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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Vlocb's MocbenscbrM. Sette 651 Stellungen, und die beiden, die in Brünn untergebracht wurden, müffen bis heute vom Verein bespeist werden, da fie von ihrem minimalen Gehalt nicht leben können. Die Aussichten, als Comptoiristin einen Posten zu erlangen, werden immer schlechter, das Angebot an Arbeitskräften übersteigt beiweitem den Bedarf. Zudem wählt manche diesen Beruf ohne Eignung für denselben. So haben wir erst letzthin ein Mädchen abgewiesen, welches die Handelsschule besuchen wollte, trotzdem ihr Bürgerschulzeugniß die Noten „genügend" im Rechtschreiben und „minder ordentlich" in äußerer Form auswies. Unser Bestreben ist nachdrücklich darauf gerichtet, je nach der Veranlagung der Mädchen den für sie passenden Beruf in Vorschlag zu bringen und die Eltern auf die Mannigfaltigkeit weiblicher Erwerbszweige aufmerksam zu machen. Es waren Posten als Blumenbinderinnen, Lehrmädchen in Schirmgeschäften u. dgl. selbst mit Anfangsgehalt zu besetzen, doch wurden unsere bestgemeinten Rathschläge nicht befolgt. Wir behalten auch die Kinder- und Krankenpflege als lohnende Erwerbsgebiete im Auge und hoffen, daß die Zeit und die bedauerlichen Erfahrungen übel berathener Eltern, sowie das Vertrauen in unsere beffere Einsicht die Oberhand gewinnen werden." Hinzugefügt mag werden, daß der Verein unter der verdienstvollen Leitung seines Vorstandes einen gedeihlichen Aufschwung nimmt und gegenwärtig im dritten Jahre seines Bestehens 37 Mädchen beköstigt. Czernowiß. Unter der Aegide des Abg. Dr. Straucher wurde in Czernowitz eine zweimal wöchentlich erscheinende politische Zeitschrift: „Bukowinaer Volksblatt" gegründet, deren erste Ausgabe am 26. v. M. erschienen ist. Das Blatt verfolgt zunächst „die dringend gewordene Einigung des jüdischen Volkes". Weiter heißt es in dem Programme: „Das „Bukowinaer Volksblatt" ist ein österreichisches Blatt, es wird der Dolmetsch unserer notorisch kaiser- und staatstreuen Gefühle sein, für die Wahrung der Reichseinheit gegenüber jeder destructiven und reichsfeindlichen Tendenz eintreten und in diesem Sinne auch zu den Fragen der Reichspolitik Stellung nehmen"; ferner: „wir wollen das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, die volle Gleichwerthigkeit und Gleichberechtigung der Nationalitäten, Bolksstämme und Confessionen ..." Lemberg. Der„Wschüd" schreibt,daß der organisirte Bauernmob in Zablotow zu radicalen Mitteln greift, um der Strafe zu entgehen, die ihrer durch die auf Befehl des Kaisers eingeleitete Untersuchung harrt. Es soll nämlich j-der Jude, der bei der Untersuchung belastend aussagen sollte, wegen Meineides angeklagt werden; dafür sind bereits Zeugen in genügender Anzahl bestellt! Diesem Blatte wird berichtet, daß in der ganzen Umgebung von Kolomea eine regelrechte Judenschlächterei vorbereitet wird. Wir haben vor Ausbruch der Krawalle in Zablotow an dieser Stelle mitgetheilt, daß dieses Judenmaffacre in Vorbereitung ist. Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Justizverwaltung nunmehr auf Vorbereitungen ähnlicher Art in der Umgebung von Kolomea! Berlin. (Hilfsverein der Deutschen Juden). Die Nachrichten aus Hömel gestatten jetzt einen Ueberblick über die durch die Exceffe angerichteten Schäden. Es sind 8 Personen getödtet, mehr als 100 verwundet. 272 Häuser und 2 Synagogen sind demolirt und 400 Familien sind obdachlos. Bisher sind Verluste in der Höhe von 200.000 Rubel angemeldet, doch haben viele geschädigte Familien ihre Verluste noch nicht angegeben, so daß die Gesammtziffer sich noch höher stellen wird. Unter diesen Umständen thut schnelle und ausgiebige Hilfe noth. Die vom „Hilfsvercin der Deutschen Juden" bewilligten 5000 Mk. werden zur Beköstigung der Hungernden verwendet, ebenso die von anderer Seite eingegangenen kleinen Beträge. Mit Rücksicht auf die trostlose Lage unserer Glaubensgenossen in Homel hat der „Hilfsverein der Deutschen Juden" neuerdings 50 000 Mk. für die unglücklichen Opfer bewilligt. Gleichzeitig hat sich der Hilfsverein an die großen jüdischen Schwesterorganisationen mit der Bitte gewandt, entsprechend große Beträge für den gleichen Zweck zu bewilligen. Kaffel. (Ei n Protest.) In dem auf dem Naturforschertage in Kaffel von Prost ssor Dr. A. Ladenburg gehaltenen