Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 652 Dr. Blocb's Mocbenscbrikt. Nr. 41 feit 25 Jahren. Damals waren die Juden zuverlässig, betheiligten sich an keinen politischen Bewegungen, und damals war auch von Judenhetze keine Rede. Die Judenhetzen der Achtziger-Jahre hatten einen durchaus anderen Charakter; sie waren das Resultat des jüdischen Joches, unter dem sich die christliche Bevölkerung befand; doch jetzt ist es vollständig anders. Jetzt sind die Juden die Leiter, die Anstifter aller regierungsfeindlichen Bewegungen geworden. Dieser ganze „Bund" und die ganze Socialdemokratie gehen auf die Juden zurück. Es ist wahr, unter ihnen befinden sich auch Personen anderer Glaubensbekenntnisse, aber sie erscheinen als die Verführten, und die Verführer s i n d I u d e n. Ju den Gymnasien demoralisiren die Juden die Jugend, und in den Universitäten veranlassen sie Zusammerottungen. Im Allgemeinen sind jetzt die Juden unverschämt, sie sind nicht gehorsam und haben jeden Respect vor der Autorität verloren. Beobachten Sie, meine Herren, die untere Polizeicharge hat jetzt keine Bedeutung, sie wird nicht anerkannt. Ueberall und immer legen die Juden den Christen gegenüber eine vollständige Nichtachtung und Unduldsamkeit an den Tag. Das sind, meine Herren, die Ursachen. Sie sind an allem Geschehenen selbst schuld. Die Regierung ist objectiv und ich bin objectiv. Und indem ich objectiv bleibe, muß ich Ihnen sagen: Sie sind selbst schuld. Sie erziehen nicht Ihre Kinder, wie es sein muß, Sie verstehen nicht, dieselben zu beeinflussen. Und da haben Sie die Früchte Ihres Verhaltens. Sie predigen der u ncivilisirten Bevölkerung den Ungehorsam, den Kampf mit der Regierung, doch das russische Volk will das nicht und wendet sich gegen Sie selbst. Sehen Sie, wozu Sie es gebracht haben. Ich bitte Sie, wannhat man es gehört, daß sich I u d e u b e w a f f n e t und auf die Truppen g es ch o s s e n haben, die Sie alle vertheidigten? Somit habenwir nichtSie zu vertheidigen, sondern wir haben uns vor Ihnen zu vertheidige n." Das ist die Schule Plehwe's, die aus diesen Worten spricht, und um sie zu verstehen, muß man auf Plehwe's Vergangenheit zurückblicken. Er war Oberstaatsanwalt zur Zeit der Ermordung des Kaisers Alexander II. und an der Untersuchung gegen die Mörder mit betheiligt. Da nun unglücklicherweise unter den sechs des Kaisermordes unmittelbar Beschuldigten sich die arme Jessika Helfmann befand, eine Jüdin, — hat er gegen die Juden einen Haß geschöpft, der noch heute nachwirkt. Man muß Jessika Helfmann und den Proceß selbst gekannt haben, um zu wissen, daß sie ein fast stumpfsinniges Weib ohne jeden selbstständigen Willen war und blos als Werkzeug diente, damit man die ganze Perversität der aus ihren Verbrechen gegen alle Juden gerichteten Anklage erkenne. Sie war die Genossin einer Gouverneurstochter — Sofia Perowskaja — sind daher alle Gouverneurstöchter zu verdammen, erziehen alle Gouverneure, Herr Gouverneur von Mohilew, ihre Töchter so, wie der Vater Sofiens? Jessika war die Genossin des christlichen Chemikers Kibalcic — also fort mit allen christlichen Chemikern, sie sind schuld, daß einer von ihnen eine Bombe conftruirte! Sie war die Genossin des christlichen Bombenwerfers, des Bergakademikers Ryssakow — also nieder mit allen Bergakademikern! Und da die Christen Zeljabow und Michailow, die geistigen Leiter der Mordthat waren — so muß der Gouverneur von Mohilew alle ihre Glaubens- und Studiengenossen ebenso verdammen wie die Glaubensgenossen der Jessika Helfmann. Aber mehr noch! Man braucht nicht sehr weit in der Geschichte Rußlands zurückzublicken, um Kaisermörder und Unruhestifter unter den Vornehmsten am Hofe, unter den höchsten Würdenträgern, Gardeofficieren rc. zu finden. Der Gouverneur von Mohilew und der Minister Plehwe müssen also alle Stände gerade so verdammen, wie sie es den Juden gegenüber thun. Und das geliebte Volk, die Bauern, haben sie niemals Aufstände gegen die Regierung unternommen? Waren sie vielleicht von Juden aufgestachelt? Oder waren nicht