Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 654 Dr. Vlocb's MocbenscbrM. Nr. 41 der sich wie wahnsinnig Geberdenden war entsetzlich, Niemand konnte vor noch zurück. Es wurde Polizei requirirt, welche eine Leiter anlegte, ein Synagogenfenster zertrümmerte und auf die Galerie eindrang. Erst jetzt gelang es dem energischen Einschreiten, die Leute zu beruhigen, doch war das Unglück bereits geschehen. Drei Frauen waren erdrückt, vier andere Frauen, welche zu Boden gestürzt waren und über die die Flüchtenden hinwegstürmten, hatten durch Fußtritte so schwere Verletzungen erlitten, daß sie in sterbendem Zustande in das Spital gebracht wurden. Biele andere Personen erlitten leichte Verletzungen. Von den im Parterre befindlichen Gläubigen trug Niemand eine Verletzung davon, da die Ausgänge für eine hinreichend rasche Entleerung genügten. Triest. Am 4. October ist Dr. phil. U. B r e t t h o l z, Bezirksrabbiner aus Siffek, einstimmig zum Rabbiner in Triest gewählt worden. Nadas. Freitag den 2. d. M. verschied unser allseits beliebter und hochgeschätzter Glaubensgenoffe Herr Ignatz Bauer in Bikßärd nach kurzem Leiden im Alter von 70 Jahren. Der Verstorbene zeichnete sich durch besondere Herzensgüte und Frömmigkeit aus. An seinem Leichenbegängnisse, welches Sonntag den 4. d. M. hier stattfand, betheiligte sich unsere ganze Gemeinde, alle Verwandten, nebst vielen Freunden und Verehrern des Verblichenen aus den Nachbarortschaften. Nach Verrichtung der Trauergebete hielt der Sohn des Verewigten, Herr Rabbiner Dr. Moritz Bauer aus Wien, Josefstadt, einen Nachruf, der auf alle Anwesenden den mächtigsten Eindruck machte,, so daß kein Auge thränenleer blieb. Das Andenken des Frommen sei gesegnet! Friede seiner Asche! Jalta. Der „Kcimsky Westnik" berichtet, daß im nächsten Jahre die Aufenthalts-Berechtigung der Juden in Jalta noch mehr eingeschränkt werden soll. Feuilleton. Julian Meldohla. Von Mary Maß. VI. Herr Josephs. Im Laufe der paar nächsten Wochen erfuhr Edith, daß es Schlimmeres geben kann als das allgemeine Unbefriedigende des Lebens. Der eine Punkt, in welchem ihr Gefühl nie schwankte, war die gebieterische Nothwendigkeit, ihr Leid zu verberge». Demzufolge gab sie es vollständig auf, über die Langweiligkeit der Dinge zu murren, und nahm alle Einladungen mit einem Eifer an, welcher Frau Brand überzeugte, daß die Sturm- und Drang-Periode ihrer Nichte glücklich vorbei sei. Ihre Sorge war aänzlich beschwichtigt, da Julians Abreise ihrem praktischen Sinne nur als befriedigende Erklärung erscheinen mußte. Ediths Jammer erreichte seinen Höhepunkt infolge der schelmischen und wissenden Miene, mit welcher^ihre Tante oder eine der Klatschbasen der älteren Damen auf das offenbare Mißgeschick des jungen Mannes hinwies. Was sie auch sagen mochte, nichts konnte jene überzeugen, daß sie ihn nicht absichtlich ermuthigt hatte, um ihn daun um so verzweifelter fortzuschicken. Obgleich Frau Brand nicht wünschte, daß ihre Nichte Julian Meldohla heirate, konnte sie nicht umhin, zu bemerken, daß Edith einen gewissen Nimbus dadurch gewonnen hatte, daß sie Julian zurückgewiesen hatte. Dazu daß sie unglücklich war, fing sie überdies an, sich schmerzlich unfähig, den Forderungen des Lebens nicht gewachsen zu fühlen. Ihr Selbstgefühl hatte gelitten und dos Alleinsein lastete auf ihr, wie eine schleichende Krankheit. Die zullose Rastlosigkeit ihres äußeren Lebens war von einer hoffnungslosen Unthätigkeit des Geistes und Gemüthcs begleitet. Julian war viel besser dran. Der Trost ausgedehnter Beschäftigung war ihm nicht versagt. Die erste Woge des Aergers und der Enttäuschung trug ihn weit fort vom Schauplatze feiner Kümmernisse, und die sofortige Aufnahme schwerer Arbeit verschaffte ihm die Erfrischung echter, gewaltsamer Ermüdung, welche ihm für eine Zeit stumpfe Ergebung in die Fügungen des Geschickes gewährte. Dann eines Tages schien plötzlich seine Haupt-Triebfeder zu brechen. Den ganzen Morgen hatte er sich mühselig durch einen Berg von Zeugenaussagen, Berichten, Blaubüchern hindurch gearbeitet und keine Schwierigkeit gefunden, seinen Verstand zu zwingen, die Geheimnisse einer