Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 646 Dr. Blocb's Mocbenscbritt. Nr. 40 echter Gefährte. Da das nie sein durfte, mußte sie sich selbst treu bleiben und allein durchs Leben gehen. Als er ihre zerstreute Miene sdh, schwieg Tattingham. „Sie sind sehr gut!" sie sprach nicht unfreundlich, aber mit Nachdruck, »mir dieses Götterbild anzubicten, cs ist eine Gabe von unschätzbarem Werthe, aber nichts würde mich dazu bringen, es anzunehmen, wcdkr heute, noch jemals. Und jetzt muß ich Frau Stuart aufsuchen, es ist Znt, nach Hause zu gehen." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Das rabbinische Judenthum und die Briese des Apostel Paulus von C. G. Montefiore aus dem Englischen von Frau Dr. Albert Wagner. Ganz andersartig als wir es vor Kurzem in einer Besprechung über Oberrabbiner Dr. Güdemann's Schrift »Vorchristliches Judenthum" darstellten, aber doch tüchtig und mit voller Rüstung in's Zeug gehend, erweist sich Montefiore in England als Verfechter des Judenthums auf demselben Kampfgebiete in seiner Rede vor der St. Paul's Association, beziehungsweise in seiner Schrift ^Das rabbinische Judenthum und die Briefe des Apostel Paulus", aus dem Englischen übersetzt von Frau Doctor Albert Wagner. Die beiden Schriften Güdemann's und Monbfiore's, die sich in eine Bresche stellen, durch welche solch' verwundende Geschähe gegen das edelste Herzblut des Judenthums geschleudert werden, erheischen eine eingehende Beachtung, welche sich über das N veau einer gewöhnlichen Besprechung nothwendig erhebt. Montefiore ist feinsinniger und schöngeistiger Natur. Ec wahrt auch unter allen Umständen sorgsam seine Eleganz, schürzt mit einer gewiffen Zierlichkeit die Aermel in die Höhe, zieht mit vornehmer Verbeugung das Schwert aus der Scheide und holt mit edlem Anstande zum Schlagen aus. Auch fehlt dabei die Bescheidenheit des Zagens und Bangens ob des unzulänglichen Wissens nicht, welches letztere sich jedoch alsbald imposant und tief genug erschließt. Montefiore läßt sich sogar zu mancherlei Zugeständnissen herbei, nach dem Worte Leffing's in seinem »Nathan": »So ganz und gar Jude sein, geht doch nicht." Das Üihlt uns einigermaßen ab, bis wir bei weiterem Verfolgen des Gesichtes denn doch Montcfiore als begeisterten und tiefblickenden Kenner des Judenthums, erschauen. So macht uns eine Stelle (S. 26) etwas stutzig, die, da wir es mit einer leicht zu mißdeutenden Uebersetzung zu thun haben, möglich das gerade Gegentheil von dem sagt, was der Verfasser im Original gesagt haben wollte. Darnach würde nämlich Montefiore, der solch' inniges Verständniß für das vom Apostel Paulus so arg angcfeindete Gesetz bekundet, öffentlich erklärt haben, daß er einer von denen sei, die nicht unter diesem Ges.tze leben. Ich, meinerseits, halte etwas auf die drei Cardinalkigeuschaften eines besseren Juden, von welchen die eine »Baischanim", Zartgefühl und Pietät, bedeutet. Selbst die übcr die gewöhnliche Messung hoch hinausragenden Juden Berihold Auerbach und Baruch Spinoza berühren mich noch empfindlich, da es in den von Auerbach herausgegcbenen Werken Spinoza's hervorgchoben und verewigt wird, daß Spinoza am Sabbaih mit der rauchenden Pfeife im Munde die unsterbliche Seele ausgehaucht habe. Ein Gleiches gilt mir auch von so manchen Aeußerungen des so allgemein vcrchrttn Prosessor Lazarus. Darüber jedoch hinwegsehend, erregt es unser volles Joterefle, daß Monbfiore, die Gegnerschaft der späteren christlichtheologischen Berschanzung beiseite schiebend, dem ursprünglichen Gegner des Judenthums gegenübertritt, der kein Geringerer als der Apostel Paulus ist, dessen Genialität und systematische Gediegenheit der Verfasser unparteiisch anerkennt. Nur insofern Paulus durch die rabbinische Lehre berechtigt und erklärt erscheinen soll, bestreitet Montefiore erfolgreich. Hier begegnen fich auch Montkfiore und Güdemann. Die rabbinische Lehre ist so richtig und hochstehend, dass die Lehre des Apostels sie keineswegs zu überwinden vermag, noch dazu berufen sein konnte, sie zu überwinden. Im Gegentheile erscheint Paulus selbst, und zwar gerade in seinen besten und brauchbarsten Sentenzen ganz auf rabbinischem Standpunkte, und was er an den Juden zu schmähen findet, ist einerseits, genau besehen, ihr unverwüstlicher Ruhm, andererseits nur von Einzelnen giltig, wie sie bei jeder Religionsgemeinschaft und nur noch intensiver und zahlreicher Vorkommen. So viel wir auch von den hervorgehobenen Unzulänglichkeiten, Verschrobenheiten, religiösen Irrungen der rabbinischen Lehre, von