Vortrage über den Einfluß der Naturwissenschaften auf die Weltanschauung hieß es unter Anderem: „Aus den neuen Naturwissenschaften ergab sich eine ganz andere Bedeutung dks Menschen in der Welt, als sie Bibel und Mittelalter hatten . . . Die Gottähnlichkeit war ein Wahn . . . Das Alte Testament war ein Werk phantasiereicher, aber unwiffender Menschen und auch das Neue Testament ist sicher nicht göttlichen Ursprungs." Nachdem schon der hiesige Landesrabbiner Dr. Prager von der Kanzel herab die Angriffe auf die Bibel zurückgewiesen hat, erhebt in einem im „Kaffeler Tagblatt" erschienenen „Eingesendet" eine Reihe angesehener Bürger gegen den Vortrag Protest, indem fie erklären, daß fie vor der Wissenschaft den größten Respeet haben, aber gegen die Anmaßung Stellung nehmen müffen, im Gewände der Wissenschaft all das vernichten zu wollen, was Gläubigen heilig und unantastbar gilt. Die Judenmaffacres in Rußland. Während Kaiser Nikolaus hier theils dem Jagdvergnügen oblag, theils sich damit beschäftigte, den Mordthaten in Makedonien ein Ende zu bereiten, sein Präsident des Ministercomites, Herr Witte, sich in Paris amüsirt, sein allmächtiger Minister des Innern, Herr Plehwe, eine Vergnügungsreise nach Sibirien unternimmt — wird in Rußland darauf losgemordet. Man sage nicht etwa, „wenn die Katz' aus dem Hause ist, haben die Mäuse Kirchtag" — in Rußland ist die Katz immer zu Hause, aber sie wehrt nicht nur den Mäusen nicht, sie zeigt ihnen vielmehr selbst, den Weg. Wüßte das Raub- und Mordgesindel nicht aus eigener Blutgier und Raublust nicht, wen es überfallen, plündern, erschlagen darf, ohne Strafe fürchten zu müssen, — seine Gouverneure sagten es ihm! Man behandelt in politischem und administrativem, selbst in wirthschaftlichem Sinne das Volk als unmündig. Jede Regung desselben steht unter Ueberwachung, es darf keinen Schritt thun, ohne behördliche Bewilligung — sind dann nicht die Vormünder die verantwortlichen Personen für Alles, was von diesem Volke verübt wird? Kann irgend Jemand in Rußland auch nur eine Hand rühren —die Revolutionäre ausgenommen — ohne daß die Behörde mit dabei ist? Wenn also ein Volksverbrechen verübt wird, das nicht von den Revolutionären ausgeht, haben denn nicht physisch und moralisch die Behörden dabei die Hand im Spiele? Die Greuel von Kischenew, Homel und den Gerüchten zufolge, in Mohilew waren aber nicht von Revolutionären angestiftet und durchgeführt, sondern von dem — wir sagen es ungescheut —von den Leitern und Vormündern des Volkes, von seinen Spitzen aufgestachelten Volke. Niemand anderer als Herr Plehwe war es, der den Juden mit Vernichtung drohte, angeblich weil sie Revolutionäre sind, und sein gelehriger Schüler, der Gouverneur von Mohilew war es, der begierig die aufreizende Sprache seines Chefs in die Menge trug. Er war es, der in Homel in einer geradezu unerhörten Weise gegen die Juden die ungerechtesten Beschuldigungen erhob und dadurch, daß er diese auch noch der Oeffentlichkeit übergab, dafür gesorgt, daß seine lieben Mohilewer erfuhren, was sie den Juden gegenüber zu thun hätten. („Daß acht Tage, nachdem in Mohilew die Greuel geschehen sein sollen, noch kein officielles Dementi veröffentlicht wurde, scheint eher die Gerüchte zu bestätigen, als sie zu widerlegen. Jedenfalls ist die Vermuthung, daß Greuel geschehen sind, eher berechtigt, als das Gegentheil. Vielleicht haben die Gerüchte nur übertrieben?") Auch auf ein weniger am Gängelbande geführtes Volk als es die Russen sind, hätte eine solch aufreizende Sprache seines Gouverneurs zum mindesten verwirrend gewirkt, ein auf so tiefer Stufe der Selbstständigkeit stehendes Volk aber wie die Russen, das umso weniger die Verantwortlichkeit kennt, je mehr seine Verantwortlichen auf seine Leidenschaften erregeno wirken, wird dann von einer Sprache, wie die des Gouverneurs von Mohilew, zu den ärgsten Schandthaten förmlich erzogen und gedrängt. Er sagte mit Bezug auf die Vorgänge in Homel: „Wie konnte eine derartige Erbitterung einer Bevölkerungsgruppe gegen eine andere, die andern Glaubens ist, entstehen? In Rußland herrscht vollständige Glaubenstoleranz. Das wissen die Juden, die den jüdischen Glauben bekennen, am besten. Die Ursachen der letzten Ereignisse sind tiefer zu suchen. Ich kenne das Mohilew'sche Gouvernement

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