gewissen Körperschaft entwirren, die ihn kürzlich zu ihrem Anwalt bestellt hatte. In einem städtischen Cub-Locale bei seinem zweiten Frühstück sitzend, wurde er plötzlich von einem sehr ungewöhnlichen Gefühle, Lebensüberdruß, erfaßt. Er hatte die Welt immer interessant, voll Anregung gesunden, der Mühe werth, daß man lebe, und es stand nicht in seinem Lebensplane, daß die Launen eines schlanken, blonden Mädchens — Jüdin oder Heidin — ihm dauernd den Gleichmuth zerstören sollten. Mit charakteristischem Ergreifen der Umstände hatte er beschlossen, die ganze Episode hinter sich zu werfen, und hoffte von seinem Berufs- Ehrgeiz, daß er ihn über die erste Schärfe der Enttäuschung hinweg geleiten werde. Heute aber wurde es ihm klar, daß ohne Edith zu leben etwas ganz anders sei, als sie nie gekannt zu haben. Die Phantasie, eine Zeit durch rasende, geistige Anspannung niedergehalten, ließ sich nicht mehr beherrschen und quälte ihn mit Visionen. Er sah Edith, wie sie die Elbogen auf den Tisch lehnte und auf das Panorama der großen Stadt tief unter ihnen hinausblickte; bald sah sie ihn mit köstlicher Vertraulichkeit an, bald scheu und schwer zu Freundlichkeit zu erwärmen. Sein Frühstück unberührt lassend, entfloh Julian eilig mit der unbestimmten Absicht, zu rudern, zu reiten, sich rasch irgendwohin zu begeben, um diesen Tantalusqualen zu entgehen. Die Straßen waren unerträglich durch die schlechte Stadtluft im Herbste. Die schlechte, erschöpfte Luft trug noch zu Julians Empfindlichkeit bei. Als er auf dem Trottoir stand und gleichgiltig darüber nachdachte, wohin er sich zunächst wenden solle, wurde er aus einem vorüberfahrenden Wagen angerufen, der rasch wendete und bis zum Randsteine vorfuhr. „Sie scheinen es nicht eilig zu haben. Wie wäre es, Julian, wenn Sie ein wenig mit mir kämen." Der Sprecher war ein kleiner, ältlicher Mann, dessen Gesicht Liebenswürdigkeit und Klugheit ausdrückte. Julian folgte rasch, stieg vergnügt ein und sagte: ..Ich wußte nicht, daß Sie noch in der Stadt seien, HerM Josephs! Wie gut Sie aussehen", fügte er hinzu. Herr Josephs lächelte herzlich. „Ich kann in Wahrheit nicht dasselbe von Ihnen sagen. Sie sind etwas blaß und schmal für Einen, der so lange Ferien hatte. „Meine Ferien waren kurz", war Julians Antwort. „Ich bin schon seit mehr als zwei Monaten in der Stadt. 4 Als zuverlässigster aller Vertrauten hatte Herr Josephs eine fast ehrfürchtige Achtung für die Zurückhaltung junger Leute. Eine weitere Berührung eines sichtlich wunden Punktes vermeidend, fragte er: „Hätten Sie heute Nachmittags Zeit, möchte ich wissen — für einen Act bloßer Liebenswürdigkeit?4 „Den ganzen Tag und die ganze Nacht, wenn das bedeutet, mit Ihnen sein/ — Julian war erfreut, daß keine vertraulichen Mittheilungen von ihm verlangt wurden. Herr Josephs zog aus seiner Tasche ein paar neue Handschuhe und fing an, dieselben anzuziehen. Die Zartheit seiner Hände stimmte mit der Feinheit und Kraft seines blassen, wohlgebildeten Gesichtes überein. Der Mund, ein wenig spöttisch in der Ruhe, wurde, wenn er lächelte, zu leuchtender Sanftmuth verklärt. Es herrschte eine gewisse ruhige Eleganz in seinen Kleidern, die von hohen Mustern von Vollendung bezüglich jeder Einzelheit des Lebens zeugte. Seine Stimme war so sanft, daß sie wie entschuldigend klang, aber trotz ihrer außerordentlichen Weichheit wiesen die scharf ausgesprochenen Mitlaute jeden Gedanken an Schwachheit ab. „Wollen Sie zu einer Beerdigung kommen? Es ist ein gut orthodoxes Begräbniß, aber es dürsten derzeit wenige von der Familie in der Stadt sein, und ich fürchte, man wird einen der Diener der Leichenbestattungs-Unternehmung Hinzurufen müssen, um Minjan zusammen zu bekommen/ „Natürlich komme ich!" Ein Leichenbegängniß paßte gerade zu Julians Stimmung. „Aber wer ist es — hoffentlich keiner von Ihren Verwandten?" „Nein!4 Herr Josephs war ehrerbietig, nicht traurig. „Ich kannte den Mann kaum, höchstens geschäftlich. Er kam zeitweilig zu mir, um über Geldanlagen mit mir zu sprechen und jetzt hat er mich zu seinem Testaments-Vollstrecker ernannt. Er rrar ein einsamer, alter Mensch und wohnte bei einer ver-