Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Llocb's Wocbenscbrift Sette 645 „Aber ich bin ein unwissender Wilder und zweifle nicht, daß Sie befähigt sind, mich über Nuancen und Aehnliches zu belehren. Fräulein Linton, mir ist »Porzellan-Griechisch!* (Seine Augen verursachten Edith eine Empfindung von Mißbehagen); jedoch gibt es Dinge, welche ich ebenso gut zu beurtheilen verstehe, wie jeder andere/ Die strahlende Schönheit des jungen Mädchens würde ihn erregt haben, auch ohne den Stachel des sichtlichen Berdruffes eines anderen Mannes. Tottingham zog sich klugerweise von der Liste zurück und flüsterte Edith blos geheimnißvoll zu: „Ich habe Ihnen nach Tisch etwas zuzeigen, etwas Wundervolles! Ein Jrrthum ist da nicht möglich/ Zur Zeit, als man die Herren dem Genuffe ihrer Cigarren überließ, waren Edith und Miles so weit gegangen, daß Edith, von dem raschen Schritte ermüdet, aus dem Salon schlüpfte und allein in dem kleinen, geschützten, mittelst Lampions schwach beleuchteten Garten umherwandelte. Der Nebel hatte sich verflüchtigt, an drei Seiten von undurchdringlichen Hecken eingeschlossen, war der Garten warm und still. Der scharfe Duft frisch gestutzter Buxbaumhecken mischte sich mit der kosenden Süßigkeit der Rosen- und R'sedadüfte. Das Plätzchen erschien unsäglich friedvoll und weltfern. Auf eine Bank niedersinkend, sagte sich das junge Mädchen, daß der Abend entzückend gewesen war, was bewies, daß die flüchtige Neigung für Julian blos eine kurzlebige Laune gewesen war. Sein Reiz lag einfach in der Neuheit, eine Würze, die den andern Männern, die sie kannte, vollständig fehlte. Barrington war aber noch viel gewürzter, daher interessanter. Er hatte Verschiedenes gethan. Während Julian über Gesetzbüchern brütete, hatte er die Welt durchstreift, hatte gekämpft, hatte das Leben gesehen und zwar von seiner wildesten Seite. Ach, was er Alles zu erzählen wissen mußte! Sie war thöricht gewesen, daß sie ihm bei Tische gestattet hatte, so viel von ihr zu sprechen. Wenn sie ihn wieder sehen würde, dann mußte er ihr Geschichten erzählen, welche jene Othellos in den Schatten stellen würden. Sie würde einen Schimmer der Außenwelt erblicken, in welcher so viele Dinge sich, wirklich ereigneten. „Jo non ti dico vieni — al vero — siM („Ich sage Dir nicht, komme — an Wahrheit — wenn). Die weichste der Tenvrstimmen klang in ihr Ohr und sie sah die breiten Schultern Barrington's, der sich lässig näherte. „Warum werfen Sie Ihre Cigarette weg?", fragte sie, als er knapp vor ihr stehen blieb. „Weil es Unglück bringt, zu glücklich zu fein, aber wenn Sie es wirklich nicht übel nehmen"-. Tabak und Papier hervorziehend, rollte er mit geübter Hand eine Cigarette. Als er sie anzündete, hatte Edith Gelegenheit, sein Gesicht zu sehen, von dem flammenden Streichholz scharf beleuchtet. Er war erhitzt, etwas gefährlicher aussehend als ihr lieb war. Aber ihr Impuls, in's Haus zurückzukehren, wurde durch die Erinnerung an Herrn Tottingham zurückgedrängt, der wartete, um ihr „etwas Wundervolles" zu zeigen. „Wieso können Sie italienisch?" fragte sie, um das Schweigen zu brechen, „ist nicht spanisch in Südamerika landesüblich?" „Bon italienischen Arbeitern", sagte er gleichgiltig, und fuhr in ganz verändertem Tone fort: „Ist nicht Platz für Zwei auf dieser Bank?" Die Bank war ein geräumiges Ding mit Platz für ein halb Dutzend, aber zu Edith's Aerger setzte er sich nahe, ganz unnöthig nahe neben sie, den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank legend, bis sein Arm fast ihre Schulter berührte. „Sie himmlisches, kleines Mädel! Ohne die geringste Verwarnung rückte er plötzlich näher und legte seine heiße Hand auf die ihrige. Edith machte eine Bewegung, aufzustehen, fühlte sich aber kräftig niedergehalten. So wüthend sie über den zurückhaltenden Griff war, in einer Secunde war sie sich klar darüber, daß Kampf oder Widerstand nur noch Schlimmeres herbeiziehen würde, denn jetzt wußte sie es, obgleich sie bis zu dieser Minute blind und thöricht gewesen war — der Mann hatte getrunken. Er hatte die physische Beherrschung nicht verloren. Es lag keine Unsicherheit in seiner Sprache und Bewegung, nur die gebräuchliche Zurückhaltung des Lebens hatte ihre Macht verloren und dem Widerstande würde Gewalt begegnen. Obgleich ziemlich thöricht und unvorsichtig, war Edith doch durchaus nicht dumm oder feig. „Wissen Sie", und sie beherrschte ihre Stimme, um gleichgiltig zu sprechen, „wenn wir noch länger hier sitzen sollten, werde