Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 644 Dr. JBiocD's Mocdenscbrltt. Nr. 40 O höre eine gramgebeugte Mutter, Die für den Sohn mit aufgehob'nen Händen Um Gnade fleht. Ach, lass' ihn nicht entgelten, Was ich verbrach durch leichtfertige Erziehung. Mich trifft die ganze Schuld, mich nur alleine. Weil ich's versäumet Hab', das Kind zu lehren. Den rechten von dem falschen Weg zu sondern. Mich trefft Dein Zorn, mein Sohn ist frei von Tadel! So zeige liebreich Dich der armen Waise, Die nie genoß der klugen Vaterliebe, Auf daß Dein Ausspruch nicht zu schänden werde: „34 bin ein Gott, der seine Gnad' erweiset Bin in das Tausendeste der Geschlechter All denen, die mich lieben, mir gehorchen. Ich liebt' Dich stets und wandelt' Deine Wege; Nun und mein Sohn ist zwar in sich gekehret, Doch er entbehrt nicht manchen edlen Zuges. Er schonte jeden Würmchens auf der Straße, Und seinen Hund entriß er kühn den Fluthen. Mich freilich kränkte er, doch ich verdient' es Und hab's vergeffen. Herr der Weltengüte! Willst hinter emem Weibe Du zurücksteh'n Und einem win z'gen Menschlein Zorn bewahren? O nein, so rachedürstend bist Du nimmer! Ein Gott der Liebe bist Du, nicht des Hasses! Als letzt' Vermächtniß gab ich ihm den Segen. Den wirst Du ihm gewiß nicht vorenthalten, Denn er bedarf sein, mehr als jeder And're, Der noch den dorn'gen Pfad des Lebens wallet. Er wird sein Thun bereuen wird sich bessern. Denn diese Stund', sie bl-eibt ihm unvergeßlich In alle Ewigkeit! — Drum höre, Vater: Wenn Du nicht willst, daß einer Unglücklichen, Der nie ein sel'ger Augenblick gelächelt In ihrem ganzen kummervollen Leben; Wenn Du nicht willst, daß ihr das lichte Jenseits Zu einem finstern Höllenpfuhle werde: Verzeihe ihrem Kind; — so Du's verdammest. Gestatte huldreichst, Ewiger, daß die Mutter Mit ihrem Sohne die Verdammniß theile!" — Die Mutter rief's. Mir wallet's Blut zu Herzen In heißer Dankbarkeit. Ich war zerflossen In Anbetung vor solcher Seelengröße, Wollt' ihr zu Füßen sinken, wollt' ihr küssen Die Hände, Füße, Knie; den Säum des Kleides, Doch wie gelähmt versagten mir die Glieder Und dumpfer Schmerz raubt' mir die Besinnung. Ich fühlt' noch einen Kuß auf meiner Stirne Und hört' die Stimme meiner guten Mutter: „Mein armes Kind, wie sehr doch mußt Du leiden!" Dann überkam mich eine schwere Ohnmacht. — Wie Geigenton uud Orgel und Guitarre, Wie Nachtigallensang und Lerchenjubel Erwecket mch ein Ruf aus der Betäubung. „Solachti!'i hallt es aus der Wolft, „Solachti!" Das Herz i'm Leibe hüpft mir vor Entzücken! Und Mose sentt' die Feder in das Wasser, D'rauf wischt er langsam über meine Seite Und — fleckenrein lag sie vor meinen Blicken. — Als Satan mertt', daß seine schlimmen Pläne Beim ersten Wort aus vollem Mytterherzen Auch schon in leeres Nichts zerstoben waren, Stürzt' wüthend er auf mich und wollt' mich fassen Und holt' schon aus zu mörderischem Streiche. — Da fühlt' ich unter mir den Boden weichen Und ich versank in unendliche Tiefe. Er aber setzt' mir nach und mich ereilend, Traf seine Faust so heftig meinen Scheitel, Daß ich vor Schmerz — erwachte. Ganz verblüffet Sah ich umher. Da war ich noch im Tempel Jedoch im Schlummer von der Bank gesunken. Lag ich erwachend auf den stein'gen Fließen, Und Alle», Alles war blos Traum gewesen. Rasch sprang ich auf. Mein Blick glitt spähend aufwärts Und schwamm voll Seligke t in Freudenzähren, Denn auf der Galerie sah ich die Mutter, Wie sie mir lächelnd mit dem Finger drohte. ,^ast recht, lieb Mütterchen", tönt's mir im Herzen, In alle Ewigkeit bleibt unvergeßlich Mir diese Stund'!" — Der Cantor sang „Oschamnu" Und die Gemeine sagt' es nach im Chore Voll bittrer Reue sich die Brüste klopfend. — So andachtsvoll Hab' nie icb noch gebetet Als damals, wo im Traum mir kundgeworden, Was Mutterliebe alles bringt zuwege. Finte. Iiklm« Melbohla. Von Mary Maß. (Fortsetzung.) In der Regel nahm Edith ihr Aussehen