche Rundschau" bringt unter der Spitzmarke: »Der antisemitische Jude" folgende Federzeichnung, welche wir Ihnen notiren: »Der Jude, der da glaubt, sich an christlicher Moral, christlicher Schule und Wissenschaft gesättigt zu haben, beginnt sich selbst genau im Spiegel zu betrachten und findet eine Unsumme nationaler — Tugenden daraus hervorspiegeln. Stellt er aber einen Stammbruder vor sein Glas, so bemerkt er plötzlich die Fehler seines Stammes- und Glaubensgenossen in grotesker Verzerrung, gleichsam in einem Hohlspiegel, weit abschreckender und verächtlicher, als wrr zu sehen im Stande sind. Nun wird der Jude antisemitisch: Entweder er seufzt unter dem Unglück, als Jude geboren zu sein, und fühlt in romantischer Wehleidigkeit die ganze Misere des Ahasverschicksals, zieht sich aber als still duldender Märtyrer zurück — oder er wird zum fanatischen Apostel gegen das Judenthum selber. Muß er eingestehen, daß er »sozusagen" Jude ist, folgt regelmäßig: »aber ein anständiger". Er lernt — so gut es geht — anständtg seine Landessprache reden. Er bemüht sich, seinen temperamentvollen Gesten nicht allzusehr die Zügel schießen zu lassen, sorgt für christliche Dienstboten und, was für ihn gleichbedeutend ist, für christliche Lehrer in seinem Hause. Er fängt an, über die Protzerei seines Stammes zu spotten und protzt mit seiner — Einfachheit. Gegen seine Glaubensgenossen wird er intoleranter als der schärfste antisemitische Arier. Er liest mit Eifer antisemitische Blätter, rückt in jüdische Witzblätter spotttnefeude Witze über seine Race ein, in welchen Witzen bekanMlich der Jude überhaupt unerreichbar ist, geht zum Unterschied von den Antisemiten grundsätzlich nur in christliche Geschäfte und besucht Locale mit durchweg christlichem Publrcum. Es wundert ihn, daß man ihm nicht sofort an seiner — Nase den Antisemtten ansieht. Er zieht rn christlicher Gesellschaft mit aufdringlicher Suada gegen das Judenthum los und deckt schonungslos dessen innerste Mängel auf. Er sucht auf alle mögliche Weise seinen mehr oder minder poetischen Namen gegen „bescheidener" klingende loszuwerdni — kurz, er gerirt sich als eifriger Renegat." G. Professor Erera an der Brüsseler Universität schreibt über die russischen Juden: Diese Unglücklichen, der Gegenstand einer so ungerechten Verachtung, welche ihre Feinde zu beschimpfen suchen, indem sie sie als Materialisten bezeichnen, geben vor dem Angesicht der Welt ohne Widerrede den Beweis eines exaltirten Idealismus. Man sieht seit vielen Jahren alle Tage, wie sie ihren Beruf, ihr Brot, dasjenige ihrer Familien, der herben Genugthuung ihrer moralischen Pflicht, die sie zu erfüllen glauben, opfern. „Alle Juden, welche Ehrgefühl haben", sagt ein vornehmer russischer Sociologe, „werden ihrem Glauben nicht abtrünnig. Sie betrachten diese Thal als entwürdigend, gerade wegen der Vortheile, die damit verbunden sind." K. „Wehe den Verfolgern!" schrieb die große Katharina an Voltaire, indem sie ihm eine Unterstützung für Die Slrven sandte, die das Opfer r.ligiösen Aberglaubens geworden waren; und die Ezarin hatte mit eigeiler Hand folgende denkwürdige Worte in einer Instruction an das GesetzgebungS-Eomite geschrieben: „In einem großen Reiche, das seine Herrschaft Uber eben so viele Völker erstreckt, wie es verschiedene Gtaubenslehren unter den Menschen gibt, würde der nachtheiligste Fehler die Intoleranz sein". Voltaire, OEuvreS, (Ed. Lefevre 18iöj XVIU. S. 624 und XXVI. S. 289. R. L. Auf dem Delegirtentag in Lemberg wurde der Antrag auf Eontrole der Mäbchenlectüre nicht vom Rabbiner Schnlir aus Tarnow, sondern von deni Rabbiner Horowitz aus Krakau gestellt. ,,Christtichsociat». Bielohlawek sagte: „Wenn der Jude stiehlt, wandert er rns Irrenhaus". Das soll schon vorgekommen sein. Wenn aber der Antisemit stiehlt, so wählt man ihn in den österreichischen Reichsrath. Auch das soll schon vorgekommen sein. Darum die Fürsorge für eine „gesinnungstüchtige" Geschwornenliste. I. >21. Lustgarten. Nur die Slempelkosten. R. in London. Der Besuch Dr. Theodor Herzl's in London dürfte in der zweiten Hälfte dieses Monats stattfinden, es . ist aber nicht wahrscheinlich, daß er öffentlich sprechen wird. Jüdische Keüder! Donnerstag am 17. September brach bei uns in Monasterzyska eine schreckliche Feuersbrunst aus, bei welcher sämmtttche Mische Häuser, darunter auch alle Bet- und Lehrhäuser, verbrannt wuroen. Auch unsere herrliche Synagoge, die über sechshundert Jahre alt war, ist eine Beute der Flammen geworden. Alle Bemühungen um Rettung waren vergebens, nicht einmal die heiligen Thoraroüen konnte man retten. Dreitausend jüorsche Seelen, die durch dieses Unglück bettelarm und obdachlos geworden sind, leiden Hunger und Noth. Das Elend unter der jüdischen Bevölkerung spottet jeder Beschreibung. Familien und Familiengruppen liegen außerhalb der Stadt aus dem freien Felde, darunter zahlreiche kleine Kinder und Wöchnerinnen, Eltern jammern um ihre vermißten Kinder, Kinder beweinen den Feuerlod ihrer Ernährer. Wenn nicht von Seite der barmherzigen Volksgenossen rasch Hilfe kommen wird, werden die verunglückten, obdachlosen Juden zu Grunde gehen müssen. Wir wenden uns daher an unsere Volksgenossen und bitten um schleunigste Hilfe. Jüdische Brüder! Wir flehen Euch aN im Namen der jüdischen Barmherzigkeit und im Namen der dreitausend verarmten, obdachlosen Juden Monasterzyskas, überall bald zu sammeln für diese verunglückten Brüder. Allerlei Spenden und Geldsenoungen sind an den »Commerciellen Credttverein in Monasterzyska" mit der Bemerkung: »für die verunglückten jüdischen Brüoer" zu senden. Für das Mische Hilsscomiw: Dr. Iac 0 b Lauterbach. M 0 s e s W e i f e r. Wir ersuchen unsere geschätzten Abonnenten um rechtzeitige Einsendung der lausenden Abonnementsgebühr, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Zur Einsendung der Betrage wolle man sich der in voriger Nummer beigelegten Posterlag» scheine bedienen. Die Administration der „Oesterr. Wochenschrift?'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.