ich Sie um eine Gefälligkeit bitten müssen. Wollen Sie mir eine Umhülle besorgen. Auf dem Tische in der Vorhalle liegt ein kleiner Shawl, weiß mit Silbersireifen. Wäre es Ihnen nicht zu viel Mühe?" Es verursachte ihr Mühe, nicht in Zorn und Verachtung aufzuflammen, aber der Mann war unverantwortlich und der Gewaltthätigkeit fähig; sie mußte ihn losbekommen, die Strafe für morgen lassen — dann aber... „Zu viel Mühe? Denken Sie nicht, daß ich viel mehr als das für Sie thäte?" Sie freigebend, ging er einige Schritte hinab, kehrte um, und sich mit einer plötzlichen, unwiderstehlichen Bewegung zu ihr niederbeugend, drückte er seine brennenden Lippen auf ihre weiße Schulter und ging dann rasch nach dem Haufe. Wenn in diesem Augenblicke ein Messer zur Hand gewesen wäre, hätte es Barrington zwischen seinen Schultern gefühlt. Ihre ganz krankhafte Wuth wurde dadurch noch unerträglicher, weil aus dem Grunde ihres Bewußtseins der Verdacht aufstieg, daß sie in gewissem Maße diesen abscheulichen Vorfall verschuldet hatte. Sich befleckt fühlend und nach Rache dürstend, mußte sie das zahm verbergen. Die Gartenhecke war undurchdringlich. Um zu entschlüpfen, mußte sie in einer tiefen, dunkeln Ecke der Veranda warten und durch die Thür hineinschlüpfen, bis Barrington wieder herausgekommen war und auf dem Gartenpfade zu der Bank hinabging. Nachdem sie das erfolgreich ausgeführt hatte, überließ sie es ihm, im Garten nach ihr zu suchen. Bor Aerger und physischem Abscheu zitternd, stieß sie, als sie das Obdach des Hauses erreichte, mit Oskar Tottingham zusammen. „Bitte, kommen Sie hieher, Frl. Linton"; der junge Mann bat, aber nicht sehr eifrig. Edith betrachtete ihn mit eigenthümlichem Ausdruck. Er hatte vas unverkennbare Aussehen eines Mannes, der im Begriff ist, einen Heiratsantrag zu machen. „Bitte hieher in Frau Sluart's Frühstückszimmer, da ist eine so gute Lampe!" Er ging voran, sie folgte ihm; warum sollte sie ihn nicht heiraten? Er war so ganz einwandfrei, kühl, nicht nach Männerart. Es schien, als ob sie nicht zur alten Jungfer taugte. Konnte eine Ehe zu leichteren Bedingungen zu haben sein? Sie glaubte nicht, daß er anspruchsvoll sein würde. Er würde sie nur als einen weiteren Nippes-Gegenstand für feine Sammlung betrachten. Er würde ihr eine Menge von Unannehmlichkeiten ersparen. Sie faßen auf einem Divan, Seite an Seite» höchst wohlanständig. Aus seiner Tasche zog er ein merkwürdig gepreßtes Etui aus weichem Leder. „Frl. Linton!" seine Stimme war so angenehm ceremoniös. „als ich Sie heute Abends in diesem grünen Kleide sah — einem Kleide — wie ein Gedicht, fühlte ich, vielleicht finden Sie solche Ideen kindisch — aber ich fühlte, daß es wirklich ein günstiges Omen sei." Edith hörte ernsthaft mit ganz ausdruckslosem Gesichte zu. Wenn sie morgen ihre Verlobung ankündigte, würde Niemand, auch Julian selbst nicht, je ahnen, daß sie ihn lieb gehabt hatte. Tottingham nahm etwas aus dem Etui, eine biegsame Windung aus Gold mit einem mattgrünen Anhängsel. „Sehen Sie das an, Frl. Linton!" Höflich, jede Fingerberührung vermeidend, legte er es in ihre offene Handfläche. „Es ist ein altindischer Schnitt, etwas sehr Seltenes, ein geschnittener Smaragd — der Kopf des Affengottes. — Sehen Sie doch nur den geschnittenen Stein an!" Sie sah ein boshaftes Affengeficht, das sie thierisch aus kleinen Rubinaugen angrinste. „Es ist eine Prächtige Arbeit!" In ihrer Stimme jedoch sprach sich deutlich Widerwillen aus. „Und es hat eine anscheinend ganz authentische Geschichte. Es wurde bei der Einnahme von Delhi vom Halse des Affengottes Haenman gerissen. Darüber hinaus verliert sich seine Geschichte in die graue Vorzeit; ich fühle, daß es würdig ist, von Ihnen getragen zu werden. — Edith sah auf den sinnlichen, boshaften Affengott. „Ja, von Ihnen, Frl. Linton!" „Nein! eine so ganz unpersönliche Werbung war nicht nach ihrem Geschmack, besonders wenn sie eine solche Loslösung vom Persönlichen bedeuten sollte, die einem Manne einen solchen Greuel als paffendes Liebeszeichen, als einen Schmuck erscheinen lassen sollte, den jedes Mädchen tragen kann. — Dann gab ihr Stolz nach und sie legte sich selbst innerlich eine Beichte ab. — Weshalb ihre Liebe verleugnen? Sie war gebrochen, worüber, würde ihr nie angehören, aber sie wollte lieber Julian einmal einen Augenblick unglücklich geliebt haben, als zufrieden durch das Leben gehen, ohne ihn gekannt zu haben. Es war Alles vorüber und unwiderruflich, aber er, und nur er allein war ihr