als etwas Selbstverständliches an und schenkte den Windungen, weichen goldenen Haares, welche sich so harmonisch der Form ihres kleinen, wohlgebildeten Kopfes auschlossen, wenig Beachtung. Das grüne Kleid war ein wunderbares, spinnwebendünnes Ding, leicht wie Schaum, eine herrliche Fassung für Edith's zarte Schlankheit. Heute zeigte das Mädchen statt der gewöhnlichen klaren Bläffe rosige Wangen. Ihre großen Augensterne glänzten schwarz unter ihren dunklen Wimpern und gaben ihr fast das Ansehen künstlichen Glanzes. „Um Himmelswillen Kind! Wen erwartest Du denn?" fragte Frau Brand, als das junge Mädchen in den Salon schwebte. „Erwarten? Gar Niemand! Ich gehe heute zum Diner zu Frau Stuart und da dachte ich, daß ich das Kleid ebenso gut einmal tragen, als es den ganzen Sommer in feiner Schachtel liegen laffen kann. Ich habe nicht die blässeste Idee, wer dort sein wird". „Ich hörte heute Morgens" warf Frau Brand hin, „daß Miles Barrington sich bei den Stuarts aufhalten soll". „Miles Barrington! Das ist der Mann, der etwas in Süd-Amerika that! Nicht wahr? Ec ging fort, ehe ich eingesührt wurde. Weißt Du, wie oder was er ist?" „Er hat ein ungeheures Vermögen in Goldgruben erworben" sagte Frau Brand nachdrücklich, aber da das Interesse in Ediths Gesicht erlosch, fügte sie hinzu: „Er ist ungewöhnlich schön und abenteuerlich." „O je!" auf diesen Köder biß Edith an; „wäre das ein Glück, wenn er mein Tischnachbar würde!" Obgleich der getreue Herr Tottingham sie zu Tische führte, erkannte Edith auf den ersten Blick, daß ihr anderer Nachbar niemand anderer sein konnte, als der abenteuernde Herr Barrington. Von guter Mittelgröße, breitschultrig, schmalhüftig, stark aber schmiegsam in jeder Bewegung. war. dieser Mann von einer Atmosphäre der Gesellschaft, der Clubs) des Hofes selbst, und vor Allem eines wilden, gesetzlosen Daseins umgeben. Sein dunkler, aufgezwirbelter Schnurrbart ließ feste, weiße Zähne durchschimmern. Sein eckiges, glattrasirtes Kinn war leicht gespalten; das ganze Gesicht war belebt, sonnverbrannt und röthlich, derzeit gefährlich schön, aber mit dem zu deutlichen Versprechen größerer Blüthe in kommenden Tagen. Edith konnte das nur theilweise sehen, da eine nähere Prüfung unmöglich war wegen der offenen Bewunderung, die sich in den kühnen Augen aussprach, welche unter langen aufwärts gebogenen Wimpern hervorflammten. Mit ihm verglichen, erschien Herrn Tottingham's feine, anständige, wohlerzogene Schönheit unbedeutend und schal wie abgerahmte Milch. Er erschien ihr mehr denn je wie eine sichere, zuverlässige, altjüngferliche Persönlichkeit. Sie bezweifelte sogar, daß er wirklich ein Liebhaber sei, so bescheiden, gemessen und wenig angriffslustig waren seine Annäherungen. Nach einigen Worten mit ihm ließ Edith ihre Augen zu dem Fremden hinüberschweifen und dann sprach er: „Da mich niemand Ihnen vorgestellt hat und wir vermutlich zwei Stunden Nachbarn sein werden, darf ich mich selbst vorstellen? Mein Name ist Miles Barrington." Edith lächelte zustimmend und schob ihm ihre Tischkarte hin, damit er sie lesen könne. „Frl. Linton. Natürlich habe ich von Ihnen gehört. Thatsächlich" fuhr er mit einer weichen Stimme voll zurückgehaltener Kraft fort, „muß ich gestehen, daß ich Ihre Photographie im Salon gesehen habe und mir von Frau Stuart erbeten, neben Ihnen sitzen zu dürfen." „Diese Photographie!" „Fräulein Linton! Tottingham hatte nach genügender Ueberlegung beschlossen, seine Bewerbung zu verfolgen und wünschte nicht, daß Edith während des Diners durch den auftollenden Kerl von ihm abgelenkt und im Geschwätze abgehalten werden solle, durch diesen Kerl, der sicherlich nicht fähig war, Steingut von Cloisonnß zu unterscheiden. Fräulein Linton sehen Sie sich doch die Farbe dieser Teller an, sahen Sie je etwas Reizenderes?" „Mir erscheinen sie ganz eigenartig, wie ungebrannt", warf Barrington ein, indem er sich frech in das Gespräch mischte.