den Untugenden, Ausschreitungen, von dem Kleinlichkeitsgeist, der Äußerlichkeit und Werkheiligkeit der Juden im Gefühle der Ueberlegenheit großmüthig zugestehen mögen, steht das rabbinische Judenthum doch so groß, so ehrlich, so durchgeistigt, so verinnerlicht und so gnadenvoll da, daß es dem Apostel Paulus keineswegs Anhaltspunkte zur Aufstellung neuer Glaubens- und Religionsprincipien geben konnte. Seine Theorien über Gesktz und Gnade, über Vergeltung und Glauben werden bei ehrlicher Betrachtung des Judenlhums nicht bestätigt. Mit Recht hebt Montefiore hervor, daß der Eifer des Apostels gegen das Gesetz eine unermeßliche Tragweite besitze. Hierbei ist keineswegs, wie Spinoza in seinem politischen Tractar es behaupten will, blos das Ceremonialgesetz, es ist auch das Moralges'tz damit gemeint, wie ich mich bei nochmaligem Durchlesen des Römerbriefes klar überzeugte. Das ganze, auch das Moralgesetz, will Paulus verworfen wissen, damit die Moral nicht vom Gehorsam und von Erkenntniß komme, sondern von der Gnade durch den Glauben. Das Gesetz gilt ihm als eine durch Geheimpolizei bewachte Moral (Ohrenbeichte!) Reue und Buße erscheinen ihm allzu äußerlich, Lohn und Strafe, Vergeltung als allzu rechnungsmäßig. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob Vernunft, Gotteserkenniniß und ausreichende Ehrlichkeit im Denken einst so allgemein sein werden, um diese blendenden theologischen Principien in ihrer ganzen Haltlosigkeit zu durchschauen, aber so viel macht die Schrift Monttfiore's klar, daß das rabbinische Judenthum in Lehre und Leben deren gründliche Widerlegung ist. Es ist zweifellos genial und blendend, wenn Paulus ausrusi: »Mit Jesus sind wir Alle, ist auch das Gesetz gestorben, da er für uns gestorben ist. Mit ihm liegen wir Alle im Grabe, mit ihm sind wir auch Alle, getaufte Juden, wie getaufte Heiden, im Geiste wieder aufgestanden als neue Menschen durch die Gnade vom Fluche des Gesetzes erlöst. Nun aber möge ein gewissenhafter, nicht theologisch befangener Denker, ein Culturhistoriker, ein Psychologe, ein Physiologe dieser Rede blendenden Sinn durch die lebensvolle Wirklichkeit nur einigermaßen begründet Nachweisen. Ist es denn je erhört worden, daß man den Triumph des menschlichen Gesetzes — die Gesetzeserkenntniß der Erscheinungen, Vorgänge, Wechselwirkungen, der Moral und Rechtsverhältnisse — derart verhöhnen und mißachten könnte? Die biblische und rabbinische Gesetzeserkenntniß, wie sie sich ans dem vollen Leben für Moral und Cultus ergibt, muß aus gelöscht werden, weil Gesetze auf dem Menschen wuchten und lasten, ihn tyrannisch beherrschen und zum Fluche werden. Da fehlt nur noch die eine Consequenz, auch die Erkenntniß der Naturgesetz; abzudrängen, damit wir im Fleische sterben, im Geiste wieder auferstehen und in der Gnade mit gläubiger Verachtung eines Galiläi, Newton, Volta, Ohm, Ampere dahin leben. Dennoch wollen wir damit gar nicht dem Apostel Paulus oder gar dem Neuen Testamente nahe treten. Wir richten uns nur gegen die Ausbeutung desselben seitens der protestantischchristlichen Theologie wider das rabbinische Judenthum. Aus dem rabbinischen Judenthume ist, wie Güdemann und Monttfiore übereinstimmend Nachweisen, Paulus nicht zu erklären, wohl aber aus dem Heidenthume. Da steht er auch in seiner ganzen Genialität mit feinem in die Zukunft reichenden Fernblicke gewaltig da und kann auch leicht verstanden werden. Wir wissen sehr wohl, was er wollte. Ihm ging das sündhafte Heidenthum mit seinen unnatürlichen Lastern und wilden Trieben zu Herzen. Er erwägt nun in seinem Sinne. Das Ideal des Jesus, die Heiden für das Gesetz der Juden zu gewinnen, ist derzeit und noch lange nicht erreichbar. So wollen wir denn statt Gesttz, Werkheiligkeit und Vergeltung Jesus, Glauben und Gnade. Lasset uns Alle, Juden wie Heiden, mit Jesus im Fleische sterben, lasset uns unser Gesetz, unsern abstrakten Monotheismus und auch unsern nationalen Bestand auf dem Altäre der Menschheit hinopfern, damit wir allesammt dann durch die Gnade im Geiste wieder auferstehen. Daß sich die Juden die Sache noch einigermaßen überlegen wollten und noch heute überlegen, leuchtet ein. Paulus aber fährt in seiner Ueberredung fort. Was bedeutet euch denn das Gesetz? Seid ihr vielleicht durch dasselbe besser als alle die Heiden? Die Heiden sind wohl schlimm genug, gibt es aber nicht auch schlimme Juden? Die Heiden leben in Unzucht, unnatürlichen Lastern, Raub, Mord, Krieg, Ländergier, Grausamkeit, Hartherzigkeit und Falschheit. Aber auch die Juden haben