viel mehr von Ehrgeiz oder von anderen Motiven angetriebene Christen die Rädelsführer? Wenn der Gouverneur von Mohilew behauptet, die Juden seien jetzt die Anstifter aller regierungsfeindlichen Bewegungen, so spricht er bewußt die Unwahrheit. Gewiß gibt es unter den mit der Regierung in Rußland unzufriedenen Elementen auch Juden. A^er angesichts der gegen die Juden geübten Bedrückungen ist es einerseits nicht zu verwundern, daß sich einige der revolutionären Bewegung anschließeu, andererseits ist es aber auch ganz unglaubwürdig, daß die Juden, die verachteten, stigmatisirten, hinter die Pfähle eingepferchten, strenge überwachten und vom Volke verabscheuten Juden die Leiter irgend einer Bewegung sein könnten. Auch auf den Gymnasien — von denen man sie ausschließt — sollen sie die Verführer sein — und sie, die von allen Gesellschaftskreisen ferngehaltenen Juden werden der Unduldsamkeit beschuldigt; sie, die von den Behörden, von der obersten bis zur untersten, ansgesogenen, verfolgten, getretenen Juden, sie haben keinen Respect vor der Autorität, ja, diese Juden haben sogar die unerhörte Keckheit,sichnichtwieLämmerschlachtenzu lassen, sondern finden in der Verzweiflung die Kraft, sich zur Wehr zu setzen, und schießen auf diejenigen, die sie erschlagen wollen. Und da sie sich vertheidigen — unerhörter Trugschluß — braucht sie die Regierung nicht zu vertheidigen, sondern kann müßig zusehen. wie Tausende von Bauern oder wie das Lumpengesindel einer Stadt über einige hundert Juden herfällt, Greise und Kinder erschlägt, Frauen entehrt, Eigenthum plündert, sich in Blut berauscht. Es ist eine fürchterliche Lehre, die da der Gouverneur von Mohilew gepredigt hat. Seine Worte haben Früchte getragen. Die Juden von ganz Rußland-- werden' fühlen müssen, was er aus Homel seinem lieben Volke zu verstehen gegeben hat. Gelehrig ist die Bestie, sie folgt ihrem Meister. Wird sie aber stehen bleiben und gehorsam in ihre Hütten zurückkriechen, wenn sie einmal Blut geleckt hat? Wird sie nicht ihren Blutbunger auch an Anderen stillen wollen, wenn einmal die Juden schon ausgeplündert sind? Warschau. (Eine polnische Absage an den Antisemitismus.) Gras Tischkewitsch. das Hauvt eines der bekanntesten und ältesten litauisch-volnischen Adelsgeschlechter, hat in der Warschauer Zeitung .Wiek" einen gegen den Antisemitismus gerichteten Artikel veröffentlicht, der großes Aufsehen erregt hat. Er spricht seine Entrüstung darüber aus. daß der Antisemitismus sich in letzter Zeit beim polnischen Adel heimisch gemacht babe und forscht eingebend nach der Veranlassung der judenfeindlichen Bewegung in Rußland. Er schreibt darüber: »Die christlichen Geschäfte unseres Landes mit der Aufschrift »Im Namen Gottes" verkaufen minderwertige Waaren um theures Geld oder was noch schlimmer ist, mit doppelter Rechnung. Der christliche Handwerker arbeitet nackläffiger und teurer, als der jüdische; der christliche Agent erfüllt die Aufträge seines Mandanten ni-mals so schnell und geschickt, wie sein jüdischer Concurrent. Wer ist wohl daran schuld, daß unsere Juden das ganze Geschäft in Händen haben? Der jüdische Kaufmann, der bester zu handeln versteht, oder der christliche Kaufmann, der dafür, daß er überhaupt existirt, doppelte Rechnungen ausschreibt? Der jüdische Branntweinhandler oder der christliche Branntweintrinker? Der Jude, der sich mühsam sein Geld verdient oder der »Herr Gutsbesitzer", der Geld leichtsinnig auf Pump nimmt? Der Antisemitismus ist die Stimme des Begehrlichen, aber Schwachen; und der Abscheu gegen die Juden, der Haß, der zu blutigen Grausamkeiten geführt hat, ist — wie jeder Haß — aus dem Bewußtsein der Schwäche und der Ohnmacht geboren. Wenn wir uns über das Ueberqewicht der Juden beschweren, warum vertheidigen wir uns nicht auf eine Art, die der modernen Cultur würdig ist? Denn die Bertheidigung, die jetzt überall beliebt wird, die selbst in den Kreisen der adeligen Gutsbesitzer Mode werden möchte, die Bertheidigung durch den Antisemitismus, sollte von Christen nicht angewandt werden. Wenn wir uns