Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Bloch’s Jahrgang XX Centrslorgsm für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. U K. k. Postsparraffen-Amk Tleartng-VerKrtzr Nr. 810 976. LrdarNon und Administration: w itn IX/l, Brrggasse Nr. 89. Telephon Nr. 14.847. iE ' -% -—^--- Wien, 9. Oetober 190^ - >« 4f - Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. %=-- --=* Bejußapr2ta für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespalten« Petitzeile 24 Heller. K—=■; ■ =m Inhalt: Leitartikel: Zur Lage der Inden in Rußland. — Die russischen Judenexcesse. — Cultiisgellieiüdtvürstchcr Arthur Edler von Mises. — Julius Plotke. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandcs vom 4. October. Antisemitisches Literatur-Rettungswerk.. Wien, Baden. Israelitischer Mädchen-Freitisch- und Fürsorge-Verein in Brünn. Czernowitz, Lemberg, Berlin, Kassel. Die Judenmaffacres in Rußland. Warschau. — Vermischtes: Wien, Graz, Preßburg, Jarotschin, Lemberg, Triest, Nadas, Jalta. — Feuilleton: Julian Meldohla. — Briefkasten. — Inserate. Zur Kage der Juden in Rußland. Fast jeder Tag bringt die Nachricht von neuen Judenschlächtereien in Rußland. Es ist unmöglich, die Greuel von Kiew, von Kischenew, von Homel und was noch sonst in der nächsten Zeit folgen dürfte, als zufällige Einzelerscheinungen aufzufassen. Wir besitzen ein amtliches Document von unzweifelhafter Authenticität darüber, daß es in der Absicht der russischen Regierung gelegen sei, das heilige Rußland von den Juden zu befreien, sei es im Wege der freiwilligen Auswanderung, sei es im Wege der gewaltsamen Austreibung oder gar des geduldeten Massenmordes. Dieses Document ist der Brief, den der russische Minister, Herr vonPlehwe, an Dr. Herzl gerichtet hat. Alle sonstigen Manifestationen der russischen Regierung athmen denselben Geist, und das Eingreifen der Gouverneure nach geschehenem Massacre bedeutet überall eine neue Aufreizung gegen die Juden, eine Vertheidigung der Mörder und eine Billigung ihrer Blutthaten. Das Wort des obersten Procurors des heiligen Synod, Herrn von Pobedonoszew s: daß ein Drittel der Juden sich bekehren, ein Drittel auswandern und der Rest Hungers sterben müsse, soll unter dem Regime jenes Czaren, der sich den Anschein gab, als wolle er der Menschheit den Frieden bringen, zur Wahrheit gemacht werden. In dem großen Ghetto, welches den Juden Rußlands zum Aufenthalte angewiesen ist, drängt sich die ungeheuere Zahl von 5 Millionen Menschen auf das Gebiet weniger Städte zusammen. Die Austreibungen von 1881/82 und 1893, durch welche alle Juden außerhalb des Territoriums, insbesondere aus Moskau, Petersburg, Odessa, Riga und Libau, in den Ansiedlungsrayon zurückgetrieben wurden, hat diese gewaltige Masse von Armen und Elenden noch um ein Bedeutendes vermehrt. Man hat ihnen keine .andere Freiheit gelassen als die des Verhungerns, und auch diese soll ihnen nun genommen werden. Für die Grausamkeit der Herren Pobedonoszew und Plehwe vollzieht sich dieser Proceß der Abtödtung zu langsam, sie wollen ein rascheres Ende haben und die teuflische Absicht wird ihnen gelingen. Noch ein neues Blutbad nach dem Muster von Kischenew und Homel — und die gewaltige Masse der Schlachtopfer wird sich in Bewegung setzen, und wie ein ungeheuerer Strom über die Grenzen fluthen, um den Streichen ihrer Mörder zu entrinnen. Hat man sich bereits Rechenschaft davon gegeben, welche Gefahr für ganz Mittel- und Westeuropa diese voraussichtliche Flucht von 5 Millionen oder auch nur von 2 Millionen Menschen bedeutet, die nichts besitzen als das nackte Leben? Hat man sich schon die Frage vorgelegt, was mit diesem Proleiarierheere geschehen soll, hinter welchem Rußland donnernd seine Thore zuschlagen wird, während alle übrigen Mächte sich hüten werden, die ihrigen zu öffnen? Wir sind soeben Zeugen davon, wie die europäischen Großmächte beflissen sind, in der ostasiatischen Frage, in der makedonischen Frage, in der armenischen Frage die Riesenmacht Rußlands nicht für sich allein wirken zu lassen, sondern in der Geltendmachung der europäischen Culturinteressen ein Gegengewicht zu bieten. Und auf der anderen Seite ist man kurzsichtig genug, Rußland in der Lösung „seiner" Judenfrage freie Hand zu lassen. Unbekümmert darum, ob und wo die ausgetriebenen Juden anfgenommen werden, will die russische Regierung ihr Gebiet von ihnen säubern. Ist das wirklich nur eine Frage, die Rußland allein angeht, und sind die anderen Mächte dabei so gar nicht interessirt, wenn eine Fluth von fünf Millionen halbverhungerter Menschen sich plötzlich in Bewegung setzt, wie die zurückgestauten Wasser eines Stromes bei einem Dammbruche und unermeßliche Gefahr für alle Nachbarstaaten, ja, über diese hinaus auch für England und Nordamerika bringt? Und die Ueberfluthung wird kommen, so gewiß, als Herr von Pobedonoszew und Herr von Plehwe Männer sind, die ihr grausames Wort halten. Für die Opfer von Kischenew hat der jüdische Gemeinsinn noch Millionen aufzubringen vermocht, für die Opfer von Homel wurden und werden noch Hunderttaufende gespendet, aber alle Hilfsmittel der jüdischen Wohlthätigkeit werden zunichte werden, wenn dieselben Greuel sich noch in anderen Städten wiederholen und gar, wenn die Massen der Flüchtenden die mörderische Heimat verlassen und nach dem Westen drängen werden. Nach dem Drama von Kischenew traten in Berlin die Delegirten der großen jüdischen Wohlthätigkeitsinstitute zusammen und beschlossen in ihrer unergründlichen Weisheit eine Re-